1. Hinführung 3
1.1 Der Konstruktivismus: Wissen und Wirklichkeit 3
1.2 Der Konstruktivismus: Erkennen und Wissen 4
1.3 Siri Hustvedts Roman The Blindfold: eine konstruktivistische Lesart 6
2. Objekte, Sprache und Wirklichkeit 6
2.1 Mr. Morning und das Ding an sich 6
2.2 Die Unzulänglichkeit der Sprache 8
3. Psychische Erkrankung und Wirklichkeit 10
3.1 Gesund in kranker Umgebung 10
3.2 In der Ausweglosigkeit: Mrs. O. 12
3.3 Verrückt durch die Umgebung: Iris 13
4. Abschließende Überlegungen 15
5. Literaturverzeichnis 17
2
Die Ausgangsbasis für den radikalen Konstruktivismus bietet die folgende epistemologische Frage: Wie erlangen wir Kenntnis von der Wirklichkeit und wie verlässlich und wahr ist diese? Die traditionelle Erkenntnislehre erzeugt ein Problem, indem sie den Begriff der Wahrheit wie folgt formuliert: Wahrheit ist das, was mit der absolut unabhängig konzipierten, objektiven Wirklichkeit übereinstimmt. Wissen ist also nur dann Wissen, wenn es die Welt erkennt, wie sie ist.
Eben hier besteht ein radikaler Unterschied zwischen der konventionellen und traditionellen Erkenntnislehre und dem radikalen Konstruktivismus, nämlich im Verhältnis von Wissen und Wirklichkeit: bildhafte (ikonische) Übereinstimmung beziehungsweise Korrespondenz auf der einen, Anpassung im funktionalen Sinne (Viabilität) auf der anderen Seite.
Der Gedanke der Anpassung in der konstruktivistischen Erkenntnistheorie entspricht dem der Evolutionstheorie. Die Umwelt setzt Lebewesen Schranken und vernichtet Varianten, die den umgrenzten Raum der Lebensmöglichkeiten überschreiten. Diese Anpassung kann aber niemals so verstanden werden, dass der Organismus sich an die Wirklichkeit anpasst, es ist immer die Wirklichkeit, „die durch ihre Beschränkung des Möglichen schlechthin ausmerzt, was nicht lebensfähig ist.“ 3 Das Verhältnis eines lebensfähigen Organismusˈ zu seiner Umwelt ist dasselbe, wie dasjenige zwischen brauchbaren kognitiven Strukturen und der Erlebenswelt des kognitiven Organismus. Aufgrund der Struktur oder des Verhaltens eines Lebewesens kann man daher niemals Schlüsse ziehen auf eine objektive Welt, denn laut der Evolutions-theorie besteht keine Kausalverbindung zwischen der objektiven Welt und der Überlebensfähigkeit biologischer Strukturen oder deren Verhaltensweisen. „Die Umwelt kann 1 Die Hinführung folgt, wenn nicht anders angegeben, weitgehend den Ausführungen Ernst von Glasersfelds: Einführung in den radikalen Konstruktivismus. In: Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus. 16. Aufl. Hrsg. von Paul Watzlawick. München 2003. S.16-38.
2 In dieser Arbeit wird zwischen den Begriffen radikaler Konstruktivismus und Konstruktivismus nicht unterschieden, da auch in den Ausführungen von Glasersfelds diese Unterscheidung nicht explizit getroffen wird. Er erläutert lediglich, dass der Konstruktivismus vor allem deshalb als radikal bezeichnet wird, weil er mit konventionellen epistemologischen Denkmodellen bricht. Siehe dazu Glasersfeld 2003. S. 23.
3 Glasersfeld 2003. S. 21.
3
also bestenfalls für Aussterben, nicht aber für Überleben verantwortlich gemacht werden.“ 4
Hält eine der Erlebenswelt ausgesetzte kognitive Struktur dieser stand, heißt das lediglich, dass sie unter den gegebenen Umständen genau das geleistet hat, was von ihr erwartet wurde und ferner, dass dies einer der vielen möglichen gangbaren Wege zum Ziel ist. Man spricht davon, dass der Organismus viabel ist. Viabilität bezieht sich auf die Fähigkeit, „innerhalb der Bedingungen und trotz der Hindernisse zu überleben, welche die Umwelt oder Wirklichkeit dem Organismus als Schranken in den Weg stellt.“ 5 Die kognitive Struktur sagt aber logischerweise nicht, wie die objektive Welt beschaffen ist. Was man lediglich von der absoluten Wirklichkeit erleben kann, sind bestenfalls Schranken.
