Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1 Philosophische Grundlagen der Erklärungslücke
1.1 Was sind Qualia? 3
1.2 Klassifizierung 7
1.3 Was sind Qualia nicht? 8
1.4 Offene Fragen. 9
1.5 Die Relevanz der Qualia-Problematik. 11
1.6 Zusammenfassung 13
2 Das Argument der Erklärungslücke
2.1 Vorgeschichte 15
2.2 Das modale Argument 18
2.3 Das Argument unvollständigen Wissens 20
2.4 Physikalistische Einwände 20
2.5 Die epistemische Erklärungslücke. 21
2.6 Die Explananda 24
2.7 Reduktion und kausale Rollen. 26
2.8 Zusammenfassung 34
3 Diskussion
3.1 Übersicht. 36
3.2 Reduktiver Materialismus. 37
3.3 „Complexity gambit“ 40
II
3.4 Funktionalismus 43
3.5 Einfacher Repräsentationalismus: Phänomenaler Externalismus. 48
3.6 Metarepräsentationalismus: Higher-Order Theory 50
3.7 Fiktionalismus: Die Erlärungslücke als kognitive Illusion 53
3.8 Eliminativismus 62
3.9 Zusammenfassung 70
4 Ausblick 73
Literaturverzeichnis 80
Internetquellen 88
III
Einleitung
Der Doktor-Kandidat im Theaterstück „Le malade imaginaire“ von JEAN-BAPTISTE MOLIÈRE ist ein cleverer Rhetoriker. Er erklärt die damals unbekannte Funktionsweise des Opiums zirkulär mit einem Hinweis auf ein diesem innewohnendes Prinzip oder Vermögen: Die ‚virtus dormitiva’. Während der Bakkalaureat bei Molière seine Prüfung mit Bravour meistert, können wir mit einer ähnlichen Vorgehensweise im Fall der Reduktion von Qualia nicht mit Beifall rechnen. Unser Publikum wohnt schließlich keiner Komödie bei und ist erst zufrieden, wenn die Funktionsweisen phänomenalen Bewusstseins anschaulich und nachvollziehbar erklärt sind. In diesem Sinn formulierte JOSEPH LEVINE im Jahr 1983 das ‚explanatory gap argument’, in dem er unser fundamentales Unwissen von einem mentalen Phänomen diagnostiziert, das uns so selbstverständlich erscheint wie kaum etwas Anderes in dieser Welt. Die philosophischen Bemühungen um eine Reduktion subjektiver Erlebnisqualitäten im letzten Jahrhundert haben zwar einige begriffliche Klärungen erreicht, aber das Problem nicht wirklich gelöst. Kognitionswissenschaftliche Theorien sind aufgestellt worden und gescheitert. Die überschäumende Euphorie des letzten Jahrhunderts über das naturwissenschaftliche Erklärungspotenzial für phänomenales Bewusstsein ist einem gedämpften Optimismus gewichen. Der ‚Aha-Effekt’ ist ausgeblieben.
Neben der Diagnose unserer Unwissenheit hat das ‚explanatory gap argument’ aber noch mehr zu bieten: Sie beinhaltet eine reizvolle und nützliche Perspektiv-Verschiebung bezüglich des Qualia-Problems. Die Reduktion muss nach Levine ein explanatorisches Potenzial besitzen, da wir zumindest diese Reduktion nur dann in unser Weltbild integrieren können, wenn wir die kausalen und nomologischen Zusammenhänge zwischen dem Phänomen und seiner Reduktionsbasis verstehen. Levine verschiebt den Akzent der Problematik von der ontologischen
1 Molière JB: Le Malade Imaginaire, Drittes Zwischenspiel
1
auf die epistemische Ebene und öffnet damit den Raum für eine fruchtbare Zusammenarbeit von analytischer Philosophie und Naturwissenschaft.
Was soll nun die vorliegende Magisterarbeit leisten? Sie wird im ersten Kapitel einen Überblick auf die gegenwärtige Qualia-Debatte und das Argument der Erklärungslücke bieten. Anhand von Beispielen und Klassifizierungen wird gezeigt, welche die konstituierenden Aspekte von Qualia sind und was Qualia von anderen bewussten, mentalen Zuständen unterscheidet. Die Qualia-Problematik wird in Teilfragen unterteilt und in ihrer philosophischen Relevanz eingeschätzt. Im zweiten Kapitel möchte ich nach einer historischen und argumentativen Hinführung das ‚explanatory gap argument’ genauer darstellen und seine Bedeutung im Hinblick auf die Qualia-Problematik näher untersuchen. Des Weiteren sollen die relevanten Explananda und Explanantia differenziert sowie die Frage aufgeworfen werden, welche Form eine adäquate Reduktion haben sollte.
Das dritte Kapitel befasst sich im Detail mit den zurzeit wesentlichen reduktionistischen Qualia-Strategien: reduktiver Materialismus, Funktionalismus und Repräsentationalismus. Außerdem sollen fiktionalistische und eliminativistische Einwände Erwähnung finden. Es wird kritisch untersucht, ob diese Strategien eine befriedigende Reduktion von Qualia anbieten und somit das Argument von Joseph Levine entkräften können.
