Inhaltsverzeichnis
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Einleitung 1
1 Aktuelle Nutzung Nachwachsender Rohstoffe 3
1.1 energetische Nutzung 3
1.2 stoffliche Nutzung 6
1.2.1 aktuelle Situation in Deutschland 6
1.2.2 Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen 9
1.3 ökologische Bewertung der Biomassepfade 16
1.3.1 Biokraftstoffe 17
1.3.2 Biohydraulik- und Bioschmieröle 21
1.3.3 Biokunststoffe 24
2 Zukünftige stoffliche Nutzung von Nachwachsenden Rohstoffen
30
2.1 chemische Grundstoffe 30
2.2 Das Konzept der Bioraffinerie 33
2.2.1 Prozesse und Technologien in Bioraffinerien 39
2.2.2 System der LCF-Bioraffinerie 52
2.2.3 System der Getreide-Ganzpflanzen 55
2.2.4 System der grünen Bioraffinerie 57
2.2.5 Das 2-Plattform-Konzept 59
2.2.6 Unterschiede zur Erdölraffinerie 60
2.3 Bewertung der ökologischen Bilanzierung von Bioraffinerien 62
3 Flächen- und Nutzungskonkurrenzen von Nachwachsenden
Rohstoffen 64
4 Marktaspekte von Produkten aus Nachwachsenden Rohstoffen 68
4.1 Biokraftstoffe 68
4.2 Biokunststoffe 69
4.3 chemische Grundstoffe 70
4.4 Interessen und Erwartungen 71
5 Fazit und Handlungsbedarf 75
6 Literaturverzeichnis 77
7 Abbildungsverzeichnis 86
I
Einleitung
Als um 1850 die Pottwale beinahe ausgerottet wurden, zeichnete sich in Amerika eine Rohstoffkrise ab, da das aus Walfett gewonnene Lampenöl knapp wurde. Innerhalb der nächsten Jahrzehnte konnte die Krise durch die Entdeckung und Förderung von Rohöl für die anschließende Destillation von Petroleum überwunden werden. Nach und nach wurde Erdöl zu einem der wichtigsten Rohstoffe für die Weltwirtschaft, einer der bedeutendsten Ressourcen zur Erzeugung von Energie, Wärme, Kraftstoffen und der Herstellung chemischer Produkte. Experten aus der Ölindustrie erwarten, dass das Maximum der Förderung des fossilen Rohstoffs, auch als - bezeichnet, kurz bevorsteht. Andere Theorien gehen wiederum davon aus, dass sich Erdöl im Gegensatz zu bisherigen Annahmen abiotisch im Inneren des Erdmantels unter hohem Druck und Temperatur ständig neu bildet. Der Gedanke einer zukünftig verstärkten stofflichen Nutzung nachwachsender Rohstoffe soll in Anlehnung an die Entwicklung von Erdölraffinerien im 19. Jahrhundert aber nicht nur eine langfristige Versorgung mit Produkten wie z.B. chemischen Grundstoffen gewährleisten. Eine weitere Motivation ist die Erkenntnis, dass fossiler Kohlenstoff bislang in einem solchen Grad und Volumen anthropogen freigesetzt wurde, dass sich die Zusammensetzung der Atmosphäre im Vergleich zu geologisch und evolutionären Zeiträumen bereits rapide verändert hat mit potentiell negativen Folgen für sowohl ökologische als auch ökonomische Systeme. Auch die steigenden Preise für Erdöl machen die Nutzung regenerativer Kohlenstoffträger zunehmend attraktiver. Die Frage ist, stehen wir vor einer neuen Revolution oder ist die Vision der Konversion von Biomasse in Chemikalien, Energie, Kraftstoffe etc. noch nicht ausgereift? In dieser Arbeit soll an-hand einer Analyse der zur Verfügung stehenden Literatur gezeigt werden, dass nachwachsende Rohstoffe als Basis einer zukünftigen stofflichen Ressource der Industrie großes Potential bieten. Neben der Darstellung ausgewählter Produkte auf Basis nachwachsender Rohstoffe sowie der punktuell ökologischen Bewertung einiger bereits heute hergestellter Produkte, soll veranschaulicht werden, mit welchen Technologien, Anlagekonzepte und Rahmenbedingungen die zukünftige Nutzung nachwachsender Rohstoffe in der Industrie erfolgreich umgesetzt werden kann. Im Fokus dieser Arbeit steht die stoffliche Nutzung (Kapitel 1.2) von nachwachsenden Rohstoffen, wobei untergeordnet
