Vorwort
Diese Arbeit beschäftigt sich mit den erzieherischen Gedanken Janusz Korczaks und Martin Bubers.
Beide lebten etwa zur selben Zeit, nämlich in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Beide waren jüdische Gelehrte und beide entwickelten eine Art der Erziehung, die sich von den damals verbreiteten Auffassungen stark unterschied.
Wie sehen ihre jeweiligen Konzepte aus und in wie weit lassen sie sich vergleichen? Gibt es Paralellen? Gibt es gravierende Unterschiede?
Bevor genauer auf die erzieherischen Theorien von Korczak und Buber eingegangen wird, folgen erst einmal einige Informationen zu ihrem Leben, um sie auch unter diesem Gesichtspunkt in Relation bringen zu können.
Janusz Korczak wurde am 22. Juli 1878 oder 1879 mit dem Namen Henryk Goldszmit in Warschau geboren. Seine Eltern waren jüdischer Abstammung und mosaischer Konfession. Korczak führte zwar kein streng traditionell jüdisches Leben, war jedoch durchaus religiös. Seine Familie war seit langem polonisiert, sodass sich Korczak als Pole jüdisch-Kultureller Herkunft verstand. 1
Korczak beginnt 1898 das Studium der Medizin und promoviert 1904 an der polnischen „fliegenden Universität“. Neben Medizin studiert er auch noch Philosophie, Soziologie und zeitgenössische Literatur. In dieser Zeit arbeitet er als freier Mitarbeiter der Zeitung „Kolce“ und als Hauslehrer. Nach seinem Studium eröffnet er eine Arztpraxis, die nicht zuletzt durch seine diversen Veröffentlichungen unter seinem Pseudonym Korczak, sehr erfolgreich ist. 1912 jedoch gibt er die Praxis auf, um die Leitung des Waisenhauses „Dom Sierot“ zu bernehmen. Im Jahr 1918 wird ihm die Leitung eines weiteren Waisenhauses übertragen, „Nasz Dom“.
In den nachfolgenden Jahren lehrt er nebenher am Institut für Sozialpädagogik und an der Freien Polnischen Universität, hält Seminare für Kindergärtnerinnen und schreibt Bücher und Artikel. Außerdem hat er zwischen 1935 und 1936 eine eigene Radiosendung. Durch dem wachsenden Antisemitismus in Polen, wird er jedoch gezwungen mit der Sendung aufzuhören und auch später die Leitung von „Nasz Dom“ aufzugeben.
Nach Besetzung durch die Deutschen setzt er die Leitung von „Dom Sierot“ auch im Warschauer Ghetto fort, bis er im Jahre 1942 zusammen mit seinen Waisenkindern nach Treblinka deportiert wird.
Martin Buber wurde am 8. Februar 1878 in Wien geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Galizien, wo er ein polnisches Gymnasium besuchte.
Von 1896 bis 1904 studierte er Philosophie, Kunstgeschichte, Germanistik, Psychologie und Psychiatrie in Wien, Berlin, Leipzig und Zürich.
Buber betätigte sich früh aktiv in der Zionistenbewegung und wurde 1901 herausgeber der jüdischen Zeitung „Die Welt“. Im Jahre 1916 gründete er die Zeischrift „Der Jude“, welche die geachtetste Publikation des deutschen Judentums wurde. 2
Zusammen mit Franz Rosenzweig gründet er 1920 das Freie Jüdische Lehrhaus in Frankfurt am Main. 1925 beginnt er zusammen mit Rosenzweig eine deutsche Übersetzung des hebräischen Alten Testaments.
In den Jahren 1924 bis 1933 lehrt er an der Universität Frankfurt am Main jüdische Religionsphilosophie und Ethik. Nach 1933 wurde Buber verboten weiter zu lehren und er durfte nur noch in jüdischen Zeitschriften publizieren.
Er verließ Deutschland 1938 und erhielt in Jerusalem eine Professur für Religionssoziologie, die er bis 1951 behielt.
