Synchrone und diachrone Aspekte der Fotografie
Eine Gegenüberstellung von
Pierre Bourdieus (Hrsg.) ,,Eine illegitime Kunst" (1981)
und Michel Frizots (Hrsg.) ,,Neue Geschichte der Fotografie" (1998)
Universität Zürich, Kunsthistorisches Institut
Herbstsemester 2007
Proseminar zum Thema
«Josef Maria Eder (1855-1944), seine ,,Geschichte der Fotografie" (1905) und der
aktuelle fotohistorische Diskurs»
Verfasser:
Simon Meier
5.Semester; HF: Kunstgeschichte des Mittealters und der Neuzeit,
1. NF: Filmwissenschaft, 2. NF: Ethnologie
Abgabedatum: Februar 2008
2
Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung
und
Vorgehen
S.
3
2 Pierre Bourdieus (Hrsg.) ,,Eine
illegitime
Kunst"
2.1 Fotoclubs; Ästheten versus
Technizisten
S.
4
2.2
Pressefotografie
S.
5
2.3
Werbefotografie
S.
6
2.4
Legitimationsdebatte
S.
8
2.5
Werdegang
und
Herkunft
S.
9
3 Michel Frizots (Hrsg.) ,,Neue Geschichte der Fotografie"
3.1 Künstlerische Ambitionen; Die Versuchung der schönen Künste
S. 12
3.2
Zeitzeugen S.
12
3.3
Presse,
Werbung
und
Verlagswesen
S.
14
3.4 Riten und Bräuche: Fotografie als Erinnerungsstück
S. 14
3.5
Fotoateliers S.
15
3.6
Medien
und
Drucktechniken
S.
16
4
Gegenüberstellung
S.
18
Literaturverzeichnis
S.
20
Abbildungsnachweis
S.
21
Abbildungen
S.
22
3
1 Einleitung und Vorgehen
Im ersten Teil dieser Seminararbeit werde ich Besprechungen zu den Kapitel des zweiten
Teils von Pierre Bourdieus (Hrsg.) ,,Eine illegitime Kunst: Soziale Gebrauchsweisen der Fo-
tografie"
1
offerieren. Es handelt sich dabei um soziologische Untersuchungen zum Phänomen
Fotografie. Zentrale Begriffe darin sind: Fotoclubs, Ästheten, Technizisten, Pressefotografie,
Werbefotografie, die Legitimation der Fotografie und der Werdegang und die Herkunft von
Berufsfotografen. Im zweiten Teil werde ich auf die thematischen Entsprechungen in Michel
Frizots (Hrsg.) ,,Neue Geschichte der Fotografie"
2
eingehen. Dabei handelt es sich um ein
primär diachrones und technisch orientiertes Werk, das Ebenfalls Texte diverser Autoren ver-
einigt. Begriffe wie Fotografie als Erinnerungsstück, Fotoateliers, künstlerische Ambitionen
sowie Kriegsfotografie sind relevant.
Die Kapitel und Unterkapitel der Seminararbeit sind kritische Zusammenfassungen
der entsprechenden Kapitel beider Bücher. Der Anspruch dieser Arbeit soll es sein, dem Leser
einen Überblick über die soziologischen, technischen und diachronen Aspekte der Fotografie
und ihrer Praktizierer zu geben, so wie sie in den beiden hier besprochenen Publikationen
dargestellt werden. Im Anschluss werde ich versuchen, die Herangehensweisen der beiden
Publikationen miteinander zu vergleichen und Rückschlüsse zu ziehen.
1
Bourdieu 1981.
2
Frizot 1998/I.
