Inhalt
Einleitung. 3
1. Literaturrecherche 4
2. Analysekriterien und wissenschaftlicher Diskurs 6
3. Analyseergebnisse 13
3.1 Fragestellungen und Methodik. 13
3.2 Kulturverständnis 17
3.3 Bezug der Ergebnisse zur Pflegepraxis. 20
4. Fazit 23
4.1 Zusammenfassende Betrachtung der Studienanalyse. 23
4.2 Forschungsdesiderata. 25
4.3 Fazit der Autoren 26
Literatur. 27
Anlagen : Studienanalyseraster und Analyse der Einzelstudien. 31
a) Analysekriterien kulturbezogener pflegewissenschaftlicher Studien. 31
b) Studienanalyse: Beyer, M. (2003) 33
c) Studienanalyse: Geiger (2000) 35
d) Studienanalyse: Kutschke (2001) 39
e) Studienanalyse: Richter et al. (1999) 41
f) Studienanalyse: Schilder, M. (1998) 43
g) Studienanalyse: Schnepp, W. et al. (2003) 46
h) Studienanalyse: Zielke-Nadkarni (1999) 49
i) Studienanalyse: Zielke-Nadkarni (2004) 51
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Einleitung
Einleitung
Kulturspezifische Pflege, kultursensible Pflege, transkulturelle Pflege und interkulturelle Pflege sind viel- fältiggebrauchte Begriffe in der Pflegeliteratur. Vor dem Hintergrund der Globalisierung und dem zu- nehmenden Verschwindenvon Ländergrenzen verändert sich auch die Klientel der Pflegeberufe. Pflegende kommen an allen Orten pflegerischer Leistungserbringung mit Menschen aus anderen „Kultur- kreisen“und mit Migrationshintergrund in Kontakt. Dabei kann vermutet werden, dass eine effektive und an der individuellen Situation des pflegebedürftigen Menschen ansetzende Pflege kulturelle Aspekte in den Pflegeprozess integrieren muss. Nicht selten stellt sich die Begegnung zwischen Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund im beruflichen Pflegehandeln als Herausforderung dar. Dabei gehen diese Herausforderungen in vielen Situationen über reine Verständigungsschwierigkeiten aufgrund der sprachlichen Unterschiede hinaus. Vielmehr verlangt eine echte Begegnung das wechselseitige Ver- stehen: Hierfür erscheintkulturelles Bewusstsein und Wissen unerlässlich. Zielke-Nadkarni (2003 a, S. 15) drückt dies so aus: „Die Pflege im interkulturellen Bereich ist bestrebt, den Menschen anderer Kultur - auf den auch die Kulturanthropologie ihren Begriff des ‚Fremden’ bezieht - bei der Begegnung innerhalb ihres Arbeitsfeldes zu verstehen und dieses Verstehen in Pflegehandlungen wirksam werden zu lassen“.
Die bewusste Integration und Ausrichtung beruflichen Pflegehandelns auf kulturelle Aspekte erscheint in jüngerer Zeit immer häufiger als „Marktfaktor“ für Einrichtungen des Gesundheitswesens und wird zunehmend zum Qualitätsmerkmal in einem veränderten soziodemographischen Kontext. Dennoch erscheint das, was unter Kultur und kultureller Prägung zu verstehen ist, diffus. Dies wird u.a. deutlich in der mangelnden Konturierung und scheinbaren Beliebigkeit der Begriffe, mit denen kulturelle Aspekte belegt werden. Darüber hinaus wird auch die „eigenkulturelle und damit oft ethnozentrische Orientie- rung“ derdeutschen Pflege beschrieben (Zielke-Nadkani 2003 a, S. 21), die aus einer mangelnden Bewusstmachung der eigenkulturellen Perspektive resultiert und verhindert, dass der Umgang mit pflege- bedürftigenMenschen anderer Kulturen der eigenen Gesellschaft hinterfragt und aus einer neuen Perspektive neu gestaltet wird (vgl. Zielke-Nadkarni 2003 a, S. 21).