Schließlich ergibt sich im letzten Kapitel die Gelegenheit für einen Ausblick auf zukünftige philosophische Strategien, die uns zu einer neuen Sichtweise in der Qualia-Problematik führen könnten.
Sind also Qualia reduzierbar? Sind sie bereits teilweise reduziert? Oder sind sie aus prinzipiellen Gründen unserem Geist verschlossen? Ist die Erklärungslücke hinfällig - oder doch vielmehr ein Katalysator für eine Neuformulierung des Problems? Fragen über Fragen… Fragen wie diese werden uns noch weiter beschäftigen. Diese Magisterarbeit will aber zumindest ein Baustein für eine Theorie sein, die das Problem der Reduzierbarkeit von Qualia anhand des ‚explanatory gap argument’ zu klären hilft. Sie soll im Sinn von PAUEN (2002) letztlich
„entweder zu der Einsicht führen, dass das Problem in der Tat unlösbar ist, oder aber bei der Entwicklung konkreter Fragestellungen helfen, die einen Ansatzpunkt für empirische Untersuchungen bieten können.“ 2
2 Pauen (2002), S. 31
2
1 Philosophische Grundlagen der Erklärungslücke
In diesem Kapitel werden die Grundlagen der Qualia-Problematik aufgezeigt. Der Begriff ‚Qualia’ wird
näherungsweise anhand von Beispielen und konstituierenden Aspekten definiert sowie in eine Klassifikation von
‚Bewusstsein’ eingeordnet. Das ‚schwierige Problem’ des Bewusstseins wird von den einfacheren unterschieden.
Mithilfe der offenen Fragen wird die philosophische und allgemeine Relevanz der Qualia-Problematik aufgezeigt.
1.1 Was sind Qualia?
Manchmal ist das uns Nächste auch das Verzwickteste. Auf die Frage, was Jazz denn eigentlich sei, antwortete der legendäre Jazzmusiker Louis Armstrong angeblich: „If you need to ask you’ll never know.“ 3 Im Fall von Qualia scheint dies nicht anders zu sein. Immerhin kennt jeder von uns Qualia. Sie sind aus dem menschlichen Selbst-Erleben nicht wegzudenken. Sie sind uns überaus vertraut - vielleicht vertrauter als jedes andere Geistesphänomen -, unendlich nah und etwas, „über das wir uns niemals täuschen können“. 4 Ein genaues Verständnis dieses Phänomens hingegen scheint noch immer unendlich fern zu sein.
Es ist nicht leicht, eine nicht-zirkuläre, abstrakte Definition von Qualia zu geben. Der Begriff Quale (plural: Qualia) kommt ursprünglich aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie ‚wie beschaffen?’ oder ‚was für ein?’. Schon 1929 fand C.I. LEWIS für diesen Begriff eine philosophische Verwendung. Er deutete ein Quale als “given element in a single experience of an object”. 5 Seit den frühen 1970er Jahren steht dieser Kunstterminus in der analytischen Philosophie des Geistes exklusiv für subjektive Erlebnisqualitäten. 6 Eine der einflussreichsten Formulierungen hierfür hat THOMAS NAGEL im Jahr 1974 publiziert. Er definiert in seinem Aufsatz „How it’s like to be a bat?“ ein Quale als das bewusste Erlebnis, wie es sich anfühlt, in einem bestimmten mentalen Zustand zu sein. 7 Er referiert auf das Lebensgefühl von Fledermäusen, die als Säugetiere uns durchaus verwandt sind, aber auch zugleich sehr verschieden. Es ist keinem von uns möglich, sich vorzustellen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein und Ultraschallsignale zur Ortung im Raum zu verwenden - ausser vielleicht Batman… 8
3 Zitiert nach Block (1978), S. 281.
4 Metzinger (2001), S. 26
5 Lewis (1929), S. 60
6 Es gibt eine Vielzahl von Synonymen für den Begriff Qualia: Phänomenales Bewusstsein, raw feelings, secondary qualities, sensory qualities, subjective qualities of experience, experiential properties, etc. In dieser Magisterarbeit werde ich ‚Qualia’ nur synonym mit ‚Phänomenales Bewusstsein’ und ‚subjektive Erlebnisqualitäten’ verwenden.
7 Nagel (1974), deutsch in Bieri (1981), S. 261-275. Die Wendung ‚what it is like’ ist ursprünglich von Farrell (1950).
8 An diese Stelle passt wohl auch Wittgensteins „Wenn ein Löwe sprechen könnte, wir würden ihn nicht verstehen.“ Siehe Wittgenstein (1953), deutsch in: Wittgenstein (1999), S. 568.