auch die energetische Nutzung (Kapitel 1.1) und Produktion von Kraftstoffen thematisiert wird, da es bei der Nutzung zu Überschneidungen kommen kann. Anhand der Bereiche, die bezüglich der Produktionsmengen bereits heute einen Stellenwert erreicht haben, soll ein Einblick in die aktuelle stoffliche Nutzung und eine Bewertung zur ökologischen Einordnung (Kapitel 1.3) der Nutzung nachwachsender Rohstoffe im Vergleich zu fossilen Rohstoffen gegeben werden. Das Kapitel der zukünftigen stofflichen Nutzung thematisiert das Potential nachwachsender Rohstoffe für die Herstellung chemischer Grundstoffe (Kapitel 2.1). Zudem werden erfolgsversprechende Technologien sowie Anlagenkonzepte (Kapitel 2.2) für die integrierte Herstellung von Produkten auf der Basis von Biomasse vorgestellt und exemplarisch ausgewählte Übersichtsökobilanzen verschiedener Bioraffinerie-Konzepte zusammengefasst (Kapitel 2.3). Im Folgenden werden die Flächen- und Nutzungskonkurrenzen nachwachsender Rohstoffe (Kapitel 2.3) im Vergleich der stofflichen und energetischen Nachfrage vorgestellt. Anschließend werden ökonomische Aspekte (Kapitel 4) von Biokraftstoffen, Biokunststoffen und chemischen Grundstoffen thematisiert und die Erwartungen von Akteuren aus Unternehmen, wissenschaftlichen Einrichtungen, Vereinen und Verbänden unterschiedlicher Bereiche der stofflichen Nutzung dargestellt. Abschließend werden die wichtigsten Punkte zusammengefasst, Defizite für eine zukünftig verstärkt stoffliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe aufgezeigt und Handlungsoptionen vorgeschlagen (Kapitel 5).
1 Aktuelle Nutzung Nachwachsender Rohstoffe
Die industrielle Nutzung nachwachsender Rohstoffe findet schon heute eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten und die chemische Industrie engagiert sich zunehmend ihre Rohstoffbasis auf nachwachsende Rohstoffe umzustellen. Im Vergleich zur stofflichen, hat sich die energetische Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen in Deutschland bereits etabliert. Der Fokus im folgenden Kapitel liegt darauf, einen Überblick über die aktuellen Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen zu geben, die wichtigsten stofflichen Einsatzbereiche zu identifizieren und im Rahmen einer ökologischen Betrachtung zu bewerten.
1.1 energetische Nutzung
Die Förderung der Energiebereitstellung aus nachwachsenden Rohstoffen hat im Laufe der letzten Jahre in Deutschland zu einer Produktionssteigerung in dem Sektor der Bioenergie geführt (Bundesministerium für Umwelt).
Nahezu alle Arten von Biomasse können als Energieträger eingesetzt werden. (Reinhardt, et al., 2005 S. 1) Als Bioenergie-Träger werden verstanden:
nachwachsende Rohstoffe: Holz, ein und mehrjährige Pflanzen (Getreide, Raps, Miscanthus, etc.)
organische Neben- und Reststoffe: Durchforstungs-Holz, Stroh
organische Abfallstoffe: Abfälle aus der Holzverarbeitung, Landwirtschaft (Gülle, etc.), Gewerbe, Haushalten, Abfälle in Abwässern, Klärschlämmen und Deponien
(Heinloth, 2003 S. 339)
Die folgende Abbildung gibt einen Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten sowie über die Bereitstellungsketten zur Nutzung von Bioenergie.
