Inhalt
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Vorwort 4
1. Zur Situation im Seniorenalter 5
2. Lebenslanges Lernen 7
3. Berücksichtigung reformpädagogischer Prinzipien bei der
Seniorenarbeit. 8
3.1 Bedürfnisorientierung 8
3.2 Lernen durch Handeln und durch Erfahrung 9
3.3 Gruppenarbeit. 10
3.4 Orientierung an Werten und Regeln 10
3.5 Erlebnis und Abenteuer. 11
3.6 Naturverbundenheit und gesundes Leben 12
4. Aspekte zur Entwicklung einer gerontagogischen Konzeption. 14
4.1 Methodische Gesichtspunkte 14
4.1.1 Bildung kleiner Seniorengruppen (Freundeskreise) 14
4.1.2 Bedürfnisorientierte Aktivitäten und Offenheit für neue
Erfahrungen. 17
4.1.3 Leben demokratischer Werte 18
4.2 Ziele einer Seniorenarbeit 20
4.3 Attraktive Programme (Inhalte) 23
5. Organisatorische Gesichtspunkte 26
Literatur 29
Der Verfasser 30
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Vorwort
Bei der Altersstruktur der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutsch-land ist ein zunehmender Anteil älterer Menschen festzustellen, was nicht nur Probleme beim Rentensystem verursacht, sondern auch bei der, durch den medizinischen Fortschritt bedingten höheren Lebenserwartung und dem damit verbundenen größeren Pflegeaufwand finanzielle Schwierigkeiten im Gesundheitswesen mit sich bringt. Mit bedingt durch den demographischen Wandel, steigt die Zahl der an Demenz erkrankten älteren Menschen; bei einer gesunden Lebensweise mit viel körperlichen und geistigen Aktivitäten könnte eine vorbeugende Wirkung erzielt werden. Der heutige Trend, ältere Menschen in Senioren- oder Pflegeheimen unterzubringen, kann nicht die alleinige sozialpolitische Antwort auf den demographischen Wandel sein. Nicht nur im Hinblick auf eine gesunde Lebensführung, bei der explosionsartige Kosten im Gesundheitssystem vermieden werden könnten, auch bezüglich einer sinnvollen Gestaltung des letzten Lebensabschnitts, ist eine verstärkte Seniorenarbeit in den Kommunen anzustreben.
Zwar werden heute in den Gemeinden den Bürgern im Seniorenalter verschiedene Veranstaltungen wie Fortbildungsvorträge, Computer- und Gymnastikkurse oder Busfahrten zu kulturellen Veranstaltungen angeboten; diese Hilfen, die in einer offenen Seniorenarbeit gewährt werden, sind aber meist nicht ausreichend, um alle Probleme, die das Seniorenalter mit sich bringt, zu bewältigen. Auch ist mit so einem Angebot eine systematische und umfassende Förderung der Fähigkeiten älterer Menschen kaum zu gewährleisten bzw. eine möglichst lange Erhaltung vorhandener Kompetenzen zu erreichen. Eine erprobte und umfassende alterspädagogische Konzeption für eine Arbeit mit Seniorinnen und Senioren in den Kommunen existiert bis heute noch nicht.
Ziel dieser Abhandlung ist es, wesentliche Gesichtspunkte zur Entwicklung einer bedarfsgerechten gerontagogischen Konzeption, die als Handlungsmodell für die Umsetzung einer Seniorenarbeit in Gemeinden und Städten dienen kann, aufzuzeigen. Ein solches Modell für eine Seniorenpraxis kann nur idealtypischen Charakter besitzen; es muss den örtlichen Bedingungen und den menschlichen Bedürfnissen angepasst und permanent weiterentwickelt werden. Die bereits in den Kommunen bestehende soziale Arbeit im Dienste älterer Menschen soll und kann damit nicht ersetzt werden.
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1. Zur Situation im Seniorenalter
Ergebnisse der im Frühjahr 2008 von Sozialwissenschaftlern der Universität Osnabrück durchgeführten repräsentativen Studie „50plus“ zeigen, dass sich die Grenze zwischen „Alt-Sein“ und „Nicht-Alt-Sein“ um etwa fünfzehn Jahre „nach oben verschoben“ hat (vgl. Otten/Melsheimer 2009, S. 31). Im Vergleich zu früheren Zeiten, in denen die Menschen nach Ausscheiden aus dem Berufsleben früher körperlich, psychisch und auch sozial degenerierten, fühlen sich heute die Senioren bis zum siebzigsten Lebensjahr und auch noch darüber hinaus im Allgemeinen noch nicht als alt.
Ein Grund dafür kann in der gesellschaftlichen Situation gesehen werden; deshalb kann auch die durchschnittliche Lebenserwartung in verschiedenen Ländern unterschiedlich sein. Beeinflussende Faktoren sind unter anderem Kultur, Bildung, Einkommen sowie die Ernährung und der medizinische Fortschritt. Therapeutische Hilfen und medikamentöse Maßnahmen tragen zur Gesundheit und zur relativen Beschwerdefreiheit und damit zur Erhöhung der Lebensqualität bei. Das Alter wird von nicht wenigen Seniorinnen und Senioren als Lebensabschnitt begriffen, in dem Zeit für eine Selbstverwirklichung vorhanden ist.