3
In einem Standardwerk der ‚Philosophy of Mind’ formuliert NED BLOCK den gleichen Sachverhalt zusammenfassend wie folgt: „Qualia include the ways it feels to see, hear and smell, the way it feels to have a pain; more generally, what it’s like to have mental states.” 9 Sehen wir uns ein Beispiel an:
Ich sitze mit Freunden am Abendessen und koste einen guten Rotwein. Er schmeckt mir süß und fruchtig, und es fühlt sich für mich an, als habe er eine Heidelbeeren-Note. Mein Sitznachbar jedoch empfindet den gleichen Wein nicht als fruchtig, sondern als leicht ‚erdig’. Vielleicht, so denke ich mir, liegt dies daran, dass ich gerade zuvor diese Zitronen-Créme probiert habe und er nicht. Auf dem Etikett steht nichts von Heidelbeeren, aber ich bin mir sicher, einen solchen Geschmack empfunden zu haben. 10
Schon an dieser Stelle können wir einige typische Merkmale von Qualia festhalten: 11
• Qualia sind die Art und Weise, wie wir mentale Zustände erleben. Sie haben einen Erlebnischarakter, der sie von rein kognitiven oder rationalen Zuständen unterscheidet. Dieser Aspekt wird auch die Phänomenalität von Qualia genannt. • Qualia „fühlen sich irgendwie an“, d. h. sie haben einen qualitativen Gehalt. • Qualia sind bewusst, d. h. wir sind uns während des Erlebens eines Quale des qualitativen Gehalts (‚wie es sich anfühlt’) bewusst. 12 Es handelt sich um ein Bewusstsein von der Qualität des Erlebnisses, nicht um ein Bewusstsein darum, dass die Qualität so oder so beschaffen ist.
• Qualia sind genau so, wie sie erscheinen. Man kann sich über den qualitativen Gehalt nicht täuschen.
• Qualia sind partikulär. Objektiv gesehen gleiche Wahrnehmungen können zu interpersonal oder intrapersonal verschiedenen Qualia führen. 13
9 Block (1994): Qualia. In: Guttenplan (1994), S. 514f
10 Neben den gustatorischen wären des Weiteren als direkt wahrnehmungsgebundene Qualia zu nennen: visuelle, auditive/akustische, taktile und olfaktorische Qualia sowie Schmerzqualia.
11 Ohne einen Anspruch auf Konsistenz oder Vollständigkeit erheben zu wollen, da der Qualiabegriff kontrovers diskutiert wird, wie wir sehen werden.
12 Es gibt Philosophen, die die Existenz von unbewussten Qualia für möglich halten, etwa Ned Block, s. a. Rosenthal (1993). Der Aspekt des Erlebens scheint mir aber notwendigerweise mit Bewusstsein verknüpft zu sein. Siehe hierzu auch das Kapitel Diskussion.
13 Dies bedeutet natürlich nicht, dass partikuläre Qualia sich prinzipiell nicht kategorisieren ließen. In der sprachlichen Kommunikation führen wir ja täglich Vergleiche und Formen von Kategorisierungen durch.
4
Ein zweites Beispiel:
Ich trete in einen Raum und mir fällt plötzlich der ganz eigenartige Geruch darin auf. Ich kann ihn kaum benennen, vielleicht ein Duft nach alten Holzmöbeln und Tomatensträuchern. Ich spüre in mir eine angespannte Neugierde. In meinem Kopf ist ein Bild an das Wohnzimmer meiner Großmutter als ich ein Kind war, an wehende, sonnenbeschienene Vorhänge und an die verbotene Taste eines Plattenspielers, die grün leuchtet. Dies alles empfinde ich als ein Gesamterlebnis.
Hier zeigen sich weitere Aspekte von Qualia:
• Qualia werden direkt erlebt und sind unmittelbar präsent. Sie treten in unser Bewusstsein und sind sofort da.
• Qualia können unendlich reichhaltig und zugleich amalgamiert, also zu einem einzigen Gesamteindruck verschmolzen sein. Es scheint nicht möglich, einzelne Erlebnisaspekte eines Quale aus demselben herauszulösen. Wie mentale ‚Atome’ sind sie nicht weiter teilbar oder analysierbar. Diese Eigenschaften werden u. a. auch als ‚Glattheit’, ‚Homogenität’ oder ‚grainlessness’ (‚Nicht-Körnigkeit’) bezeichnet. Mit diesen Begriffen soll umschrieben werden, dass in Qualia keine interne Struktur zu erkennen sei - sie seien eben ‚simple’ bzw. ‚raw feelings’. • Qualia finden immer ‚jetzt’ und ‚hier’ statt (auch wenn sie Gedächtnisinhalte aktivieren) und werden stets von einem ‚Ich’ erlebt. Qualia haben also eine indexikalische Komponente.
• Qualia sind privat und nur subjektiv erfahrbar, d. h. sie sind jedem Individuum nur selbst epistemisch zugänglich. Man sagt, sie könnten nur introspektiv bzw. aus einer Erste-Person-Perspektive erlebt werden. Dies berührt auch die Frage nach der Reduktion von Qualia, wie wir sehen werden.
• Qualia scheinen ‚durch sich selbst’ schon einen bestimmten qualitativen Gehalt zu haben. An diese Eigenschaft von Qualia schließt sich die Frage, ob sie intrinsisch seien.
• Qualia sind sprachlich schwer zu fassen. Eine Beschreibung wird dem Quale nicht wirklich gerecht. Diese Sprachferne führt zu Problemen bei der Reduktion von Qualia.
