Inhaltsverzeichnis
Vorwort 3
Was versteht man unter einer Leitkultur? 4
Freiheitliche -Deutsche Leitkultur nach Friedrich Merz 4
Theo Sommer:“ Warum Friedrich Merz sich zu Unrecht auf mich beruft.“ 5
„Europa ohne Identität?“ - Leitkultur nach Bassam Tibi 6
Zusammenfassung 6
Die Vietnamesen in Deutschland 7
„boat people“ 7
Ökonomische Integration 8
Bildungsaspiration und Bildungserfolg 8
Sprachliche Integration 9
Austausch mit der deutschen Bevölkerung 9
Zusammenfassung 10
Die vietnamesischen Vertragsarbeiter in der DDR 10
Ökonomische Integration? 11
Sprachliche Integration? 12
Kontakt mit der ostdeutschen Bevölkerung? 12
Bildungsaspiration und Bildungserfolg 13
Zusammenfassung 13
Abschlie ßende Betrachtung und Implikation für die deutsche Migrationspolitik 14
Literaturverzeichnis 15
Anmerkung : Zwecks der besseren Lesbarkeit bei allgemeinen Aussagen verwendet der Ver-
fasser größtenteils die männliche Form des Substantives. Selbstverständlich bezieht er sich
auf alle Geschlechter.
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Vorwort
Ein kastriertes Hausschaf, Sauerkraut, Döner-Kebab und Johann Wolfgang von Goethe - wie konträr diese Begriffe für den Leser anfänglich scheinen mögen, so konnte man sie plötzlich im Frühjahr 2000 unter einem gemeinsamen Neologismus zusammen fassen: Leitkultur. Der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz hatte in seinem Leitartikel für die Tageszeitung „Die Welt“ von einer „deutschen Leitkultur“ zu sprechen gewagt und belebte schneelawinenartig alle politischen, linguistischen, wissenschaftlichen und kulturellen Gemüter Deutschlands - teilweise oft an ihm vorbei. Doch bleibt bis zum medialen Erlöschen dieser Debatte immer noch die Frage offen: Was ist eigentlich eine „deutsche Leitkultur“ oder im Zuge der europäischen Integration eine „europäische Leitkultur“? Und ist „diese“ Leitkultur notwendig für eine erfolgreiche Integration von Migranten in einem Staat und einem Kontinent? Der Wortschöpfer des Begriffes, der deutsch-syrische Politikwissenschaftler Bassam Tibi, fühlt sich in dieser politischen Debatte missverstanden. Warum? Mit seiner Definition von „europäischer Leitkultur“ sieht er etwas anderes, nicht etwa die Debatte um den Genuss von Sauerkraut statt Döner, sondern um europäische Werte und Normen, die von ihm fest definiert sind und hinter dem ein ausgedachtes Integrationskonzept steckt. Aber sieht das Friedrich Merz anders?
Jeder, der sich an dieser Debatte beteiligte, egal ob als Politiker, Wissenschaftler oder Medienbeobachter, hat wohl eine subjektive Definition von Leitkultur für sich gefunden und unterschiedlich verstanden. Von politisch extrem links bis politisch extrem rechts, haben sie für Empörung oder zur Begeisterung gesorgt. Die grüne Fraktionschefin Kerstin Müller fragt: „Deutsche Kultur - was ist das?“ Die Bischöfin Maria Jepsen bekommt sogar Magenschmerzen und stellt fest: "Dann müssten wir doch anfangen mit den Museen. Wir müssten alles rauswerfen, was aus China, Indien und Ägypten kommt, weil das nicht unsere Kultur ist. Wir müssen unsere Sprache reinigen, weil da Fremdwörter drin sind. Unsere Esskultur, Theaterkultur, Literatur, unsere Expo - das hätte alles nicht sein dürfen. Das müssen wir uns mal klar machen.” (Spiegel Online 2000) Der Bundesvorsitzende der rechtsextremen Partei „Die Republikaner“ Rolf Schlierer solidarisiert sich hingegen und erklärt: „Die Republikaner würden Herrn Merz beistehen, wenn er versuche, sich dem Linksrutsch der CDU entgegenzustemmen.“ (Spiegel Online 2000). „Begriffe, die nicht automatisch verstanden werden, sind eher ein Problem“, stellt der CDU-Generalsekretär Lorenz Meyer nüchtern fest. Die Position Meyers vertritt auch die Pons-Redaktion und hat den Begriff Leitkultur zum „Unwort des Jahres 2000“ gekürt. „Leitkultur“ überholte die Unwörter „Computer-Inder“ (Platz 2) und „Babyklappe“ (Platz 3), und löste das vorjährige Unwort „Kollateralschaden“ ab. Die Jury begründet ihre Entscheidung damit, dass der Begriff unscharf sei und appelliert, Begriffe zu verwenden, die für alle Bürger eines Landes eindeutig seien und die sachliche Auseinandersetzung nicht behindere. „Dieses sollte besonders dann gelten, wenn es sich um
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politisch sensible Fragen der Einwanderung, zumal vor dem Hintergrund fremdenfeindlicher Gewaltakte, handelt“, heißt es in ihrer Begründung. (Der Tagesspiegel 2000) Doch wie sieht es hinter den Kulissen aus bzw. was steckt hinter dem Wort „Leitkultur“? Im Zuge dessen, ist die Zielsetzung dieser Hausarbeit, die Gründe für eine solche „Unschärfe“ des Begriffes „Leitkultur“ herauszufinden, sie zu analysieren, zu beurteilen und neu zu definieren. Ihre Tauglichkeit soll anhand einer Migrationsgeschichte einer Exilgemeinschaft in Deutschland empirisch untersucht werden. Hierbei wird der Fokus auf eine nichteuropäische bzw. nicht-abendländische Exilgemeinschaft gelegt, in der eine typisch „deutsche“ oder „europäische Leitkultur“ - was immer sie auch ist - vorerst nicht vorhanden sein kann. Dafür bietet sich die vietnamesische Diaspora in West- und Ostdeutschland ab 1975 an.
Es lässt sich somit die Frage stellen: Ist eine gemeinsam, definierte europäische Leitkultur, die Grundvoraussetzung für eine Integration der vietnamesischen Diaspora in Deutschland?