Von vielen Menschen im Seniorenalter wird heute erkannt, dass der Eintritt in den Ruhestand auch eine Befreiung von den beruflichen Alltagszwängen bedeuten kann; der gewonnene Freiraum wird als Chance begriffen, sich Aktivitäten zu widmen, für die man in der vorausgegangenen Lebensphase zu wenig Zeit hatte. Viele Senioren erfahren das Rentenalter als einen spannenden und faszinierenden Lebensabschnitt, der einen Freiraum für Erlebnisse und Abenteuer bietet. So nutzen beispielsweise manche Senioren und Seniorinnen die gewonnene Freizeit dazu, mit dem Wohnmobil Europas schöne Regionen zu erkunden. Andere arbeiten sich in neue Technologien ein; beispielsweise lernen sie mit dem PC umzugehen und E-Mails schreiben. Durch selbst gesteuertes Lernen erlangen sie die nötigen Kompetenzen, um das Internet als Informationsquelle und als Kommunikationsmedium nutzen zu können. Sich auch im Alter immer wieder neuen Anforderungen zu stellen und sie zu bewältigen, kann die Lebensfreude und die Lebensqualität erhöhen. Auch im Hinblick auf eine sinnvolle Freizeitgestaltung ist deshalb eine Förderung der kreativen Potenziale der Seniorinnen und Senioren notwendig (vgl. Gerr 2008, S. 4).
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Neben den Aktivitäten, die im Seniorenalter zu einer Selbstverwirklichung beitragen, suchen manche Ältere - meistens sind es Menschen, die in ihrer Berufstätigkeit eine Erfüllung gefunden haben - nach berufsähnlichen Tätigkeiten (vgl. Otten/Melsheimer 2009, S. 33); dabei geht es heute den meisten Menschen im Seniorenalter nicht um ein Hinzuverdienen, da sie häufig durch ihre Rente und durch persönliche Vorsorge gut abgesichert sind. Eine berufliche Tätigkeit über die Altersgrenze hinaus wird deshalb von der heutigen Seniorengeneration meist nicht aus ökonomischen Gründen ausgeübt, sondern weil sie ihrem Leben mehr Sinnerfüllung gibt. Dieser Bedarf an berufsähnlichen Betätigungen könnte auf kommunaler Ebene genutzt werden. Die gegenwärtige Situation dürfte sich in der Zukunft ändern, da voraussichtlich immer mehr Menschen, die auf eine staatliche Grundsicherung angewiesen sind, in das Rentenalter kommen werden.
Es gibt aber auch Menschen im Seniorenalter, die sich nach Ausscheiden aus dem Berufsleben nutzlos und auf das „Abstellgleis geschoben“ fühlen, was unter anderem negative Auswirkungen auf ihr Selbstwertgefühl zur Folge haben kann. Zu einer solchen Situation kann auch der Statusverlust, der mit dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben verbunden ist, beitragen. Manche ältere Menschen sind vereinsamt und geraten in eine depressive Stimmungslage, was sich beispielsweise auch auf die körperliche Gesundheit auswirken kann. Viele Senioren verbringen einen großen Teil ihrer freien Zeit vor dem Fernseher; damit ist auf Dauer ein schnellerer Verlust ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten verbunden.
Erhöhte Krankheits- und Pflegekosten, die Frauen und Männer im Seni-orenalter verursachen, aber auch die Kompetenzen und Erfahrungen älterer Menschen, die mit Eintritt in den Ruhestand oder in das Rentenalter unserer Gesellschaft verloren gehen, bedeuten in volkswirtschaftlicher Hinsicht einen erheblichen Schaden, den man sich eigentlich in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation nicht leisten kann.
Nicht nur bezüglich der Einsparung von Krankheits- und Pflegekosten und der Nutzung von Fähigkeiten und Erfahrungen älterer Menschen für das Gemeinwesen ist eine Intensivierung der Seniorenarbeit in den Kommunen sinnvoll. Vor allem ist im Hinblick auf eine Lebensgestaltung, die für ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger mit einer Sinnerfüllung verbunden ist, die Entwicklung einer gerontagogischen Konzeption für eine Seni-orenarbeit von Bedeutung. Die Umsetzung eines erprobten Handlungsmodells in den Kommunen könnte einen wesentlichen Beitrag zur Erhöhung der Lebensqualität im Seniorenalter leisten.