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Phänomenales Bewusstsein scheint aber nicht allein mit Wahrnehmungen äußerer Objekte zu tun zu haben, sondern auch mit dem Erleben eigener körperlicher Zustände. In der Literatur wird für gewöhnlich Schmerz als Beispiel gewählt - kein Wunder, ist doch der qualitative Gehalt von beispielsweise Zahnschmerzen kaum zu leugnen. Doch auch Hunger und Durst, Erschöpfung, Lust oder ein Orgasmus besitzen einen Aspekt subjektiven, qualitativen Erlebens. Selbst Gefühle und Stimmungen wie Trauer, Wut, Verliebtsein, Zuversicht etc. sind von Qualia begleitet. Ein letztes Beispiel mag uns vielleicht endgültig auf die richtige Fährte bringen. ANTTI REVONSUO (1997) weist darauf hin, dass phänomenales Bewusstsein gerade im Traum in seiner reinsten Form auftaucht - fast gänzlich unabhängig von Input (Wahrnehmung) und Output (Handeln). Im Traum sind wir in eine real erscheinende, perzeptuelle Welt eingetaucht, die uns direkt und unmittelbar präsent ist. Wir machen mit allen Sinnen subjektive, sensorische Erfahrungen.
Ich habe eingangs erwähnt, dass eine nicht-zirkuläre Definition nicht leicht zu geben ist. So referiert der Aspekt der Subjektivität und Direktheit von Qualia auch auf das Merkmal der Phänomenalität vice versa. Diese Zirkularität ist eines von vielen Hinweisen darauf, dass es uns an Begriffen für ein adäquates Verstehen von Qualia fehlt. Wir haben (noch) nicht die fraglichen philosophischen Terme festgelegt, die uns ermöglichen würden, Qualia exakt zu definieren und vollumfänglich zu verstehen.
NED BLOCK (1994) formuliert die pessimistische Ansicht, auf Qualia bzw. deren Synonyme ließe sich letztendlich nur in Gestalt von Beispielen verweisen. 14 Die Eigenheit von Qualia lässt sich in der Tat sehr leicht exemplifizieren. Man stelle sich nur den Geschmack einer Zitrone oder den Klang der Kirchenglocken am nebligen Sonntagmorgen im Herbst vor. Ich denke, eine Definition kann aber im argumentativen und begrifflichen Eingrenzen des fraglichen Gegenstands näherungsweise erarbeitet werden.
Da diese Magisterarbeit die Reduktion von Qualia behandeln möchte, fokussiere ich im Folgenden auf ihre meines Erachtens hierfür wesentlichen Merkmale: Qualia haben
1) einen qualitativen bzw. phänomenalen Gehalt und werden
2) subjektiv und direkt erlebt.
14 Block N (1994): Consciousness. In: Guttenplan (1994), S. 210-219
6
1.2 Klassifizierung
Auch in der analytischen Philosophie des Geistes herrscht keine wirkliche Einigkeit, wie ‚Bewusstsein’ zu klassifizieren sei. Ich möchte mich zunächst auf einen Ansatz von GEORG MOHR und MICHAEL QUANTE beziehen, demzufolge drei Bereiche bewusster mentaler Zustände unterschieden werden können: 15
1) Intentionale Zustände mit repräsentationalem und propositionalem Gehalt sowie sprachlicher Strukturierung (wie z. B. ‚glauben, dass p’); 2) Erlebniszustände mit phänomenalem Charakter und ohne sprachliche Strukturierung (wie z. B. Schmerzempfinden oder Farb-Eindrücke); 3) Wahrnehmungen mit phänomenalem Charakter und repräsentationalem Gehalt (wie z. B. das Wahrnehmen einer roten Ampel).
Innerhalb dieses Schemas können Qualia zunächst der zweiten oder dritten Kategorie zugeordnet werden. Qualia sind nicht mit intentionalen Zuständen gleichzusetzen, da den Ersteren der repräsentationale Gehalt und die sprachliche Strukturierung fehlen. Natürlich können Qualia auch als Repräsentationen fungieren: Wenn wir ein Glas Rotwein trinken, könnte unser Quale als Repräsentation beispielsweise der entsprechenden Weinsorte oder deren chemischer Zusammensetzung interpretiert werden. Einen passionierten Weintrinker wird aber nun nicht das abstrakte Wissen über ein etwaiges Referenzobjekt interessieren oder die Fähigkeit, diese mental zu repräsentieren, sondern das qualitative Erlebnis selbst - sonst könnte er ja auch nur das Etikett lesen, wie Owen Flanagan richtig bemerkt.
Wenn wir NED BLOCKS wohlbekannte Unterscheidung zwischen ‚phenomenal consciousness’ und ‚access consciousness’ 16 flankierend miteinbeziehen, wird deutlich, dass Qualia sich von reinen Wahrnehmungen mit repräsentationalem Gehalt (dritte Kategorie) unterscheiden. Während nach Block das phänomenale Bewusstsein (P-Bewusstsein) nur Erlebnischarakter hat, ist das Zugriffsbewusstsein (Z-Bewusstsein) notwendigerweise mit einem kognitiven Handlungsaspekt verbunden. Auch im Fall von Qualia scheint stets ein Zugang bzw. Zugriff gegeben zu sein. LEVINE (2002) hat dies die „duale Natur“ 17 von Qualia genannt, die impliziert, dass wir uns unserer Qualia immer gewahr sind. Dennoch scheint mir die Unterscheidung zwischen Z-Bewusstsein und P-Bewusstsein hilfreich zu sein. Sie weist auf den Umstand hin,
15 Mohr & Quante (2004): Bewusstsein. In: Prechtl (2004), S. 45-48
16 Siehe Block (1995)
17 Levine (2002), S. 114. Levine lehnt die Unterscheidung von Z-Bewusstsein und P-Bewusstsein im Grunde ab. Siehe hierzu auch Levine (2001), S. 168ff.