Was versteht man unter einer Leitkultur?
Freiheitliche-Deutsche Leitkultur nach Friedrich Merz
Bereits im Vorwort erwähnt, ist der Auslöser für die politische Debatte der damalige Frakti-onsvorsitzende der CDU Friedrich Merz. In seinem selbstverfassten Leitartikel am 25.10.2010 in der Tageszeitung „Die Welt“ leitete Merz eine Diskussion um eine deutsche Leitkultur ein: „Schweinebraten statt Döner, Deutschtümelei, Biedermeier, fünfziger Jahre - Rassismus! Kein Vorwurf aus dem wohlbekannten Arsenal der political correctness und der Gutmenschen in diesem Land, der nicht erhoben wird. Doch worum geht es wirklich?" (Merz 2000). Er betont weiter, dass die Integration der Migranten bis auf einige Fälle positiv sei. „Doch entstehen auch Probleme dort, wo beispielsweise Deutsche in ihrer Stadt in die Minderheit geraten und um die eigene Identität bangen, oder dort, wo die Rolle der Frau in anderen Kulturen eine ganz andere ist.“
Im Zuge dessen, fordert Merz drei wesentliche Kernbemühungen der Politik, nämlich 1. feste Regeln für Einwanderungen und Integration, 2. Missbrauch von Asylanträgen soll zurückgedrängt werden und 3. Maßstäbe und Grundsätze, an denen sich das Konzept für Einwanderung und Integration orientieren muss.
Eine erfolgreiche Integration ist aber letztendlich nur dann möglich, „wenn sie die breite Zustimmung der Bevölkerung findet. Dazu gehört, dass Integrationsfähigkeit auf beiden Seiten besteht: Das Aufnahmeland muss tolerant und offen sein, Zuwanderer, die auf Zeit oder auf Dauer bei uns leben wollen, müssen ihrerseits bereit sein, die Regeln des Zusammenlebens in Deutschland zu respektieren. Ich habe diese Regeln als die ‚freiheitliche deutsche Leitkultur‘ bezeichnet.“ Diese Diskussion hat „reflexartige Empörung ebenso wie breite Zustimmung“ ausgelöst und ist für Merz deshalb ein Indiz dafür, dass es gar keine allgemeine akzeptiere Definition gibt.
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Diesem versucht Merz entgegenzuwirken, indem er die „freiheitliche deutsche Leitkultur“ und den „gemeinsamen, werteorientierten gesellschaftlichen Konsens“ wie folgt definiert:
1. Die Verfassungstradition des Grundgesetzes muss beachtet werden,
2. Demokratie und soziale Marktwirtschaft,
3. keine Duldung von Parallelgesellschaften und
4. die deutsche Sprache muss gesprochen und verstanden werden.
Theo Sommer:“ Warum Friedrich Merz sich zu Unrecht auf mich beruft.“
Nachdem die Leitkultur-Debatte ihren Höhepunkt erreicht hatte, verwies der CDU-Politiker Ernst Brenda in einem Leserbrief an die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ darauf, dass der Begriff „Leitkultur“ auf den Redakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“, Theo Sommer zurück zuführen sei. Danach verwies auch Friedrich Merz ebenfalls auf ihn. Sommer macht in seinem Artikel „Der Kopf zählt, nicht das Tuch“ (Sommer, Die Zeit 1998) im Juli 1998 klar, dass Deutschland nicht im gleichen Sinne wie die USA und Australien ein Ein-wanderungsland sei, aber längst zu einem Einwanderungsland geworden sei. Insgesamt leben 7.3 Millionen Ausländer bereits in der zweiten und dritten Generation in Deutschland. Deshalb sei es notwendig, eine sachliche, ehrliche und gründliche Debatte über die Migrationspolitik in Deutschland zu führen. Erst einmal muss angenommen werden, dass Deutsch-land zu einem Einwanderungsland geworden und die Differenzierung des „Ausländerproblems“, welches die Asyl-und Einwanderungspolitik sei und die Integrationspolitik von Ausländern, die bereits in Deutschland wohnen.
Eine mögliche Integrationsbemühung findet man laut Sommer etwa in dem neuen amerikanischen Modell der Integration, nämlich der „Salatschlüssel“, in dem die einzelne Bestandteile des Salats gemeinsam im „American Dressing“ schwimmen, sich aber nicht auflösen. Genau dieses Dressing sind die Grundwerte, die für alle verbindlich sind. Diese definiert Theo Sommer wie folgt:
1. das Bekenntnis zur demokratischen Grundordnung und zum Verfassungsstaat,
2. praktizierte Toleranz und
3. eine gemeinsame Sprache, die das Funktionieren und die Kohäsion der Gesellschaft fördert.
Die einzelnen Migrantengruppen könnten dabei ihre kulturellen Eigenschaften behalten, allerdings dürften daraus keine Ghettos entstehen. Es darf nur eine einzige Rechts- und Verfassungskultur geben und deshalb darf es keine islamische Scharia neben dem Bürgerlichen Gesetzbuch geben. Sommer leitet daraus eindeutig fest: „Integration bedeutet zwangsläufig ein gutes Stück Assimilation an die deutsche Leitkultur und deren Kernwerte.“ Zwei Jahre später veröffentlicht Theo Sommer in der Wochenzeitung „Die Zeit“ in der Ausgabe 02/2000, nachdem Friedrich Merz den Begriff „Leitkultur“ ihn als Schöpfer des Begriffes Leitkultur bezeichnet, den Artikel „Einwanderung ja, Ghettos nein - Warum Friedrich Merz sich zu Unrecht auf mich beruft“ und betont noch einmal, dass Integration zwangsläufig ein gutes Stück Assimilierung sei. Dabei beruft er sich auf Bassam Tibi: „Ich weiß nicht mehr, woher ich den Begriff damals hatte. Vielleicht ja von Bassam Tibi, der ihn 1998 in seinem Buch Europa ohne Identität formulierte und mit dem ich zu jener Zeit gelegentlich bei
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öffentlichen Diskussionen auf einem Podium saß.“ (Sommer, Die Zeit 2000). Betont aber ausdrücklich, dass er nicht die Position Tibis vertrete. Tibi ist gegen Assimilation, sondern für Integration. Diese machen es mögliche eine multiple, das heißt kulturell vielfältige Identität zu besitzen.
