Inhalt:
Inhalt: 1
Vorwort: 2
Die “Belles infidèles“ 2
1) Die “belles infidèles“ - Definition und Begriffsklärung 3
2) Die Entstehung der “belles infidèles“ 4
2.1 Der Einfluß der Gesellschaft auf die Entstehung der “belles infidèles“ 5
2.2 Die Entstehung der “belles infidèles“ in Frankreich. 6
Sprachen ist diejenige, die die Arbeit des Übersetzens am wenigsten. 7
3) Die geschichtliche Entwicklung der “belles infidèles“ 8
3.1 Beispiele für die formale Entwicklung der “belles infidèles“ 10
3.2 Die “belles infidèles“ am Beispiel von Shakespeare- 14
Übersetzungen im Laufe der Zeit. 14
4) Der Niedergang der “belles infidèles“ 16
5) Die “belles infidèles“ heute 17
5.1 Die “belles infidèles“ der Gegenwart am Beispiel Harry Potter 18
5.2 Verschiedene Aspekte der Anpassung von Literatur in der 20
Übersetzung. 20
6) Unterschiedliche Blickpunkte zur Diskussion um Texttreue und Freiheit 22
Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse: 24
Literatur : 25
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Vorwort:
Die Beschäftigung mit dem von mir gewählten Thema, den “belles infidèles“, erwies sich glücklicherweise als genauso interessant, wie ich mir das zu Anfang erhofft hatte. Da mich die französische Übersetzungskultur im Allgemeinen interessiert und ich von den “belles infidèles“ bisher kaum etwas wußte, kam mir dieses Thema sehr gelegen.
In dieser Proseminar-Arbeit habe ich mich großteils mit der Funktion, der Form und der Entwicklung dieser Übersetzungsmethode beschäftigt, aber auch mit dem gesellschaftlichen Aspekt der “belles infidèles“, ihrer Symbolwirkung für die Entwicklungen innerhalb der französischen Gesellschaft.
Die Literatursuche zu den “belles infidèles“ gestaltete sich anfänglich etwas schwierig: Das Phänomen der “belles infidèles“ wurde zwar bereits eingehend behandelt und dokumentiert - vor allem die Artikel von Jürgen von Stackelberg waren sehr hilfreich für mich - und es mangelte keineswegs an Material, doch es war eher kompliziert, in Österreich - und speziell in Innsbruck -Bücher zu diesem Thema aufzutreiben. Dank der Fernleihe der Universitätsbibliothek war es mir jedoch schlußendlich möglich, mich mit den unterschiedlichsten Werken auseinanderzusetzen, die mir aus Wien, Klagenfurt, Salzburg, Berlin und Paris zugeschickt wurden.
Die “Belles infidèles“
The "belles infidèles" are idiomatically appealing translations that do not convey the original meaning of a text. This form of translation that enjoyed great popularity in France from the sixteenth to the nineteenth century was justified by the argument that foreign texts had to be adapted to the conventions and the standards of French culture and literarure. Faithfulness was declared a negligilible criterion, whereas the main focus was on the expectations and the demands of the readership, composed of the French aristocrats. The development of the "belles infidèles" in France is deemed to be a symbol of the French language and self awareness. Nowadays, the "belles infidèles" are considered a sign/indicator of translational incompetence by many experts and in general, there prevails a rather dismissive attitude towards them.
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Nevertheless, the phenomenon of the "belles infidèles" is still applied, in particular in literary translation.
Les "belles infidèles" sont des traductions attrayantes de faςon idiomatique, qui ne rendent pas le sens du text original. Cette méthode de traduction, qui jouissait d‘une grande popularité dans la France du seizième au dix-neuvième siècle, a été justifié par l'argument qu‘il faudrait adapter les texts de langue étrangère aux standards et aux convenances de la culture et de la littérature franςaise. La fidélité a été declarée un critère secondaire, la priorité a été mis sur les prétentions et les attentes du public, composé de nobles franςais. Le développement des "belles infidèles" en France est considèré comme un symbol de l‘assurance et de la conscience de la langue des Franςais. Aujourd‚hui, les "belles infidèles" sont souvent perςues comme un signe d‘une incompétence du traducteur par de nombreux d‘experts et il y règne, en général, une attitude bien négative envers cette méthode de traduction. Pourtant, le phénomène des "belles infidèles" est toujours appliqué, surtout dans la traduction littéraire.
1) Die “belles infidèles“ - Definition und Begriffsklärung
Zu Beginn meiner Proseminararbeit möchte ich darauf hinweisen, dass ich mich entschieden habe, den Begriff “belles infidèles“ nicht zu übersetzen, sondern die französische Version beizubehalten, da Begriffe wie “Treulose Schöne“ oder auch “Faithless Beauties“ in einschlägiger Fachliteratur kaum bis gar keine Anwendung finden. Auch in Hinsicht auf die Entstehungsgeschichte und die Herkunft der “belles infidèles“ erschien mir die Beibehaltung des französischen Originals wesentlich passender.
