A: Weiblich - Männlich !?
Wenn man sich überlegt, welche Eigenschaften einem Mann oder einer Frau bzw. einem Jungen oder einem Mädchen zugeordnet werden können, wird man zunächst wahrscheinlich auf geschlechtspezifische Aussagen stoßen. „Mädchen sind ordentlich, Jungen sind frech“. So oder so ähnlich könnte eine Zuordnung ausfallen. Wir schreiben nämlich - ohne es zu merken - den Geschlechtern bestimmte Eigenschaften und Verhaltensformen zu. Dabei treffen wir jedoch keine Aussagen über männlich oder weiblich im Sinne einer Ge-schlechtszuordnung, sondern wir beschreiben so unser eigenes, subjektives Bild von einer Frau oder einem Mann.
Diese Geschlechtszuweisungen entsprechen der heutigen Theorie über das Geschlechtsbild, das von dem Begriff „Doing Gender“ geprägt ist. Zentraler Gesichtspunkt dieses Gedankens ist die Unterscheidung in biologisches und soziales Geschlecht. Dies impliziert die Erkenntnis, dass wir Menschen selbst die Unterschiede zwischen den Geschlechtern herstellen. So sind wir uns im Grunde genommen bewusst darüber, dass Geschlechtszuschreibungen stereotype Sichtweisen verstärken und zu Problemen führen können. Oft sind wir aber trotzdem nicht in der Lage diese zu unterlassen, da sie zu fest in unserem Alltag und in unserer zweigeschlechtlich geprägten Gesellschaft verankert sind. 1 Auch unsere Schulen sind von Problemen, die Geschlechtsbilder mit sich bringen können, betroffen. In ihnen werden Mädchen und Jungen größtenteils gemeinsam unterrichtet, was bedeutet, dass sie täglich mit Geschlechterrollen und - unterschieden konfrontiert werden. Dies hat in der Vergangenheit zu einer Koedukationsdebatte geführt, die ständig neue Perspektiven hervorrief und zunächst die Mädchen, dann die Jungen ins Zentrum der Diskussion rückte.
Im Folgenden soll deshalb zunächst der Begriff der Koedukation charakterisiert und in einem weiteren Schritt die Chronologie der Debatte, die diese Unterrichtsform auslöste, skizziert werden. Daraufhin wird die heutige Situation der Schüler und Schülerinnen im Kontext der Koedukation beschrieben, vor allem unter Berücksichtigung der Situation der Jungen. Schließlich sollen Perspektiven für die Realisierung von Geschlechtergerechtigkeit in der Schule erläutert und diskutiert werden.
1 Vgl. KREIENBAUM, A. M. / URBANIAK T.: Jungen und Mädchen in der Schule, S.39.
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B: Koedukation heute - „Geschlechtergerechte Schule“
1. Allgemeine Informationen zu Koedukation und Koedukationsdebatte
1.1 Begriffsklärung
Zuerst stellt sich einmal die Frage, was der Begriff der Koedukation eigentlich ausdrücken soll. Er lässt sich von der lateinischen Vorsilbe co, die zusammen bedeutet und vom lateinischen Verb educare, das erziehen bedeutet, ableiten. Koedukation bezeichnet demnach „die gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen in allen Schularten“. 2 Den eigentlichen Charakter der Koedukation macht der Begriff der „Reflexiven Koedukation“, den Hannelore Faulstich - Wieland 1991 prägte, deutlich. Dieser besagt, dass die Koedukation, die in ihrer Entstehung meist aus organisatorischen Gründen umgesetzt wurde, der Reflektion ihres Nutzens und ihrer Umsetzung bedarf. 3 „Um gemeinsame Erziehung fruchtbar werden zu lassen, muss man reflektieren, was man tut, und für das Ziel eines gelingenden Miteinanders der Geschlechter nötigenfalls geeignete Maßnahmen ergreifen“. 4
Zum weiteren Verständnis des Begriffs der Koedukation lässt sich das Eichstätter Appell anführen, welches das Ergebnis der Tagung mit dem Motto „Prima Mädchen - Klasse Jungs“ an der Universität Eichstätt im März 2009 darstellt. In diesem wird unter anderem betont, dass vorrangiges Ziel der Koedukation sei, Benachteiligungen abzubauen und neue Lernchancen zu eröffnen. 5
1.2 Chronologie der Koedukationsdebatte
Die Koedukationsdebatte, die bis zum jetzigen Zeitpunkt besteht, begann etwa in den 70er - Jahren. Damals wurde die gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen eingeführt. Diese Phase kann als Koedukationseuphorie bezeichnet werden, da die gemeinsame Erziehung als Errungenschaft gefeiert wurde. „Einmal durchgesetzt, galt sie als längst überfälliges, sichtbares Zeichen einer auf Gleichberechtigung basierenden Gesellschaft“. 6 Doch wie sich bald zeigte, war in der Praxis noch lange keine Gleichberechtigung erreicht und die anfängliche Euphorie für die Koedukation, schlug in Kritik um.