Drei Themen sind aber konsensfähig geworden:
1. Es geht nicht um Kultur im eigentlichen Sinne. Sondern nur um die politische Kultur des demokratischen Gemeinwesens, wie sie sich in den ersten zehn Artikeln des Grundgesetztes ausdrückt
2. Kultur ist Gewordenes, aber zugleich ist immer im Werden. Die Einwanderer der Zukunft werden ein Stück Deutschland werden, aber im gleichen Takt wird Deutschland, wird deutsche Kultur ein Stück von ihnen annehmen.
3. Jede Gemeinschaft braucht ein Bewusstsein für Identität. Wenn eine Leitkultur, dann eine europäische Leitkultur.
„Europa ohne Identität?“ - Leitkultur nach Bassam Tibi
Im Vorwort der neuen Auflage des Buches „Europa ohne Identitäten“ geht der Göttinger Professor Bassam Tibi auf die Debatte um die Leitkultur ein und betont, dass es sich um ein Konzept der Integration handelt, welches nicht mit Assimilation verwechselt werden darf. Es handelt sich bei der Leitkultur um „Orientierung, eine Art Leitfaden in Form eines Wertekonsens über zivilisatorische europäische Werte wie säkulare Demokratie, individuelle (nicht kollektive) Menschenrechte, Zivilgesellschaft, Toleranz sowie religiösen und kulturellen Pluralismus.“ Das heißt, es handelt sich nicht um deutsch-nationale Implikationen. Im Kern und verkürzt, definiert Bassam Tibi die europäische Leitkultur wie folgt: “(…) Demokratie, Menschenrechte, Primat der Vernunft gegenüber jeder Religion, Trennung von Religion und Politik in einer zugleich normativ wie institutionell untermauerten Zivilgesellschaft, in der der Toleranz - bei Anerkennung von bestimmten allgemeinen Spielregelngegenseitig gilt und ausgeübt wird.“ (Tibi 1998, 56) 1
Zusammenfassung
Wie unterschiedlich diese Wahrnehmung von der Öffentlichkeit und auch von den einzelnen Hauptprotagonisten der Leitkultur aufgenommen wurde, so ähneln sie tatsächlich einander bis auf einige Nuancen. Bassam Tibi spricht von Integration, Theo Sommer von teilweiser Assimilation. Auch hier werden abstrakte Begriffe gewählt, die eine ausführliche und differenzierte Erklärung benötigen. Deshalb ist es notwendig, auf den Soziologieprofessor Hartmut Esser zu verweisen, auf dem im Laufe dieser Hausarbeit näher eingegangen wird. Friedrich Merz fordert, die deutsche Sprache sei notwendig für die Integration und das Verhindern von Parallelgesellschaften. Allerdings schließt der Begriff „Parallelgesellschaft“ auch die „Arbeiterviertel“, „sozialen Brennpunkte“ und die reichen „gated communities“ ein.
1 An dieser Stelle sei noch einmal erwähnt, dass Bassam Tibi der Wortschöpfer des Begriffes Leitkultur ist. Merz und Sommers Definitionen und inhaltliche Erklärungen könnten aus dem Buch „Europa ohne Identität?“ von Bassam Tibi entstammen. Aus Gründen der Übersicht werden die Definitionen, die bereits in den Absätzen davor beschrieben wurden, nicht noch einmal ausführlicher genannt. Das Buch sei ausdrücklich denjenigen zu empfehlen, der sich intensiver mit der Thematik beschäftigen will.
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Meint Friedrich Merz auch diese sozialen Parallelgesellschaften oder meint er die Ausbildung einer ethno-religiösen Sub-Nation in Deutschland, die Tibi als „Ghetto-Islam“ bezeichnet? Um eine Analyse vornehmen zu können, wird vorrangig die Leitkultur-Definition von Bassam Tibi untersucht. Die wären zusammengefasst: „Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft” (Tibi 1998, 154). Weiterhin die Begriffe: Soziale Marktwirtschaft, deutsche bzw. gemeinsame Sprache und keine Parallelgesellschaften bzw. keine Ghettoisierung. Ebenso die weitere Feststellung Theo Sommers: „Die Einwanderer der Zukunft werden ein Stück Deutschland werden, aber im gleichen Takt wird Deutschland, wird deutsche Kultur ein Stück von ihnen annehmen.“ Diese Postulate werden auf ihre Existenz in der vietnamesischen Diaspora untersucht.
Die Vietnamesen in Deutschland
Die Geschichte der großen vietnamesischen Flüchtlingsströme begann erst nach der kommunistischen Machübernahme und dem Fall von Saigon im April 1975 in Südvietnam. Vorerst waren überwiegend vietnamesische Gaststudenten aus der Oberschicht von Süd- und Nordvietnam in der Bundesrepublik und der DDR. Nach dem Ende des Vietnamkrieges wurde den vietnamesischen Gaststudenten in der Bundrepublik politisches Asyl gewährt. Danach gab es zwei große Migrationsströme:
1. Die Bootsflüchtlinge, die nach West-Deutschland geflüchtet sind und 2. die Gruppe der Vertragsarbeiter, die seit 1980 in der DDR beschäftigt waren und nach dem Zusammenbruch der DDR in Ostdeutschland geblieben sind.
Es handelt sich bei den beiden Gruppen zwar um eine gemeinsame Ethnizität, allerdings muss hier differenziert werden, denn es bestehen deutliche Unterschiede im historischen Kontext, in den aktuellen Lebensbedingungen und ihrem sozialen Selbstverständnis, was sich später herausstellen wird.
