Gewidmet dem Andenken an meinen Großvater.
Mein ganz besonderer Dank gehört meinen Eltern.
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis III
Abk ürzungsverzeichnis V
Abbildungsverzeichnis VII
1 Einführung 1
2 Gesellschaftliche Entwicklungsfaktoren Indiens 3
2.1 Historische Entwicklung Indiens 3
2.1.1 Vorgeschichte, Induskultur und die Einwanderung der Aryas 3
2.1.2 Das Altertum 6
2.1.3 Das Mittelalter: Indien im Zentrum des Delhi-Sultanats. 7
2.1.4 Die frühe Neuzeit: Indien im Zeitalter der Mogulherrschaft 9
2.1.5 Die britische Kolonisierung Indiens 11
2.1.6 Indien seit der Unabhängigkeit 13
2.2 Kulturelle Prägungen 13
2.2.1 Das Kastensystem in Indien 13
2.2.2 Religionen in Indien 17
3 Entwicklung und strukturelle Prägungen des indischen Berufsbildungssystems 18
3.1 Frühzeitliche Bildungseinflüsse vor 1854 18
3.2 Anfänge einer strukturierten beruflichen Bildung 20
3.3 Entwicklung des Berufsbildungssystems von 1854 - 1947 24
3.4 Berufsbildungsentwicklung nach der Unabhängigkeit 1947 34
3.5 Neue Bildungspolitik 1985 42
3.5.1 Modernisierungsnotwendigkeiten 1985 42
3.5.2 Modernisierungsprozesse der neuen Bildungspolitik 1985 45
3.6 Das heutige Berufsbildungssystem 49
4 Elemente der Berufsbildung in Indien 53
4.1 Das Berufsbildungssystem im öffentlichen, organisierten Sektor 53
4.1.1 Darstellung der einzelnen Elemente 53
4.1.2 Situationsanalyse und Identifizierung von Verbesserungspotentialen 58
III
4.1.3 Möglichkeiten zur Verbesserung der Effektivität des Systems 63
4.2 Berufliche Bildung in anderen Sektoren 69
4.2.1 Berufliche Bildung im nicht organisierten Sektor 69
4.2.2 Private Berufsbildungseinrichtungen 72
5 Aktuelle (staatliche) Modernisierungsprozesse 74
5.1 National Policy on Skill Development (NPSD) 74
5.1.1 Leitbild, Ziele und Schwerpunkte 75
5.1.2 Erweiterungsmaßnahmen zur Erhöhung der Schülerzahl 76
5.1.3 Qualität und Relevanz 76
5.1.4 Maßnahmen zur Kompetenzzuweisung. 78
5.1.5 Kritische Betrachtung der NPSD 78
5.2 Skills Development der Confederation of Indian Industry (CII) 80
5.2.1 Komponenten der Leitidee 81
5.2.2 Schlüsselprinzipien der Leitidee - „Licence to Practice“ 82
5.2.3 Training und Zertifizierungsmodelle 83
5.2.4 Kritische Betrachtung der CII-Maßnahmen 84
6 Schlussbetrachtung 85
Literaturverzeichnis VIII
Anhang XI
Anlage 1 Die Struktur des Bildungssystems in Indien um 1973 XI
Anlage 2 Berufsfelder und -bilder um 1985 in Indien XI
Anlage 3 Zuständigkeiten für die berufliche Ausbildung XII
Anlage 4 Verantwortungen im Rahmen der NSDP XIII
Anlage 5 Zuständigkeiten innerhalb der NPSD XIV
Anlage 6 Aufgabenbereich des „Skill Development Trust“ XX
Anlage 7 Organisationsstruktur der „India 75-Agenda“ XXI
IV
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung AICTE All India Council for Technical Education ATI Advanced Training Institutes AVI Accredited Vocational Institutes BAT Boards of Apprenticeship Training BVE Bureau of Vocational Education bzw. beziehungsweise CAC Central Apprenticeship Council CDC Curriculum Development Center Chr. Christus CII Confederation of Indian Industry CIVE Central Institute of Vocational Education CP Community Polytechnics CSS Centrally Sponsored Scheme CTS Craftsmen Training Scheme DGET Directorate General of Employment and Training DWCRA Programme for Development of Women and Children in Rural Areas EIC East Indian Company FICCI Federation of Indian Chambers of Commerce and Industry IMC Institutional Managing Committee INK Indischer Nationalkongress IRDP Integrated Rural Development Programme ITC Indian Training Center ITI Indian Training Institutes JRY Jawahar Rozgar Yojana JSS Jan Shikshan Sansthan JVCE Joint Council for Vocational Education JVS Junior Vocational Schools MHRD Ministry of Human Resource Development Mio. Million
V
MoLE Ministry of Labour and Employment Mrd. Milliarde n. nach NAC National Apprenticeship Certificate NCERT National Council of Educational Research and Training NCVE National Council for Vocational Education NCVT National Council of Vocational Training NGO Non-government Organisation NIOS National Institute of Open Schooling NPSD National Policy on Skill Development NQF National Qualifications Framework NSDC National Skill Development Corporation NTC National Trade Certificate NVQF National Vocational Qualifications Framework OBE Open Basic Education PUC Pre-University Certificate Rs. Rupien (Indische Währungseinheit) SCERT State Council of Educational Research and Training SCVE State Council for Vocational Education SCVT State Council for Vocational Training SIVE State Institute of Vocational Education SSLC Secondary School Leaving Certificate SVS Senior Vocational Schools TRYSEM Training of Rural Youth for Self-Employment u.a. unter anderem USD US-Dollar v. vor z.B. zum Beispiel z.T. zum Teil
VI
Abbildungsverzeichnis
Abbildungen:
2.1: Siedlungsschwerpunkte der Induskultur 2600 v.Chr. S. 4