Quelle: (Kaltschmitt, et al. 2009 S. 4)
Der Anbau von Bioenergieträgern zur energetischen Nutzung steht allerdings auch in Konkurrenz zum Erhalt der biologischen Artenvielfalt, dem Erhalt der natürlichen Lebensräume, der vorrangingen Nutzung von Biomasse als Nahrungsträger und der nicht-energetischen Nutzung. (Heinloth, 2003 S. 341).
Der Wissenschaftliche Beirat globale Umweltveränderung geht davon aus, dass eine nachhaltige Erzeugung von Biomasse zur energetischen Nutzung etwa im Bereich von einem Viertel des derzeitigen und unter einem Zehntel des in 2050 zu erwartenden globalen Primärenergieeinsatzes liegt. Diese Bandbreite
stelle allerdings die Obergrenze dar [...] Das wirtschaftlich mobilisierbare Potenzial könnte bei etwa der Hälfte des nachhaltigen technischen Potenzials liegen.(WBGU, 2008 S. 4)
Angesichts des wirtschaftlichen Potenzials solle die energetische Nutzung von Biomasse daher nicht überschätzt werden (vgl. WBGU). Eine effiziente Verwendung von Biomasse sei nur über eine Kaskadennutzung zu errei-und am Lebensende erst die energetische Nutzung steht. (nova-Institut, 2010 S. 20) Dieses Prinzip biete nicht nur ökonomische Vorteile für einzelne Unternehmen durch verringerte Rohstoffkosten und Entsorgungsgebühren, sondern berge auch Potenzial positiver makroökonomischer Effekte. (Kristof, et al., 2009 S. 19)
Zudem bietet die Bereitstellung erneuerbarer Energien durch Sonne und Wind, Wasserkraft sowie Geothermie im Energiebereich bereits heute eine Vielzahl von Alternativen als der energetischen Nutzung von Biomasse.
1.2 stoffliche Nutzung
Nachwachsende Rohstoffe [...] sind die einzige alternative Kohlenstoffquelle für die Erzeugung chemischer Produkte, im Gegensatz zur Energieerzeugung, die nicht unbedingt auf kohlenstoffhaltige Rohstoffe angewiesen ist. (Hirth, 2009)
Quelle: eigene Darstellung mit Daten aus (VCI, 2010)
Die chemische Industrie in Deutschland nutzt derzeit ca. 14 % des Erdöls zur stofflichen Verarbeitung (VCI, 2010). Vor dem Hintergrund steigender Ölpreise und endlicher Verfügbarkeit fossiler Rohstoffe engagiert sich die chemische Industrie daher zunehmend, die Rohstoffversorgung auf nachwachsende Rohstoffe umzustellen (Dechema, GDCh, GGMK, VCI, 2010).
1.2.1 aktuelle Situation in Deutschland
Bei einer Gesamtfläche von 35,7 Mio. ha, verfügt Deutschland über rund 17 Mio. ha landwirtschaftlicher Nutzfläche (bestehend aus 12 Mio. ha Ackerland und 5 Mio. ha Grünland) als Quelle von Agrarrohstoffen sowie etwa 11 Mio. ha Waldfläche als Holzquelle. Holz findet fast ausschließlich in der Säge- und Holzwerkstoff-, Papier- und Zellstoffindustrie, sowie in der energetischen Nutzung Beachtung (Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V., 2009). Von den im Jahre 2008 72 Mio. Kubikmeter stofflich genutzten Holzrohstoffen fielen über 96 % auf die oben genannten Industrien (Peters, et al., 2010 S. 66-68). In Kapitel 2 wird das Konzept der Lignocellulose-(LCF)-Bioraffinerie er-
läutert, welches die Herstellung von Plattformchemikalien 1 aus Lignocellulose 2 vorstellt. Die folgenden Darstellungen fokussieren sich daher auf die Nutzung von Agrarrohstoffen als nachwachsende Rohstoffe.
Die stoffliche Nutzung von Agrarrohstoffen in den Industrien, die nicht zum Nahrungs- oder Futtermittelbereich gehören, entspricht ca. 15 % (Peters, et al., 2010 S. 9). Im industriellen Bereich wurden damit im Jahre 2007 insgesamt 3,6 Mio. t der Agrarrohstoffe genutzt, von denen 2,3 Mio. t (64 %) importiert und 1,3 Mio. t (36%) im Inland gewonnen werden. (nova-Institut, 2010 S. 10). Die Importquote erscheint hoch. Doch dürfe man laut Peters (2010, S. 9) auch nicht vergessen, dass wiederum ein beträchtlicher Teil der auf Basis nachwachsender Rohstoffe hergestellten Produkte exportiert werde.