1 vgl. Hermeier, Philipp: Die politische Relevanz der Erziehung bei Janusz Korczak, 1. Aufl. Göttingen 2006, S. 9
2 vgl. Dilger, Irene: Das Dialogische Prinzip bei Martin Buber, Frankfurt a. M. 1983, S. 5
Buber setzte sich für eine Arabisch-Jüdische Verständigung und einen Zweinatioalitätenstaat ein. Er forderte außerdem die Versöhnung mit den Deutschen. 3 Er starb 1965 in Jerusalem.
Der erzieherische Gedanke bei Janusz Korczak
Die Erziehung bei Janusz Korczak war immer sehr praxisbezogen, er hat nie tatsächlich wissenschaftliche Theorien und Gedanken zur Erziehung formuliert. 4 Vielmehr handelt es sich bei seinen Schriften um Berichte und Reflektionen über Erfahrungen, die er in Folge seines Umgangs mit Kindern gemacht hat und die Schlüsse, die er daraus zog.
Insofern kann man nicht von der korczakschen Erziehung sprechen, da sie als solche nicht definiert ist.
Was jedoch deutlich wird, ist der Grundgedanke, der hinter Korczaks Überlegungen und Methoden steckt. Nämlich das Kind als vollwertigen Menschen zu sehen und ihm, aus diesem Grund, von Angesicht zu Angesicht und auf Augenhöhe entgegenzutreten.
Im Gegensatz zu der allgemein verbreiteten Vorstellung, die das Kind den Erwachsenen unterordnet. Korczak formulierte diese Situation aus kindlicher Perspektive folgendermaßen:
„Es gibt anscheinend zwei Arten von Leben: das ihre - ernstzunehmende, das Achtung verdient, und das unsere, eine Art Scherz. Kleiner und schwächer, sind wir so eine Art Spielzeug. Daher die Mißachtung. Die Kinder - das sind die zukünftigen Menschen. Also werden sie erst sein, es gibt sie also noch gar nicht recht. Dabei sind wir da: Wir leben, fühlen, leiden.“ 5
Er sieht Kinder nicht als eine Art minderwertiges Vorstadium des Menschen, ihre Welt sei genauso wie die der Erwachsenen „eine richtige Welt mit ihren Werten, Tugenden, Lastern, Bestrebungen und Wünschen, die durchaus nicht klein und gering, sondern wichtig sind, und nicht unschuldig, sondern eben menschlich.“ 6
Das bedeutete nicht, dass das Kind völlig unabhängig sei und nicht erzogen werden sollte. Die Erwachsenen verfügten über Erfahrungen, die sich ein Kind erst aneignen müsse. Es müsse lernen. 7 Die Erwachsenen könnten ihm dabei helfen, ohne dies aus einer übergeordneten Position zu tun.
„Das Kind kann nicht „denken wie ein Erwachsener“, aber es kann auf kindliche Weise über ernste Probleme der Erwachsenen nachdenken; der Mangel an Wissen und Erfahrung zwingen es zu einer anderen Denkweise.“ 8
Erwachsene erkennten und akzeptierten das Recht des Kindes auf Autonomie oftmals nicht. Sie nähmen für sich die Unterdrückung und Bevormundung des Kindes als natürliches Recht in Anspruch. 9
Statt dessen sollten Erwachsene dem Kind offen und ehrlich gegenübertreten und sich die eigene Unvollkommenheit eingestehen können, denn nicht nur das Kind könne von ihnen lernen, sondern auch umgekehrt.
3 vgl. Ebd. S. 6
4 vgl. Hermeier, Philipp, a.a.O., S. 105f
5 Korczak, Janusz: Wenn ich wieder klein bin und andere Geschichten von Kindern, Göttingen 1973, S. 270f
6 Korczak, Janusz: Wie man ein Kind lieben soll, 3. Aufl. Göttingen 1971, S.162
7 vgl. Hermeier, Philipp, a.a.O., S. 118
8 Korczak, Janusz: Wie liebt man ein Kind, in: Janusz Korczak SämtlicheWerke Bd. 4, Gütersloh 1999, S. 101
9 vgl. Hermeier, Philipp, a.a.O., S. 119
Jeder Mensch müsse sich seine eigenen Grundsätze, Werte und Tugenden selbst erarbeiten. Sie sollten freiwillig, jedoch durch Erziehung angeregt, und aus einem inneren Bedürfnis, ihren persönlichen Entwicklungsweg beschreiten.
