Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Potsdam
Seminar „Fundamentalismus: Ursachen, Charakteristika und Perspektiven am Beispiel des islamischen
Fundamentalismus“
Wintersemester 2001/2002
TERRORISMUS
UND
FUNDAMENTALISMUS
1
INHALTSVERZEICHNIS
1. Einführung und Fragestellung 3
2. Kaschmir: Happy Valley 5
2.1. Geschichte Kaschmirs und internationale Konflikte 5
2.2. Der kaschmirisch-muslimische Aufstand 7
2.3. Geographie und Bevölkerung Kaschmirs 7
3. Fundamentalismus und Terrorismus 9
3.1. Fundamentalismus als der Konflikt mit dem Außen 9
3.2. Terrorismus als gewalttätiger Fundamentalismus 12
3.3. Unterscheidung von Terrorismus und Fundamentalismus 13
4. Ursachen und Merkmale des Terrorismus in Kaschmir 15
4.1. Ursachen und Erscheinungsformen 15
4.2. Pakistans Rolle im Konflikt 19
5. Vom Volksaufstand zum Jihad: Das Problem des importierten Fundamentalismus
5.1. Die „feindliche Übernahme“ des Aufstandes 21
5.2. Terroristen als „mercenaries“ 22
5.3. Das Klima des Fundamentalismus 24
5.4. Pakistans Principle-Agent-Problem 25
6. Zusammenfassung Ausblick 27
7. Anhang
7.1. Sprachen und Religionen in Kaschmir 28
7.2. Bekannte terroristische Gruppen in Kaschmir 29
8. Verzeichnis der verwendeten Literatur und Internetquellen 30
2
1. Einführung und Fragestellung
Kaschmir rückt immer dann in das Blickfeld der Weltöffentlichkeit, wenn ein lokaler Konflikt in einen Krieg zweier Atommächte zu eskalieren droht- das letzte Mal nach dem Terroranschlag auf das indische Zentralparlament am 13. Dezember 2001 durch militante Kaschmiris 1 . Allerdings findet dieses Land seit nunmehr 13 Jahren keine Ruhe, „about 24,000 people have died in the decade-long insurgency“ % Aber nicht nur aus diesem Grund verdient Kaschmir mehr Aufmerksamkeit, sondern auch, weil sich dort neue Strukturen des Terrorismus schon seit längeren beobachten lassen und durch die „’Hydra“ Terrorismus“ 3 dieser Konflikt in Zukunft wohl nicht lokal beschränkt bleiben wird. Diese Arbeit wird sich aber nicht mit „dem Terrorismus“ als isolierten Phänomen beschäftigen, auch nicht den Terrorismus als isoliertes Netzwerk 4 betrachten. Vielmehr werden Terrorismus und Fundamentalismus zueinander in Beziehung gesetztauch durch eine Abgrenzung der beiden Begriffe, die in der populären Diskussion manchmal verschwimmt.
Diese Beziehung von Terrorismus und Fundamentalismus wird mit Hilfe einer ökonomischen Theorie des Fundamentalismus untersucht (Iannaccone 1997) und es wird sich für Kaschmir aber auch darüber hinaus eine Art Arbeitsteilung feststellen lassen, die für beide Seiten von Vorteil ist. Um aber zu dieser These zu kommen, ist es aber notwendig, einige Vorarbeiten zu leisten. Zuerst ist es notwendig, als Einführung in das Thema einen kurzen historischen Abriss über die Geschichte Kaschmirs zu geben, wobei dieser nur sehr knapp gehalten ist und der Schwerpunkt auf der neueren und neuesten Geschichte liegt (Kapitel 2). Daran anschließend ist es notwendig, die Begriffe des Fundamentalismus und des Terrorismus zumindest vorläufig zu definieren (Kapitel 3). Nach diesen relativ umfangreichen, aber notwendigen Vorarbeiten werden Ursachen und Quellen des „Volksaufstandes“ und des „neuen“ Terrorismus in Kaschmir behandelt, sowie seine Charakteristika (Kapitel 4). Diese Erkenntnisse werden im fünften Kapitel in ein dynamisches Modell integriert, das insbesondere eine dynamische Komponente im Verhältnis von Fundamentalismus und Terrorismus auf Grundlage eines ökonomischen Modells beschreibt und auf das schwierige Principal-Agent-Problem Pakistans eingeht. Im anschließenden sechsten Kapitel wird ein eher vorläufiges Fazit gezogen und versucht, einen Ausblick auf die nähere Zukunft zu
1 Eine Darstellung aus indischer Sicht findet sich in Tripathi 2001.
2 “The Valley of the Shadow” in: Economist, Ausgabe vom 20. Mai 1999.