Angeregt durch die Lehrveranstaltungen im Modul „Individualität und Kultur“ und die in diesem Zu- sammenhangthematisierten unterschiedlichen Sichtweisen auf Kultur soll in dieser Arbeit eine Ausei- nandersetzungmit empirischen Befunden zum Thema „Pflege und Kultur“ in der Pflegewissenschaft im deutschsprachigen Raum erfolgen. Zentrale Fragestellungen sind dabei: Mit welchen Themen und aus welcher Perspektive setzen sich pflegewissenschaftliche Studien im deutschsprachigen Raum auseinander? Welches Verständnis von Kultur wird diesen Untersuchungen zugrunde gelegt? Welche Forschungsmethoden kommen zum Einsatz? Inwiefern lassen sich aus den Ergebnissen der Studien Handlungsempfehlungen für eine Integration kultureller Aspekte in den pflegerischen Alltag ableiten?
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Einleitung
Zu diesem Zweck wurde eine Literaturrecherche nach pflegebezogenen Studien im kulturellen Kontext der vergangenen zehn Jahre im deutschsprachigen Raum durchgeführt. Die eingeschlossenen Studien wurden im Anschluss einer methodischen, konzeptuellen und inhaltsbezogenen Analyse im Sinne einer Übersichtsarbeit unterzogen.
Die vorliegende Arbeit beschreibt zunächst das Vorgehen bei der Literaturrecherche. Im Anschluss werden unter Bezug auf die Ausführungen von Habermann (1999, 2003), Fleck (1983) und Uzarewicz (1999) die Kriterien für die Analyse der Studien in Form eines Analyserasters vorgestellt und erläutert. Den Kern der Analyse stellen drei Schwerpunkte dar: Fragestellungen und methodische Aspekte sowie die Publikationsform der eingeschlossenen Studien sollen insbesondere die Intention und die Motivation der Forscherinnen und Forscher beleuchten und deren Erkenntnisinteresse im allgemeinen verdeutli- chen, dadiese als Rahmung der Studie fungieren und sowohl der Forschungsanlass als auch die Ergeb- nissein diesem Kontext betrachtet werden müssen. Zudem werden das den Untersuchungen zugrunde gelegte Kulturverständnis und die jeweiligen Ausführungen zur Relevanz und Einmündung der For- schungsergebnissein die Pflegepraxis vor dem Hintergrund der Interessen der Einrichtungsträger und der Bildungssituation der Pflegenden analysiert. Die Arbeit schließt mit einer Diskussion der Ergebnisse der Analyse und deren Impulsen für die kulturbezogene Pflegeforschung.
1. Literaturrecherche
Als wesentlicher Teil der vorliegenden Arbeit erfolgte eine Datenbankrecherche nach im deutschspra- chigen Raumdurchgeführten kulturbezogenen Studien im pflegerischen Handlungsfeld in den Jahren 1997 - 2007.
Da die Analyse sich auf deutschsprachige Studien beziehen sollte, wurde als Ausgangspunkt der Litera- turrecherche diedeutschsprachige wissenschaftliche Zeitschrift „Pflege“ gewählt. Kulturbezogene pflegerelevante Aspekte wurden jedoch auch in benachbarten Wissenschaften vermutet, sodass mit den Suchbegriffen „Kultur + Pflege“ zudem eine Suche in den Datenbanken „Psyndex“, PsychInfo“ sowie „WISO Sozialwissenschaft“ und unter den Begriffen „Culture + nurs? + german“ eine Suche in der Datenbank „Medline erfolgte.
In der Zeitschrift „Pflege“ ergab der Suchbegriff „Kultur“ 23 Treffer im Zeitraum zwischen 1999 und 2007. Hiervon wurden 10 Artikel ausgeschlossen, da es sich hierbei um Editorials, Buchbesprechungen sowie Artikel handelte, die die Aspekte „Lernkultur“ bzw. „Arbeitskultur“ behandelten. Die übrigen 13 Artikel wurden zunächst für die weitere Arbeit berücksichtigt.
Die Suche in den Datenbanken „Psyndex“ und „PsychInfo“ unter den Suchbegriffen „Kultur + Pflege“ blieb ergebnislos
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Literaturrecherche
In der Datenbank „WISO Sozialwissenschaft“ fanden sich unter den Suchbegriffen „Kultur + Pflege“ 33 Treffer, von denen fünf als für die weitere Arbeit relevant eingestuft wurden. Die übrigen Artikel wurden nach Durchsicht der Abstracts von der weiteren Bearbeitung entweder aus den oben bereits erwähnten Gründen oder weil sie keine pflegebezogenen Kulturaspekte behandelten, ausgeschlossen. Unter den Begriffen „Culture + nurs? + german“ ergab die Suche in der Datenbank „Medline“ 15 Tref- fer. Vonden vier unter der Maßgabe der oben angeführten Kriterien für relevant befundenen Artikel doppelten sich drei mit den Rechercheergebnissen in der Zeitschrift „Pflege“, sodass lediglich ein zu- sätzlicher Artikel in dieweitere Bearbeitung aufgenommen wurde.