Die folgende Abbildung gibt einen Überblick über den Einsatz von Agrarrohstoffen in den relevanten verarbeitenden Industrien des Non-Food-Bereichs.
Abbildung 3: Einsatz von Agrarrohstoffen, Deutschland 2007 Quelle: eigene Darstellung mit Daten aus (nova-Institut, 2010 S. 12)
1 Substanz-Plattform, von der aus viele andere Produkte aufgebaut werden
2 Lignocellulose bildet das Strukturgerüst, die Zellwand, pflanzlicher verholzter Biomasse be-
stehend aus Hemicellulose, Cellulose und Lignin
Nachwachsende Rohstoffe, insbesondere Agrarrohstoffe, werden also besonders im chemischen Bereich eingesetzt. Neben einer Vielzahl von Produkten, die beinahe ausschließlich oder hauptsächlich aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden, findet man aber auch oft Kombinationen zusammen mit fossilen Rohstoffen wie Erdöl. (Peters, et al., 2010 S. 11)
Abbildung 4: Rohstoffmix in der Chemie, Deutschland 2008 Quelle: eigene Darstellung mit Daten aus (VCI, 2010)
In Deutschland wurden 2008 insgesamt 108 Mio. t an Rohöl abgesetzt, das mit knapp 16 Mio. t Rohbenzin (Mineralölwirtschaftsverband e.V., 2009 S. 29/52) als Naphtha in die stoffliche Weiterverarbeitung der Petrochemie einging (vgl. Oertel, 2007 S. 40). Der stoffliche Einsatz fossiler Rohstoffe in der chemischen Industrie im Jahre 2008 betrug insgesamt 18,5 Millionen Tonnen. Nachwachsende Rohstoffe, mit einem Beitrag von etwa 2,7 Millionen Tonnen (Peters, et al., 2010 S. 9) pro Jahr, sind in der chemischen Industrie bereits seit langem etabliert (VCI, 2010).
Die wichtigsten Gruppen der nachwachsenden Rohstoffe in der chemischen Industrie im Jahre 2008 waren nach (VCI, 2010) Fette/Öle mit einer Einsatzmenge von 1,45 Mio. t/Jahr, Cellulose (320.000 t/Jahr), Stärke (272.000 t/Jahr), Zucker (136.000 t/Jahr), sowie sonstiger nachwachsender Rohstoffe (Naturkautschuk, Pflanzenwachse, Harze, Gerbstoffe, Glycerin,
Arzneipflanzen) mit 582.000 t/Jahr.
1.2.2 Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen
Das Spektrum der stofflichen Verwendungsmöglichkeiten nachwachsender Rohstoffe ist vielfältig. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die genutzten Inhaltsstoffe verschiedenster Rohstoffquellen und der Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen.
Quelle: eigene Darstellung mit Daten aus (AGENS Arbeitsgemeinschaft NaturStoffe)
Neue Biowerkstoffe wie naturfaserverstärkte Kunststoffe (NFK), Wood-Plastics-Composites und Biokunststoffe erleben seit 2006 einen Boom, sind mit Wachstumsraten von über 20 % sehr erfolgreich. (Centrales Agrar-, Rohstoff-, Marketing- und Entwicklungs-Netzwerk e.V., 2009 S. 423).
Die auf Basis nachwachsender Rohstoffe hergestellten Produkte sind zudem eine attraktive Alternative zur Petrochemie, da die Synthesevorleistung der Na-
tur im Endprodukt zumindest teilweise erhalten werden kann (Peters, et al., 2010 S. 12).