2 HORSTKEMPER, M. / KRAUL, M.: Koedukation, S.7.
3 Vgl. KREIENBAUM, A. M. / URBANIAK T.: Jungen und Mädchen in der Schule, S.45.
4 Ebd.
5 Vgl. Eichstätter Appell.
6 KREIENBAUM, A. M. / URBANIAK T.: Jungen und Mädchen in der Schule, S.44.
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Die feministische Schulforschung machte auf Missstände, wie sexistische Schulbücher oder schlechtere Chancen von Abiturientinnen in Studium und Beruf, aufmerksam. Diese benachteiligenden Aspekte wurden unter dem Begriff „heimlicher Lehrplan der Geschlechtererziehung“ 7 zusammengefasst. In der Zeit der Koedukationskritik wurde sogar zeitweise überlegt, zu monoedukativen Schulen zurückzukehren.
Parallel dazu entstanden in den 80er - und 90er - Jahren zunächst Konzepte zur Mädchenförderung. Emanzipatorische Lehrerinnen ergriffen die Initiative und riefen spezielle Angebote für Mädchen ins Leben, wie zum Beispiel Selbstverteidigungskurse oder Computerkurse. Der innovative Schwung ebbte jedoch nach 1990 wieder ab, da Lust und Energiemangel zu keinem Erfolg der Maßnahmen mehr führten und die Mädchen die Intention von oft nur halbherzigen Angeboten hinterfragten. Bald darauf, seit Beginn der 1990er Jahre rückten dann allmählich die Jungen, die vorher entweder als Gewinner gesehen wurden oder denen gar keine Beachtung geschenkt wurde, ins Zentrum der Diskussion und es wurden Konzepte zu deren Förderung entworfen. 8
Als Auslöser für die Aufnahme der Jungen in die Koedukationsdebatte gilt das Buch „Kleine Helden in Not“ von Dieter Schnack und Rainer Neutzling (1990). Als Reaktion darauf wurde Jungenarbeit zunächst nur sehr vage und praxisbezogen thematisiert. 2005 hatte sich das Thema Jungen jedoch bereits zu einem Trendthema entwickelt, dem bis heute in der Forschung große Aufmerksamkeit zukommt. 9
2. Koedukation heute - Benachteiligung der Jungen?
Heute wird meist der Begriff der „Geschlechtergerechten Schule“ benützt, wenn von Koedukation die Rede ist. Nach der Phase der Mädchen- und Jungenförderung wird der Blick zunehmend auf die Relationen im Geschlechterverhältnis gerichtet. 10 „Geschlechtergerechte Schule (soll) den Mädchen und Jungen, den Frauen und Männern eine Entwicklung und Lebensgestaltung, die ihren jeweiligen individuellen Bedürfnissen, Fähigkeiten, Neigungen und Begabungen gerecht wird“ 11 ermöglichen.