Dieser innere Antrieb gewährleiste, dass das Kind sich nicht fremdbestimmt, sondern orientiert an den eigenen Anlagen und Bedürfnissen orientieren könne. 10 Korczak verfolgt dabei allerdings keineswegs Antiautoritäre, oder Antipädagogische Grundsätze:
„Also soll man alles erlauben? Aber nie und nimmer: Sonst machen wir aus einem sich langweilenden Sklaven einen gelangweilten Tyrannen. Durch Verbote stärken wir immerhin den Willen, zumindest im Hinblick auf Beherrschung und Verzicht; und nur so entwickeln wir den Erfindungsgeist, in einem beengten Wirkungskreis tätig zu sei, die Fähigkeit, sich der Kontrolle zu entziehen; nur so wecken wir die Fähigkeit zur Kritik. (...) Das kindliche: „Gib mir“, ja sogar schon die wortlos ausgestreckten Hände, müssen auf unser entschiedenes: „Nein“ treffen; und von diesen ersten: „Du bekommst das nicht, das kann man nicht, das darf man nicht“, hängt ein ganz großer Teil der Erziehung ab.“ 11
Korczak war sich also der Notwendigkeit qualifizierter, pädagogischer Autorität bewusst. D. h. einer Autorität, die sich an erzieherischer Notwendigkeit und dem Wohl des Kindes orientiert und nicht an persönlicher, oder gesellschaftlicher Willkür. Auch das Aufstellen von Regeln könne und sollte im Dialog mit den Kindern geschehen. Sie hätten von sich aus ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und hiellten sich nicht zu letzt auch dann eher an Richtlinien, wenn diese nicht einfach von oben herab bestimmt, sondern mit ihnen erarbeitet und von ihnen verstanden und akzeptiert würden.
„Den Kindern ist ein sozialer Instinkt eigen. Es kann sein, dass sie bestimmte Initiativen mißtrauisch aufnehmen, weil sie den Erwachsenen nicht trauen oder weil sie nicht verstanden haben, worum es sich handelt; aber sie greifen die Idee rasch auf, wenn sie selbst daran beteiligt werden.“ 12
Dialogbereitschaft, Verständnis, Rücksichtnahme und Selbstkritik, sind folglich die Voraussetzungen, die ein Mensch mitbringen sollte, der Erziehen möchte. Ob nun Andere oder sich selbst. Korczak sagt:
„Sei du selbst - suche deinen eigenen Weg. - Lerne dich selbst kennen, ehe du Kinder zu erkennen trachtest. - Mache dir klar, wo deine Fähigkeiten liegen, ehe du anfängst, den Kindern den Bereich ihrer Rechte und Pflichten abzustecken. - Unter ihnen allen bist du selbst ein Kind, das du vor allem kennenlernen, erziehen und formen mußt.“ 13
Der erzieherische Gedanke bei Martin Buber
Im Gegensatz zu Korczak, war Buber vor allem Theoretiker und Philosoph. Dies merkt man auch seinen Schriften und Reden zur Erziehung an, die viel mehr den Charakter einer wissenschaftlich-philosophischen Theorie haben, als bei Korczak.
10 vgl. Ebd. S.160
11 Korczak, Janusz: Wie liebt man ein Kind, a.a.O., S. 51f
12 Ebd. S. 242
13 Ebd. S. 147
Arbeit zitieren:
Patrick Flisikowski, 2007, Der erzieherische Gedanke bei Janusz Korczak und Martin Buber im Vergleich , München, GRIN Verlag GmbH
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