Einleitung
Indien ist ein säkularer Vielvölkerstaat in dem Religionsfreiheit garantiert wird. Die Religionen verteilen sich wie folgt: 80,5 % Hindus, 13,4 % Moslems (hauptsächlich Sunniten), 2,3 % Christen, 1,9 % Sikhs, 0,8 % Buddhisten, 0,4 % Jainas und 0,6 % andere. 1 Indien hat damit nach Indonesien die zweitgrößte Moslembevölkerung der Welt. 2 Diese Zusammensetzung liefert den Zündstoff für zahlreiche Auseinandersetzungen, insbesondere auf kommunaler Ebene, und führt bis heute zu einer Vielzahl von Ausschreitungen und einem verhältnismäßig hohem Grad an kommunaler Gewalt. Diese Tatsachen beeinflussen die Politik der größten Demokratie der Welt maßgeblich.
Im Folgenden soll geklärt werden was genau kommunale Gewalt ist, wie sie entsteht und warum sie so oft nicht verhindert wird. Des Weiteren wird der Einfluss der Hindunationalisten auf kommunalistische Ausschreitungen betrachtet sowie der wechselseitigen Einfluss zwischen Politik und Kommunalismus.
Hindunationalismus und kommunale Gewalt in Indien
Bis zum 7. Jahrhundert waren der Buddhismus und der Hinduismus die maßgeblichen religiösen Geistesströmungen in Indien. Im 8. Jahrhundert wurde durch die arabischen Eroberungszüge der Islam nach Nordindien gebracht. Eine Dominanz muslimischer Staaten entwickelte sich jedoch erst im 12. Jahrhundert. Von 1765 an wurden weite Teile Indiens von der britischen Ostindien‐Kompanie unterworfen. 1947 führte der gewaltfreie Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft zur Unabhängigkeit. Im Zuge dieses Prozesses wurde das ehemalige Gebiet Britisch‐Indien in die indische Union und die muslimische Republik Pakistan geteilt. Dennoch bildet Indien auch heute noch wie oben bereits erwähnt einen Vielvölkerstaat, indem besonders die Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Moslems problematisch sind. (Auch auf Christen und andere Minderheiten werden Anschläge verübt, im folgenden Text soll jedoch aufgrund der deutlich geringeren Zahl nur auf die Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Moslems eingegangen werden). Aus dieser Tatsache resultiert eine Vielzahl an Problemen die das tägliche Leben der Inder
1 Census of India 2001, http://www.censusindia.gov.in/
2 http://www.ems-online.org/440.html
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maßgeblich bestimmen. In Indien dominiert der so genannte Hindunationalismus in der Politik und im Denken vieler Inder. "Hinter dem Begriff Hindunationalismus steht ein weit komplexeres Phänomen, als es die beiden Worte vermuten lassen, aus denen er zusammengesetzt ist. Im Wesentlichen beschreibt "Nationalismus" eine Bewegung, die sich den Werten und Symbolen eines Landes, einer Nation verpflichtet fühlt. Wie andere Nationalismen - etwa der irische oder kurdische - definiert sich auch Hindunationalismus entlang gesellschaftlicher, kultureller, sprachlicher und religiöser Linien. Zusammengefasst sind diese in der Hindutva‐Ideologie, in der ganz konkrete Vorstellungen von einem zukünftigen Indien als "Reich der Hindus" (Hindu Rashtra) formuliert werden.“ 3 Der Hindunationalismus wird durch die rechtskonservative Partei BJP und der eng mit ihr verbundenen Sangh Parivar, dem Zusammenschluss zahlreicher Organisationen w.z.B. RSS und VHP vertreten.