„boat people“
Etwa 38.000 Bootsflüchtlinge kamen in den Jahren nach 1975 in die Bundesrepublik und flohen vorwiegend vor der kommunistischen Herrschaft und der wirtschaftlichen Not in Südvietnam. Es handelte sich um Flüchtlinge, etwa um Angehörige einer chinesischen Minderheit, Kaufleute oder Mitglieder der Ober- und Mittelschicht. Sie flüchteten vorwiegend auf kleinen Booten über das Südchinesische Meer. Flüchtlinge, die von Handelsschiffen geborgen wurden, wurden vorwiegend in Auffanglanger der asiatischen Nachbarländer gebracht. Für internationales Aufsehen sorgte besonders das Rettungsschiff „Cap Anamur“, welches unter Deutschen Flagge und mit Unterstützung von Rupert Neudeck und Heinrich Böll vietnamesische Flüchtlinge im Südchinesischen Meer aufgenommen hatte. (Rupert 2002) Im Rahmen eines Hilfsprogrammes des UNHCR 2 durften festgelegte Kontingente an Flüchtlingen in Deutschland Asyl beantragen und bekamen Bleiberechte, ohne dass sie sich zuvor einem Anerkennungsverfahren unterziehen mussten. Zwischen 1979 und 1990 bekamen die Bootsflüchtlinge eine auf fünf Jahre befristete Aufenthaltsgenehmigung und auf Antrag eine unbe-
2 HoherFlüchtlingskommissar der Vereinigten Nationen
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fristete Aufenthaltsgenehmigung (Bethnschneider 1995). Nachdem die Höhe dieser Kontingente gegen 1981 ausgeschöpft war, war es der „Cap Anamur“ und anderen Hilfsorganisationen untersagt weitere Flüchtlinge aufzunehmen. Daraufhin kommentierte die Münchner Zeitung:
„Bitteres Fazit: Auf diese Weise ersparen wir den ungeliebten Wesen aus einer anderen Welt ein Leben in einem fremden Kulturkreis, in einem unbekannten Sprachraum und in einer Leistungsgesellschaft, deren Prinzipien sie ohne nicht verstehen würden und deren grausigen Leistungen in der jüngsten Vergangenheit es war, sechs Millionen Andersgläubiger und Andersgesichtiger zu erschlagen, erwürgen, erschießen, vergasen und ertränken.“ (Rupert 2002)
Kann man bereits anhand dieses Kommentares aus dem Jahre 1981 entnehmen, dass das Leben in Deutschland eine gewisse „Leitkultur“ benötigt, damit die vietnamesischen Bootsflüchtlinge auf Akzeptanz in der deutschen Gesellschaft treffen? Dieses wäre dann die Fremdheit des Kulturkreises zu überwinden, die Sprache zu sprechen und Leistung zu erbringen. Diese vorläufige Feststellung benötigt vorerst keine weitere Kommentierung.
Ökonomische Integration
Die Bootsflüchtlinge, die in der Bundesrepublik aufgenommen wurden, wurden als Asylbewerber anerkannt und somit in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht den deutschen Bundesbürgern gleichgestellt. Dies beinhaltete auch, dass ihnen Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse erteilt wurden, die Förderung von beruflicher Aus- und Weiterbildung sowie Umschulungen, soziale Betreuungen und Beratung und auch im Zuge des Bundesausbildungsfördergesetzes Studienplätze finanziert wurden. (Wolf 2007) Die erste Generation der Migranten war zu Beginn der 80er Jahre noch auf staatliche Transferleistungen angewiesen, haben sich aber schnell bemüht finanziell unabhängig zu werden und in bezahlte Beschäftigungsverhältnisse einzutreten (Beuchling 2001, 106). Ihre ökonomische Integration war anfänglich schwierig, da sowohl sprachliche als auch berufliche Kenntnisse der Flüchtlinge nicht ausreichten, um qualifizierte Arbeitsplätze einzunehmen (Behörde für Arbeit 1981). Die Kenntnisse, die aber mitgebracht wurden, beispielsweise als Näherinnen oder Automechaniker konnten vom Arbeitsamt indes schwer vermittelt werden, da die entsprechende Industrie fehlte oder die Qualifikationen nicht der deutschen Norm entsprachen. Als Folge dieser hohen Sozialintegrationsbemühungen der Bundesrepublik und der günstigen Arbeitsmarktsituation in den 80er Jahren konnten die ehemaligen Bootsflüchtlinge sich in den vergangenen dreißig Jahren als Gruppe gut an die deutschen Lebensverhältnisse anpassen. Sie kann als eine wirtschaftlich etablierte Gesellschaft charakterisiert werden. (Beuchling 2001, 109). Charakterisik dabei ist, dass viele ehemalige Bootsflüchtlinge tendenziell eher als Arbeitsnehmer in deutschen Unternehmen beschäftigt sind, als eine selbstständige Tätigkeit nachgehen.