Insgesamt fanden sich mittels der oben angeführten Suchstrategie 19 für die weitere Arbeit zunächst als relevant eingestufte Artikel.
Zusätzlich wurde nach dem Schneeball-System und mittels einer einfachen Handsuche nach weiteren publizierten kultur- und pflegebezogenen Studien im deutschsprachigen Raum gesucht. Hierbei wurden die Arbeiten von Schilder (1998) sowie von Beyer (2003) und von Schnepp et al. (2003), die in einem Sammelband veröffentlicht wurden (Zielke-Nadkarni/Schnepp 2003), einbezogen. Weitere, mittels Handsuche gefundene Studien in Büchern doppelten sich mit den Treffern in der Zeitschrift Pflege, da es sich hierbei um die Dissertationsschriften der Autorinnen und Autoren (Schnepp 2002, Zielke-Nadkarni 2003 b) bzw. eine ausführliche Buchpublikation der Untersuchung handelte (Zielke-Nadkarni 2005).
Die genannten 22 Artikel wurden in einem zweiten Durchgang einer intensiveren Sichtung unterzogen. Dabei wurden 11 Artikel identifiziert, die keine empirischen Ergebnisse im eigentlichen Sinne darstellen, sondern allgemeine pflegerelevante kulturelle Phänomene beschreiben. Hierbei handelt es sich um überarbeitete Fassungen von Vorträgen (Garcia 1999, Koch-Straube 1999, Dornheim 1999, Wolber 2001), Grundsatztexte (Habermann 1999, Habermann 2003, Domenig 1999) und weitere Ausführungen zu Aspekten kulturbezogener Pflege (Pförtner-Hüttner 1999, Averkamp 2002, Kollack/Küpper 1998, Weitzel-Polzer 2002). Diese Veröffentlichungen wurden im weiteren Verlauf der Bearbeitung als Hinter- grundliteratur berücksichtigt.
Die anderen 11 Artikel beschreiben Ergebnisse empirischer Untersuchungen und stellen damit Studien im engeren Sinne dar (Beyer 2003, Geiger 2000, Schilder 1998, Schnepp et al. 2003, Zielke-Nadkarni 2004, Richter et al. 1999, Kutschke 2001, Zielke-Nadkarni 1999, Zielke-Nadkarni et al. 2004, Martin et al. 2007, Köhlen/Friedemann 2006). Nach intensiver Sichtung dieser Arbeiten wurden drei Studien von der weiteren Bearbeitung ausgeschlossen. Dabei handelt es sich um die Arbeit von Zielke-Nadkarni (2004), die Ergebnisse einer internationalen Literaturstudie zur Pflege jüdischer Patientinnen vorstellt, die bereits über eine andere Veröffentlichung (Zielke-Nadkarni et al. 2004) in diese Hausarbeit einflie- ßen.Zwei weitere Studien befassen sich mit der Übersetzungspraxis von Instrumenten für Forschung und direkte Pflege (Martin et al. 2007, Köhlen/ Friedemann 2006), die im weiteren Verlauf der Bearbei-
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Literaturrecherche
tung nicht thematisiert werden sollte, da die Ausgangsfragestellung auf einem primär inhaltliches Interes- se basiert.
Die verbliebenen acht empirischen Forschungsarbeiten werden im Weiteren einer näheren Analyse unterzogen. Dabei werden im folgenden Kapitel zunächst die Kriterien vorgestellt, anhand derer die Arbei- tennäher untersucht werden sollen.
2. Analysekriterien und wissenschaftlicher Diskurs
Um eine Übersicht zu erhalten, welche Aspekte in Studien, die sich mit kulturellen Aspekten der Pflege- arbeitbefassen, fokussiert werden, ist die Entwicklung eines Analyserasters notwendig. Für diese Arbeit wurde ein solches deshalb auf der Basis von Artikeln, die sich grundsätzlich mit kulturbezogener Pflege auseinandersetzen, erarbeitet.