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dass Qualia notwendigerweise einen qualitativen Gehalt besitzen, der dem Z-Bewusstsein durchaus fehlen kann.
Der repräsentationale oder intentionale Gehalt ist demnach nicht ein konstituierendes Merkmal des phänomenalen Bewusstseins. Wenn wir versuchen, subjektive Erlebnisqualitäten auf diese Weise in den Griff zu bekommen, lassen wir auch hier das Wesentliche und zu Erklärende aus. Eine andere populäre Kategorisierung in der analytischen Philosophie des Geistes unterscheidet drei Arten des Bewusstseins: 18
1) Selbstbewusstsein
2) Kognitives Bewusstsein 3) Phänomenales Bewusstsein
Qualia werden hier mit dem phänomenalen Bewusstsein gleichgesetzt. Die weiter oben angeführte Argumentation bezüglich des kognitiven Bewusstseins gilt hier natürlich analog: Kognitive Handlungssteuerung, propositionaler und repräsentationaler Gehalt sind Ausschlusskriterien für Qualia. Obwohl wir gesehen haben, dass Qualia offenbar nur aus der Erste-Person-Perspektive erlebt werden können, werden wir sie im Rahmen dieser Magisterarbeit aus Platzgründen vom Thema ‚Selbstbewusstsein’ getrennt betrachten.
1.3 Was sind Qualia nicht?
Recht klar lassen sich Qualia auch von einigen Problemen der Philosophie des Geistes unterscheiden, die sich ‚relativ leicht’ lösen lassen, also nachdem ‚ein oder zwei Jahrhunderte schwieriger empirischer Arbeit’ vergangen sein werden, wie DAVID CHALMERS (1995) es ausdrückt. Diese leichten Probleme sind insbesondere:
1) die Fähigkeit, auf Umweltstimuli zu reagieren, sie zu diskriminieren und zu kategorisieren
2) die Integration von Information durch ein kognitives System 3) die Fähigkeit, von mentalen Zuständen berichten zu können 4) die Fähigkeit eines Systems, auf seine eigenen internen Zustände zugreifen zu können, also Z-Bewusstsein
18 Walter (2001), in Heckmann & Walter (2001), S. 11f
8
5) der Fokus der Aufmerksamkeit
6) die willkürliche (intentionale) Kontrolle von Verhalten 7) der Unterschied zwischen Schlaf und Wachsein. 19
Diese aufgezählten Vorgänge sind Formen kognitiver Informationsverarbeitung mit zum Teil propositionalen Gehalten oder intentionaler Ausrichtung, denen jedoch der Aspekt des bewussten Erlebens fehlt. Solche mentalen Zustände scheinen sich eben nicht ‚irgendwie anzufühlen’ - sie haben keinen qualitativen Gehalt. In der philosophischen Diskussion hat sich für diese und ähnliche mentale Zustände der Ausdruck ‚awareness’, also Gewahrsein, durchgesetzt. Diese Phänomene haben allem Anschein nach eine gute Chance, reduktiv erklärt zu werden, doch „the really hard problem ist the problem of experience.“ 20 Kognitives Bewusstsein ist sprach- bzw. begriffsabhängig. Wer beispielsweise den Begriff ‚Qualia’ nicht kennt, kann unmöglich der Überzeugung sein, die Erklärung von Qualia sei möglicherweise eine ‚harte Nuss’. Eine solche Sprachgebundenheit ist bei phänomenalem Bewusstsein nicht zu finden. Ein Schmerz braucht nicht benannt zu werden, um da zu sein und gefühlt zu werden. Natürlich können Qualia in Worte gefasst werden - und manche Berufsgruppen wie z. B. Sommeliers haben komplexe Begriffsdifferenzierungen entwickelt -, doch diese Tatsache scheint nur eine sekundäre Bedeutung zu haben. Wir sprechen nicht umsonst auch Kleinkindern und Tieren phänomenales Bewusstsein zu, obwohl sie keine, nur rudimentäre oder erst in der Entwicklung befindliche Sprachkompetenz besitzen. Aus Berichten über Qualia lassen sich also schwer Schlüsse über die dahinterliegenden Qualia selbst ziehen.