Gleich zu Anfang ist es wohl sinnvoll, den Begriff der “belles infidèles“ näher zu definieren: Was sind also “belles infidèles“ ? Die “belles infidèles“ sind im Allgemeinen idiomatisch schöne Übersetzungen, die nicht die Aussage des Originaltextes wiedergeben. Diese Form der Übersetzung, die sich vom sechzehnten bis ins neunzehnte Jahrhundert in Frankreich größter Beliebtheit erfreute, wirkt also wie ein zielsprachliches Original, das aber nur mehr wenig mit dem Originaltext gemein hat. Zur Zeit der “belles infidèles“ wurde dieser besondere Form der
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Übersetzung mit dem Argument gerechtfertigt, dass fremdsprachige Texte an die Sitten und Konventionen der jeweiligen Zielkultur, in den meisten Fällen also der französischen Kultur, angepasst werden müssten. Auf den Originaltext wurde im Zuge dieser Entwicklung kaum Rücksicht genommen, die Texttreue wurde zu einem nebensächlichen Kriterium erklärt. Die Werke der “belles infidèles“ Übersetzer lasen sich folglich meist wie französische Originale und erfüllten damit auch ihren Zweck: Das erklärte Ziel der “belles infidèles“ Übersetzer war nicht die getreue Wiedergabe des Originaltextes, sondern dessen Verbesserung - sprachliche Qualität und Eleganz in der Zielsprache fungierten als wichtigste Bewertungskriterien für Übersetzungen.
Doch nicht nur die sprachliche und ästhetische Form von Texten wurde an die französischen Normen angepasst, auch inhaltliche Aspekte wurden oft grundlegend verändert: In sozialkritischen Werken lies man die gesellschaftlichen Umstände hinter einer Liebesgeschichte verschwinden, einige Geschichten mit unklarem oder sogar negativem Ausgang hatten mit einem Mal ein Happy End.
2) Die Entstehung der “belles infidèles“
Das Phänomen der “belles infidèles“ hat sich über Jahrhunderte weg entwickelt, doch bevor ich näher auf diese Entstehung eingehe, möchte ich klären, wie sie zu ihrem Namen kamen. Der Begriff, genauer gesagt die Metapher “belles infidèles“ wurde im Jahr 1654 von dem französischen Philologen und Linguisten Ménage geprägt. Er bezog sich mit dieser Bezeichnung auf eine Lukian-Übersetzung, die sein Freund, der Übersetzer Nicolas Perrot d’Ablancourt veröffentlicht hatte. Ménage verglich diese Übersetzung mit einer Frau - schön, aber untreu: “Elles me rappellent à une femme que j’ai beaucoup aimée à Tours, et qui était belle mais infidèle“.
Nicolas Perrot d’Ablancourt (1606 - 1664), der Vorreiter der “belles infidèles“, übersetzte ausgesprochen elegant, aber sehr ungenau. Übersetzen bedeutete für ihn, antike Schriftsteller wie Tacitus oder Cäsar zu korrigieren und zu verbessern, ihre Werke gänzlich in die “vollkommenste“ Sprache zu verwandeln. D’Ablancourt setzte sich zum Ziel, sie zu Franzosen, echten französischen “gentilhommes“ zu machen. Seine Übersetzungen zeichneten sich
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hauptsächlich durch drei Merkmale aus: sie waren klar, galant und elegant. Werke, die ihm unzulänglich erschienen, wurden rücksichtslos so lange verändert, bis sie den damals aktuellen Standards entsprachen: “Cet autheur est sujet à des repetitions fréquentes et inutiles, que ma langue ny mon stile ne peuvent souffrir“, äußerte sich d’Ablancourt abschätzig im Vorwort zu seiner Übersetzung von Arrien im Jahr 1646.
Man nimmt an, dass die Bezeichnung “belles infidèles“ ursprünglich eher negativ gemeint war, da Ménage nicht als Anhänger der modernisierenden Übersetzung galt. Doch bereits im Jahr 1666 zeigte sich, dass das keineswegs alle Übersetzer so empfanden: Der holländische Übersetzer Huygen verwies in einem Brief, in dem er einige “Freiheiten“ in einer seiner Übersetzungen rechtfertigt, auf den großen französischen Übersetzer d’Ablancourt. Im Laufe der Jahre fand d’Ablancourts Übersetzweise weitere Anhänger, die “belles infidèles“ wurden immer populärer und viele Übersetzer folgten seinem Beispiel. Zu ihnen zählten zum Beispiel unter anderem Louis Giry
(1596 - 1668), Pierre Perrin (1620 - 1675) und Paul Pellison (1624 - 1693). Auch Perrault, der in der französischen “Querelle des Anciens et des Modernes“ die Seite der “Modernes“ vertrat, fand an d’Ablancourts Methode Gefallen:
“Dieser (Perrault) erklärte, Perrot d’Ablancourts Übersetzungen seien besser als die Originale. Nichts hätte dem klassischen Übersetzer lieber sein können als solch ein Lob. Denn sein ganzes Bemühen lief darauf hinaus, aus den antiken Autoren, die er übersetzte - Tacitus, Arrian, Xenophon, Caesar, Thukydides und andere - Franzosen zu machen, das heißt, sie die Sprache sprechen zu lassen, die ihm die denkbar vollkommenste zu sein schien: wohlgeordnet, klar, elegant, womöglich auch ein wenig galant, so wie es die “Vernunft“ und französische Umgangsformen verlangten.“ 1
2.1 Der Einfluß der Gesellschaft auf die Entstehung der “belles infidèles“
Die Übersetzer zur Zeit der “belles infidèles“ richteten sich nach einem Haupt-Parameter: den Erwartungen ihrer Leser, den Ansprüchen ihres Zielpublikums.