In der Auseinandersetzung mit der Literatur zeigte sich, dass mit allgemeinen Angaben zum Design und den Ergebnissen von Studien (im Sinne von Gütekriterien quantitativer sowie qualitativer Forschung) eine themenbezogene Analyse nicht in ausreichendem Maße möglich ist. Vielmehr müssen hinsichtlich der Perspektivfrage der zu untersuchenden Studienberichte begriffliche Klärungen vorgenommen werden, da das Verständnis vom Begriff „Kultur“ und den damit in Beziehung stehenden personalen und gesellschaftlichen Aspekten die Vorgehensweise und Ergebnisse erst verstehen und einordnen lassen. Im Folgenden sollen deshalb die entwickelten Leitfragen zur Analyse der ausgewählten Studien vor dem Hintergrund der Darstellungen und Diskussionen, wie sie sich in der Literatur aufzeigen, dargestellt werden.
allgemeine Fragestellungen: Untersuchungsdesign und Ergebnisdarstellung
Im Rahmen dieser Hausarbeit ist es nicht möglich, eine umfassende Studienanalyse hinsichtlich der Gü- tekriterien 1 qualitativerbzw. quantitativer Forschungsansätze durchzuführen. Eine Untersuchung der jeweiligen Intentionen, Methoden und Ergebnisse ist jedoch notwendig, um eine Annäherung an die Studienberichte zu erhalten und die für diese Arbeit relevanten Fragen einordnen zu können. Dabei wird nicht unterschieden, ob es sich um quantitativ oder qualitativ orientierte Forschung handelt; eine Bewer- tung derVorgehensweise liegt nicht in der Intention dieser Arbeit. Folgende allgemeine Fragestellungen werden an die Studien angelegt:
a) Welche Fragestellung verfolgt die Untersuchung?
b) Die Perspektive welcher Personen(gruppen) war Untersuchungsgegenstand?
1 Als Gütekriterien quantitativer Forschung gelten Validität, Reliabilität als allgemein anerkannt. Für die qualitative
Forschung werden eigene Gütekriterien diskutiert (vgl. Flick 2002, S. 317 ff., Steinke 2005).
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Analysekriterien und wissenschaftlicher Diskurs
c) Welche Erhebungsmethoden wurden angewendet?
d) Welche Methoden zur Datenauswertung wurden angewendet?
e) In welcher Publikationsform wird die Untersuchung vorgestellt?
Die Frage nach der Publikationsform ist keine „typische“ Frage bei der Betrachtung von Studien. An der Antwort auf diese Frage lässt sich jedoch ein Eindruck gewinnen, wie „gefestigt“ oder „vorläufig“ der Leser die dargestellten Aspekte zu betrachten hat. Fleck (1983, ursprgl. 1935) setzte sich in seiner „Leh- rer vom Denkstilund Denkkollektiv“ mit der Frage auseinander, wie wissenschaftliche Tatsachen entstehen. In diesem Zusammenhang unterscheidet er zwischen den Äußerungsorganen der wissenschaftli- chen Zeitschrift,des wissenschaftlichen Lehrbuchs und des populären Buchs. „Der Spezialist äußert sich in der wissenschaftlichen Zeitschrift (…). Im Zeitschriftenstadium trägt die Wissenschaft deutliche per- sönliche und vorläufigeMerkmale: Das sind Ansichten des Autors X, noch nicht ‚allgemein angenom- men’.Sie geben noch kein Bild, haben verschiedene Vorbehalte (…). Der Autor ist sich ihrer Vorläufig- keit bewusst und will sie kompensieren.“ (Fleck 1983,S. 120). Dagegen verwandele das Lehrbuch das subjektive Urteil eines Autors in eine bewiesene Tatsache. Mit dem populären Buch tritt der Beweis einer Tatsache in den Hintergrund, hier wirke die Autorität des Gelehrten (ebd.). Vor diesem wissen- schaftstheoretischen Hintergrund lässt dieFrage nach der Publikationsform Rückschlüsse auf den Status der Forschungsergebnisse als „Tatsache“ zu. spezifische Fragestellungen: „kulturelles Thema“ der Studienberichte