2.2: Das Maurya-Reich zur Zeit seiner größten Entwicklung S. 6
2.3: Das Mogulreich um 1700 S. 11
2.4: Kastenstruktur der indischen Gesellschaft S. 16
3.1: Bildungsstruktur in Indien 1854 S. 26
3.2: Lehrplaninhalte des „+2“-Zweiges 1976 S. 38
3.3: Reformvorschläge für die Berufsbildung 1978 S. 40
4.1: Das Bildungs- und Berufsbildungssystem in Indien S. 55
4.2: Vergleich der Abgangszahlen im Arbeitsmarkt 2001 S. 59
4.3: Interne Effektivität ITI vs. ITC S. 60
7.1: Komponenten der Leitidee S. 81
VII
1 Einführung
Der indische Arbeitsmarkt leidet aktuell unter einem Facharbeitermangel, da die Nachfrage durch den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg gewachsen ist. Obwohl jährlich 12 bis 13 Mio. junger Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen, haben ca. 3,1 Mio. (MoLE 2009, S.6) 2005 von ihnen eine berufliche Ausbildung erhalten. Die Anerkennung und das Vertrauen der Industrie in die staatlichen Ausbildungsinstitute ist mangelhaft, so erhalten, trotz des angesprochenen Facharbeiterunterangebots, weniger als die Hälfte der Absolventen an staatlichen Berufsbildungsinstituten einen Arbeitsplatz. Die indische Industrie misstraut dem eigenen Ausbildungssystem. Geringe bis keine Zusammenarbeit bei der Erstellung der Lehrpläne, die nicht-konkurrenzfähige Qualität und Produktivität der Auszubildenden, kompetenzschwache Ausbilder, die veraltete Ausstattung der Institute und die Kompetenzkonflikte zwischen den unzähligen staatlichen Instanzen erlauben eine kritische Hinterfragung des aktuellen Systems. Folglich scheint eine Strukturverbesserung des indischen Berufsbildungssystems, welche teilweise in Zusammenarbeit mit der „Confederation of Indian Industry“ (CII) als Vertreter der Industrieunternehmen und der indischen Regierung bereits umgesetzt wird, nötig. Sie fordert, das landesweite Netz der beruflichen Bildungsinstitute zu modernisieren und zu erweitern, eine optimierte, stärkere Einbindung der indischen Industrie in die berufsbildenden Denkweisen und die Entwicklung von Lehrplänen nach industriellen (internationalen) Standards. Im Rahmen dieser Modernisierungsprozesse entwickelte der Staat die „National Skill Development Policy“, die im März diesem Jahres vom indischen Kongress verabschiedet wurde. Die Industrie versucht mit der „India@75: The Emerging Agenda“ ihrerseits durch verschiedene Maßnahmen die Effektivität des Berufsbildungssystem in Indien zu erhöhen und unterstützt hierbei, in enger Kooperation mit dem Staat, den Leitgedanken: „Making India the Skills Capital of the World“.
Zunächst soll sich die Diplomarbeit mit der historischen Entwicklung des Subkontinents und des bestehenden indischen Berufsbildungssystems, sowie den daraus resultierenden erforderlichen Entwicklungen hinsichtlich eines zwingend notwendigen Modernisierungsprozesses, beschäftigen. Hierbei muss ebenso kurz auf das kulturell stark in der indischen Gesellschaft verankerte Kastensystem eingegangen werden, da dieses, obwohl offiziell von der Regierung verboten, im Mittelpunkt vieler aktueller Entscheidungen
1
unterschwellig und somit einen nicht zu vernachlässigten Einfluss auf die aktuelle berufsbildungspolitische Situation hat.
Anschließend erfolgt eine Darstellung und kritische Hinterfragung der aktuellen Ausbildungsinstrumente der Regierung und das sich daraus gebildete Misstrauen der indischen Industrie. Weiterhin wird auf die Lehrpläne mit mangelhaft nutzbaren, marktunrentablen Inhalten, die unterentwickelten und veralteten Ausbildungseinrichtungen, die unzureichend ausgebildeten Lehrer und den Kommunikationskonflikt der Institute auf staatlicher und nationaler Ebene, eingegangen. Eine Erörterung möglicher Reformansätze mit dem Gebiet einer verbesserten staatlichen und nationalen Koordination der Bil-dungsorgane, in dem Thema der staatlichen Unabhängigkeit der Ausbildungsbetriebe, sowie die Entwicklung eines nationalen Qualifikationsrahmen, wie er auf europäischer Ebene schon stattfindet, folgt dem. Dargestellt werden soll auch, inwieweit das Programm geeignet erscheint, durch aktive Änderungs- und Anpassungsprozesse des jetzigen Systems den dargestellten Berufsbildungskonflikt zwischen der Industrie und den staatlichen Ausbildungsinstituten zu entspannen, um dadurch die demografischen Verhältnisse Indiens (mehr als 1,1 Mrd. Einwohner; 500 Mio. Menschen unter 19 Jahre) optimal nutzen zu können.
2
2 Gesellschaftliche Entwicklungsfaktoren Indiens
Gesellschaftliche Faktoren und Entwicklungsprozesse eines Landes prägen das Berufsbildungssystem, wodurch eine vorgezogene Darstellung der historischen Entwicklung sowie eine Einführung in das anthropologisch wertvolle Kastensystem unumgänglich sind. Basierend auf ein fachkundiges Hintergrundwissen ist es anschließend möglich, die später dargestellten Fakten und Ergebnisse konstruktiv zusammenhängend zu verstehen und verständliche Schlüsse aus den dargestellten Erarbeitungen abzuleiten.