3 Kuhlmann/Agüera 2001, S. 42.
4 So eher tendentiell Hirschmann 2001, S. 11 ff oder unbek.: „Neue Formen des Internationalen
Terrorismus“ (NZZ vom 12.09.2001)
3
geben.
Begrenzt wird dabei die Untersuchung auf Kaschmir, genauer gesagt den indisch kontrollierten Teil Kaschmirs, den Bundesstaat Jammu und Kaschmir (J& K) 5 . Das hat in erster Linie praktische Gründe: Terrorismus tritt vorwiegend dort auf, das Verhältnis zu einer Fundamentalisierung ist gut zu erkennen. Dennoch kann man Terrorismus und Fundamentalismus besonders hier nicht isoliert in einem Land betrachten. Aus diesem Grund werden an geeigneter Stelle Betrachtungen über Indien, Pakistan und zum Beispiel auch Afghanistan gemacht. Ausgangspunkt dieser Untersuchung aber soll Kaschmir (im Sinne von J&K) sein.
5 Im folgenden vereinfachend immer mit Kaschmir bezeichnet, die pakistanisch und chinesisch besetzten
Gebiete bleiben außen vor.
4
2. Kaschmir: „Happy valley“ 6
2.1. Geschichte Kaschmirs und internationale Konflikte
Aufgrund der schwer zugänglichen geographischen Lage und Abgeschlossenheit konnte sich Kaschmir lange Zeit als politisch und kulturell eigenständige Region behaupten 7 . Erst mit dem Vordringen des Islam im 14 Jahrhundert wurde diese Selbstständigkeit zunehmend in Frage gestellt. Kaschmir wurde 1586 von dem Mogulherrscher Akbar erobert, fiel 1756 an Afghanistan und 1819 an die Sikh. Aufgrund der strategischen Bedeutung als Zugang zu Indien vom Nordwesten annektierten die Briten Kaschmir im ersten Sikh-Krieg (1845) und setzten trotz muslimischer Bevölkerungsmehrheit einen Hinduherrscher ein, der die britische Hoheit anerkannte und dessen Nachfahren im Rahmen Britisch-Indiens herrschten (Dogradynastie).
Mit der indischen Unabhängigkeit am 15. August 1947 und der Gründung Pakistans als mehrheitlich muslimischer Staat war die Lage Kaschmirs noch unentschieden. Der ursprüngliche vom Vizekönig Lord
Mountbatten ausgearbeitete Teilungsplan sah vor, aus mehrheitlich muslimisch bevölkerten Provinzen der britischen Kolonie Indien den Staat Pakistan zu bilden, während das nachkoloniale Indien aus den Provinzen bestehen sollte, die mehrheitlich nicht-muslimisch waren 8 . Der hinduistische Herrscher von Kaschmir, Maharadscha Hari Singh, entschied sich, weder Pakistan noch Indien beizutreten, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung muslimisch war. Pakistan unterstützte daraufhin
„Stammeskriegern“ und konnte so den Herrscher militärisch unter Druck setzen. In
6 Talbot 2000, 274
7 Die historische Darstellung lehnt sich vor allem an Internetquellen an, insbesondere an
http://www.encyclopedia.com/html/section/kashmir_history.asp und
http://news.bbc.co.uk/hi/english/in_depth/south_asia/2002/kashmir_flashpoint/,
http://fir.njnet.edu.cn/rrz/rrz/phil-fak/voelkerkunde/kashmir/1ahist.html, sowie die aktuelle Online-
Ausgabe des Brockhaus. Für nähere Informationen zur Geschichte Kaschmirs siehe zum Beispiel
Schofield 2000.
8 Allerdings unter besonderer Berücksichtigung „anderer Gegebenheiten“. So muss zum Beispiel
berücksichtigt werden, dass Kaschmir kein Bestandteil des britischen Herrschaftsgebietes war.