1.4 Offene Fragen
In der Auseinandersetzung mit dem Thema Qualia ergeben sich einige typische, weitreichende Probleme. Schon EMIL DU BOIS-REYMOND warf in seiner berühmten ‚Ignoramus et Ignorabimus’-Rede im Jahr 1872 eine Frage auf, die bis heute nicht als gelöst gelten kann: Wie ist es möglich, dass Materie Bewusstsein hervorbringen kann? Du Bois-Reymond sagte:
„Welche denkbare Verbindung besteht zwischen bestimmten Bewegungen bestimmter Atome in meinem Gehirn einerseits, andererseits den für mich ursprünglichen, nicht weiter definierbaren, nicht wegzuleugnenden Tatsachen: ‚Ich fühle Schmerz, fühle Lust; ich schmecke Süßes, rieche Rosenduft, höre Orgelthon,
19 Zitiert nach Chalmers (1995), deutsch in Esken & Heckmann (1998), S. 222.
20 Ebenda, S. 202
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sehe Roth’ […] Es ist eben durchaus und für immer unbegreiflich, dass es einer Anzahl von Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Stickstoff-, Sauerstoff- u.s.w. Atomen nicht sollte gleichgültig sein, wie sie liegen und sich bewegen, wie sie lagen und sich bewegten, wie sie liegen und sich bewegen werden. Es ist in keiner Weise einzusehen, wie aus ihrem Zusammensein Bewusstsein entstehen könne.“ 21
Es dürfte kein Zufall sein, dass Du Bois-Reymond gerade Qualia als Kronzeugen für die Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnis- und Erklärungsmöglichkeit heranzieht. Sie waren schon damals das große Mysterium des Bewusstseins. Zugleich zeigt Du Bois-Reymond, dass es sich hier um eine epistemische, nicht eine metaphysische oder ontologische Frage handelt: Wir können den Zusammenhang zwischen Materie und phänomenalem Bewusstsein nicht verstehen, auch wenn dieser plausibel erscheint. Er nimmt hier die fehlende epistemische Verbindung vorweg, die auch JOSEPH LEVINES ‚explanatory gap argument’ betont. Die gleiche Frage stellt denn auch Levine, wenn auch in heutigen Worten: „Wie kann ein rein physikalisches System überhaupt qualitative Zustände haben? Wie kann es irgendwie sein, ein solches System zu sein?“ 22 Wir sollten im Hinblick auf den epistemischen Ansatz des ‚explanatory gap argument’ zwei Fragen differenzieren:
1) Warum gibt es überhaupt Qualia in einer materiellen Welt?
2) Wie können wir eine materielle Realisation von Qualia verstehen?
Während die erste Frage eine metaphysische oder ontologische ist und von uns nicht beantwortet werden kann, weist die zweite als epistemische auf eine adäquate Reduktion von Qualia hin. Es tauchen somit neue Fragen auf: Lassen sich Qualia reduzieren? Wenn ja, auf welche Weise? Auf welche Reduktions-Basis sollen wir uns beziehen? Muss eine Reduktion streng logisch nachzuvollziehen sein oder reicht uns eine intuitive Hinlänglichkeit? Welche Alternativen stehen zur Verfügung, falls die Reduktion scheitert? Ist ein eventuelles Scheitern einer Reduktion prinzipieller Natur oder kann sie aufgrund begrifflicher bzw. naturwissenschaftlicher Weiterentwicklungen in Zukunft gelingen?
Für eine Reduktion von Qualia ergibt sich immer das Problem, dass diese stets aus der subjektiven Innenperspektive erfahren werden. Naturwissenschaftliche Theorien benutzen für gewöhnlich einen anderen Zugang zu Problemen und „es scheint unvermeidlich, dass eine
21 Du Bois-Reymond (1872), deutsch in Du Bois-Reymond (1974), S. 71.
22 Levine (1993), deutsch in Heckmann & Walter (2001), S. 102.
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objektive physikalische Theorie von dieser Perspektive abstrahieren wird.“ 23 Eine solche Abstraktion aber könnte den Wesenskern von Qualia unerklärt lassen. Wir sollten uns also auch fragen: Kann eine Erklärung von Qualia in einer objektiven Dritte-Person-Sprache gelingen? Kann eine Reduktion aus einer anderen Position als der Dritte-Person-Perspektive erfolgen? Ein weiterer Fragenkomplex steht im Zusammenhang mit den kausalen Rollen von Qualia: Sind Qualia im Bewusstsein kausal wirksam? Wie lässt sich dies bestimmen? Wenn Qualia kausal wirksam sind, bedeutet dies eine mentale Verursachung von physischen Phänomenen? Wenn nicht, ist dann der Epiphänomenalismus ein adäquates Erklärungsmodell? 24 Beispielhaft für diese Fragen sollte das sogenannte Bieri-Trilemma der kausalen Wirksamkeit vorgestellt werden. 25 PETER BIERI (1993) formuliert drei Sätze, die nicht gleichzeitig gültig sein können:
1) Mentale Phänomene sind keine physischen Phänomene.
2) Mentale Phänomene sind im Bereich physischer Phänomene kausal wirksam. 3) Der Bereich des Physikalischen ist kausal geschlossen.
Alle drei Sätze sind intuitiv plausibel, aber untereinander inkonsistent. Beliebige zwei Sätze schließen jeweils den dritten aus. Für eine konsistente Erklärung sind wir gezwungen, einen der Sätze als falsch zu markieren. Aber welchen? Wenn wir in den sauren Apfel beißen und mentale Phänomene als nichts anderes als physische Phänomene betrachten, sind wir verpflichtet, eine adäquate Reduktion von Qualia auf die Reduktionsbasis anzubieten. Schließen wir Satz 2) aus, müssen wir Qualia als Epiphänomene betrachten - eine intuitiv unplausible Variante. Wenn wir Satz 3) und damit die durchgehend physische Verursachung von physischen Phänomenen nicht akzeptieren, heben wir unser komplettes physikalisches Weltbild seit dem 17. Jahrhundert aus den Angeln.