a) Welches Begriffsverständnis von „Kultur“ wird von den Autoren ausgewiesen? Der Begriff Kultur ist erklärungsbedürftig. Dies erschließt sich zum einen aus einer vagen Definition, wie sie sich lexikalisch im „Brockhaus“ (Zwahr 1993, S. 276) finden lässt, wo Kultur als „Gesamtheit der typ. Lebensformen größerer Gruppen einschl. ihrer geistigen Aktivitäten, bes. der Werteinstellungen“ bezeichnet wird. Kultur gelte demnach „im weitesten Sinn als Inbegriff für die im Unterschied zur Natur und durch deren Bearbeitung selbstgeschaffene Welt des Menschen“ (ebd.). Zum anderen führen Auto- renihren Darstellungen zunächst eine begriffliche Schärfung ihres Verständnisses vom Begriff „Kultur“ an. So unterscheidet Leininger - eine der Vorreiterinnen in Bezug auf die Fokussierung kultureller As- pekte in der pflegerischen Versorgung(vgl. Domenig 1999, Habermann 2003, Kollak & Küpper 1998) - sechs Eigenschaftenvon „Kultur“:
„First, a culture reflects shared values, ideals, and meanings that are learned and guide human behavior, decisions, and actions. (…) Second, cultures have manifest (readily recognized) and implicit (covert and ideal) rules of behaviour and expectations. (…) Third, cultures have material items or concrete goods such as artifacts that give meanings and are special symbols of the culture. (…) Fourth, cultures have cultural traditional ceremonial practices such as religious rites and social feasts that are transmitted from one generation to another increasing the solidarity and unity of cultures. (…) Fifth, cultures have their local or emic (insider’s) views and knowl- edge about theirculture that are extremely important to discover and understand. (…) Sixth, all
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Analysekriterien und wissenschaftlicher Diskurs
human cultures have intercultural variations between two or more cultures as well as intercultural variations within a particular culture.” (Leininger 1995, S. 61 f.)
Welsch (1998) beschreibt einen „traditionellen Kulturbegriff“, der als Konzept der Einzelkulturen ver- standen werden kann. AuchUzarewicz beobachtet einen gebräuchlichen Kulturbegriff, der “die Men- scheneinteilt in solche, die dazugehören (die eigene Kultur) und solche, die ganz anders sind (fremde Kulturen), ohne jedoch bestimmen zu können, worin diese fundamentalen Unterschiede genau beste- hen.” (Uzarewicz2002, S. 4). Bei der Betrachtung einzelner Kriterien zur Definition einer bestimmten Kultur fällt ihr „deren Unschärfe“ auf (ebd., S. 5). Der Umgang mit dem Kulturbegriff sei erkenntnis-theoretisch ebenso schwierig wie normativ allgemeingültig aufgrund seiner „nie eindeutig festlegbaren inhaltlichen Charakterisierungen“ (Uzarewicz 1999, S. 115). Habermann (2003, S. 192) stellt eine Ver- kürzung desBlicks hinsichtlich eines Verständnisses von Kultur im Bereich der Pflege fest und konsta- tiert, dass„’Kultur’ dort wahrgenommen wird, wo sie als Störgröße imponiert“.
b) Wird ein statisches oder dynamisches Kulturverständnis deutlich?
Aus der Darlegung eines Begriffsverständnisses von „Kultur“ kann deutlich werden, ob ein „statisches“ oder „dynamisches“ Kulturverständnis vorherrscht. Der u.a. von Welsch, Uzarewicz und Habermann problematisierten Beschränkung auf Herkunftsländer oder -regionen mit klar umrissenen Eigenschaften der von dort stammenden Menschen liegt etwas Statisches zugrunde. Dagegen stellt Kultur „im weites- ten Sinne das gesellschaftlicheSediment (die Basis) [dar], in dem Handeln und Verhalten von Menschen stattfindet. Und (…) da dieses historisch gesehen ständigen Veränderungen unterliegt, ist ‚das Kulturelle’ grundsätzlich etwas Dynamisches.“ (Uzarewicz 1999, S. 115).
c) Mit welchem Begriff wird eine kulturbezogene Pflege bezeichnet (z.B. transkulturell, interkulturell, intrakulturell)? Welcher theoretische Hintergrund wird zur Verwendung/Sinnhaftigkeit des Begriffs dargelegt?