5
Bedrängnis geraten wandte sich Singh hilfesuchend an Indien. Dieses besetzte daraufhin nach einem umstrittenen Beitrittsabkommen im ersten pakistanisch-indischen Krieg (1947-1949) den südöstlichen Teil des Landes einschließlich des fruchtbaren Kaschmir-Hochtales, während Pakistan den nordwestlichen Landesteil annektierte. Erst auf Vermittlung der UNO und einer bis heute dauernden UNO-Mission (UN Military Observer Group in India and Pakistan UNMOGIP) kam es zu einem Waffenstillstand.
Zu einem vereinbarten Abzug der pakistanischen Truppen und einer Reduzierung der indischen Kontingente kam es nie, ebenso wenig zu einem von beiden Seiten versprochenen Volksentscheid über die zukünftige Zugehörigkeit Kaschmirs zu Pakistan oder Indien 9 . Die von der UNO vermittelte Waffenstillstandslinie (Cease Fire Line, CFL) wurde im Laufe der Zeit immer mehr zur Demarkationslinie (Line of Control, LOC) zwischen dem pakistanisch besetzten Azad Kashmir und dem indisch kontrollierten Teil Kaschmirs. Im Indisch-chinesischen Krieg 1962 verlor Indien ein Teil seines Gebietes an China, Pakistan trat 1963 einen kleinen Streifen des von ihm kontrollierten Kaschmirs an China ab. Indien beansprucht auch diesen Teil weiterhin für sich.
Die Streitigkeiten zwischen Pakistan und Kaschmir eskalierten erneut im September 1965: Indien gab Pakistan die Schuld an einem Aufstand im indisch kontrollierten Kaschmir, die Auseinandersetzung entwickelte sich zum zweiten pakistanisch-indischen Krieg um Kaschmir (1965-1966). Erst im von der Sowjetunion vermittelten Vertrag von Taschkent (Januar 1966) konnten die Streitigkeiten auf Grundlage des Status-Quo beigelegt werden. Der dritte Waffengang zwischen Pakistan und Indien, diesmal im Krieg um die Sezession Bangladeshs von Pakistan (1971) führte auch zu erneuten Gefechten in Kaschmir. Auf der Konferenz von Simla (1972) erklärten sich Pakistan und Indien schließlich bereit, die Waffenstillstandslinie in Kaschmir zu respektieren.
Seitdem kam es zu keinen offiziellen Kriegen mehr zwischen Pakistan und Indien, allerdings gab es einen Konflikt um die unwirtlichen Siachen-Gletscher, für die kein Verlauf der LOC vereinbart worden war. Ein „vierten Krieg“ 10 der jedoch mit begrenzten Mitteln und nicht als Krieg ausgetragen wurde, fand 1999 statt, als von Pakistan unterstützte Einheiten die im Winter verlassenen Stellungen der indischen Armee auf den unwirtlichen Kargilhöhen besetzte. Erst nach langen, verlustreichen Kämpfen und internationalen Druck auf Pakistan mussten sich die Milizionäre Pakistans zurückziehen.
9 Eine Unabhängigkeit von beiden Seiten war in den UNO-Resolutionen nicht vorgesehen und diese
Möglichkeit auszuschließen ist zwischen Indien und Pakistan relativ unumstritten.
6
Die letzte Konfrontation zwischen Pakistan und Indien, jedoch unterhalb der Schwelle eines Krieges angesiedelt, fand 2001 statt, als nach einem Anschlag muslimischer Fundamentalisten auf das indische Zentralparlament in Neu-Delhi beide Seiten Truppen an die Grenze verlegte. Auf internationalen Druck, auch in Hinsicht auf den „Krieg gegen den Terror“, hat der Militärmachthaber Pakistans zwei islamistische Terrorgruppen verboten 11 und Indien andere Zugeständnisse gemacht, so dass in der Folgezeit sich die Konfrontation entschärfte.