2.1 Historische Entwicklung Indiens
Die indische Geschichte soll im Folgenden von der ersten Niedersetzung im Industal bis hin zur Unabhängigkeit von Großbritannien 1947 dargestellt werden, um die kulturellen Prägungen der indischen Gesellschaft zu verdeutlichen.
2.1.1 Vorgeschichte, Induskultur und die Einwanderung der Aryas
Aufgrund neuester Ausgrabungen und Forschungsergebnissen wurde die Erstbesiedlung Südasiens 1 (einfachste Bauern mit Getreideanbau) auf das 7. Jahrtausend v. Chr. bestimmt. Dieser ersten Phase der frühgeschichtlichen Entwicklung Nordwestindiens folgten drei weitere, die neben der „Seßhaftwerdung nomadisierender Viehzüchter und dem Beginn organisierenden dörflichen Lebens und Ackerbaus im östlichen Baluchistan über [die] dörfliche Zusammenballungen zur Entwicklung erster Städte im Industal, deren planmäßiger Erweiterung zu großen urbanen Zentren der Harappa - Kultur und schließlich zu deren Untergang [führte]“ (KULKE, ROTHERMUND 2006, S.29). Der zweite entscheidende Schritt, die Ansiedlung am Indus, geschah Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. und war geprägt durch die Entwicklung des regionalen Handwerks und des interregionalen (-nationalen) Handels bis nach Zentralasien bzw. dem Vorderen Orient. Der Prozess einer ersten, dauerhaften Urbanisierung des Industales, woraus die Entstehung eines ersten großen Südasiatischen Reiches, mit den (Industal-) Hauptstädten Mohenjo Daro und Harappa, resultierte, erlebte seinen Höhepunkt 2600 v. Chr., dessen Reichweite im Kartenbild (Abbildung 2.1; nächste Seite) dargestellt ist. Das damalige Leben in den Gemeindezentren war kulturell bereits hochentwickelt (fast jedem
1 Auch als Vorderindien bezeichnet; wird im Norden, Nordwesten und Nordosten durch das Gebirge vom restlichen Asien getrennt.
3
dem Untergang und dem damit korrelierenden Ende der Induskultur begann. Die Aryas 3 eroberten das Land von den Eingeborenen gewaltsam, errichteten eine Landwirtschafts-und Viehkultur und „prägten die weitere Entwicklung [Indiens] bis heute: sie versklavten zum großen Teil die eingeborenen Volksstämme, führten das Kastensystem ein und schrieben in ihrer Sprache Sanskrit die Veden, die erste literarische Quelle indischer Kultur und das Fundament des religiösem Hinduismus, nieder“ (ROLLY 1986, S.56). Die erste Ära dieser geschichtlichen Periode wird als die frühvedische Zeit, in Anlehnung an die Veden 4 , die die Entwicklung der seminomadisch agierenden Aryas, von der gewaltsamen Einwanderung im Nordwesten Indiens bis hin zur Erstehung erster Reiche und der Urbanisierung des mittleren Gangestales, in der vedischen Gesellschaft genauestens darstellt. In den Veden wird die Entwicklungsgeschichte der seminomadisch agierenden Aryas, von der gewaltsamen Einwanderung im Nordwesten Indiens bis hin zur Erstehung erster Reiche und der Urbanisierung des mittleren Gangestales, in der vedischen Gesellschaft genauestens darstellt.
Primär war der Siedlungsschwerpunkt der vedischen Gesellschaft der heutige Punjab, das Fünfstromland, wo mit Hilfe von Bewässerungsanlagen und Brandrodung (für eine effizientere Nutzung der Landwirtschaft) die Urbanisierung der Gemeinden vorangetrieben wurde und durch die Entdeckung einer landwirtschaftlich möglichen Nutzung des Eisens Anfang des 1. Jahrtausends, konnte die vedische Gesellschaft bis in das mittlere Gangestal vordringen, womit ein weiterer Abschnitt dieser geschichtlichen Periode, die spätvedische Zeit, begann. Sie wurde geprägt durch „enge und folgenschwere Kontakte mit der unterworfenen einheimischen Bevölkerung, weiterhin soziale Differenzierungen, das Aufkommen von Handwerk und Handel, das Entstehen kleiner territorialer Fürstentümer und „Residenzorte“ sowie der Beginn neuer philosophischer Spekulationen“ (KULKE, ROTHERMUND 2006, S.55). Durch den sozialen Differenzierungsprozess, der mit den Begebenheiten des Kastenwesens verstärkt wurde, entflammten innerhalb (Vorherrschaft über bzw. Führungsrolle in
3 Die Einwanderung der Aryas in das Industal hat zwei langfristige demografische Konsequenzen für Indien: „First, they occurred a fundamental shift in the demographic centre of gravity from the Indus valley into the Gengetic plain. Indeed, from the sixth century BC onwards the Gangetic plain has been the subcontinent’s most densely settled part. Second, the Aryan expansion eventually had a huge impact on the subcontinent’s social geography. Indo-European languages became predominant throughout the north and west, leaving Dravidian languages to be spoken mainly in the south. In Addition, whereas Aryan kinship laid great stress upon the male line and the tight control of women, southern kinship systems allowed women greater social freedom” (DYSON, CASSEN, VISARIA 2004, S.16).
4 Die Namensgebung (Veden) ersteht aus der ältesten indoeuropäischen Literaturgattung, die für Historiker als eine der wertvollsten Quellenangaben über die frühe Kultur der (vedischen) Gesellschaft in Indien gelten.