Vor dem Hintergrund eines begrifflichen und bewegungsbezogenen Kulturverständnisses entfaltet sich in der gerade in der auf Pflege bezogenen wissenschaftlichen Literatur eine Diskussion, wie eine Kultur beachtende Pflege zu denken ist. Dazu werden Begriffe wie „transkulturell“, „interkulturell“, „multikul- turell“ oder „intrakulturell“ gebraucht. Uzarewicz ordnet dieseBegriffe in der Weise, dass sie einerseits einen „essentialistischen bzw. substanzialistischen Kulturbegiff“ ausmacht (Uzarewicz 2002), der sich in den Begriffen „intrakulturell“, „multikulturell“ und „interkulturell“ darstellt. Mit diesem Kulturbegriff würde etwas genau Abgrenzbares und „nur der jeweiligen Kultur Eigenes“ bezeichnet werden (ebd.). Die Dynamik des Lebens werde gleichzeitig negiert. Diesem Kulturbegriff setzt sie mit einem auf Welsch (1998) beruhenden Verständnis von „Transkulturalität“ ein entsubstanzialisiertes Verständnis von kulturbezogener Pflege entgegen. Es geht um ein Verlassen abgrenzender Betrachtungen und einen notwendigen Perspektivwechsel, der einen umfassenderen Blick auf die Situation und das Leben von Menschen im Sinne ihrer eigenen Wahrnehmung und Bedeutungszuschreibung wirft. Das Konzept der Transkulturalität „beschreibt kulturelle Prozesse als flexibles individuelles Kondensat aus biografischen,
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Analysekriterien und wissenschaftlicher Diskurs
soziografischen und ökologischen Faktoren, welches in Situationen immer neu verhandelt wird.“ (Uza- rewiz 2002, S. 7)Transkulturalität zeigt demnach auf, − „dass es keine voneinander separierten ‚Kulturen’ (mehr) geben kann; − dass sie als wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand bestenfalls historisch von Interesse sein können;
− dass es keine von anderen Bereichen (Ökonomie, Soziales, Ästhetik, Biologie, Moral) auto- nome ‚kulturelleBereiche’, sozusagen ‚Subsysteme’ in der Sprache der Systemtheorie, gibt;
− dass keine ‚hohe’ und ‚niedere Kultur’ bzw. Kultursphäre existiert; − dass es keine Natur- und im Gegensatz dazu Kulturmenschen gibt; − dass es keine Kulturnationen gibt.
Transkulturalität kennt dementsprechend:
− keine festen Grenzen, sondern nur ‚liminale Strukturen’ [d.i. schwellenartige Grenzzonen; R.B./A.L.];
− keine absolut gültige universale Rationalität, sondern nur eine ‚transversale Vernunft’; − keine allein gültige kognitive Rationalität, sondern auch leibliche Vernunft.“ (Uzarewicz 2002, S. 7 f.)
Eine darauf aufbauende transkulturelle Pflege stellt „den Menschen als leibhaftiges Subjekt in den Mit- telpunkt undmacht ihn zum Ausgangspunkt aller Betrachtungen, und nicht umgekehrt vage Vorstellun- gen, dieauf abstrakten Kategorien beruhen und die Grundlage bzw. den Maßstab bilden, mit dem Men- schen gemessenund beurteilt werden.“ (ebd., S. 12)
Gerade diese Beurteilung von Menschen anhand eines definierten Maßstabes wird dem Verständnis von transkultureller Pflege, wie sie die amerikanische Pflegeforscherin Leininger beschreibt, vorgeworfen. Mit ihren „pflegeethnologischen“ Untersuchungen, mit denen sie in den 1960er Jahren begann, versuch- tesie das Gemeinsame hinsichtlich des Pflegeverständnisses in verschiedenen Nationen/Regionen sowie das dort jeweils Spezifische zu ermitteln. Leininger versteht „transkulturell“ als „nationenübergreifend“. Sie will „alle Kulturen innerhalb einer Nation und nicht nur die ‚Nationenkultur’ berücksichtigen“ (Do- menig1999); „transkulturell“ wird in Abgrenzung zu „international“ verwendet. Die daraus resultieren- denErkenntnisse lassen sich wie statische Beschreibungen von „Kulturen“ lesen (z.B. das vietnamesi- sche Kind, dieafroamerikanische Frau, der chinesische Mann oder die Navaho-Mutter) (vgl. Leininger 1995, S. 85 ff.).
