Fundamentalisten
In epistemologischer Betrachtung ist ein Fundamentalist eine Person, die sich Grundüberzeugungen angeeignet hat, von der sie alle weiteren Annahmen, beträfen sie Moral oder die Erkenntnis der Natur, herleitet. Die Grundüberzeugungen selbst können nicht hinterfragt werden; sie bilden mithin das „Fundament“ des gesamten Gedankenkosmos. Streng genommen sind wir alle Fundamentalisten, da wir bei der Beurteilung unserer Umwelt aus pragmatischen Gründen auf Prämissen angewiesen sind: Wie sonst sollten wir, sei es im Falle von alltäglichen Problemen oder bei komplexen juristischen Fragen, eine Argumentation beginnen, wenn nicht auf Basis von „Grund“-Werten oder eines „Grund“-Gesetzes? Doch trotz dieser Omnipräsenz des fundamentalistischen Prinzips hat eben jenes Wort in seiner Bedeutung einen Wandel erfahren: Der Fundamentalist ist radikal, uneinsichtig und unreflektiert. Im Zusammenhang mit theologischen Debatten weigert er sich, ihm nicht genehme Auslegungen heiliger Texte anzuerkennen. Doch damit nicht genug: Allein die Annahme, das Lesen einer im Text enthaltenen Botschaft bedürfe einer Interpretation, die sich von immer neuen Standpunkten dem Text nähert, ist ihm zuwider. Die Beziehung von Fundamentalismus und Terrorismus ist in den letzten Jahren oft betont worden, wenn von religiös motivierten und symbolisch aufgeladenen Gewalttaten die Rede war. Der vorliegende Text möchte eine andere Verbindungslinie ziehen. Terroristen jeglicher Couleur sollen als Fundamentalisten begriffen werden - fundamentalistisch deshalb, weil sie ihre Handlungsmotive nicht hinterfragen. Darauf aufbauend soll argumentiert werden, dass Terroristen in der Annahme, ihre Motive erklärten sich selbst, einer Täuschung auch über die Botschaft ihrer Taten erliegen. Die Fähigkeit, verschiedene Lesarten ihrer Gewaltakte zu antizipieren, fehlt ihnen.
Die Erörterung begreift Terror also als Text, der in hermeneutischer Tradition interpretiert werden kann und genau deshalb seinen „Autoren“ entgleitet und Reaktionen provoziert, die zum Scheitern der terroristischen Strategie beitragen. Als Anschauungsexemplar einer terroristischen Gruppe wird die Rote Armee Fraktion (RAF) dienen, was eine Einbeziehung anderer Fälle von Terrorismus jedoch nicht ausschließt.
Terrorismus: adressatenorientierte Kommunikation
Die Terrorismusforschung legt in aller Regel Wert auf die Feststellung, dass sich der Begriff „Terrorismus“ einer eindeutigen Definition verweigert (vgl. Hoffman: 21ff; vgl. Elter: 17ff.). Er ist im Laufe der Jahrhunderte wandelnden Deutungen unterzogen worden, die sich oft am
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Interesse orientierten, einen politischen oder militärischen Gegner zu diffamieren oder die eigenen politischen Absichten aufzuwerten. Mitunter wurde der Begriff sogar im positiven Sinne verwendet. Die meisten heutigen Definitionen betonen bei der Begriffsklärung das Moment der Verbreitung von Angst durch Gewalt oder deren Androhung (vgl. Hoffman: 79f). Dass damit auch die nicht ausgeführte Gewalttat in die Definition eingeschlossen wird, macht deutlich, dass physische Gewaltanwendung allein die Wirkung des Terrorismus nicht erklären kann.