Der politische Erfolg des Hindunationalismus entstand jedoch nicht aus den Defiziten der Demokratie, sondern ist das Produkt besonders intensiv geführter Wahlen und eben so intensiv geführter Kämpfe um religiöse Sitten, Rituale und Räume; um gemeinsam geteilte Symbole aus der indischen Kulturgeschichte; um Säkularismus und so weiter. 4 Ein Problem das aus der multiethnischen Zusammensetzung Indiens entsteht ist der Kommunalismus. Darunter „[…] wird in Indien die unter religiösem Vorzeichen stattfindende Gemeinschaftsbildung von Muslimen, Hindus oder anderen Gruppen […](verstanden), deren Struktur schließlich zu blutigen Zusammenstößen führt.“ 5
Anzeichen für kommunale Unruhen gibt es bereits seit dem 18. Jhd, bilden aber bis zum 20. Jhd keine regelmäßige Charakteristik des Lebens in Indien. In den 80er und 90er Jahren wurde die indische Politik von politischer Mobilisierung über Religion dominiert. 1983 führten politische und ökonomische Konflikte zu einem großen Ausmaß kommunaler Konflikte in Assam, die bis heute andauern. 1984 eskalierten die Konflikte als die Regierung entschied den Tempel in Amritsar zu stürmen um militante Sikhs zu entfernen. Dies führte zur Ermordung Mahatma Gandhis und löste ein massives Pogrom in Delhi aus, das zum Tod von 25000 Menschen führte. Erst Anfang der 90er konnten die Aufstände durch eine Kombination aus politischer, polizeilicher und militärischer Initiative beendet werden. Mitte der 80er wurde das Problem des Verhältnisses zwischen Hindu Mehrheit und Moslem
3 http://www.bpb.de/themen/88IOXS,0,Kampfansage_an_die_Demokratie.html
4 Hansen, Thomas Bloom: The Saffron Wave. Democracy and Hindu Nationalism in modern India. Oxford
University Press. New Delhi 1999. S. 5
5 http://www.ems-online.org/440.html
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Minderheit wieder behandelt. 1992 fanden die Auseinandersetzungen ihren Höhepunkt in den Ausschreitungen um die Moschee in Ayodhya. 1998 wurde eine neue Diskussion über die Säkularisierung begonnen. Im Mai 2004 gewann der Kongress unerwartet die Lok Sabha Wahlen, die BJP gewann jedoch den höheren Teil der öffentlichen Stimmen. Im Zeitraum von 1950‐95 betrug die Zahl der Opfer (Tote und Verletzte) bei Aufständen zwischen Hindus und Muslimen 40 000. 6 Zudem verursachen sie auch einen hohen ökonomischen Schaden und verschlechtern die Beziehungen ins Ausland, speziell zu Pakistan und Bangladesh und wirken sich negativ auf die soziale Anpassung aus.
Die Beteiligten an den Aufständen sind meist schwer zu ermitteln. Es gibt kaum Auskünfte über deren sozialen Status. Zu den beteiligten Organisationen sind auf Seite der Hindus in erster Linie die RSS und Jana Sangh zu nennen und auf muslimischer Seite die Majlis Tamir‐e‐ Millar, Muslim Majlis und Indian Union Muslim League.
Gründe für kommunale Gewalt und Einfluss auf die Politik
Kommunale Gewalt gipfelt meist in kommunalen Aufständen in Form von u.a. Gewaltakten einzelner Personen, Massenstechereien, Plünderungen und Brandschatzungen. Diese Aufruhre sind zwar verhältnismäßig selten aber doch sehr bedeutend für das Leben in Indien. Die Gründe für Ausschreitungen sind verschieden und reichen von Machtansprüchen, über interethnische ökonomische Rivalität, dem Problem der Rassenkonflikte und damit verbunden der Struktur des gesellschaftlichen Lebens in einer multinationalen Gesellschaft und sind auf lokaler sowie auch auf Länder‐ und Staatsebene zu finden. Meist ist kommunale Gewalt auf lokaler Ebene ein alltägliches Phänomen das aus den verschiedenen Problemen des Zusammenlebens in einer pluralistischen Gesellschaft entsteht und immer zu einer gemeinschaftlichen Angelegenheit erhoben wird. Gopal Krishna sieht als Hauptgründe hier zum Beispiel: Aktivitäten kommunaler Organisationen und Parteien, religiöse Dispute zum Beispiel über Kuhschlachtungen, religiöse Feste, Entweihung
6 Wilkinson, Steven I. (Hg.): Critical Issues in Indian Politics. Religious Politics and Communal Violence.
Oxford University Press. India 2005. S. 4
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Arbeit zitieren:
Tina Weingardt, 2009, Der Einfluss kommunaler Gewalt auf die Politik in Indien, München, GRIN Verlag GmbH
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