Die biobasierten Produktgruppen/Anwendungsmöglichkeiten lassen sich mengenmäßig grob in vier Bereiche einordnen:
oleochemische 3 Anwendungen und Produkte
Biowerkstoffe
Kohlenhydratbasierte organische Grundchemikalien, Fein- und Spezialchemikalien, chemische Zwischenprodukte
stoffliche Anwendungen und Produkte auf Basis von verschiedenen sonstigen nachwachsenden Rohstoffen
Quelle: (Peters, et al., 2010 S. 26)
oleochemische Anwendungen und Produkte
Die mengenmäßig bedeutungsvollste Stoffgruppe in der Oleochemie sind heutzutage die Tenside, in deren Herstellung in Deutschland jährlich 430.000 t pflanzlicher Öle eingehen. Tenside werden vorrangig aus importiertem Kokossowie Palmkernöl hergestellt (Peters, et al., 2010 S. 28/31) und für die Herstellung von Wasch- und Reinigungsmitteln, Pharmaka, Kosmetikprodukten, Textilhilfsmitteln, für die Produktion von Lacken und Farben wie auch als Polymere für die Produktion von Kunststoffen verwendet. Da Tenside sowohl auf Basis petrochemischer als auch oleochemischer Grundstoffe gewonnen werden können (derzeit liegt der Anteil bei je 50%), konkurrieren diese miteinander. Produkte wie Wasch- und Reinigungsmittel aus nachwachsenden Rohstoffen sind im Gegensatz zu auf Basis von Erdöl hergestellten Produkten hautverträglicher und in Abwässern relativ schnell biologisch abbaubar (Oertel, 2007 S. 54)
Eine weitere bedeutende Produktgruppe der Oleochemie ist die Herstellung von Polymeren und Polymeradditiven, Linoleum, Polyurethanen, Polyester, Lacke/Farben und Beschichtungen sowie Lösungsmitteln. In diesem Bereich werden rund 400.000 t pflanzlicher Öle und Fette eingesetzt Durch die Hinzugabe von Polymeradditiven aus Pflanzenölen werden beispielsweise be- 3 Zweigder Chemie, der sich mit dem Studium pflanzlicher und tierischer Fette sowie mit den
petrochemisch hergestellten Produktäquivalenten auf Basis nachwachsender Rohstoffe befasst.
reits heute die Einsatzeigenschaften petrochemisch basierter Kunststoffe verbessert (Peters, et al., 2010 S. 31f)
Die Nutzung von Bioschmierstoffen und Bio-Ölen stellt mit einem Absatz von ca. 40.000 t jährlich (Marscheider-Weidemann, et al., 2005 S. 104) nur einen kleinen Bereich der oleochemischen Anwendungen dar. Allerdings ist es gerade aufgrund hoher Verluste (Ölverluste ohne betriebsbedingte Schmierstoffverbrennung wie Leckverluste oder der Verbleib in Maschinen) (Marscheider-Weidemann, et al., 2005 S. 101) und den daraus resultierenden Umweltbelastungen ökologisch sinnvoll, verstärkt auf Bioschmierstoffe und -Öle zurückzugreifen.
Biowerkstoffe
Zu den biobasierten Werkstoffen zählen biobasierte Kunststoffe 4 , naturfaserverstärkte Werkstoffe und natürliche, biogene Materialien. Letztere sind zum Beispiel Holz für den Haus- und Schiffsbau oder Flachs- und Hanffasern zur Herstellung technischer Textilien wie Segel (Peters, et al., 2010 S. 35).
Der Preis von Kunststoffen ist direkt an die Preisentwicklung des Erdöls als Rohstoffbasis des für die Kunststoffproduktion genutzten Naphthas gebunden. Etwa 4-5 % des in Europa genutzten Erdöls werden in der Chemie für die Herstellung von Kunststoffen verwendet (Endres, et al., 2009 S. 14-16). Das Spektrum biobasierter Kunststoffe hat sich daher im Lauf der letzten Jahre mit Wachstumsraten von 20% in Europa stark erweitert.
Den größten Teil in dem Bereich der Biokunststoffe nimmt die thermoplastische Stärke ein, die durch den Zusatz von natürlichen Weichmachern und Plastifizierungsmitteln, sowie wasserabweisenden biologisch abbaubaren Polymeren, zu Stärkeblends weiterverarbeitet wird (Oertel, 2007 S. 55f). In Granulatform können diese in bereits bestehenden Anlagen zu Folien, tiefziehbaren Flachfolien, Spritzgussartikeln oder Beschichtungen weiterverarbeitet werden (Lörcks, 2005 S. 14).