Bildungsaspiration und Bildungserfolg
Die vietnamesische Einwandergruppe gilt als eine besonders erfolgreiche Bildungsgruppe. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ beschreibt in ihrer Ausgabe vom 22.10.2009: „Über 50 Prozent ihrer Schüler schaffen den Sprung aufs Gymnasium. Damit streben mehr vietnamesische Jugendliche zum Abitur als deutsche. Im Vergleich zu ihren Alterskollegen aus türkischen
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oder italienischen Familien liegt die Gymnasialquote fünfmal so hoch.“ (Spiewak 2009) Hier wird keine Differenzierung zwischen den beiden vietnamesischen Migrantengruppen vorgenommen. Beuchling schildert in seiner Feldforschung über die vietnamesischen Bootsflüchtlinge in Hamburg: „Obwohl sie zumeist ohne oder nur mit geringen Deutschkenntnissen eingeschult wurden, gelang es ihnen, sich vergleichsweise zügig im Hamburger Bildungssystem zu behaupten. Am Beispiel der Untersuchungsschulen wurde aufgezeigt, dass vielen der Wechsel auf ein Gymnasium gelang und sie sich mit guten Leistungen behaupten konnten.“ (Beuchling 2001, 152f) Die Gründe für diese hohe Bildungsaspiration der ersten und zweiten Generation sind vorwiegend kulturell bedingt. In Vietnam gilt Bildung als ein hohes Privileg und Statussymbol, aber auch die Erkenntnis, dass Bildung gegen Ausbeutung und den Weg aus der Armut öffnet. 3
Sprachliche Integration
Der gute Bildungserfolg der Vietnamesen ist sicherlich auf die sprachliche Integration zurück zuführen. Für die Kinder und Jugendliche, die in der Bundesrepublik geboren sind oder als Kleinkind in die BRD kamen, gestaltet sich der Erwerb des Deutschen eher unproblematisch. Auch wenn in den Elternhäusern Vietnamesisch gesprochen wird, stellt sich mit der Einschulung in die Grundschule keine nennenswerte Barriere dar, gerade deshalb weil vietnamesische Eltern bemüht sind ihre Kinder zuvor Kindergärten besuchen zu lassen (Beuchling 2001). Problematischer hingegen, bei der Gruppe von Jugendlichen und jungen Erwachsene, die für einige Jahre die Schule in Vietnam besucht hatten und dann als Seiteneinsteiger in die Schule kamen. Die deutsche Regierung war deutlich bemüht jener Zielgruppe kostenlosen Sprachförderkurse anzubieten (Wolf 2007). Schwieriger hingegen hatten es besonders die Vietnamesen, die keine Auffang- oder Vorbereitungsklasse besucht hatten, indem Deutsch als Fremdsprache unterrichtet wurde. Eklatante Bedingungen hatten es die Vietnamesen gehabt, die im erwachsenen Alter nach Deutschland gekommen sind. Sie sprechen bis heute sehr wenig bis gar kein Deutsch. Eine Sozialarbeiterin äußert sich dazu: „Aber die alten Vietnamesen, die hängen. Die hängen, weil sie nicht Deutsch gelernt haben. (…). Das waren zum Teil Analphabeten, die können nach soundso viel Jahren nicht Deutsch sprechen, können nicht lesen, sie können nicht schreiben.“ (Beuchling 2001, 101). Diese sprachlichen und auch kulturellen Barrieren haben es auch erschwert, dass die älteren Vietnamesen auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß fassen konnten. Sie sind auf Sozialhilfe angewiesen oder werden von ihrer Familie finanziell unterstützt. Hier kann von deutlicher Marginalität, nämlich das Fehlen von jeder Sozialintegration, gesprochen werden.
Austausch mit der deutschen Bevölkerung
Durch die vielen Medienberichte über den Vietnamkrieg und deren Folgen waren viele Deutsche erschüttert. 4 Besonders groß waren deshalb die Aufmerksamkeit und die Akzeptanz, die man den Flüchtlingen anfänglich entgegenbrachte. Besonders zur Weihnachtszeit 1979 stieg
3 Hier sei ausdrücklich die Dissertation von Olaf Beuchling im Zuge der interkulturellen Bildungsforschung über den schulischen Erfolg der vietnamesischen Exilgemeinschaft in Hamburg mit dem Titel „Vom Bootsflüchtling zum Bundesbürger“ zu empfehlen.
4 Besonders jene Angehörige der idealistischen 68er Generation, die auf den Straßen Deutschlands „Ho, Ho, Ho, Ho Chi Minh“ gerufen hatte und für die kommunistische Bewegung in Vietnam und gegen den „Amerikanischen Imperialismus“ demonstriert hatte. Sie mussten nun die Bilder der hilfslosen vietnamesischen Bootsflüchtlinge auf dem Südchinesischem Meer wahrnehmen, die ihre Heimat verlassen mussten und dabei den Tod in Kauf nehmen mussten.
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die Anzahl der Spenden und Einladungen, die an das Wohnheim gerichtet wurden, noch einmal an. (Beuchling 2001, 93). Das Interesse, das den Flüchtlingen von breiten Teilen der Öffentlichkeit entgegengebracht wurde, zeigte sich auch in der anfänglichen Resonanz auf die Vermittlung von Patenschaften. Die Paten sollten den Flüchtlingen bei der Bewältigung von alltäglichen Aufgaben wie dem Wohnungsbezug, dem Gang zum Arbeitsamt oder dem Verfassen von Bewerbungen helfen und ihnen Gelegenheit bieten, soziale Kontakte und auch deutsch-vietnamesische Freundschaften aufzubauen. Es gab auch Missverständnisse und Schwierigkeiten, die aus abweichenden Erwartungen an die Patenschaften resultierten und z. B. einer Erzieher-Schützling-Beziehung glich. (ebd., 95) Fremdenfeindliche Auseinandersetzungen mit den vietnamesischen Migranten waren durchaus vorhanden, gehörten allerdings zur Ausnahme.
Zusammenfassung
Es lässt erkennen, dass die Sozialintegration der vietnamesischen Bootsflüchtlinge in das Aufnahmeland die Sprache und die strukturelle Assimilation in das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt sind. Hartmut Esser meint, dass die Sozialintegration ein Prozess über Generationen hinweg ist und bei der ersten Generation keine großen Schritte zu erwarten sind. Dieses trifft hier nicht zwingend zu, denn die erste Generation konnte durch die Bemühungen der westdeutschen Regierung und der Gesellschaft in Form von Patenschaften und kostenlosen Sprachkursen sich integrieren. Sie erwarb Wissen über die deutsche Gesellschaft und berufliche Fertigkeiten, sowie die deutsche Sprache („Kulturation“), konnte sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt integrieren („Platzierung“) und es kommt zum geringen Kontakt mit der deutschen Bevölkerung („Interaktion“). Beuchling stellt anhand von narrativen Interviews über die zweite Generation der Bootsflüchtlinge fest: „Die jüngere Generation habe sich in ihrer Einstellung, Verhaltensweisen und kulturellen Kompetenzen stärker an die Mehrheitsgesellschaft angeglichen. Jüngere Vietnamesen orientieren sich im Vergleich zu älteren Jahrgängen stärker am europäischen Leben, bezeichnen sich als moderner und weniger traditionsbewusst.“ (Beuchling 2001, 111). Daraus ableiten kann von kultureller (Erlernen und Verwenden der Sprache des Aufnahmelandes), struktureller (sozialer Aufstieg im Aufnahmeland) und von sozialer (interethnische Freundschaft) und emotionaler (Identifikation mit dem Aufnahmeland) Assimilation der zweiten Generation gesprochen werden.