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2. Lebenslanges Lernen
Bei der Themenstellung wird die Formulierung „gerontagogische Konzeption“ gewählt. Während der Terminus „Erziehung“ für das Kindes- und Jugendlichenalter verwendet wird (Kinder und Jugendliche sollten alles Notwendige lernen, was sie als Erwachsene in unserer Gesellschaft benötigen), wird im Erwachsenenbereich vorwiegend der Begriff „Bildung“ („Erwachsenenbildung“) gebraucht; man geht davon aus, dass Lernprozesse auch im Erwachsenenalter noch möglich sind.
Die „Gerontagogik“ oder „Geragogik“ (H. Petzold) wird heute als Teilgebiet der Gerontologie (Wissenschaft vom Altern) aufgefasst. Entsprechend dem aus dem Griechischen stammenden Begriff „Pädagogik“, der „Kinder anleiten oder hinführen“ bedeutet, kann man „Gerontagogik“ als das „Anleiten oder Hinführen älterer Menschen“ interpretieren. Diese Bedeutung impliziert die Annahme einer Lernfähigkeit bis ins hohe Alter. Die „Andragogik“ hat als verwandte Wissenschaft das „lebenslange Lernen“ im Erwachsenenalter zum Forschungsgegenstand. Die Begriffe „Gerontagogik“ und „Geragogik“ werden in dieser Abhandlung synonym verwendet.
Nach gegenwärtigen Erkenntnissen und Erfahrungen können Lern- und auch Selbsterziehungsprozesse ein Leben lang andauern; man spricht von „lebenslangem Lernen“. Beispielsweise sind Erwachsene in ihren sozialen Lernprozessen unterschiedlich weit vorangekommen. Auch im Seniorenalter ist deshalb soziales Lernen noch möglich. Dass die Anregung zu einem bewussten Leben von demokratischen Werten auch noch im Se-niorenalten sinnvoll ist, dafür spricht beispielsweise auch die Tatsache, dass sowohl im privaten Bereich, aber auch in Wirtschaft und Politik häufig nicht immer nach ethischen Regeln gehandelt wird.
Nicht nur im Berufsleben sind, bedingt durch die wechselnden Arbeits-anforderungen, eine ständige Weiterbildung und häufig auch ein Umlernen unerlässlich; auch im Seniorenalter ist „lebenslanges Lernen“ im Hinblick auf die Lösung von Problemen im Alltag, die eine ständig sich wandelnde Gesellschaft mit sich bringt, hilfreich. Durch eine Bewältigung neuer Anforderungen wird auch das positive Selbstbild, das Seniorinnen und Senioren über ein erfolgreiches Berufsleben erworben haben, aufrechterhalten.
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Im Allgemeinen sind also auch im Erwachsenenalter die Personalisations- und Sozialisationsprozesse noch nicht abgeschlossen. Das Prinzip „life-long-learning“ ist heute unbestritten.
3. Berücksichtigung reformpädagogischer Prinzipien
bei der Seniorenarbeit
Bei der Entwicklung einer gerontagogischen Konzeption können reformpädagogische Grundsätze einen wichtigen Beitrag liefern. Die reformpädagogische Bewegung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Anfang nahm und international verbreitet war, rückte das Kind in den Mittelpunkt der Erziehung. Diese Bewegung hatte verschiedene Ausprägungen (Landerziehungsheimbewegung, Jugendbewegung, Bewegung vom Kinde aus, Kunsterziehungsbewegung, Arbeitsschulbewegung etc.), deren Grundsätze zur Entwicklung einer modernen Pädagogik und auch Alterspädagogik wichtige Impulse vermitteln können.
Wenn man die Erziehungsgrundsätze von Lord Robert Baden-Powell of Gilwell (1857-1941), dem Gründer der pfadfinderischen Erziehungsbewegung, mit denen der reformpädagogischen Bewegung vergleicht, so ist erkennbar, dass sein Konzept einer Selbsterziehung nicht nur in diese Bewegung passt, sondern dass er auch als der vielseitigste und im Hinblick auf die Erziehungswirkungen als der bedeutendste Reformpädagoge anzusehen ist. Deshalb kann bei der Entwicklung einer Seniorenkonzeption eine Orientierung an bestimmten pädagogischen Grundsätzen der pfadfinderischen Erziehungsbewegung hilfreich sein. Die folgenden reformpädagogischen Grundsätze können bei der Entwicklung einer gerontagogischen Konzeption Berücksichtigung finden.
3.1 Bedürfnisorientierung
Die bekannte italienische Ärztin und Pädagogin Maria Montessori (1870-1952) war eine Vertreterin der reformpädagogischen Bewegung „vom Kinde aus“; sie fordert bei der Erziehung die Berücksichtigung „der Welt des Kindes“ (vgl. Montessori 1954, S. 48 f.). Auch Robert Baden-Powell kann als Vertreter dieser Bewegung angesehen werden. In der Pfad-
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Arbeit zitieren:
Dr. phil. Hans E. Gerr, 2010, Aspekte zur Entwicklung einer gerontagogischen Konzeption für eine Seniorenarbeit in den Kommunen, München, GRIN Verlag GmbH
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