Die vorliegende Arbeit wurde im Wintersemester 2008/2009 als Bachelor-Arbeit an der Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege im Studiengang Pflegepädagogik, mit dem Titel: „Gesundheitsfördernde Pflegeschule - Die Umsetzung des Settingansatzes der Gesundheitsförderung an Schulen der Gesundheits- und Krankenpflege“, eingereicht.
Für Suky und Sunnylou
Die Gesundheitsfördernde Pflegeschule
Thomas Gentner
Inhalt
1 Einleitung 6
2 Begriffsdefinitionen 9
2.1 Gesundheitsförderung 9
2.2 Gesundheit 12
Settingansatz 17
3 Setting Schule 19
3.1 Grundlagen gesundheitsfördernder Schulen 19
3.2 Ziele Gesundheitsfördernder Schulen 22
3.3 Dimensionen der Gesundheitsfördernden Schule 23
3.4 Umsetzungsstrategien 25
4 Legitimationsgrundlagen für das Setting Pflegeschule 29
4.1 Ausbildungsgesetze 29
4.2 Der ICN-Ethikkodex für beruflich Pflegende 31
4.3 Gesundheit 21 32
5 Gesundheitsförderung an Pflegeschulen 34
5.1 Gesundheitsfördernde Krankenhäuser 34
5.2 Gesundheitsförderung an Pflegeschulen vs. Gesundheitsfördernde Pflegeschule
38
6 Die Gesundheitsfördernde Pflegeschule 41
6.1 Die Dimensionen der Gesundheitsfördernden Pflegeschule 41
6.2 Die curriculare Dimension der Gesundheitsfördernden Pflegeschule 48
6.2.1 Konstruktivistisches Lehr- Lernverständnis 48
6.2.2 Gesunde Unterrichtsmethoden am Beispiel der Zukunftswerkstatt. 50
6.3 Garanten für eine erfolgreiche Gesundheitsfördernde Pflegeschule 53
6.4 Grenzen der Gesundheitsfördernden Pflegeschule 58
7 Zusammenfassung und Ausblick 59
8 Literaturverzeichnis 62
4
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Das Gesundheits- und Krankheitskontinuum S.14
Abbildung 2: Projektbereiche erfolgreicher schulischer Gesundheitsförderung S.26 Abbildung 3: PDCA-Zyklus S.36
Abbildung 4: Fraktale Schule - „Raum-in-Raum-Konzept“ für flexible Formen des individuellen und sozialen Lernens S.46
1 Einleitung
Seit der Novellierung des Krankenpflegegesetzes im Jahre 2003 und dessen in Kraft treten 2004, hat sich nicht nur die Berufsbezeichnung der jetzigen „Gesundheits- und Krankenpfleger, bzw. Gesundheits- und Krankenpflegerinnen“ geändert. In der Änderung der Berufsbezeichnung wird deutlich, dass Pflege sich künftig nicht mehr nur um Kranke Menschen kümmert, sondern auch die Gesundheit im Blick hat. Doch wie ist es eigentlich um die Gesundheit der Pflegekräfte selbst bestellt? „Fragt man in Gesundheitsberufen Tätige, was sie am Arbeitsplatz belastet, so werden folgende Faktoren besonders häufig genannt:
• Wenig Selbstbestimmung und damit wenig Selbstverwirklichung • Wenig Koordination und dadurch zu viel Hektik und Missverständnisse • Wenig Kommunikation mit anderen und dadurch zu viel Kommunikation über andere“ (Pfefferle in Bonse-Rohmann und Freese 2004, 63)
Die Folgen der genannten schlechten Arbeitsbedingungen sind oft ein kurzer Berufsverbleib und/oder Burnout der Pflegenden. Doch wie kann dem vorgebeugt werden? Sicher sind Maßnahmen des Managements die eine Seite der Medaille. Für die andere Seite aber sollte sich die Pflegepädagogik verantwortlich zeichnen. Gilt es doch, Pflegende im Rahmen der dreijährigen Ausbildung auf Ihren Beruf und die damit verbundenen Belastungen vorzubereiten und darüber hinaus ein Bewusstsein für die eigene Gesundheit anzubahnen. Die Pflegeschule bildet einen idealen Ort, an dem systematisch und nachhaltig die Gesundheit der Menschen gefördert werden kann. Hier handelt es sich jedoch nicht allein um die Schülerinnen und Schüler