4
2 Pierre Bourdieus (Hrsg.) ,,Eine illegitime Kunst: Soziale Gebrauchsweisen der Foto-
grafie" (1981)
2.1 Fotoclubs; Ästheten versus Technizisten
Das Kapitel ,,Ästhetische Ambitionen und gesellschaftliche Ansprüche" von Robert Castel
und Dominique Schnapper
3
beschäftigt sich mit der Institution Fotoclub. Die Fotografie stellt
in Castel und Schnappers soziologischen Betrachtungen ein Mittel zur sozialen Integration
dar. Die Mitglieder von Fotoclubs versuchen u.a. die Fotografie von der Institution Familie
abzukoppeln. Man verspottet die traditionelle Familienfotografie sogar. In den Fotoclubs ist
die Fotografie niemals Selbstzweck, sondern stützt sich auf ein System von Normen, das der
Kunst und andererseits der Technik zugehört. Der Status der Fotografie in den Fotoclubs lässt
sich als ein Oszillieren zwischen Nachahmung der Malerei und Technizismus dem systema-
tischen Ausschöpfen der technischen Möglichkeiten beschreiben. Nach diesem Muster tei-
len Castel/Schnapper
4
die Fotoclubs prototypisch in zwei Gruppen auf: Die Ästheten und die
Technizisten. Beide Gruppen versuchen ihre Praxis über eine Reihe von Negationen zu recht-
fertigen: Die Ästheten befürchten ihre Tätigkeit zur reinen Technik herabgewürdigt zu sehen
und suchen ihre Bestätigung in der Beschäftigung mit künstlerischen Fragen. Die Entwick-
lung eines individuellen Stils steht im Vordergrund. Die Fotografien sollen die Persönlichkeit
des Fotografen erkennen lassen. Die ästhetische Qualität einer Fotografie liegt für die Ästhe-
ten nicht in der ästhetischen Perfektion selbst sondern in ihrer Übertragung in die fotografi-
sche Sprache: Daher werden Fotografien mit dokumentarischem, satirischem, didaktischem,
romantischem, sentimentalem und zu klischiertem Inhalt abgelehnt. Durch diese massiven
Restriktionen soll die Fotografie mit grösseren Schwierigkeiten verbunden sein und dadurch
als Kunst, der Malerei ebenwürdig, anerkannt werden. Die Technik als Mittel zur Herausbil-
dung einer neuen Ästhetik wird abgelehnt.
Castel/Schnapper
5
betrachten dann soziale Herkunft der Mitglieder der ästhetisieren-
den Fotoclubs genauer: Die ästhetisierenden Amateurfotografen, weitgehend aus bürgerlichen
Kreisen kommend, versuchen frei von gesellschaftlichen Wertemustern zu praktizieren, ver-
suchen diese sogar bewusst zu vermeiden, da sie sich der Etabliertheit und dem Renommee
der klassischen Künste wie der Malerei bewusst sind.
3
Castel/Schnapper 1981, S. 113136.
4
Castel/Schnapper 1981, S. 113136.
5
Ebenda.
5
Die Technizisten stammen grösstenteils aus der Unterschicht. Bei ihnen wird primär
eine technische Kultur gepflegt. Der Fokus liegt auf dem Erlernen des Laborhandwerks, der
Bedienung des fotografischen Apparates, um einen bestimmten Augenblick fest zu halten. Ein
grosser Teil der Mitglieder dieser Fotoclubs besteht aus Jungendlichen. Daher erfüllt die Fo-
tografie hier auch didaktische Zwecke: Die Wahrnehmung soll geschärft werden, was wieder-
um das Erwachsen werden erleichtert kann. Banale Fotografie ist durchaus erwünscht, da man
aus ihr (und den beim Fotografieren gemachten Fehlern), Lehren ziehen kann. Die Fotografie
um der Fotografie Willen wird abgelehnt. Ästhetische Fotografie ist nicht an bestimmte Sujets
geknüpft, sie wird als engagierte Fotografie bezeichnet.
Die divergierenden Auffassungen bezüglich der Verwendung der Fotografie bei den
Ästheten und Technizisten, so das Fazit der beiden Autoren
6
, verraten einen Mangel an ästhe-
tischer Theorie: Der individuelle Stil wird zur Doktrin.