Aus welchen Bevölkerungsgruppen setzte sich das französische Zielpublikum nun zusammen, wer waren diese Leser ?
1 von Stackelberg (1988), S.16
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Im Frankreich des siebzehnten Jahrhunderts, dem absolutistisch regierten Frankreich unter dem “roi soleil“, beeinflusste vor allem eine Gesellschaftsschicht die Form von Literatur - und damit die der Übersetzungen: Die adelige Hofgesellschaft, die in den Pariser “salons“ über Geschmack und Zeitgeist philosophierte und nach denen sich die geistige Elite Frankreichs richtete. Freie Übersetzungen zur Zeit von Schriftstellern wie Racine oder Molière entstanden demnach nicht aus Ignoranz, sondern weil die Übersetzer nur ein Ziel verfolgten: ihre Werke unter allen
Umständen an den Geschmack und die Erwartungen der höfischen französischen Gesellschaft anzupassen.
2.2 Die Entstehung der “belles infidèles“ in Frankreich
Kommen wir zu einer sehr grundsätzlichen Frage, die sich bei der Beschäftigung der “belles infidèles“ stellt: Aus welchem Grund hat sich diese Form der Übersetzung in Frankreich entwickelt, warum im Französischen und nicht in einer anderen Sprache ? Meiner Ansicht nach gibt es dafür zwei Gründe:
Einer der Gründe ist wohl, dass die Entwicklung der “belles infidèles“ als Symbol des französischen Sprachbewußtseins betrachtet werden kann.
Die Sprache hat (und hatte) in der französischen Kultur damals wie heute einen außergewöhnlich hohen Stellenwert und wird als eines der höchsten Kulturgüter behandelt. Die Entwicklung der “belles infidèles“ verlief parallel zum wachsenden Sprach- und Selbstbewußtsein der Franzosen: alles vom “Genie“ der französischen Sprache Abweichende galt als unschön und inakzeptabelvon den Erzählstrukturen über den Ausdruck sowie inhaltliche Elemente. Dieses Selbstbewusstsein wurde noch wesentlich durch die Vermittlerrolle verstärkt, die die französische Sprache im siebzehnten Jahrhundert innehatte: viele deutsche, niederländische und englische Übersetzer kamen mit den zum Beispiel spanischen Originaltexten nie in Berührung und orientierten sich an der französischen Version.
Ein weiterer Grund, warum die “belles infidèles“ ausgerechnet in Frankreich entstanden sind, dürfte die Tatsache sein, dass der Ausdruck in der französischen Sprache allgemein als abstrakter, intellektueller und eleganter empfunden wird, als zum Beispiel der des konkreteren, direkteren und sprachlich flexibleren Englisch. Dieser Umstand erleichterte den Übersetzern ihre Mission natürlich nicht und mag einer der Gründe dafür sein, warum sich die “belles infidèles“ gerade in Frankreich entwickelt haben.
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Im Übrigen hat sich bereits eine nicht unerhebliche Anzahl an Autoren zur Sonderstellung der französischen Sprache geäußert, so zum Beispiel der Schriftsteller und Philosoph José Ortega y Gasset:
“Ich bedaure, daß meine letzten Worte in dieser Gesellschaft unfreiwilligerweise aggressiv klingen; aber das Thema, über das wir sprechen, nötigt sie uns auf. Sie besagen: von allen europäischen Sprachen ist diejenige, die die Arbeit des Übersetzens am wenigsten erleichtert, die französische.“ 1
Auch Professor John Orr (1885 - 1966) spricht das Thema in einem seiner Artikel für die französische Zeitschrift “Vie et langage“ bezüglich der Übersetzung eines englischen Gedichtes an:
“On ne s’étonne pas que l’éditeur de l’édition polyglotte du poème de Gray (Londres, 1839), d’òu nous avons tiré cette traduction, ait qualifié le franςais de ‘language, it would appear, the least capable of any other of communicating a faithful idea of the original !‘ “. 2
1 Ortega y Gasset (1963), S.32
2 Orr (1957), S.102
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Arbeit zitieren:
Mag.phil. Anna Jell, 2005, Die belles infidèles - Funktion, Form und Entwicklung dieser Übersetzungsmethode, München, GRIN Verlag GmbH
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