der Gesundheits- und Krankenpflege, sondern auch um die dort tätigen Lehrerinnen und Lehrer. Denn wichtig hierbei ist, zu erkennen, dass Schule selbst gesundheitsgefährdend sein kann. „Schule selbst kann durch ihre Aufgabe der Zertifikatvergabe und Selektion, durch die bestehenden Interaktionsstrukturen zwischen Lehrerinnen/Lehrern und Schülerinnen/Schülern, durch ihr gesamtes soziales Klima ungewollt dazu beitragen, dass Gesundheitsbeeinträchtigungen -sowohl bei Lehrerinnen und Lehrern als auch bei Schülerinnen und Schülern- entstehen.“ (vgl. Cole/Walker 1989, Nordlohne/Hurrelmann 1990 aus: Hurrelmann/Nordlohne In: Pelikan/Demmer/Hurrelmann 1993, 103f.) Somit muss meiner Meinung nach die schulische Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege Voraussetzungen für ein gesundes Leben und Arbeiten schaffen. Die schulische Ausbildung muss hier eine Vorbildfunktion im Sinne des Lernens am Modell einnehmen. Denn es genügt nicht nur, Menschen gesund zu pflegen. Auch die Pflegerinnen und Pfleger von morgen müssen hierzu gesund sein und gesund bleiben. Und dafür wiederum bedarf es gesunder Lehrerinnen und Lehrer.
Den Anlass zu dieser Arbeit gaben mir zahlreiche eigene Beobachtungen. So finde ich es erschreckend, wie viele Schülerinnen und Schüler sich ungesund ernähren oder auch sonst einen ungesunden Lebensstil führen. Doch nicht nur die Schülerinnen und Schüler, auch die Pflegekräfte in den Kliniken zeigen oft schlechte Bewältigungsmuster (z.B. weit verbreiteter Nikotinabusus unter Pflegenden) oder haben andere gesundheitliche Risiken (z.B. schlechte soziale Situation oder Lebenslagen, Migrationshintergrund). In diesem Zusammenhang interessierte ich mich für die Arbeit der gesundheitsfördernden Krankenhäuser. Zwei Häuser in Baden-Württemberg habe ich mir angesehen und habe vorbildliche Programme vorgefunden. Interessant war hierbei jedoch, dass die angegliederten Pflegeschulen nicht in die jeweiligen Konzepte und Programme einbezogen waren, obwohl die Schulen jeweils Abteilungen der Kliniken sind. (vgl. auch Bonse-Rohmann 2004, 11) Sicher können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jeweils von den Angeboten und Programmen profitieren, jedoch wurde die Schule nicht explizit als Setting berücksichtigt, bzw. wurde nicht erkannt. Lediglich vereinzelt wurden gesundheitsfördernde Aktivitäten durchgeführt. Bei näherem Nachfragen wurde auch den Lehrkräften bewusst, dass hier noch einiges im Argen liegt und erheblicher Handlungsbedarf besteht.
Im Rahmen der eigenen Unterrichtstätigkeit hat mich selbst sehr beschäftigt, dass Gesundheitsförderung zwar im Unterricht thematisiert wird, eine praktische Umsetzung an der Schule aber meist ausbleibt, die Schülerinnen und Schüler auch in der Praxis keine gesundheitsförderlichen Strukturen vorfinden, bzw. auch hier Gesundheitsförderung nicht oberstes Führungsziel ist. Fatal ist, dass hier die Kluft zwischen Theorie und Praxis weiter vergrößert wird und ein Theorie-Praxis-Transfer nur erschwert gelingen kann.
Daher soll sich die vorliegende Arbeit mit der Klärung folgender Fragen beschäftigen:
• Wie kann der Settingansatz der Gesundheitsförderung an Schulen der Gesundheits-und Krankenpflege umgesetzt werden?
• Wie kann systematisch die Gesundheit der Lehrerinnen und Lehrer, sowie der Schülerinnen und Schüler nachhaltig gefördert werden? • Welche Voraussetzungen sollten gegeben sein und wie kann die konkrete Umsetzung schließlich aussehen?