Zusätzlich zu den neu entwickelten kompostierbaren 5 Kunststoffen (PLA 6 , Stärke- und Cellulosewerkstoffe) werden 2010 auch die bekannten Massen-
4 aufBasis nachwachsender Rohstoffe hergestellte Kunststoffe, hierzu zählen keine synthetisch
hergestellten, abbaubare Kunststoffe
5 Verrottungszeit von 6-12 Wochen
kunststoffe PE (Polyethylen), PP (Polypropylen) und PVC (Polyvinylchlorid) erstmals durch Biomassekonversion hergestellt werden können (Centrales Agrar-, Rohstoff-, Marketing- und Entwicklungs-Netzwerk e.V., 2009 S. 483). Neben biologisch abbaubaren Verpackungen wie Mater-Bi TM (Novamont GmbH, 2010) können biobasierte Kunststoffe je nach Anforderungsprofil aber auch eine lange Lebensdauer haben. Werkstofflich verwendete biogene Thermo- und Duroplaste finden sich heute in vielen Bereichen:
Verpackungen (Leicht- und Lebensmittelverpackungen, Blister, Loose-Fill, Tragetaschen, Beschichtungen von Papier- und Kartonverbunden)
Catering (Becher, Teller, Besteck), Bioabfallsäcke
Agrarbereich, Garten- und Landschaftsbau (Abdeckfolien, Mulchfolien, Pflanz- und Anzuchttöpfe, Bindegarne, Friedhofsartikel)
Hygieneartikel und Convenience-Produkte
Spiel-, Sport- und Büroartikel (Baukästen/-steine, PlayMais, Golf-Tees, Kugelschreiber)
Textilien, Haushaltsartikel (T-Shirts, Matratzen);
Medizintechnik (Operationsmaterial, Nähfaden, Schrauben, Kapseln, Implantate).
Strukturbauteile im Automobilbau, der Elektronikindustrie und Haushaltswarenherstellung (Profile, Rohre, Schläuche, technische Gewebe)
Quelle: (Peters, et al., 2010 S. 39)
Diese Biokunststoffe erreichen mit einer Verbrauchsmenge von 45.000 t einen Anteil von nicht einmal 1% im Bereich der werkstofflich verwendeten Kunststoffprodukte. Die nicht-werkstofflich verwendeten biobasierten Kunststoffe stellen mit 340.000 t die überwiegende Menge der biogenen Thermo- und Duroplaste dar. Diese entspricht rund 10 % des Verbrauchs in dem Bereich der nicht-werkstofflich verwendeten Kunststoffprodukte. Die Haupteinsatzgebiete liegen in der Papierherstellung (44%) und der Baustoffchemie (26%). Cellulosederivate finden beispielsweise ihre Anwendung als Wasserrückhaltemittel für den Baubereich und als Bindemittel für Lacke und Farben. (Peters, et
6 Polylactide, auch als Polymilchsäuren bezeichnet, sind biokompatible Thermoplaste
al., 2010 S. 38-41). Cellulose wird für die Herstellung von Celluloseacetat 7 und Celluloseester (z.B. als technische Kunststoffe, Zigarettenfilter und Isolierlacke (Fink, et al., 2005)) sowie Cellophan, einem der bekanntesten Kunststoffe für Verpackungen (Eyerer, et al., 2005 S. 43), verwendet. .Pflanzenöl basierte, nicht werkstofflich verwendete Kunststoffe wurden im Abschnitt der oleochemischen Anwendungen und Produkte bereits behandelt.
In der Gruppe der biogenen Elastomere wird Naturkautschuk (oder synthetischer Kautschuk) hauptsächlich für die Produktion von PKW-, LKW- und Flugzeugreifen eingesetzt (Peters, et al., 2010 S. 42). Weitere Einsatzbereiche finden sich in der Produktion von Gummi Handschuhen, Dichtungen, Luftballons, Schläuchen, Gummistiefeln, Schuhsohlen und Transportbändern (Bader, et al., 2009 S. 40).