Habermann stellt fest, dass in der heutigen Kulturanthropologie auf eine Unversaliensuche, wie sie bei Leiningers Zugang deutlich ist, verzichtet wird. Insofern würde der Terminus „transkulturell“ nur noch zögerlich verwendet (Habermann 2003, S. 200). Abgelöst würde der Begriff durch „Interkulturalität“ als „Feld der unmittelbaren Begegnung von Kulturen und dem der ergänzenden, ‚kulturvergleichenden Studien’ (…) in denen mehrere Kulturen Gegenstand der Diskussion werden.“ (ebd.) Habermann be- trachtet dasBegriffsverständnis von „Transkulturalität“ im Sinne Welschs (1998) und darauf aufbauend auch von Uzarewicz (1999, 2002), die damit der Hybridisierung der Kulturen auf der Grundlage von Globalisierungseffekten Rechnung tragen, kritisch. Sie ist der Ansicht, dass mit einem solchen Verständ-
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Analysekriterien und wissenschaftlicher Diskurs
nis „nicht die Konstruktion des Ergebnisses durch die Akteure im sozialen Feld beobachtet“ werden. „Damit werden Macht und Einflussnahme, die kulturelle Deutungen bestimmen, und Erscheinungen von kultureller Dominanz vernachlässigt.“ (Habermann 2003, S. 201). Sie macht diese Argumentation fest an einem Beispiel aus dem Sprachunterricht für Migranten, in dem ein türkischer Teilnehmer eine Ausdrucksweise für „Schmerz“ verwendet, die von der Lehrerin nicht akzeptiert wird. Habermann geht davon aus, dass durch diesen Akt kultureller Dominanz (durch die Lehrerin) die als „akzeptiert“ geltende sprachliche Wendung von dem Teilnehmer seine eigentliche sprachliche Wendung überlagern wird und er sie nicht mehr verwendet. „Nach Welsch könnte hier wohl von einer ‚transkulturellen’ Körpererfah- rung gesprochen werden,d.h. der Überlagerung ursprünglich erlernter mit neuen Inhalten. Die Tatsache, dass die neuen Inhalte von Machterfahrungen bestimmt werden, wird allerdings ausgeblendet.“ (ebd.) Mit der Verwendung des Begriffs „Interkulturalität“ sieht sie die Möglichkeit gegeben, „den Blick auf die kulturelle Dominanz zu gewinnen, die diese Situation bestimmt“ (ebd.).
Bei Betrachtung der (aus Platzgründen hier nur skizzenhaft dargestellten) Diskussion um die Begriffe „interkulturell“ und „transkulturell“ wird deutlich, dass es sich um eine abstrakte Diskussion handelt, die zuallererst Auswirkungen auf die Anlage und Erkenntnisdestillation empirischer Untersuchungen haben wird. Eine Suche nach der Ausweisung des jeweiligen begrifflichen Verständnisses in den ausgewählten, zu untersuchenden Studien scheint deshalb notwendig.
d) Wen lassen die Forscher in der Datenerhebung zu Wort kommen (d.h. welche Perspektive wird primär eingenommen)?
e) Werden Aussagen zu einer „Kultur“ in Verbindung zu einer Bezugsgröße gesetzt? Habermann (1999) konstatiert, dass „noch seltener als die Stimmen der Praktiker die Stimmen der ‚Anderen’ selbst hierzulande zu hören“ sind. „Wie (…) Pflegeleistungen wahrgenommen werden, welche Ängste oder auch Hoffnungen sich mit ihnen verbinden, dies ist gemessen an der Bedeutung dieser Stimmen noch viel zu wenig systematisch eruiert worden.“ (ebd.) Zuschreibungen von anderen (Fremdbeschreibung) und von einem selbst (Selbstbeschreibung) bilden eine Dynamik aufgrund unterschiedli- cher Bezugspunkte.„Kulturelle Fremdheit und kulturelle Identitäten sind (…) immer als relationale Konzepte zu betrachten.“ (Habermann 2003, S. 203) Es gilt, bei der Analyse der empirischen Studien zu ermitteln, ob die „Anderen“ zu Wort kommen und inwieweit kulturbezogene Aussagen durch Bezug zu verschiedenen Perspektiven relativiert und damit in ein nicht stereotypisierendes Verhältnis gesetzt werden.