5
den einzelnen Stamm) und außerhalb (Verteidigung gegenüber anderen Stämmen) der einzelnen (Arya-) Stämme schwere Machtkämpfe, aus denen das Konzept des „Janapada“, welches die damaligen Bewohner mitsamt ihren „Stammesland“ 5 bezeichnete, resultierte.
2.1.2 Das Altertum
Die ersten Großreichsbildungen der indischen Geschichte, die Erneuerung des städtischen Kulturgedankens (nach dem Niedergang der frühen Indusstädte) und dem intensiven Kontakt Indiens mit allen Großregionen Asiens prägten das Altertum (von 500 v. Chr. bis 500 n.Chr.). Kulturell betrachtet ist dieser epochale Abschnitt ein Höhepunkt
das frühe 5. Jahrhundert v. Chr. entstanden. Unter diesen (insgesamt 16) Mahajanapadas entflammte im Laufe des 5. Jahrhunderts v. Chr. ein erbitterter Machtkampf, der mit
5 Janapada setzt sich aus den Begriffen „jana“ (Stamm) und „pada“ (Fußstapfen, hier: Boden) zusammen. Mit Fußstapfen ist das umliegende Land gemeint, dass auch vor feindlichen Übergriffen beschützt werden musste. Am Ende dieses Entwicklungsprozesses stand der Grad der „Mahajanapada“.
6
dem Sieg Magadhas um 400 v. Chr. endete, der ihm somit die Herrschaft über Nordindien vermittelte. Dieser ersten nordindischen Großreichsbildung folgte die Maurya-Dynastie, die diesen schrittweisen Expansionsverlauf mit der Bildung des ersten gesamtindischen Großreiches (siehe Abbildung 2.2; vorherige Seite) unter Kaiser Ashoka (268-233 v.Chr.) abschloss. 6
Ashoka ist neben diesem geschichtsträchtigen Ereignis weiterhin für die kulturelle Expansion des buddhistischen Glaubens bekannt, da er Botschafter in die Nachbarländer (bis in den Mittelmeerraum) entsendete und im eigenen Land eine Vielzahl von Felsen -und Säuleninschriften errichten ließ. Das Löwenkapitell aus Ashokas Säuleninschriften ist heute das Staatswappen der Indischen Union 7 (Vgl. EBENDA, S.23). Nach dem Zerfall des Maurya-Reiches zersplitterte sich das Großreich erneut in einzelne (Groß-) Fürstentümer, die sich an die Staatenbildung der „Mahajanapadas“ anlehnte. Einer langen Lebenszeit der Mahajanapadas folgend, lebten Teile Zentralindiens und Nordindiens im 4. und 5. Jahrhundert unter der Gupta-Dynastie, die sich von der Westbis zur Ostküste erstreckte und einen regen, profitablen und internationalen Seehandel (bis nach Rom) vollzog. Ferner erlebte die indische Kultur durch die Entstehung großartiger indischer Schöpfungen (u.a. die klassische sitzende Buddha-Figur), neben der Errichtung frühmittelalterlicher hinduistischer Tempelarchitektur, einen Höhepunkt. Mit dem Einfall der Hunnen in Nordwestindien wurden die überlebenswichtigen Handelsrouten ausgelöscht und das Herzstück des Gupta-Reiches vernichtet, gleichbedeutend mit dessen Untergang und dem Ende dieses epochalen Abschnitts.
2.1.3 Das Mittelalter: Indien im Zentrum des Delhi-Sultanats
Unter den sich bildenden vier Großregionen 8 , die gleichmäßig über den Subkontinent verteilt waren, herrschten ausgeglichene Machtverhältnisse, da sie durch Zwischenregionen oder Berg- / Dschungelregionen von einander getrennt waren, was zu einer Sta-
6 EinEreignis in dem dargestellten staatlichen Expansionsprozess dieser geschichtlichen Periode hatte keinen direkten Einfluss auf die eigentliche Großreichsbildung, muss aber, aufgrund der kulturellen Prägungen, erwähnt werden. Im Rahmen seiner Persieneroberung drang Alexander der Große 327 über den Hindukush in Nordindien ein, ein Ereignis, dass indirekte Folgen auf die indische Kultur zur Folge hatte. „Die hellenistisch-provinzialrömischen Einflüsse späterer Jahrhunderte auf die indische Kunst sind ebenso zu nennen wie das europäische Indienbild, das bis in das Mittelalter von den Bereichen des Indienzuges Alexanders geprägt wurden“ (KULKE 2005, S.21).
7 Seit der Unabhängigkeit Indiens 1947
8 Die vier Großregionen in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts waren: das nordindische Zweistromland (das heutige Uttar Pradesh), die ostindische Gangestiefebene (das heutige Ostbihar und Bengalen), die westliche Hochebene Zentralindiens (das heutige Maharashtra und Nord-Karnataka) und die Südostküste (das heutige Tamil Nadu) (Vgl. EBENDA, S. 46)
7
bilisierung der (vier) Großmächte beitrug, da eine territoriale Bedrohung des Nachbarn nicht erdenklich war. Die dadurch resultierende Möglichkeit der Konsolidierung ist mitunter für den Ursprung der regionalspezifischen Sprachen, Literaturwerke und Kunststile, die Indien noch heute in der Gegenwart so einzigartig erscheinen lässt, ver-antwortlich und erscheint somit als einer der Gründe für die heutige kulturellen Vielfalt in Südasien.