Cellulosische Chemiefasern bilden mit einer Einsatzmenge von knapp 189.000 t und einem Anteil von 27 % im Jahre 2009 (IVC, 2010 S. 4) ein wichtiges Einsatzgebiet in der Chemiefaserindustrie. Bei der Herstellung von Chemiefasern aus cellulosischen Polymeren unterscheidet man hauptsächlich zwischen Viskose- und Acetatfasern, die dann in die Produktion von Textilien und Geweben eingehen (Industrievereinigung Chemiefaser e.V. S. 14).
Naturfaserverstärkte Kunststoffe (NFK 8 ) werden heutzutage bevorzugt als thermo- und duroplastische Formpressteile im Automobilbereich eingesetzt (Centrales Agrar-, Rohstoff-, Marketing- und Entwicklungs-Netzwerk e.V., 2009 S. 533). Hauptsächlich finden NFK Anwendung im PKW-Innenraum bei den Türinnenverkleidungen, da sie nicht zum Splittern neigen und zudem gute akustische Eigenschaften (Schalldämpfung) aufweisen. Mit einer möglichen Gewichtseinsparung von 30 % sind sie ideal für Leichtbau geeignet und herkömmlichen Kunststoffen auch ökologisch überlegen, wie verschiedene Ökobilanzen zeigen (Karus, et al., 2005 S. 7-11). Weitere Anwendungsmöglichkeiten finden sich im Textilbereich, in Spezialpapieren (z.B. Banknoten) und beispielsweise im Baubereich als Dämmstoffe. Verbundstoffe wie Wood-Plastic-Composite (WPC), Holz-Polymer-Werkstoffe werden im Außenbereich (Terrassenbeläge, Fensterrahmen und Zaunsysteme), im automobilen Innenbereich wie auch in der Möbelindustrie erfolgreich eingesetzt (Peters, et al., 2010 S.
7 thermoplastischer Kunststoff aus Cellulose
8 Faser-Kunststoff-Verbund aus Kunststoff und eingearbeiteten Naturfasern
45f/64). Beispielhaft soll hier Fibrolon® genannt werden, naturfaserverstärkte Compounds, die spritzgießbar sind und sich damit zu komplexen Profilen extrudieren oder auch zu Automobilinnenaustattung pressen lassen (nova-Institut GmbH, 2010 S. 27).
Kohlenhydratbasierte organische Grundchemikalien, Fein- und Spezialchemikalien,
chemische Zwischenprodukte
9 Konversion von Kohlenhydraten zu or-
ganischen Grundchemikalien, chemischen Zwischenprodukten sowie zu Fein-und Spezialchemikalien oder Pharmaprodukten kommt große Bedeutung .(Peters, et al., 2010 S. 47) In der chemischen Industrie wird durch Synthese und Fermentationen Saccharose 10 vorwiegend für die Herstellung von Polyurethan-Schaumstoffen verwendet. Zucker dient nicht nur als Ausgangsstoff für den Süßstoff Isomalt, für Vitamine oder als Grundlage der pharmazeutischen Industrie (Antibiotika, Hormone, Wachstumsfaktoren sowie therapeutische Proteine und Antikörper), sondern als Biokatalysator bei der Herstellung von Feinchemikalien. (Peters, et al., 2010 S. 47-48) Der Großteil stofflich genutzter Kohlenhydrate findet aber vor allem als Papierstärke in Leim, Papier-und Wellpappeprodukten Verwendung. (Centrales Agrar-, Rohstoff-, Marketing- und Entwicklungs-Netzwerk e.V., 2009 S. 60)
Das mengenmäßig bedeutendste Produkt biotechnischer Herstellung aus kohlenhydratbasierten Pflanzenteilen ist Bioethanol, das heutzutage als Kraftstoffkomponente weit verbreitet ist. (Dechema, GDCh, GGMK, VCI, 2010 S. 28f). Ethanol lässt sich zum Beispiel aber auch für Lösungsmittel, pharmazeutische Präparate oder als Rohstoff für die chemische Industrie nutzen. Zunehmend gewinnt auch die Synthese von Ethen aus Ethanol Bedeutung, einer der wichtigsten chemischen Verbindungen, (Bader, et al., 2009 S. 45-47) und Ausgangsbasis für rund 30 % aller Petrochemikalien (Katalyse Institut für angewandte Umweltforschung, 2010).