Die vietnamesischen Vertragsarbeiter in der DDR
Die Situation der Vertragsarbeiter ist eine andere als die der Bootsflüchtlinge. Die Vertragsarbeiter kamen in die DDR auf Grundlage des bilateralen Abkommens zwischen der den beiden kommunistischen Regierung der DDR und der Regierung der Sozialistischen Republik Vietnam vom 11. April 1980. (Nguyen 1995). In diesem Jahr kamen etwa rund 1.500 Personen in der DDR. Es wurden bevorzugt ehemalige Soldaten, Nachkommen von Widerstandskämpfern und Witwen von jungen Soldaten eingesetzt (Dennis 2005), später aus allen sozialen Schichten. Die Zahl der in der DDR beschäftigen Vertragsarbeiter wuchs bis auf rund 60.000 Personen im Jahre 1989. In der Regel war ein Aufenthalt von fünf Jahren vorgesehen (Wolf 2007). Für beide Länder gab es jeweils mehrere Gründe für die Rekrutierung vietnamesischer Arbeitskräfte. Für die DDR konnte somit der Bedarf an Arbeitskräften gedeckt und die Produktion erhöht werden. Da die vietnamesischen Vertragsarbeiter nur zum Arbeiten in die DDR geholt wurden sind, war keine Sozialintegration vorgesehen. Um eine Rückkehr
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nach Vietnam sicherzustellen, durfte in der Regel nur ein Mitglied der Familie in die DDR geschickt werden. Nach dem Zusammenbruch der DDR kehrte ein bedeutender Teil der Vietnamesen zurück. Rund 34.000 der 60.000 Vertragsarbeiter nahmen die angebotene Abfindung von 3.000 DM in Anspruch und gingen nach Vietnam zurück. Gründe waren u. a. die Perspektivlosigkeit, die Ausländerfeindlichkeit und einer allgemeinen Orientierungslosigkeit der Ostdeutschen.
Ökonomische Integration?
Für den Arbeitseinsatz in der DDR gab es keine ausreichende Vorbereitung, weder in Vietnam noch in der DDR. Die Vertragsarbeiter hatten lediglich ein Anrecht auf einen maximal dreimonatigen Lehrgang. Die Vertragsarbeiter wurden überwiegend in der Textil-, Bau- und Metallindustrie eingesetzt. Der Tariflohn war zwar gleichgestellt mit denen der deutschen Kollegen, welche in der DDR-Währung bezahlt wurde. Allerdings beanspruchte das Abkommen von 1990, dass 12% des Lohnes direkt an die vietnamesische Regierung abgeführt werden sollte; ohne entsprechende Gegenleistung. Zusätzlich war eine Zwangsmitgliedschaft beim „Freie Deutschen Gewerkschaftsbund“ 5 und entsprechende Zahlungen von Mitgliedsbeiträgen notwendig. Da die vietnamesischen Vertragsarbeiter, ihren Aufenthalt in Deutsch-land als eine Chance ansahen, ihre Familie in Vietnam finanziell zu unterstützen und nach ihrem Aufenthalt mit ihrem Ersparten eine selbständige Existenz aufbauen zu können, sparten sie ihr Geld. Da die DDR-Währung außerhalb der DDR wertlos war, mussten die Vertragsarbeiter ihr Geld in ausländische Devisen wechseln oder Güter wie Mopeds oder Elektroware nach Vietnam transferieren, was illegal war. Zusätzlich hatte eine sehr hohe Anzahl von Vietnamesen noch einen selbstständigen Heimarbeitsjob. Sie haben Jeanshosen genäht und sie an die Ostdeutschen verkauft, die deren Dienstleistungen sehr oft in Anspruch genommen hatten. (Feige 1999, 82-93)
Nach dem Zusammenbruch der DDR verloren die vietnamesischen Vertragsarbeiter ihre Arbeitsstelle. Da sie das komplizierte bundesdeutsche Ausländer-, Staatsbürgerschafts- und Arbeitsrecht nur schwer durchschauten, blieb ihnen der Zugang zur Arbeit und zu anderen sozialen Ressourcen, die ihren Unterhalt hätten sicher können, zunächst verwehrt. Außerdem waren sie nach Ablauf der aus der DDR-Zeit stammenden Arbeitsverträgen nach der Wende ohne Aufenthaltsstatus (Wolf 2007). Aus der UdSSR, der CSSR und Bulgarien zogen hingen andere vietnamesische Vertragsarbeiter illegal zu. Die nicht unerhebliche Zuwanderung führte Anfang der 90er Jahre dazu, dass die Vietnamesen negative Schlagzeile u. a. im Zigarettenschmuggeln machten. Die Asylanträge derer wurden zwar abgelehnt, die neu ins Land gekommen Vietnamesen konnten aber nicht abgeschoben werden, weil Vietnam ihre Aufnahme verweigerte. Sie erhielten den de-facto-Status Duldung. Viele Vietnamesen mussten ihre Existenz damals, und auch teilweise noch heute, durch illegalen Zigarettenhandel bestreiten und waren in mafiöse Strukturen eingebunden.
Durch die Änderung der rechtlichen Verankerung des Aufenthaltsstatus der ehemaligen Vertragsarbeiter vom 14. Mai 1993 konnten sie eine befristete Aufenthaltsbefugnis erhalten, wenn sie bis zum April 1994 u. a. eine Arbeit nachweisen konnten, keine Straffälligkeiten vorlagen und keine Sozialhilfe bezogen wurde. Wer bis zum April 1994 keine Arbeit nachwei-
5 Der„Freie Deutsche Gewerkschaftsbund“ (FDG) war der Dachverband von 15 Einzelgewerkschaften in der DDR und war Bestandteil, sowie Instrument des politisch-ideologischen Machtgefüges der SED.
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sen konnte, wurde bis auf weiteres geduldet. Folge dieser Bleiberechtsregelung von 1993 war, dass die Mehrzahl der verbliebenen Vertragsarbeiter nach und nach auf eine legale Beschäftigung umstieg und sich zumeist selbstständig machte. Deswegen ist eine deutlich höhere Anzahl an Vietnamesen in Ost-Deutschland selbständig. Durch die Selbständigkeit liegen keine offiziellen Statistiken vor, allerdings geht der Verfasser davon aus, dass das Einkommen nur minimal gesichert ist.