Wird Terrorismus als „bewusste Erzeugung und Ausbeutung von Angst“ (ebd.: 80) verstanden, so erscheint er vielmehr als Akt der Kommunikation: weder sind die getöteten bzw. verletzten Menschen Adressaten der terroristischen Handlungen, noch sind die beschädigten bzw. zerstörten Gegenstände ihr Ziel (vgl. Münkler: 11). Vielmehr kennt der Terrorismus zwei andere wichtige Empfänger seiner Botschaften: Es sind einerseits Repräsentanten eines politischen Systems - Staatsmacht, Ideologie, Militär und andere -, die durch terroristische Akte als verwundbar gezeigt und im Rahmen ihrer Reaktionen bloßgestellt werden sollen (vgl. Richardson: 115f). Andererseits richtet sich der Terrorismus an diejenigen, die durch die Taten von Standpunkt und Fähigkeiten der Gruppe überzeugt werden sollen (vgl. ebd.: 116f). Über diese Adressatenorientiertheit ihrer Aktionen schrieb das RAF-Mitglied Gudrun Ensslin:
„[E]s hat keinen Zweck den falschen Leuten das Richtige erklären zu wollen. Das haben wir lange genug gemacht. Die Baader-Befreiung haben wir nicht den intellektuellen Schwätzern, den Hosenscheißern, den Alles-besser-Wissern zu erklären, sondern den potentiell revolutionären Teilen des Volkes.“ (Ensslin 1970)
Aus den „potentiell revolutionären Teilen des Volkes“ rekrutieren Terroristen nicht nur aktive Mitglieder, sondern auch eine weitere Unterstützer- und Sympathisantenszene, die Geld, Waffen, Unterschlupf und logistische Kapazitäten bereitstellt, ohne die die „eigentlichen“ Terroristen nicht existieren können. Nicht unterschätzt werden sollte auch die Möglichkeit zu publizistischem Einfluss und der Verbreitung ideeller Motive durch Rückhalt in Teilen der Öffentlichkeit. 1
Wenn hierin der eigentliche Erfolg terroristischer Handlungen auszumachen ist, erscheint dessen Kopplung an die Aufbereitung der Taten durch die Massenmedien plausibel. Nur diese können eine Übermittlung der Nachricht über die Tat selbst sowie ihres Begleitmaterials an einen noch unbekannten Empfänger in einem unüberschaubaren Personenkreis ge- 1 ImFall des RAF-Terrorismus wurde der „Sympathisant“ gar zu einer eigenen Schuldkategorie: Der Sympathisantenszene wurde, zumindest seitens der Presse, eine erhebliche Mitschuld am Terrorismus angelastet, so dass sich ein Teil der medialen Aufmerksamkeit weniger auf die aktiven Mitglieder der RAF richtete, sondern auf den einzelnen Bürger und dessen Geisteshaltung; vgl. dazu Balz 2006: 321ff.
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währleisten. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass gerade das Versagen in diesem Punkt, also „schlechte Presse“, den Misserfolg einer terroristischen Strategie zur Folge haben kann. Bedingt wird diese Situation durch die Unvorhersehbarkeit des eigenen Bildes in den Medien und der Möglichkeit aller Zuschauer und Leser, sich anhand des Gezeigten ein eigenes Bild vom Terrorismus zu machen - unabhängig davon, welches Bild von den Urhebern beabsichtigt ist.
Die Tat als Text
Die Unterscheidung terroristischer Handlungen in „Taten“ und „Worte“ 2 , die sich aus der terroristischen Praxis herleitet, einerseits kriminelle Akte zu verüben und andererseits diese Akte durch Schriftgut (Bekennerschreiben oder z.B. politische Abhandlungen) zu begleiten, ist ungerechtfertigt. Sie impliziert, dass beide Elemente auch unabhängig voneinander existieren könnten. Wird Terrorismus als ein Akt der Kommunikation verstanden, dann kann das begleitende Schriftgut der Tat zugeordnet werden, während die Tat in ihrer Gesamtheit als eine Art Text interpretiert werden kann.
Um den kommunikativen Charakter der Tat genauer kennenzulernen, muss diese zunächst in ihre Wirkungsaspekte zerlegt werden. Die Journalistin Ulrike Meinhof hat, noch bevor sie selbst zur RAF stieß, bereits auf verschiedene Einzelheiten der Wirkung einer Tat aufmerksam gemacht:
„Das progressive Moment einer Warenhausbrandstiftung liegt nicht in der Vernichtung der Waren, es liegt in der Kriminalität der Tat, im Gesetzesbruch. [...] Hat also eine Warenhausbrandstiftung dies progressive Moment, das verbrechenschützende Gesetze dabei gebrochen werden, so bleibt zu fragen, ob es vermittelt werden kann, in Aufklärung umgesetzt werden kann.“ (Meinhof 1968)
Schon Meinhof betont klar die geringe Bedeutung der objektiven physischen Wirkung, die in Form von Sach- und Personenschäden in Erscheinung tritt. 3 Weitaus wichtiger ist die symbolische Wirkung, zu deren Zweck Terroristen oft Anschlagsziele wählen, die als Repräsentation des kritisierten politischen Systems gelten. Häufige Anschlagsziele sind deshalb hochrangige Regierungsvertreter, Botschaftsgebäude oder
2 Diese Unterscheidung ist in vielen Terrorismusdefinitionen insofern vorhanden, als diese zur Begriffsklärung den Schwerpunkt auf der Tat sehen, also den (potentiellen) Anschlag - was einer Ausklammerung des Schriftgutes gleichkommt.
3 Die beiden Schadensarten wurden in der Frühzeit der RAF voneinander getrennt, um Gewaltmittel durch eine Abgrenzung der „Gewalt gegen Sachen“ von der „Gewalt gegen Personen“ grundsätzlich zu rechtfertigen. Da diese Unterscheidung aus pragmatischen Gründen nicht aufrecht zu erhalten ist, wurde die Rechtfertigung einfach aufgegeben und Gewalt zum unumgänglichen Mittel erklärt.
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Arbeit zitieren:
Ludwig Andert, 2010, Berichterstattung als Stärke und Schwäche. Überlegungen zu einer Hermeneutik des Terrorismus unter besonderer Betrachtung der RAF, München, GRIN Verlag GmbH
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