populärste Alternative zum klassischen Literaturunterricht stellt sicherlich die handlungs- und produktionsorientierte Unterrichtsmethode dar, die „nicht ohne Grund in der zeitgenössischen Diskussion zunehmend akzentuiert wird“ [Haas, G. 1997, Seite 18]. Dabei sollen nicht nur die „kognitive[n] und technische[n]“, sondern auch die „sinnliche und emotionale Intelligenz“ [ebd.] der Schüler berücksichtigt werden. Der handlungs- und produktionsorientierte Literaturunterricht sieht vor, durch eine kreative und abwechslungsreiche Unterrichtsgestaltung jedem Schüler das Recht zuzugestehen, „nach seinem Vermögen, im Rahmen seiner spezifischen Fähigkeiten und seines Denk-, Fühl-, Sprech- und Arbeitstempos gefördert zu werden“ [ebd.]. Allerdings ist gerade im Literaturunterricht für eine erfolgreiche Umsetzung der handlungs- und produktionsorientierten Methode nicht nur die Unterrichtsmethode an sich, sondern auch die Qualität der verwendeten Literatur entscheidend.
Peter Härtlings Kinderroman „Ben liebt Anna“ zählt dabei sicherlich zu den Referenzbüchern für den Literaturunterricht in der Grundschule. Mithilfe einer äußerst präzisen und einfachen Sprache thematisiert Härtling eine Liebesgeschichte zwischen zwei Kindern, die aufgrund ihrer cleveren Erzählweise die Liebe als eine der natürlichsten Sachen der Welt darstellt. Thematisch ist das Buch für den Unterrichtseinsatz in der Grundschule sehr gut geeignet, da immer mehr Kinder bereits in der Grundschule erste Liebeserfahrungen sammeln, obwohl diese Thematik - besonders in diesem Kindesalter - noch in vielen Elternhäusern tabuisiert wird. Auch methodisch bietet das Buch aufgrund der jeweils in sich abgeschlossenen Kapitel vielseitige und kreative Herangehensweisen an den Text an, wodurch es sich für den handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterricht besonders gut empfiehlt.
Im Folgenden wird nun dargestellt, wie sich Härtlings „Ben liebt Anna“ im Rahmen eines handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts konkret behandeln lässt. Dazu wird zunächst noch einmal ein etwas genauerer, theoretischer Überblick über die Ziele des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts gegeben. Anschließend wird eine allgemeine Übersicht über methodische Anregungen zum kreativen Umgang mit Härtlings Kinderroman vorgestellt, und schließlich wird am Beispiel des zweiten Kapitels „Anna“ ein exemplarischer Entwurf zu einer konkreten, handlungs- und produktionsorientierten Auseinandersetzung mit „Ben liebt Anna“ präsentiert und didaktisch analysiert.
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2 Theoretischer Überblick über die Ziele des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts
Die Idee des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts stammt ursprünglich aus den bereits in den 70er Jahren entstandenen zwei Ansätzen des handlungsorientierten Literaturunterrichts und des produktionsorientierten Literaturunterrichts [vgl. Haas, G. 1997, S. 43]. Bereits damals setzten sich diese beiden Konzeptionen zum Ziel, dem Leser bzw. dem Schüler die Möglichkeit zu offenbaren, „aus der Passivität des ‚normalen’ Schullesens“ [ebd.] heraustreten zu können. Während es Ziel des handlungsorientierten Ansatzes ist, dass der Schüler Texte skizziert, verändert, sie dem subjektiven Erfahrungs- oder Ausdrucksbedürfnis anvertraut und nach Möglichkeit bei der Wahl der Lektüre mitwirkt, geht es beim produktionsorientierten Ansatz hauptsächlich um die Förderung der „antizipatorischen und konstruktiven Fähigkeiten“ [ebd.]. Dabei soll der Schüler auf Grundlage eines vom Lehrer vorgegebenen Themas, einer Personenkonstellation oder eines bestimmten Handlungsansatzes einen eigenen Text produzieren, wobei durchaus auch die spielerischen Reize bei der Produktion neuer Texte berücksichtigt werden sollen. Allgemein ist der produktionsorientierte Ansatz stärker an die analytische Planung des Lehrers angelehnt, weil die „bereitgestellten Beispieltexte und Strukturschemata immer Ausdruck einer festliegenden Erkenntnis- und Lehrabsicht sind und so dem Schüler einen relativ engen Raum für sein produktives Handeln vorgeben.“ [ebd.]. Der handlungs- und produktionsorientierte Unterricht stellt eine Kombination der beiden - oben angesprochenen - Konzeptionen dar. Das Hauptziel des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts ist es, den Leser durch handelndes Reagieren auf den Text - unter Berücksichtigung affektiver und emotionaler Faktoren - mit dem Gelesenen in Beziehung zu bringen, um Leselust und Lesemotivation aufzubauen. Ist dieses Ziel erst einmal erreicht, so kann der Text auch kognitiv analysiert werden, um Leseverständnis und Einsicht in die Textstruktur zu gewährleisten.
Im Folgenden wird nun eine umfassende Übersicht über die genauen Ziele des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts vorgestellt, die während der Schulzeit erreicht werden sollten.
Als Basis und Grundvoraussetzung für die Realisierung weiterer Ziele sagt Joachim Fritzsche (1994), dass die Literatur nicht als „Transportmittel für Haltungen und Überzeugungen“ angesehen werden darf, sondern als ein „Spielraum, in dem in der Phantasie Handlungsmöglichkeiten ausprobiert […] werden können.“ [Fritzsche, J. 1994, S. 29]. Erst
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wenn den Schülern diese Haltung vermittelt wird, können die nun folgenden Kompetenzen und somit die Feinziele des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts, die Gerhard Haas (1997) in seinem Buch zusammengefasst hat, erfolgreich umgesetzt werden. Unter Kompetenzen versteht Haas allgemein „grundlegende Fähigkeiten, die sowohl für den Lektüreablauf selbst, das Umgehen mit Lektüre, als auch für das Verstehen und im ganzen für den Aufbau einer stabilen Lesehaltung fördernd und letztlich unabdingbar sind.“ [Haas, G. 1997, S. 35]. Zum Zwecke der besseren Übersichtlichkeit werden nun die von Haas zusammengefassten Kompetenzen in tabellarischer Form dargestellt.
3 Peter Härtlings „Ben liebt Anna“ 3.1 Inhaltlicher Überblick
In seinem erstmals 1979 erschienenen Kinderroman „Ben liebt Anna“ erzählt Peter Härtling die Liebesgeschichte zwischen dem fast zehnjährigen Ben und dem polnischen Aussiedlermädchen Anna. Gleichzeitig thematisiert Härtlings Buch am Beispiel von Anna auch Ausgrenzung und Vorurteile gegenüber andersartigen Menschen. Der erste Kontakt zwischen den beiden findet statt, als Anna zu Beginn des 4. Schuljahres neu in Bens Klasse kommt. Anna wird aufgrund ihrer Herkunft und ihres Aussehens von den anderen Mitschülern gemieden. Auch Ben findet Anna zunächst sehr seltsam, gleichzeitig aber auch interessant. Er schwankt zwischen dem Wunsch, Anna vor den anderen Mitschülern zu beschützen, und dem Ärger darüber, dass sie sich dieser Hilfe
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Arbeit zitieren:
Master of Education Thomas Schachtebeck, 2006, „Ben liebt Anna“, München, GRIN Verlag GmbH
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