Gegen Ende des frühen Mittelalters fiel Mahmud (Provinzgouverneur der Turkvölker) vom Hindukusch über Nordindien ein, plünderte und zerstörte viele reiche Städte dieser Region. Seine insgesamt 17 Kriegszüge hatten zwar keine Erweiterung einer islamischen Herrschaft in Nordindien zur Folge, das nördliche Großreich zerfiel indes daran und nachfolgende territoriale Machtkämpfe schwächten diese Region zusätzlich, womit es für nachrückende Kriegsherren trivial erschien, den fruchtbaren Norden Indiens für sich zu beanspruchen und den historischen Verlauf Indiens zu prägen. Mit der Gründung des unabhängigen Delhi-Sultanats 9 im Jahr 1206 unter Qutb-ud-din Aibak wurde der Fokus der indischen Geschichte in den Norden zurückgelegt, nachdem Jahrhunderte lang die einzelnen regionalen Großreiche parallel über Südasien geherrscht haben. Die hiermit korrelierende Ausbreitung des Islams bis in das Gangestal und den südlichen Subkontinent hinein, prägt den Beginn dieser zeitlichen Epoche, wodurch die hinduistische Kultur und staatliche Entwicklung verdrängt, aber nicht vernichtet wurde. Somit entstanden seit dem Delhi-Sultanat zwei konkurrierende politische und kulturelle Systeme parallel nebeneinander, ein Umstand der bis in die Gegenwart zu vielmals blutigen Konflikten führte (Vgl. EBENDA, S.62).
Iltutmish, Nachfolger Aibaks, wehrte das erste Eindringen mongolischer Heere, unter der Führung Tschingis Khans ab 10 , womit eine bedeutende (mongolische) Änderung der indischen Geschichte vermieden werden konnte.
Die historisch wichtigste Gegebenheit der beiden Sultane (Aibak und Iltutmish) war die Wiederherstellung eines Großreiches mit der Hauptstadt Delhi in Nordindien, wie es seit Mitte des 7. Jahrhunderts (Gupta-Reich) nicht mehr existiert hatte und dessen Höhepunkt unter der Khalji-Dynastie (1290-1320) mit Ala-ud-din Khalji als Herrscher erreicht wurde. Er vermochte es weiterhin, sowohl die hereinfallenden Mongolen abzu- 9 Unddem hiermit verbundenen Weg zu einer erneuten gesamtstaatlichen Entwicklung Indiens
10 Zu jener Zeit galten die mongolischen Streitkräfte als befürchtet und konnten nur mit größtem taktischem und kämpferischem Geschick besiegt werden.
8
wehren, als auch Zentral- und Südindien 11 zu erobern. Korrelierend mit dem Tod Khaljis ging die Macht des Delhi-Sultanats bergab. Sein Nachfolger (Muhammad bin Tughluq) versuchte letztlich noch die Umsiedlung der Hauptstadt von Delhi nach Daulatabad (250 km östlich des heutigen Mumbais) 12 , doch der Untergang des Delhi-Sultanats konnte nicht gestoppt werden und endete 1338 durch Timur der Delhi zerstörte und dessen Bevölkerung fast vollkommen vernichtete (Vgl. KULKE, ROTHERMUND 2006, S.216 ff.).
Nach der Niederlage Delhis erlangten alle Regionen Indiens ihre Unabhängigkeit zurück, wodurch die Fürstentümer wieder ihre Macht konsolidieren konnten und im Süden Indiens die zwei Großreiche, das Bahmaniden-Sultanat (1347) in Zentralindien und Vijayanagara (1346) in Südindien, entstanden. Das Vijayanagara-Reich war das mächtigste hinduistische Reich in der südindischen Geschichte. Ohne diese starke, territoriale Form des Hinduismus, wäre der Islam noch weiter in den Süden gedrungen. 13
2.1.4 Die frühe Neuzeit: Indien im Zeitalter der Mogulherrschaft
Die Entstehung des Mogulreiches in Indien ist auf den Mongolen Baber, der wie die Vielzahl der Indieneroberer über den Hindukusch in den Nordwesten Indiens einfiel, auf das Jahr 1526 zurückzuführen.
Ein weiterer, imposanter Herrscher zu jener Zeit war Akbar, der in seiner fast 50jährigen Herrschaft bis 1605 eine der wichtigen Epochen der indischen Geschichte skizzierte. Sein außenpolitisches Geschick, welches zu jener Zeit für Frieden in Nordindien und insofern für eine innere Konsolidierung sorgte, führte das Mogulreich zu einem Großreich von Bengalen bis nach Südafghanistan sowie in Teile Zentralindiens. Durch seine Toleranz und Akzeptanz des Hinduismus konnte er bewirken, dass das Mogulreich zu einen indischen Reich, mit gemeinsamer Unterstützung der Muslime und Hindus wurde, im Gegensatz zur vorherigen Fremdherrschaft des Delhi-Sultanats (Vgl. KULKE 2005, S.79).
11 Diese plötzliche Expansion des Sultanats unter Ala-ud-din um 1300 lief innerhalb weniger Jahre in ähnlich atemberaubender Geschwindigkeit ab wie die Eroberung Nordindiens unter Aibak. Ala-ud-dins Ehrgeiz war es, als „zweiter Alexander“ in die Geschichte einzugehen. Diesen Titel ließ er auch in seine Münzen prägen und im öffentlichen Gebet ausrufen (Vgl. KULKE, ROTHERMUND 2006, S. 217)
12 Diese Zwangsumsiedlung endete in einem Fiasko, da er seinen Machteinfluss im Norden verlor und seine Machtansprüche im Süden nicht fixieren konnte. Die Rückkehr nach Delhi innerhalb weniger Jahre empfand man als Schwäche und leitete die Unabhängigkeit des Südens und Ostens vom Delhi-Sultanat ein.