Sprachliche Integration?
Bedingt durch den Migrationshintergrund der vietnamesischen Vertragsarbeiter gab es keine großen Bemühungen der sprachlichen Integration bzw. kulturellen Assimilation. Es gab zwar Sprachkurse für die Vietnamesen, allerdings waren sie nur darauf bestimmt, das für die Fabrikarbeit notwendige Vokabular zu vermitteln. Teilweise wurden die vietnamesischen Arbeiter innerhalb ihres ethnischen Netzwerkes eingesetzt, die auch von einem vietnamesischen Gruppenführer geleitet wurde. Meist sprach nur dieser ein wenig Deutsch und fungierte als Dolmetscher. Bis heute spricht der Großteil der ehemaligen Vertragsarbeiter deshalb nur ungenügend Deutsch. Es wird vermutet, dass auch heute im Raum Berlin-Brandenburg nicht mehr als 10-15% der ehemaligen Vertragsarbeiter über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen, um sich selbstständig mit ihrem deutschen Umfeld verständigen können (Weiss 2005, 85). Nach der Wende erlaubte auch der Rechtstatus der Duldung nur die Teilnahme an kommerziellen Sprachkursen, was viele Vietnamesen nicht Anspruch genommen haben. Anders hingegen bei den Kindern der ehemaligen Vertragsarbeiter. Da die Eltern kurz vor der Wende erst Kinder bekommen durften, ist die zweite Generation bereits in Deutschland ge-boren oder im Zuge der Familienzusammenführung nach Deutschland gekommen. Dabei ist deren Sprachintegration identisch mit den Kindern der ehemaligen Bootsflüchtlinge. Die zweite Generation spricht perfekt Deutsch. Allerdings spricht die zweite Generation wenig bis gar kein Vietnamesisch, da durch die verbundene Selbstständigkeit und der extensiven Arbeitszeiten der Eltern kaum Zeit für die Kinder bleibt. Fast alle Kinder und Jugendliche, selbst wenn sie Vietnamesisch sprechen, verfügen nicht über die vietnamesische Schriftsprache. Dieses Phänomen ist in dieser Form sicherlich einmalig unter den in Deutschland lebenden Migranten (Weiss 2005, 87). Die schulische Integration der Kinder führt aber zwangsläufig auch zu anderen Werten und Normen der Kinder in anderen Lebensbereichen, die liberaler und weltoffener sind, was sich nicht mit den traditionellen Werten der Eltern deckt. Es kommt zu vielen Problemen innerhalb der Familienstruktur.
Kontakt mit der ostdeutschen Bevölkerung?
Ostdeutsche und Vietnamesen kamen durchaus als Kollegen am Arbeitsplatz zusammen, als Teilnehmer an Fußballspielen und anderen von Betrieb oder der FDGB organisierte Freizeitaktivitäten (Dennis 2005, 36). Auch suchten Ostdeutsche die Vietnamesen auf, um Jeanshose oder andere Waren zu kaufen. Trotzdem war eine Integration der Vertragsarbeiter in die ostdeutsche Gesellschaft weder von der vietnamesischen noch von der DDR-Regierung vorgesehen und auch geduldet. Die Arbeiter wurden in firmeneigenen Wohnheimen untergebracht und kontrolliert. Die Kontrollen erstreckten sich auf alle Lebensbereiche, wodurch die Isolation der Vertragsarbeiter von den anderen Arbeitskollegen und ihrer Wohnungswelt noch verstärkt wurde. Hinzu kam die Überwachungen der Vertragsarbeiter durch Polizei-und Sicherheitsbehörden der DDR. In dem bilateralen Abkommen wurde es den Vertragsarbeiter untersagt Vereine zu gründen oder sich politische zu engagieren (Wolf 2007). Noch gravierender war die Auflage, bei einer Schwangerschaft das Kind abzutreiben, ansonsten
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drohte die Abschiebung. Dazu heißt es in einer handschriftliche Notiz des MfS: „2.Schwangerschaftsregelung (SRV) - Politischer Grund: politische Belastung für DDR können nicht geduldet werden… - DDR kann keine Großzügigkeit zulassen“ (Feige 1999). Wie bereits erwähnt, war das Ziel des Aufenthaltes der vietnamesischen Vertragsarbeiter ihr Einkommen zu steigern und deshalb lag es nahe, durch Überstunden und Heimarbeit zusätzlichen Gewinn zu erzielen. Die Sprachbarriere förderte den interkulturellen Austausch nicht. Trotz der nahezu vollständigen sozialen Isolation waren sie Opfer von Beschimpfungen und Hass der ostdeutschen Gesellschaft. Diese wurden geschnürt von den Anrechten der Vertragsarbeiter auf gewisse Sachleistungen, die sie nach Hause schicken bzw. mitnehmen durften. Sie konkurrierten direkt mit den DDR-Bürgern um die ohnehin knappen Güter. Es kam gelegentlich zu zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Deutschen und Vietnamesen. Diese Tendenz wurde von den beiden Staaten nicht unterstützt, weswegen es keine staatliche Unterstützung gab, wenn die Absicht bestand zu heiraten. Nach dem Zusammenbruch der DDR gab es plötzlich ein Überangebot an Arbeitskraft. Einige der ehemaligen DDR-Kollegen sahen daher in den Ausländern nur noch die ungeliebten Konkurrenten (Feige 1999, 122).