„Ganz allgemein betrachtet, ist unser Wissen brauchbar, relevant, lebensfähig […], wenn es der
Erfahrungswelt standhält und uns befähigt, Vorhersagen zu machen und gewisse Phänomene (d.
h. Erscheinungen, Erlebnisse) zu bewerkstelligen oder zu verhindern.“ 6 Der radikale Konstruktivismus bricht mit der Konvention und entwickelt eine Erkennt-nistheorie, „in der die Erkenntnis nicht mehr eine objektive, ontologische Wirklichkeit betrifft, sondern ausschließlich die Ordnung und Organisation von Erfahrungen in der Welt unseres Erlebens.“ 7
Seit der abendländischen Erkenntnislehre ist es bestimmend, dass etwas, das erblickt wird, da sein müsste, bevor der Blick darauf fällt. Somit wäre dieses Etwas Abbild einer Welt, die unabhängig vom Bewusstsein existiert. Dadurch, dass die Frage, was Wissen ist, bereits vorweggenommen ist, entsteht ein Dilemma, denn wenn Wissen Erkennen der Welt an sich bedeutet, dann muss es Kriterien geben, die eine Kategorisierung unserer Beschreibungen oder Abbilder in wahr und falsch ermöglichen. Zu diesem Dilemma kommt ein weiteres hinzu: Der Mensch wird als Entdecker angesehen, der in eine fer- 4 Glasersfeld2003. S. 22.
5 Glasersfeld, Ernst von: Konstruktion der Wirklichkeit und der Begriff der Objektivität. In: Einführung in den Konstruktivismus. Hrsg. von Heinz Gumin und Heinrich Meier. München 1992. S. 25.
6 Glasersfeld 2003, S. 22.
7 Ebd. S. 23.
4
tiggestellte und von ihm unabhängige Welt geboren wird und dessen Aufgabe es nun ist, diese möglichst wahrheitsgetreu zu erkennen.
Erkennen und Wissen sind kein passiver Empfang, sondern das Ergebnis von Handlungen eines Subjekts. Handeln, das Wissen aufbaut, nennt man Operationen. Das Operieren einer kognitiven Instanz organisiert sich selbst und seine Erlebenswelt. Maturana spricht diesbezüglich davon, dass lebende Systeme strukturdeterminierte Systeme seien und betont damit, dass Erkennen und Wissen ausnahmslos nur innerhalb der Erlebenswelt eines kognitiven Organismusˈ möglich ist:
„Nichts, was außerhalb eines lebenden Systems liegt, kann innerhalb dieses Systems bestimmen,
was darin geschieht. […] Daraus folgt, dass der Beobachter als lebendes System von seiner An-lage her keine Erklärungen oder Behauptungen aufstellen kann, die irgend etwas enthüllen oder
konnotieren, das von den Vorgängen unabhängig ist, durch die er oder sie seine/ ihre Erklärun-
gen und Behauptungen hervorbringt.“ 8
Die konstruktivistische Erkenntnislehre in diesem Zusammenhang ist „[…] die Untersuchung der Art und Weise, wie der Intellekt operiert, um aus dem Fluss des Erlebens eine einigermaßen dauerhafte, regelmäßige Welt zu konstruieren.“ 9 Wiederholung, Konstanz und Regelmäßigkeit können vom Bewusstsein nur durch ein ständiges Vergleichen von bereits bekannten und noch unbekannten Gegenständen und Erlebnissen erkannt werden. Durch dieses Vergleichen wird eine Struktur im Fluss des Erlebens erschaffen. Diese Struktur erlebt der kognitive Organismus als (objektive) Wirklichkeit und versteht diese als eine unabhängig, selbstständig existierende deswegen, weil sie fast ausschließlich unwillkürlich geschaffen wird. Erkenntnis darf nicht als Suche nach ikonischer Übereinstimmung mit der ontologischen Wirklichkeit, sondern muss als Suche nach passenden Verhaltensweisen und Denkarten verstanden werden. Im Sinne der bisherigen Ausführungen gilt also die pro-
8 Maturana,Humberto R.: Wissenschaft und Alltag: Die Ontologie wissenschaftlicher Erklärungen. In: Das Auge des Betrachters. Beiträge zum Konstruktivismus. Festschrift für Heinz von Foerster. Hrsg. von Paul Watzlawick und Peter Krieg. Heidelberg 2002. S. 169.
9 Glasersfeld 2003. S. 30.
5
Arbeit zitieren:
Aljona Merk, 2009, Wirklichkeitskonstruktionen in Siri Hustvedts "The Blindfold", München, GRIN Verlag GmbH
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