13 Die heutige Religionsverteilung eines eher islamischen Nordens und hinduistischen Südens ist eine Teilfolge dieser geschichtlichen Entwicklung.
9
Akbars Sohn Jahanagir orientierte sich an der außenpolitischen Ruhe seines Vaters und konsolidierte die innere Herrschaft weiter. In seine Amtszeit fällt der erste Kontakt mit der englischen „East India Company“ und der holländischen „Vereenigde Oostindische Compagnie“, deren Ziel es war, das portugiesische Handelsmonopol 14 mit Indien zu brechen, und selbst effektive Handelspositionen mit Fürsten aus Zentral- und Südindien bzw. dem Mogulreich zu entwickeln.
Durch die Verschärfung des islamischen Glaubens unter Aurangzeb 1659 im Reich entzog er sich der Loyalität seiner hinduistischen Mehrheit in der Bevölkerung, was zu einer Spannung zwischen der muslimischen Regierung und der hinduistischen Bevölkerung führte. Es entstanden somit autonom neue indische (hinduistische) Großmächte seitens der Moguln, wie das der Marathen. 15 Die Marathen schafften es unter ihrem militärischen Führer Shivajis, die Ausdehnung des Mongolenreiches zu stoppen und so den Plan Aurangzebs, den gesamten Subkontinent einzunehmen, zu stören. Für Aurangzebs „Mogulgroßreichgedanken“ stellten sie ein großes Hindernis dar. Erst nach der Einnahme der anderen Fürstentümer Bijapur und Golkonda schaffte er es, die Marathen zu besiegen und deren Unterwerfung zu erzwingen, wodurch er 1689 den Höhepunkt seiner Macht erlangte. Anstatt zurück nach Delhi zu marschieren und das Reich von dort aus zu regieren, entschied er sich für einen Verbleib in Zentralasien, um dort die örtlichen Aufstände der überwiegend vertriebenen, ländlichen Marathen zu bekämpfen.
Dieser Entschluss erwies sich insofern als Fehler, da er weder im Norden, noch im frischeroberten Zentralindien die richtige Vorherrschaft hatte, womit er in eine Vielzahl von Kämpfen verwickelt wurde, bei denen er trotzdem zwischenzeitlich die südindische Nayak-Dynastie besiegte und das Mogulreich zu jener Zeit seine größte Ausdehnung (die größte in der indischen Geschichte der Großreichsbildungen) hatte (siehe Abbildung 2.3; nächste Seite).
14 Die Portugiesen besetzten seit 1510 Goa, das der Mittelpunkt ihres an der Küste sich ausbreitenden, indischen Handelsreich wurde.
15 „Der Aufstieg der Marathen im 17. Jahrhundert ist beispielhaft für die Entstehung neuer, indigener Staatsstrukturen im Windschatten der imperialen Großreichsbildung der Moguln, die meist in schwer kontrollierbaren geographischen „Nischen“ ihren Ursprung nahmen und sich geschickt durch wechselnde militärische Allianzen zu lokalen und bisweilen regionalen Machtfaktoren entwickelten“ (KULKE 2005, S.89).
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Es kann hier von einer „Existenz zweier konkurrierender Herrschaftssysteme“ (EBEN- DA, S.92)gesprochen werden, da er die Marathen nicht vollständig bezwingen konnte,
ten, endete. Eine dezentrale Situation, die die britische Handels- und Kaufleute auszunutzen wussten (Vgl. EBENDA, S.96).
2.1.5 Die britische Kolonisierung Indiens
Vom 17. Jahrhundert an befanden sich französische, holländische und britische Ostin-dienhandelsgesellschaften auf dem Subkontinent, die es zuerst auf den Handel abgesehen hatten, allerdings entzündete sich mit dem geplanten Ziel der Rohstoffsicherung der Wille, das Land oder zumindest größere Regionen zu beanspruchen und militärisch zu erobern. Unter der Führung von Robert Clive fand der Übergang von der indischen Handelsgesellschaft zu den ersten Anfängen der britischen Kolonialmacht statt. 16 Die britische ostindische Handelsgesellschaft befand sich stets in einen Mehrfrontenkrieg
16 Er schlug 1757 die Bengalen in Plessey und erhielt 1765 die Steuerhoheit über die Region.
11
mit den französischen Söldnertruppen und hinduistischen bzw. muslimischen Lokalmächten.
Die britische Kolonialregierung benötigte für die völlige Erschließung des indischen Subkontinents einen funktionierenden, feinstrukturierten Beamtenapparat, für die „loyal civil servants“ nach britischen Gedanken ausgebildet werden mussten. Hinsichtlich der Bildungspolitik verhalfen die Briten dem indischen Territorium zu einem Modernisierungsprozess, auf den später intensiv eingegangen wird. Dem rasanten Expansionsprozess stellte sich der Aufstand kleinerer indisch-britischer Armeen gegenüber (1857). Diese Rebellion, die in einem Aufstand endete, wurde schnell unterdrückt und gilt heute noch als das Symbol des Kampfes gegen die britische Kolonialherrschaft. Hieraus resultierend wurde die „East Indian Company“ (EIC) aufgelöst (1858) und das Gebiet direkt der britischen Krone unterstellt (1877 wurde Queen Victoria Kaiserin von Indien) (Vgl. WAGNER 2006, S.22).