7 KREIENBAUM, A. M. / URBANIAK T.: Jungen und Mädchen in der Schule, S.44.
8 Vgl. KREIENBAUM, A. M. / URBANIAK T.: Jungen und Mädchen in der Schule, S. 44 f.
9 Vgl. KREIENBAUM, A. M. / URBANIAK T.: Jungen und Mädchen in der Schule, S.55 ff.
10 Vgl. BUDDE, J. u. a.: Geschlechtergerechtigkeit in der Schule, S.11.
11 PESCHEL, B.: Positionspapier - Geschlechtergerechte Schule, S.1
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Durch die Zahlen, die in den vergangen Jahren zur Bildungsbeteiligung ermittelt wurden, sei es durch den 2006 erstellten Gender Datenreport oder auch durch den 2009 erschienen Jahresbericht des Aktionsrates für Bildung, stellte sich heraus, dass die Jungen den Mädchen in vielerlei Hinsicht nachstehen.
Die Aufmerksamkeit, die den Jungen dadurch zukam, schlug sich auch in Zeitungsberichten nieder, die mit Überschriften versehen waren, wie „ Jungen sind die Verlierer im deutschen Bildungssystem“ 12 oder „Schulen benachteiligen Jungen massiv“. 13 Ob eine Benachteiligung besteht und was zu dieser führt bedarf jedoch einer kritischen Hinterfragung. Zunächst soll an den aktuellen Zahlen der Bildungsbeteiligung dargestellt werden, inwiefern diese Aussagen ihre Berechtigung finden können.
2.1 Aktuelle Zahlen zum Bildungserfolg - Jungen als Verlierer des Bildungssystems? Um die derzeitige Situation des Bildungserfolges in der Schule wiederzugeben, eignet sich der bereits erwähnte Gender Datenreport von 2006. In ihm lassen sich sowohl die Bildungsbeteiligung als auch einzelne Kompetenzen der Geschlechter im Vergleich ablesen. Es lässt sich erkennen, dass die Jungen einen geringeren Bildungserfolg als die Mädchen aufweisen. Die Schüler männlichen Geschlechts sind an Schulen mit geringerem Bildungsniveau stärker vertreten als die weiblichen Geschlechts und erlangen durchschnittlich auch seltener einen Bildungsabschluss als die Mädchen. Des Weiteren fällt auf, dass Jungen öfters später eingeschult werden, öfter eine Klasse wiederholen müssen und auch seltener auf eine höhere Schule wechseln, als ihre Artgenossinnen. 14 Auch in den einzelnen, nach PISA relevanten Kompetenzen lassen sich Unterschiede zwischen Schülern und Schülerinnen ausmachen. Jungen sind sowohl in der Gruppe der Schwächsten, als auch in der Spitzengruppe häufiger vertreten als die Mädchen. Sie erzielen gute Erfolge in Mathematik und Physik und haben ein positiveres Selbstkonzept als ihre Artgenossinnen. Bei der Lesekompetenz fällt jedoch auf, dass die Jungen den Mädchen um ein Schuljahr in ihrer Leistung hinterher sind. Des Weiteren erhalten Jungen bei gleichem Kompetenzniveau in allen PISA - relevanten Fächern schlechtere Noten. 15 Es stellt sich folglich die Frage, woran die bestehende Benachteiligung der Jungen liegen könnte und wie diese reduziert, wenn nicht gar beseitigt werden könnte. Über die Frage der Ursachen und Prävention stehen mehrere Auffassungen zur Diskussion.
12 Focus Online / Schule
13 Spiegel Online / Schulspiegel
14 Vgl. Gender Datenreport: Kap. 1.4.1
15 Vgl. Gender Datenreport: Kap. 1.4.2
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Arbeit zitieren:
Irina Wittmann, 2010, Die heutige Situation der Schüler und Schülerinnen im Kontext der Koedukation, München, GRIN Verlag GmbH
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