Da bislang die Umsetzung des Settingansatzes der Gesundheitsförderung an deutschen Pflegeschulen eher stiefmütterlich vernachlässigt wurde, möchte ich in dieser Arbeit den Fokus auf die konkrete Umsetzung an Pflegeschulen und die erforderlichen Rahmenbedingungen legen.
Ich werde im Folgenden zunächst klären, was unter „Gesundheitsförderung“ und „Settingansatz“ zu verstehen ist. Auf dieser Grundlage werde ich dann im Verlauf zunächst beleuchten, wie die Umsetzung des Settingansatzes an allgemein bildenden Schulen aussieht und was Pflegeschulen aus konkreten Umsetzungsmodellen lernen können.
Danach sei das Setting Pflegeschule näher unter die Lupe genommen. Nach der Darstellung der Legitimationsgrundlagen Gesundheitsfördernder Pflegeschulen möchte ich das Konzept der Gesundheitsfördernden Krankenhäuser vorstellen und darstellen, was Pflegeschulen hier lernen können oder wie sich die aktuelle Situation der Schulen an Gesundheitsfördernden Krankenhäusern gestaltet. Auch soll in diesem Teil thematisiert werden, welch gravierender Unterschied zwischen „Gesundheitsförderung an Pflegeschulen“ und der
„Gesundheitsfördernden Pflegeschule“ besteht. Schließlich möchte ich die verschiedenen Dimensionen der Gesundheitsfördernden Pflegeschule näher beleuchten und dann schwerpunktmäßig die curriculare Dimension näher unter die Lupe nehmen und exemplarisch an der Methode der Zukunftswerkstatt verdeutlichen. Da ein konkreter Projektplan für eine Gesundheitsfördernde Pflegeschule den Rahmen sprengen würde und dieser von jeder Schule individuell erstellt werden sollte, möchte ich mich auf Garanten für eine erfolgreiche Gesundheitsfördernde Pflegeschule beschränken. Die Grenzen der Gesundheitsfördernden Pflegeschule sollen den Hauptteil abrunden, bevor am Schluss eine Zusammenfassung der Erkenntnisse und ein Ausblick gegeben werden kann.
Wenn im folgenden von der Pflegeschule die Rede ist, so sind hier stets Berufsfachschulen der Gesundheits- und Krankenpflege gemeint, welche in der Regel an Kliniken oder Klinikverbünden angegliedert sind.
Die Literaturrecherche erfolgte über den Bestand der Hochschulbibliothek Esslingen, den SWB Verbundkatalog, der Zeitschriftendatenbank ZDB und über die Datenbanken CareLit und Cinahl, sowie über das Internet. Schlagwörter waren: Geundheitsförderung, Pflegeschule, Settingansatz, Setting Schule, Gesunde Schule, Gesundheitsfördernde Schule, Gesundheitsfördernde Pflegeschule, Gesundheitsförderndes Krankenhaus, Organisationsentwicklung, Schulentwicklung, Leitbild und Qualitätsentwicklung.
2 Begriffsdefinitionen
2.1 Gesundheitsförderung
Sichtet man die Literatur, so wird man rasch merken, dass keine einheitliche Definition zu finden ist. Gesundheitsförderung wird aus vielen verschiedenen Blickwinkeln heraus definiert. Zum Teil wirkt dies zunächst sehr verwirrend. Sehr treffend erkennen dies Naidoo und Wills: „Der Begriff der Gesundheitsförderung wird für die Bezeichnung sehr unterschiedlicher Aktivitäten und Maßnahmen verwandt und häufig ohne eine Klärung dessen, was damit genau gemeint ist.“ (Naidoo und Wills 2003, 71) Im Folgenden möchte ich einen Überblick über die verschiedenen Definitionsansätze geben, um mich dann zu einer Definition zu positionieren.