f) Werden im Rahmen der empirischen Untersuchung Diskurse / Kommunikation untersucht? Kulturelle Wirklichkeiten werden konstruiert durch Diskurse und Kommunikation (vgl. Habermann 2003, S. 204). Im Sinne eines konstruktivistischen Verständnisses ist es deshalb notwendig, den Blick auf diskursive und kommunikative Prozesse zu lenken, um die von den am Pflegeprozess beteiligten Individuen konstruierten Wirklichkeiten sichtbar zu machen. Dieser von Habermann für eine interkulturelle Pflege dargelegte Fokus wird von Uzarewicz (2002) ebenfalls als Ziel einer transkulturellen Pflege ge-
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Analysekriterien und wissenschaftlicher Diskurs
nannt, nämlich „die Verknüpfung von (individuellen) Verhaltensweisen, Interpretationen und (kollektiven) Wissens- und Sinnordnungen, oder anders gesagt, die ‚Explikation alltäglicher Orientierungsmuster und kommunikativer Regelsysteme“.
Mit der Orientierung am Individuellen wird gleichsam die Relativität „kultureller Zuschreibungen“ deut- lich. Wenn es - im Sinne einesindividualisierten Pflegeprozesses - darum geht, individuelle Sinn- und Bedeutungszuschreibungen festzustellen, löst sich bei konsequenter Fortführung des Gedankens die Bedeutung „kultureller Hintergründe“ auf. Hervor treten die einzelnen Menschen, die als Pflegender und zu Pflegender in einen gemeinsamen (Verständigungs-)Prozess eintreten. „Wäre dies so, d.h. würden kulturelle, soziale und leibliche Erfahrungen grundsätzlich in die Ausgestaltung einer Pflegebeziehung aufgenommen, bräuchte es keine ‚interkulturelle’ Pflege“. (Habermann 2003, S. 206; vgl. auch Haber- mann1999, S. 281)
g) Werden unterschiedliche Aspekte, die eine Erklärung für ein Phänomen liefern können, untersucht oder ist die „Kultur“ Bezugs- und Angelpunkt des Forschungsthemas?
h) Wird der Einfluss von Machtverhältnissen auf Konstruktion und Zuschreibung kultureller Eigen- schaftenthematisiert?
Bezogen auf die „Migrantenproblematik“ stellt Habermann (1999) fest, dass eine ausschließliche Be- trachtung von„Kultur“ als Bezugs- und Angelpunkt einen Prozess der Ethnisierung einleite, „und zwar von der Mehrheitsgesellschaft gegenüber der marginalisierten Gesellschaft, der eine gesellschaftlich ge- wollteMarginalisierung und Ausgrenzung der Migranten weiter legitimiere“ (ebd. S. 280). Es erfolge eine Fixierung der kulturellen Sonderstellung und eine Festlegung auf eine ethnische Identität zur „Entlas- tung von gesellschaftlicherund politischer Verantwortung der Inländer für die Situation von Migranten“ (ebd.).
Damit wird die Bedeutung von Machtverhältnissen deutlich. Nach Habermann neige der Diskurs der interkulturellen Pflege dazu, „statusbezogene Differenzen, Prozesse der Marginalisierung von Migranten, ihre mangelnde Teilhabe an Entscheidungsprozessen und ihre mangelnde Einbindung in Positionen, die gesellschaftliche Änderungen bewirken könnten, das heißt, gesellschaftlich und politisch fixierte Realitä- tenin der Bundesrepublik zu vernachlässigen.“ (Habermann 1999, S. 279)
Vor diesem Hintergrund verfolgen die beiden Fragestellungen die Intention aufzuzeigen, inwieweit andere als „kulturelle“ und somit herkunftsbezogene Faktoren zur Erklärung oder Darstellung der Situation von z.B. Migranten in den Forschungsarbeiten herangezogen werden (z.B. soziale oder politische) und inwieweit existierende unterschiedliche Machtverhältnisse in den Arbeiten berücksichtigt werden.
i) Werden Schlussfolgerungen für eine pflegerische Praxis gezogen? Wenn ja, sind diese dazu geeignet, Stereotypisierungen und fix-fertige Rezepte zu hinterfragen und von dort aus eine neue Perspektive ein- zunehmen?
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Arbeit zitieren:
Roland Brühe, Annette Lauber, 2007, Kultur im Spiegel empirischer Pflegeforschung, München, GRIN Verlag GmbH
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