1.5 Die Relevanz der Qualia-Problematik
Trotz aller Bemühungen sind Qualia - in Anlehnung an CHALMERS und BLOCK - vielleicht das ‚schwierigste Problem’ der Philosophie des Geistes. Während für kognitive und intentionale Zustände und Prozesse aussichtsreiche neurobiologische Erklärungsansätze bestehen, sind solche
23 Nagel (1974), S. 262f
24 Dies berührt letztlich auch die Frage, ob der Mensch über einen freien Willen verfügt.
25 Hier und im Folgenden nach Bieri (1981), S. 5. Ursprünglich wurde das Trilemma formuliert von LePore & Loewer (1987), S. 630.
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für phänomenale Erlebnisqualitäten vorerst nicht in Aussicht. Es macht für manche Beobachter sogar den Eindruck, als sei eine solche Erklärung aus prinzipiellen Gründen nicht greifbar. 26 Das Argument der Erklärungslücke fokussiert auf Qualia als das zentrale Element der Bewusstseins-Problematik. ‚Bewusstsein’ wiederum dürfte die „Kernvariante“ 27 des Leib-Seele-Problems sein, eine der am eifrigsten bearbeiteten philosophischen Thematiken der Neuzeit. ANTTI REVONSUO (1997) formuliert diesen Umstand so:
„Ohne die Ebene der subjektiven Erfahrung gäbe es nicht einmal ein „Problem des Bewusstseins“, noch würde es Sinn machen, nach dem unmittelbaren neuronalen Korrelat des Bewusstseins zusuchen oder die Konsequenzen zu ermitteln, die bewusste Repräsentationen für das Verhalten haben. Folglich hängen die anderen Untersuchungsebenen in der Bewusstseinsforschung von dieser Untersuchungsebene ab.“ 28
Die entscheidende Schlacht der Leib-Seele- bzw. Gehirn-Geist-Problematik wird vermutlich am Beispiel des phänomenalen Bewusstseins geschlagen. An ihrem Beispiel könnte also eine entscheidende Brücke zwischen materieller und geistiger Welt gebaut werden. Qualia könnten zum Präzedenzfall der materialistischen Reduzierbarkeit mentaler Zustände werden. So lauten zumindest die Hoffnungen.
Dagegen wäre ein Scheitern der wissenschaftlichen Erklärungsversuche ein möglicher Hinweis dafür, dass Qualia (und vielleicht auch andere mentale Zustände) keine physischen Phänomene sind. Zumindest müsste die Frage gestellt werden, ob nicht ein epistemischer Dualismus besser geeignet wäre, befriedigende Erklärungen zu liefern. Könnte eine prinzipielle Nicht-Reduzierbarkeit von Qualia auf neurobiologische Vorgänge aufgezeigt werden, wäre dies der Todesstoß für Teile der wissenschaftlichen Forschung in diesem Feld. Falls sich andererseits herausstellen sollte, dass unser mangelndes Verständnis unter anderem an unseren noch unausgereiften Begriffen liegt, könnten wir uns gerechtfertigte Hoffnungen auf eine zukünftige begriffliche und wissenschaftliche Überbrückung der Erklärungslücke machen. Im Zusammenhang mit den kausalen Rollen phänomenaler Bewusstseinszustände ergibt sich eine noch weit schwerer wiegende Frage: Falls Qualia keine kausalen Rollen für das Verhalten und das Steuern von Handlungen zugewiesen werden könnten, wozu wären sie dann gut? Sollten wir sie dann als Epiphänomene ansehen? Müssten wir in diesem Fall nicht Abschied nehmen von
26 McGinn (1991, 1993) hält das Problem wegen der sogenannten ‚kognitiven Verschlossenheit’ für unlösbar.
27 Metzinger (2001), S. 48
28 Revonsuo (1997), S. 205
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unserem lieb gewordenen Bild der Willensfreiheit? Wäre dies schlicht und einfach ‚das Ende unserer Welt’, wie Fred Dretske es drastisch formuliert?
1.6 Zusammenfassung
Als Qualia werden bewusste, mentale Zustände bezeichnet, die einen phänomenalen Erlebnischarakter und einen qualitativen Gehalt aufweisen sowie nur aus der subjektiven Erste-Person-Perspektive erfahren werden können. THOMAS NAGEL definiert Qualia als das ‚how it’s like’, sich in einem bestimmten mentalen Zustand zu befinden. Synonym hierzu verwenden wir die Begriffe ‚Phänomenales Bewusstsein’ und ‚subjektive Erlebnisqualitäten’. Als weitere konstituierende Aspekte sind zu nennen: Direktheit bzw. unmittelbare Präsenz, Privatheit, Partikularität, Homogenität, Indexikalität und Sprachferne. Zunächst offen lassen möchte ich, ob Qualia intrinsisch oder relational sind, da diese Zuordnung die Frage der Reduzierbarkeit im Kern betrifft. In dieser Magisterarbeit möchte ich mich auf die meiner Ansicht nach wichtigsten Eigenschaften konzentrieren: Qualia haben einen qualitativen Gehalt und werden subjektiv erlebt. Im Rahmen einer Klassifizierung des Begriffs ‚Bewusstsein’ können Qualia als Erlebniszustände zum einen von intentionalen Zuständen mit propositionalem Gehalt und zum Anderen von Wahrnehmungen mit repräsentationalem Gehalt differenziert werden. Aufgrund ihres qualitativen Gehalts unterscheiden sie sich des Weiteren von kognitiven Bewusstseinszuständen, wie sie durch den Begriff ‚awareness’ definiert sind. Phänomenales Bewusstsein tritt zwar u. a. auch in Verbindung mit intentionalen Zuständen auf, ist aber nicht mit diesen gleichzusetzen, da Intentionalität kein konstitutives Merkmal ist. Die wirklich ‚harte Nuss’ sind subjektive Erlebnisqualitäten. Deren Berührungspunkte mit dem Thema ‚Selbstbewusstsein’ können im Rahmen dieser Arbeit nicht untersucht werden.