„Die komplexen Symbolwelten der Rückbesinnung auf alte Werte und der Ethik demokratischer Selbstbestimmung in der Vermittlung zwischen Kastenhindus, Unberührbaren, Muselmanen und Fremdländern, verstand vor allem die synthetische Figur Mahatma Gandhi (1869-1948) für den nationalen Freiheitskampf zu vereinigen. Seine Wider-standsform war die des Satyagraha 17 “ (ROLLY 1986, S.71). Durch die Gründung eines indischen Nationalkongresses (INK) im Jahr 1885 entstand eine wichtige politische Gesamteinheit für die indische Oberschicht aus dem ganzen Land, welches als wichtiges Instrument für die Bekämpfung gegen die Briten genutzt werden konnte. Viele Reformen, u.a. die „Morley-Minto-Reform“ (1909), leiteten größere Mitspracherechte indischer Eliten ein. Dem INK stand die Muslim-Liga gegenüber, die beide für ihren (hinduistische und islamische) Unabhängigkeitsgedanken kämpften. Während des zweiten Weltkrieges verschlechterte sich die Beziehung zwischen der Muslim-Liga und dem INK, da sich Jawaharlal Nehru und Mahatma Gandhi (beide INK) für eine Unabhängigkeit Indiens mitsamt aller Religionen und Gruppen einsetzten, demgegenüber die islamistische Vertretung mit ihrer „Pakistan-Resolution“, die aus der „Zwei-Nationen-Theorie“ hervorging, diesem Gedanken widersprach. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges ging der Unabhängigkeitsprozess rapide voran und endete in
17 Lange Fasten- und Enthaltsamkeitsaktionen, die über die Internalisierung und Austragen des feindlichen Übels den Sieg durch Leiden herbeiführen sollten, indem der Feind, offensichtlich durch die Mühen des asketischen Trägers von dessen Werthaftigkeit überzeugt, zur Aufgabe genötigt wird.
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der Unabhängigkeit zweier Staaten, Indien und Pakistan 1947 (Vgl. WAGNER 2006, S.23).
Am 15. August 1947 erhielt Indien die Unabhängigkeit von den Briten. 18 „Kein anderes Land, das aus Kolonialherrschaft entlassen wurde, hatte eine politische Organisation aufzuweisen, die über eine vergleichbare soziale Basis und einen so weitgespannten überregionalen Parteiapparat verfügte“ (KULKE, ROTHERMUND 2006, S.391). Diesem Fortschritt muss man allerdings kritisch gegenüber stehen, denn „der Fortschritt, den Indien erfuhr, wurde […] durch die kulturelle Arroganz, die rassische Abqualifizierung und die ökonomische Ausbeutung durch die Kolonisatoren erheblich geschmälert“ (ROLLY 1986, S.73). Außerdem „haben sich [die Briten] an diesem gewaltigen Land vielfach versündigt, weniger aus böser Absicht, sondern aus Ignoranz, rassistischer Arroganz und natürlich aus Gier nach wirtschaftlichen Gewinnen“ (MÜLLER 2006, S.35).
2.1.6 Indien seit der Unabhängigkeit
Prägend für die indische Demokratie ist es, dass sie unter der Voraussetzung einer Massenarmut und der multi-ethnischen Gesellschaft gegründet wurde. „Aufgrund des geringen Einkommensniveau, der Defizite im Bildungsbereich und der zahlreichen ethnischen und religiösen Auseinandersetzungen hätte Indien eigentlich den Weg eines autoritären Systems gehen müssen, den es jedoch abgesehen von der kurzen Zeit des Aus-nahmezustandes zwischen 1975 und 1977 vermieden hat“ (WAGNER 2006, S.37). Seit den erstmals durchgeführten Wahlen 1951/52 sind bis dato fünfzehn Parlamentswahlen durchgezogen wurden, die mehrmals zu Regierungswechseln führte.
2.2 Kulturelle Prägungen
2.2.1 Das Kastensystem in Indien
Ein prägendes Merkmal Indiens ist neben seiner Sprachenvielfalt und dem heutigen wirtschaftlichen Aufschwung das Kastenwesen, dessen Auswirkungen und Einflüsse in die indische Gesellschaft auf allen Stufen zu unzähligen (anthropologischen) Diskussionen führten und führen. Um diese Strukturen und das Sozialwesen Indiens zu verstehen
18 „Am 14.August 1947, kurz vor Mitternacht, wandte sich Jawaharlal Nehru mit einer Rede vor der verfassungsgebenden Versammlung, die vom Radio übertragen wurde, an die indische Nation: „Long years ago we made a tryst with destiny, and now the time comes when we shall redeem our pledge, not wholly or in full measure, but very substantially. At the stroke of the midnight hour, when the world sleeps, India will awake to life and freedom. A moment comes, which comes but rarely in history, when we step out from the old to the new, when an age ends, and when the soul of a nation, long suppressed, finds utterance” (WAGNER 2006, S.24).
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ist eine Beschreibung des Kastenwesen unumgänglich, deren „konventionelle Sichtweise […] eine atomistische [ist], d.h. die individuellen Kasten [müssen] werden isoliert voneinander betrachtet [werden]“ (URHAHN 1985, S.21). Merkmale die an das Kastensystem angelehnt sind:
- „Mitgliedschaft in einer Kaste ist ein zugeschriebener und generell nicht erwerbbarer Status;
- Eine Kaste ist endogam;
- Jeder Kaste ist traditionell einer ganz bestimmten Berufsrolle zugeschrieben;
- Formen und Möglichkeiten des Sozialverkehrs zwischen Kasten sind durch Interaktionsregeln definiert“ (NEELSEN 1976, S.56).
Dadurch, dass den Kasten häufig gleiche oder ähnliche Berufsrollen zugesprochen werden, können sie insoweit mit dem deutschen Zünften des Mittelalters verglichen werden (Vgl. MÜLLER 2006, S.137).