2.2. Der kashmirisch-muslimische Aufstand 12
Für eine Untersuchung des Terrors in Kaschmir (und sukzessive des Fundamentalismus) ist aber weniger die Fieberkurve der Beziehungen zwischen Indien und Pakistan ausschlaggebend, sondern vielmehr der etwa 1989/90 einsetzende Aufstand, der bis heute in Form von Gewaltakte andauert und seit seinem Beginn etwa 30.000 Todesopfer gefordert hat 13 . Wichtige Ereignisse am Anfang des Aufstandes waren die ersten Bombenanschläge in der Provinzhauptstadt für den Sommer, Srinigar und die Entführung der Tochter eines den Unionsparteien angehörenden Innenministers. Vor allem die Tatsache, dass die indische Zentralregierung hier nachgegeben hat und fünf inhaftierte Terroristen freigelassen hat, wird von einigen Autoren als Grund für den „Erfolg“ der Unruhen angesehen 14 . Ursache und Wirkung des Aufstandes werden aber in einen anderen Zusammenhang (im vierten Kapitel) ausführlicher behandelt.
2.3. Geographie und Bevölkerung Kaschmirs
Kaschmir ist ein größtenteils bergiges und stark bewaldetes Gebiet, das relativ dünn besiedelt ist. Für einen kurzen Überblick über die Bevölkerungsstruktur ist eine Teilung in drei Gebiete sinnvoll, die nicht deckungsgleich sind mit den Verwaltungsbezirken. Im Kashmir Valley, dem eigentlichen Kaschmir-Tal, dominieren zum überwiegend Teil
10 Eine ausführliche Diskussion findet sich bei Singh 1999.
11 Es wurden die Lashkar-e-Toiba und Jaish-e-Mohammed verboten.
12 „The Kashmiri Muslim Uprising“, siehe Wirsing 1994, 113 ff. Der Begriff Aufstand ist normativ
besetzt und deshalb problematisch, wird im folgenden dennoch verwendet, ausdrücklich ohne die
Rechtfertigung dieses „Aufstandes” zu beurteilen.
13 Quelle: http://www.satp.org/satporgtp/countries/india/states/jandk/data_sheets/annual_casualties.htm,
Zahlen bis Ende 2001. Die eingangs erwähnte Zahl aus dem Economist (24.000 Tote bis 1999) war eine
Schätzung der Sicherheitskräfte und damit tendentiell konservativ. Terroristen gehen von wesentlich
höheren Zahlen aus.
14 So auch Kartha 2001, 31f. Allerdings sollte man dieses Einzelereignis in seiner Bedeutung nicht
überschätzen.
7
Muslime. Nach der Flucht nicht-muslimischer Bewohner 1992/93 dürfte der Anteil gegenüber 1981 sogar noch angewachsen sein. Zugleich sind in Jammu die Hindus in der Mehrheit (auch hier nach den Bevölkerungsverschiebungen 1992/93) wohl noch stärker, in Ladakh dominieren vorwiegend Buddhisten. Aufgrund der absolut größten Bevölkerungsanzahl im Kaschmirtal stellen die Muslime allerdings in ganz Kaschmir die relative Mehrheit. Aus diesem Grund stellt Kaschmir eine Art „torn country“ (Huntington 1996, 138-54) dar, in der die Trennung der Religionen sich nach 1992/93 verstärkt hat. Deswegen existieren auch immer wieder Teilungspläne entlang der religiösen Grenzen 15 .
Allerdings sollte man diese Trennlinien zwischen den Religionen nicht allzu scharf ziehen: vor 1992/93 beispielsweise war der Unterschied in der gelebten Religion relativ gering, man fühlte und fühlt sich brüderlich verbunden: „Neighbors of different faiths still seem to live as brothers, bhai-bhai.“ (Blank 1999, 47) und einer Idee des Kashmiriyats verpflichtet. Bei dieser Idee handelt es sich um eine sekuläre Idee, verbunden mit den Gedanken an azadi (Unabhängigkeit). Es ist „a unique cultural sensibility shared by the region’s Muslims, Hindus, Sikhs, and even some Buddhists“ (Blank 1999, 41) 16 . Hinzukommt, dass die muslimische Bevölkerungsmehrheit zum Beispiel auch nicht
Bevölkerungswachstums in den einzelnen Regionen nach den Jahren nach 1981.
16 Die Stabilität einer solchen Identität im Sinne eines Nation-building wird vor allem von pakistanischer
Seite in Frage gestellt (z.B. bei www.kashmir-information.com/Miscellaneous/DNKaul1.html).
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Arbeit zitieren:
Markus Roick, 2002, Terrorismus und Fundamentalismus in Kashmir, München, GRIN Verlag GmbH
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