Bei der Literaturrecherche stolpert man rasch über den Begriff der Prävention und es wird daher im weiteren Verlauf auch nötig sein, den Begriff der Gesundheitsförderung von dem der Prävention klar abzugrenzen. Daher sei zunächst der Begriff der Prävention erklärt. Präventionsmaßnahmen lassen sich nach dem Zeitpunkt und der Zielgröße unterscheiden. (vgl. Waller 2002, 179 f.) Bezüglich des Zeitpunkts unterscheidet man: • Primäre Prävention (Krankheitsvermeidung) • Sekundäre Prävention (Krankheitsfrüherkennung) • Tertiäre Prävention (Verhütung des Rückfalls, Rehabilitation) (vgl. Waller 2002, 179)
Bezüglich der Zielgröße wird zwischen
• Personaler Prävention, • Verhaltensprävention • und Verhältnisprävention unterschieden. (vgl. Waller 2002, 180)
Während bei der personalen Prävention die nötigen Veränderungen in der Person liegen, steht bei der Verhaltensprävention das verhalten der Person im Mittelpunkt. (vgl. Waller 2002, 180) Bei der Verhältnisprävention“(…) geht es um die Veränderung krankmachender Verhältnisse.“ (Waller 2002, 180)
Nun geht es jedoch darum, den Begriff der Gesundheitsförderung zu definieren, bzw. von dem der Prävention abzugrenzen.
Naidoo und Wills sind der Meinung, dass Prävention einen von fünf Ansätzen der Gesundheitsförderung darstellt. (vgl. Naidoo und Wills 2003, 89) Rosenbrock und Michel sehen Gesundheitsförderung als eine Perspektive der Primärprävention. (vgl. Rosenbrock und Michel 2007, 11) Waller hingegen erläutert ganz deutlich, dass Gesundheitsförderung und Prävention zwei grundlegend verschiedene gesundheitswissenschaftliche Strategien
darstellen. (vgl. Waller 2002, 150) „Während die Prävention auf die Vermeidung bzw. Minimierung von Risiken für Gesundheit abzielt und dadurch zur Gesunderhaltung beiträgt, will Gesundheitsförderung dieses Ziel durch die Erhaltung und Stärkung der Ressourcen für Gesundheit erreichen.“ (Waller 2002, 150) Altgeld und Kolip sehen dies ähnlich und schreiben daher: „Gesundheitsförderung setzt an den Schutzfaktoren (auch: Ressourcen) an und will diese fördern (Beispiele: Lebenskompetenzprogramme, die das Selbstwertgefühl und die Problemlösekompetenzen von Kindern steigern sollen). Sie hat das Ziel, die Gesundheit und das Wohlbefinden zu steigern. Das zugrunde liegende Modell ist das Salutogenesemodell.“ (Altgeld und Kolip in Hurrelmann, Klotz, Haisch 2007, 41) Auf das Modell der Salutogenese werde ich ausführlicher im weiteren Verlauf der Arbeit eingehen. Entscheidend ist jedoch an dieser Stelle, dass Gesundheitsförderung nicht eine andere Facette der Prävention oder gar mit ihr identisch ist, sondern einen radikalen Perspektivenwechsel impliziert, der nicht die Krankheiten in den Blick nimmt, sondern die Determinanten für Gesundheit und Wohlbefinden. (vgl. Altgeld und Kolip in Hurrelmann, Klotz, Haisch 2007, 41) „Gesundheitsförderung verfolgt somit das Ziel, über die Stärkung von Ressourcen die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern. Ansatzpunkte sind entweder Individuen, die befähigt werden sollen, durch selbstbestimmtes Handeln ihre Gesundheitschancen zu erhöhen oder die sozialen, ökologischen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Gesundheitsförderung ist dann besonders wirkungsvoll, wenn verhaltensbezogene und verhältnisbezogene Interventionsmaßnahmen miteinander kombiniert werden.“ (Altgeld und Kolip in Hurrelmann, Klotz, Haisch 2007, 41) Wegweisend definiert und erwähnt wurde der Begriff der Gesundheitsförderung 1986 auf der ersten internationalen Konferenz zur Gesundheitsförderung in Ottawa. Hier wurde die sogenannte Ottawa-Charta verabschiedet. Sie gilt somit als „Startsignal für
Gesundheitsförderungsstrategien auf internationaler und nationaler Ebene.“ (Altgeld und Kolip in Hurrelmann, Klotz, Haisch 2007, 42) In der Ottawa-Charta wird Gesundheitsförderung wie folgt sehr ausführlich definiert:
Arbeit zitieren:
Thomas Gentner, 2008, Die gesundheitsfördernde Pflegeschule, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
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