Begründend auf die erneute soziale Differenzierung der Aryas zu den Einheimischen verweisen anthropologische Wissenschaftler den Ursprung des Kastensystems in die Zeitebene der frühvedischen Zeitepoche (2. Jahrtausend v.Chr.), in der es bereits eine Untergliederung der Gesellschaft in die freien Stammesangehörigen (vis), den Stammesadel und die Krieger (ksatriya), den Stammesfürsten (rajan) und den Priestern (brahmanen) gegeben hat. Mit der einsetzenden, dauerhaften Seßhaftwerdung im Gangestal (Ende des 2.Jahrtausends v.Chr.) versuchten die Priester und Krieger ihre soziale, obere Stellung den Gemeinfreien (vaishyas) und der einheimischen Bevölkerung (shudras) durchzusetzen und zu konsolidieren, welches als die Entwicklungs- und Geburts-stunde des Kastensystems betrachtet wird. „Es ist bezeichnend, dass diese wohl eher als „Stände“ zu verstehenden Kasten die Bezeichnung „varna“ trugen, was soviel wie „Farbe“ bedeutet. [Denn] mit dieser auf rituelle und soziale Abgrenzung der dunkelhäutigen Ureinwohner abzielenden „Ständeordnung“ war die Grundlage für die künftige Entstehung Tausender endogamer, auf Geburtszugehörigkeit (jati) beruhender, berufsspezifischer Kasten geschaffen, eine Entwicklung, die bis in die Gegenwart anhält“ (KULKE 2005, S.13). Allerdings sind die Varna nicht mit dem heutigen Kastenwesen gleichzusetzen, sondern als ursprünglich eigene Stände zu betrachten, welche erst später den eigentlichen Kasten zugeordnet und subsumiert wurden. Das Kastenwesen an sich hat somit seinen Ursprung im Hinduismus, die Namensgebung lässt sich allerdings auf die Portugiesen, die als erste Europäer Indien entdeckten, zurückführen, da „Kaste“ vom portugiesischen Wort „casto“ abstammt, dass „keusch“
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oder „rein“ bedeutet. Sie „bezeichneten damit die rituelle Distanz sowie die Endogamie der verschiedenen Gruppen, die sie auf dem Subkontinent beobachteten“ (WAGNER 2006 S.31).
Das Kastensystem wird durch die zwei Kategorien „jati“ und „varna“ geprägt. Die „varna“ (übersetzt: Farbe), kann aus den Schriften und Mythen des Hinduismus abgeleitet werden. Demnach sind aus dem Urmenschen „Purusha“ die vier Kasten (varnas) entsprungen, wobei die Brahmanen (Priesterkaste) den Mund symbolisieren, Kshatriya (Kriegerkaste) für die Schultern steht, Vaishya (Händlerkaste) seine Schenkel symbolisiert und die Shudras (Kaste der Bediensteten) seine Fußsohlen darstellen, wodurch sich ebenfalls die hierarchische Struktur ergibt. Neben den vier „varnas“ existieren mehrere Gruppen außerhalb des Systems, wie die Unberührbaren (Scheduled Castes oder Dalits) oder die Stammesbevölkerung (Scheduled Tribes oder Adivasis), die sich hierarchisch unterhalb der Shudras befinden (Vgl. EBENDA, S.31ff.). Die Brahmanen, Kshatriya und Shudras zählen zu den „Zweimalgeborenen“, da sie nach ihrer natürlichen Geburt, eine weitere, spirituelle Geburt erleben. 19
Die „varnas“ müssen eher als theoretischer Überbau bezeichnet werden und könnten alleine die Vielfalt des indischen Kastenwesens nicht charakterisieren. Die real existierenden Kasten werden vielmehr durch die „jati“ symbolisiert, die bestimmten „varnas“ untergeordnet sind und somit gleichfalls ihre soziale Gesellschaftsstellung erreichen. Die einzelnen Kasten bilden in sich abgeschlossene soziale Einheiten mit spezifischen Verhalten- und Ehrenkodex, wie z.B. die Endogamie (Heirat nur innerhalb der Kaste) sowie Kommensalität (Regelung mit wem und von wem Nahrung aufgenommen werden darf). Die unterschiedlichen Kastenklassen waren im dörflichen Arbeitsalltag durch die eigenen traditionellen Berufe miteinander gekoppelt (jajmani-system). Hierbei ent-stand die Klassifizierung der Berufsgruppen in „unrein“ (arbeiten mit Schmutz oder ähnlichen) und „rein“, das sich ebenfalls an die soziale Hierarchie anlehnte (Vgl. EBENDA, S.33).
Mit dem Kastensystem wurde die obere Eliteschicht (upper class) gebildet, da damals die „brahmanen“ die Macht über das Wissen, die „ksatriyas“ die politische Macht und die „vaishyas“ eine finanzielle Macht besaßen. Kastengruppen, die heute hauptsächlich in den Bildungsstrukturen vorzufinden sind (Vgl. SINGH, SHARMA 1988, S.68).
19 „Gemeint ist eine religiöse Weihe, vergleichbar mit der christlichen Konfirmation, bei der die Heranwachsenden sich mit den Mysterien ihrer Religion beschäftigen und die heilige Schnur erhalten. […] Der vierten Kaste, den Shudras, ist diese Zeremonie verwehrt. Sie bleiben Einmalgeborene und haben den Angehörigen der oberen drei Schichten zu dienen“ (IHLAU 2006, S.47).
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Arbeit zitieren:
Jan Wischmann, 2009, Das Berufsbildungssystem in Indien, München, GRIN Verlag GmbH
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