9 bezeichnet in der Biotechnologie die Umsetzung von biologischen Materialien mit Hilfe von
Bakterien-, Pilz- oder Zellkulturen oder aber durch den künstlichen Zusatz von Enzymen
10 Rohr- oder Rübenzucker, Kristallzucker (Disaccharid)
stoffliche Anwendungen und Produkte auf Basis von verschiedenen sonstigen nachwachsenden Rohstoffen
Die Verwendung von Arzneipflanzen ist ein mengenmäßig kleiner Bereich, der jedoch im Hinblick auf Umsatzvolumen und Wertschöpfung von Bedeutung ist (Peters, et al., 2010 S. 62). In Deutschland wurden 2004 4.500 t Arzneipflanzen für die Verwendung als Pharmaka angebaut (Oertel, 2007 S. 144). Diese Phytopharmaka 11 sind in Deutschland sehr beliebt und werden von allen Bevölkerungsschichten verwendet (Institut für Demoskopie Allenbach, 2002).
Im Bereich der in Deutschland jährlich verwendeten 1,3 Mio. m 3 Naturdämmstoffe werden vor allem Holz- und Cellulosedämmstoffe eingesetzt (Oertel, 2007 S. 60). Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig. So können beispielsweise Holzfaserdämm- oder Holzwolleleichtbauplatten im Mauerwerks-und Betonbau als Dämmung, Putzträger oder auch als Akustikplatte eingesetzt werden. (Brandhorst, et al., 2009 S. 17/26)
Pflanzliche (und tierische) Proteine werden hauptsächlich als Futtermittel verwendet. Zudem werden Proteine wie z.B. Gelatine für die Herstellung von Leimen und Klebern, Casein für die Verwendung als Bindemittel oder Hilfsstoff in der Pharmazeutik, sowie Gluten als Klebereiweiß genutzt (Peters, et al., 2010 S. 63). Das bislang wichtigste industriell eingesetzte pflanzliche Protein ist Sojaprotein, welches vor allem als Grundstoff für Papierstrichmittel und Etikettierklebstoffe dient (Bonk, 1999).
11 Arzneimittel aus ausschließlich pflanzlichen Wirkstoffen
1.3 ökologische Bewertung der Biomassepfade
Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen gelten im Vergleich zu fossilen
Vorteile dieser Annahme zu prüfen, werden im Folgenden drei Einsatzbereiche bewertet, die bereits industrielle Bedeutung haben und damit als repräsentativ für die derzeitige stoffliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe betrachtet werden können. Untersucht werden die Umweltwirkungen im Vergleich zu konventionellen Produkten. Dabei wird der ganze Lebensweg von der Rohstoffgewinnung und dem landwirtschaftlichen Anbau über verschiedene Verarbeitungs- und Transportprozesse und die Nutzung bis hin zur Entsorgung erfasst. Diese Analyse wählt einen erweiterten, in den ISO-Normen empfohlenen Ansatz, die sogenannte Äquivalenzprozessbilanzierung (Müller-Sämann, et al., 2003 S. 65-75), in der die durch die Kuppelprodukte ersetzten, konventionellen Produkte erfasst werden. Die durch den Wegfall der konventionellen Produkte eingesparten Ressourcen und Emissionen werden dem untersuchten nachwachsenden Rohstoff gutgeschrieben, d.h. von seinen Umweltwirkungen abgezogen.
Bei vielen der analysierten Lebenswege und Modelle wird das Produkt am Lebensende zur Gewinnung von Energie genutzt, so dass fossile Energieträger eingespart werden können. Aus Platzgründen wird oft eine verkürzte Darstellung wie folgt gewählt:
Quelle: (Müller-Sämann, et al., 2003 S. 74)
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Stefan Reinhardt, 2010, Nachwachsende Rohstoffe als Basis für eine zukünftige stoffliche Ressource der Industrie, München, GRIN Verlag GmbH
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