Bildungsaspiration und Bildungserfolg
Die Vertragsarbeiter kamen bereits als Erwachsene nach Deutschland und wurden als Arbeiter sofort eingesetzt. Eine Berufsausbildung für junge Vertragsarbeiter gab es zwar, um die „Brüderlichkeit der sozialistischen Länder“ zu demonstrieren, allerdings wurde sie de facto nur propagiert. Obwohl die ostdeutsche Gesellschaft sich von den Vertragsarbeitern distanzierte und sich die Vertragsarbeiter gezwungenermaßen räumlich und sozial segmentiert haben, müsste der Erfolg bei der Folgegeneration gering sein. Esser spricht von einer „Mobilitätsfalle“, nämlich dem freiwilligen Verzicht auf riskante, letztlich aber erfolgreiche Investitionen in die Voraussetzung einer nachhaltigen strukturellen Assimilation. Das gilt besonders bei der Bildung, denn sie ist vorerst wenig erfolgversprechend (Esser 2001). Trotzdem entsprechen die vietnamesischen Vertragsarbeiter nicht der Normalität. Dies lässt sich an der Anzahl der Stipendiaten des Förderwerks für begabte Migranten der Start-Stiftung erkennen: 30% der Stipendiaten aus Ostdeutschland sind Nachkommen der vietnamesischen Vertragsarbeiter (Spiewak 2009). Die Gründe, die Ursachen und das Ergebnis sind identisch mit denen der zweiten Generation der Bootsflüchtlinge in Deutschland: Bildung hat in der vietnamesischen Kultur einen hohen Stellenwert. Sie haben kulturell erkannt, dass die Bildung den Weg für viele Chancen auf dem Arbeitsmarkt öffnet.
Zusammenfassung
Die ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeiter haben durch ihre Selbständigkeit in der Gastronomie, im Blumenhandel oder im Schönheitsbereich zwar Kontakt mit der deutschen Gesellschaft, allerding ist eine sprachliche und kulturelle Interaktion nur begrenzt möglich. Sie sind in gewisser Weise in die deutsche Gesellschaft ökonomisch integriert. Die zweite Generation kann als kulturell, strukturell, sozial und emotional in die deutsche Gesellschaft assimiliert bezeichnet werden. Allerdings gelingt ihnen nicht die Mehrfachintegration, nämlich die kulturelle Integration in die vietnamesische Gesellschaft und in die deutsche Gesellschaft.
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Abschließende Betrachtung und Implikation für die deutsche Migrationspolitik
Das Ziel dieser Ausarbeitung war es, nach einer Leitkultur innerhalb der vietnamesischen Diaspora in Deutschland zu suchen. Dieses Ziel ist im Laufe dieser Analyse etwas ins Abseits getreten. Das hat folgende Gründe: Die politische Leitkultur ist ein Integrationskonzept. Die Leitkultur entdecken zu wollen bedeutet nach einem Integrationskonzept zu suchen. Dieses liegt bei den vietnamesischen Bootsflüchtlinge vor: Patenschaftsmodelle, Anerkennung als Asylanten, Umschulung-, Ausbildung- und Studiumsmöglichkeiten und eine offene Aufnahmegesellschaft. Sie sind von dem Kommunismus und der Unfreiheit geflüchtet, sind deshalb überzeugte Demokraten und Menschenrechtler. Andersrum findet man kein Integrationskonzept bei den vietnamesischen Vertragsarbeitern: Kein Rechtsstatus als Asylanten, sie wurden „geduldet“, keine Sprachkurse, keine Ausbildung, bewusste Isolation und Segmentation, fremdenfeindliche Aufnahmegesellschaft und der Rutsch in die Marginalität. Aber gerade deshalb, weil sie in ihrem ethnischen Netzwerk geblieben sind und an ihren Werte festgehalten haben, konnte sich die zweite Generation kulturell assimilieren. Die unterschiedlichen Grundvoraussetzungen der beiden Migratengruppen und das gleiche Ergebnis sprechen eine deutliche und klare Sprache: Bildung ist der Königsschlüssel der Integration. Wo entdeckt man aber nun die „europäische Leitkultur“, die die zweite Generation angeblich lebt? In der Schule. Ihre Unterrichtsfächer heißen: Politik, Geschichte, Erdkunde oder Deutsch und ihre Themen lauten: Französische Revolution, Nationalsozialismus, Aufklärung oder die Krise der Sprache. Dort wird den Kindern Freiheit und das Bekenntnis zur Demokratie gelehrt - und zwar auf Deutsch. Toleranz, Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, die freie Meinungsäußerung wird in deutschen Schulen praktiziert und vorgelebt. Die Vietnamesen sind hauptsächlich Buddhisten, eine missionarisch und monothetisch Lehrtradition, weshalb andere Religionen neben der eigenen Religion existieren dürfen. Um aber ethnoreligiöse Subnationen in Deutschland zu verhindern, wie sie beispielsweise bei der türkischen Diaspora vorhanden sind, sollte man einem konfessionsfreien Religionsunterricht anbieten, der moralisch und ethnische Fragen, sowie verschiedene religiöse Auffassungen der Welt aufgreift.
Eine politische Leitkultur ist nach Meinung des Verfassers zwar notwendig: Sie zu definieren braucht aber keine weitere Bemühung; sie ist bereits in den Lehrplänen der Kultusminister verankert. Notwendinger ist eher die Debatte, wie man die Kinder dieses Landes und der gesamten Welt in die Schule bekommt und ihnen den Weg zur höheren Bildung öffnet. Die Vietnamesen haben es aus ihrer Not heraus vorgemacht und ihre Kinder in den Kindergarten geschickt und somit ihre Sprösslinge - obwohl ihnen Bildung selbst fremd ist - zur Bildung ermahnt. Dabei ist mit der Ermahnung zur Bildung noch nicht ausgedient, sondern es müssen ausreichend Kindergärtenplätze vorhanden sein, die von jedem Kind in unserer Gesellschaft genutzt werden dürfen. Parallelgesellschaften abzuschaffen heißt die Ursachen zu bekämpfen. Sie heißen Armut, Arbeitslosigkeit, Chancen- und Bildungsungleichheiten. Ganztagsschulen und auch Gesamtschulen - in denen der leistungsstarke Schüler dem leistungsschwachen Schüler hilft - sind eine sinnvolle Möglichkeit dazu.
Die „europäische Leitkultur“ haben die ehemaligen Bootsflüchtlinge und die zweite Generation der Vietnamesen sich angeeignet, ob sie es freiwillig oder unfreiwilligen taten, sei dahin gestellt. Aber der Weg zum schulischen und beruflichen Erfolg sorgte für eine „stückweite Assimilation“ an die Mehrheitsgesellschaft.
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Literaturverzeichnis
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Arbeit zitieren:
Khoa Ly, 2010, Die europäische Leitkultur in der vietnamesischen Diaspora?, München, GRIN Verlag GmbH
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