Die offenen Fragen sind zahlreich. Es ist uns nicht klar, warum und auf welche Weise Qualia eine materielle Basis haben könnten. Wir wollen wissen, ob eine Reduktion möglich und wie sie zu erreichen ist. Hierbei ist noch offen, ob und wie es gelingen kann, die Erste-Person-Perspektive der bewussten Erfahrung mit der Dritte-Person-Perspektive wissenschaftlicher Forschung zusammenzubringen. Es ist auch zu untersuchen, ob Qualia kausale Rollen und somit eine Wirksamkeit in einer materiellen Welt zugeordnet werden können. Ganz im Sinn des ‚explanatory gap argument’ befassen wir uns nicht mit der ontologischen, sondern mit der epistemischen Seite dieser Fragen.
Die Relevanz einer Lösung des Qualia-Problems könnte unter Umständen eminent sein. Dies gilt zum einen für die philosophische Diskussion und zum anderen für laufende neurobiologische
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Forschungsvorhaben. Eine Lösung des Qualia-Problems als Präzedenzfall könnte erhebliche Auswirkungen auf die Leib-Seele-Thematik, die Willensfreiheit und das Selbstverständnis menschlichen Erlebens haben.
Ich möchte mich im folgenden Kapitel auf einen Ansatz der Problemdarstellung konzentrieren, der mir besonders aufschlussreich erscheint: Das Argument der Erklärungslücke nach Joseph Levine.
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2 Das Argument der Erklärungslücke
In diesem Kapitel wird eine historische und argumentative Hinführung zum ‚explanatory gap argument’ von JOSEPH
LEVINE (1983, 1993) skizziert. Das Argument wird detailliert vorgestellt. Daran schließt sich die Frage an, welche
Form eine adäquate Reduktion von Qualia haben sollte.
2.1 Vorgeschichte
Interessanterweise reicht die Intuition, dass Bewusstsein und Qualia nicht mithilfe naturwissenschaftlicher bzw. neurobiologischer Forschung adäquat erklärt werden können, weit zurück. Als im neunzehnten Jahrhundert die Erforschung des Gehirns in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses rückte, formulierten Skeptiker bereits Vorläufer der Levine’schen Erklärungslücke. So beschrieb der irische Physiker JOHN TYNDALL (1868) den tiefsitzenden Zweifel bezüglich der Qualia-Problematik in treffender Weise:
„Granted that a definite thought, and a definite molecular action in the brain, occur simultaneously; we do not possess the intellectual organ, nor apparently any rudiment of the organ, which would enable us to pass, by a process of reasoning, from the one to the other. They appear together, but we do not know why. Were our minds and senses so expanded, strengthened, and illuminated, as to enable us to see and feel the very molecules of the brain; were we capable of following all their motions, all their groupings, all their electric discharges, if such there be; and we were intimately acquainted with the corresponding states of thought and feeling, we should be as far as ever from the solution of the problem, ‘How are these physical processes connected with the facts of consciousness?’ The chasm between the two classes of phenomena would still remain intellectually impassable.” 29
Tyndall markiert deutlich zwei wesentliche Fragen: 1) Warum ist Bewusstsein ein neurobiologischer Zustand? 2) Wie haben wir uns den Zusammenhang zwischen Gehirn und Geist zu erklären? Er behauptet, dass auch die genaueste wissenschaftliche Beobachtung des Gehirns uns diese beiden Fragen nicht beantworten kann, da diese in ihrem Kern intellektueller, also philosophischer Natur sind. 30 Der intellektuelle Abgrund, der sich zwischen den beiden Klassen von Phänomenen auftut, scheint nicht überbrückbar zu sein. Insbesondere die zweite
29 Tyndall (1868), in: Tyndall (1892), S. 87
30 Tyndall ist der Ansicht, dass uns Menschen das ‚intellektuelle Organ’ fehlt, um den Zusammenhang zwischen Gehirn und Geist zu verstehen. Dies erinnert an die populär gewordene These der kognitiven Geschlossenheit von McGinn (1991), die besagt, dass die Wirkungsweise eines Systems nur von einem komplexeren, übergeordneten System verstanden werden kann.
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Arbeit zitieren:
M.A. Jussi Nienstedt, 2009, Sind Qualia reduzierbar?, München, GRIN Verlag GmbH
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