2.2 Pressefotografie
Das Kapitel ,,Die Rhetorik des Bildes" von Luc Boltanski
7
hat die Pressefotografie zum The-
ma. Boltanski
8
geht zuerst auf die Funktion von Pressefotos ein: Primär die Wiedergabe dra-
matischer Ereignisse, was in den Anfängen der Zeitungen durch Holzschnitte, später Gravu-
ren, gemacht wurde. Er konstatiert weiter, dass sich die Thematik der Pressefotografie seit
ihren Anfängen kaum geändert, sondern lediglich ein technisches Verfahren das nächste abge-
löst habe. Boltanski
9
differenziert zwei Typen von Fotografien: Solche die für Tageszeitungen
gemacht werden und solche für Wochenzeitungen. Die Fotos für Tageszeitungen erfüllen die
Funktion der Herstellung eines Bestandes von Vorkenntnissen, auf welche die Wochenzei-
tungen aufbauen können. Zu diesem Zweck ist die makellose Handhabung der fotografischen
Ausrüstung notwendig: Ein dramatisches Ereignis will im entscheidenden Moment festgehal-
ten werden. Gelingt dies nicht, kann stattdessen eine Zeichnung den wichtigen Augenblick
zum Ausdruck bringen.
Die Anforderungen an eine Abbildung einer Wochenzeitung sind subtiler: Hier hat die
Kenntnis der für die Zeitschrift charakteristischen Normen Vorrang. Das Bild muss synthe-
tisch sein, Personen und Objekte vereinen, die erlauben, eine Geschichte zu erzählen. Um
6
Ebenda.
7
Boltanski 1981, S. 137-163.
8
Ebenda.
9
Ebenda.
6
diesen Ansprüchen genügen zu können, werden Fotos von Wochenzeitungen oft nachträglich
gestellt und an einen anderen Ort verlegt. Die Wahl des Bildausschnitts hilft dabei, uninten-
dierte Bedeutungen zu eliminieren. Fotos aus Wochenzeitungen wirken im Unterschied zu
solchen aus Tageszeitungen wegen ihrer Gestelltheit oft statisch. Sie sind effekt-orientiert,
sollen symbolische Bedeutung enthalten, Mythen entsprechen.
Zur Veranschaulichung möchte ich zwei Fotografien aus der Sportfotografie genauer
betrachten: Das erste Bild zeigt den Fussballtrainer Lucien Favre nach einem Torerfolg seiner
Mannschaft (Abb. 1). Der festgehaltene Gefühlsausbruch beschränkt sich auf die Wiedergabe
eines Bruchteils eines ekstatischen Moments. Was kann weiter aus der Fotografie herausgele-
sen werden? Boltanski
10
stellt die statische Portraitfotografie, die anfangs aus rein technischen
Gründen zur Starrheit verdammt war, der Fotografie der Bewegung gegenüber. Bilder, die
einen Menschen in Bewegung zeigen vermögen die Persönlichkeit eines Menschen besser
zum Ausdruck zu bringen. Handlung generiert Persönlichkeit.
Die zweite Fotografie, aus dem wöchentlich erscheinenden Magazin des Tagesanzei-
gers, zeigt Favre neben einer Zielfigur stehen (Abb. 2). Er hat den Kopf nach unten geneigt
und seine Hände in Richtung der Figur ausgestreckt. Die Bildlegende wirft die Frage auf, ob
der neue Trainer des Hertha BSC bald selber im Schussfeld der deutschen Presse stehen wird.
Die Fotografie erhält zusammen mit dem Bildtext und dem zugehörigen Artikel eine zusätzli-
che Bedeutungsebene: Sie synthetisiert die Fragen des Artikels und bringt sie in visueller
Form zum Ausdruck.
2.3 Werbefotografie
Das Kapitel ,,Optische Tricks und Gauckelspiel" von Gérard Lagneau
11
geht auf die Werbefo-
tografie ein. R. M. Schmidt erklärt die Funktion der Werbefotografie als den Verkauf von
Lebensgefühlen und nicht primär Produkten: ,,Der Werbefachmann preist nicht die Waren an,
die der Auftraggeber herstellt. Seine Aufgabe besteht darin, deren Bedeutung für den einzel-
nen Verbraucher herauszustellen. Er bietet keine Schuhe an, sonder kleine Füße, keine Seife
sondern frischen Teint."
12
Hier spielt die Konstruktion von Bedeutung für den Konsumenten
den zentralen Aspekt.
10
Ebenda.
11
Lagneau 1981, S. 164-184.
12
Schmidt, zit. nach: Lagneau 1981, S.164.
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