Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Begriffserläuterungen und inhaltliche Verortung. 2
2.1 Sucht. 2
2.1.1 Co-Abhängigkeit. 3
2.2 Systemtheoretische Grundannahmen. 4
3 Suchtmittelmissbrauch in der Familie - systemisch betrachtet. 5
3.1 Die Familie als ein System von (Sub-)Systemen 5
3.2 Suchtmittelabhängigkeit im Familiensystem 7
3.2.1
Bedeutung und Funktion des Symptoms ´Abhängigkeit im familiären Kontext7
3.2.2 Auswirkungen auf nicht-konsumierende Familienmitglieder 9
3.2.2.1 Die Rolle des (Ehe-)Partners 10
3.2.2.2 Die Rollen der Kinder. 11
4 Wege aus der (Co-)Abhängigkeit. 12
4.1 Schwierigkeiten einer Veränderung. 12
4.1.1
Der Faktor ´soziale Vererbung 12
4.1.2 Der Nutzen des Symptoms 13
4.2 Durchbrechung die Sucht aufrechterhaltender dysfunktionaler
Beziehungsmuster und -strukturen 13
5 Fazit 14
6 Quellenverzeichnis 16
1 Einleitung
Allgemeines Unverständnis vermag nicht selten die Situation, wie sie sich in einer Familie mit suchtmittelabhängigem Mitglied präsentiert, hervorzurufen. So steht hier oft die Frage im Vordergrund, warum die betroffene Familie denn nicht aktiv etwas an ihrer Situation zu ändern versucht, sei es durch die Inanspruchnahme therapeutischer Maßnahmen oder auch, gewissermaßen als letzte Konsequenz, durch eine Trennung vom suchtmittelabhängigen Partner. Diese Abhängigkeitsproblematik betreffend ist der Fokus oft ausschließlich auf den Suchtkranken und dessen offensichtliches Verschulden, durch seinen Suchtmittelkonsum die gesamte Familie in Mitleidenschaft zu ziehen, gerichtet. Diese tut dabei ihr Möglichstes, um das innerfamiliär bestehende Suchtproblem nach außen hin so gut wie eben möglich zu vertuschen, indem sie z.B. vermehrt Verantwortung für das betroffene Mitglied übernimmt und auf diese Weise ein möglichst ´normales` Funktionieren der Familie weiterhin zu gewährleisten versucht. Umso unverständlicher mag es angesichts der daraus resultierenden Belastung für jedes einzelne Familienmitglied erscheinen, dass dieser Zustand trotzdem nicht selten über einen langen Zeitraum, oft mehrere Jahre, so aufrechterhalten wird.
Da der Mensch ein Wesen ist, das mit seiner (sozialen) Umwelt interagiert und hier eine wechselseitige Beeinflussung stattfindet, erfolgt die Herausbildung bestimmter Verhaltensweisen auch immer in und durch die Interaktion mit dem jeweiligen (sozialen) Umfeld. Auch in Hinblick auf die Entwicklung einer Suchtmittelabhängigkeit muss der Faktor des sozialen Kontextes dementsprechend eine elementare Rolle spielen und somit auch unbedingt bei Überlegungen über mögliche Ursachen und Lösungen einbezogen werden. Vor diesem Hintergrund mag nun vielleicht auch die Situation, wie sie sich oftmals in einer Suchtfamilie darstellt, etwas verständlicher erscheinen. Wird der Fokus einmal weg vom Symptomträger in Richtung des ihn umgebenden familiären Umfelds gelenkt, werfen sich aus einer solchen Perspektive neue Fragen, wie z.B. die nach dem Einfluss der Familienmitglieder auf das suchtmittelabhängige Mitglied auf. Worin könnte von einem solchen interaktionellen Standpunkt aus auch eventuell der Beitrag der Familie für das (Fort)Bestehen der Suchtmittelproblematik liegen, zieht sie vielleicht sogar einen Nutzen aus dieser Situation?
Diese und ähnliche Fragen sollen im Rahmen dieser Arbeit, die sich mit dem Phänomen Co-Abhängigkeit im Familiensystem beschäftigen wird, unter systemischem Blickwinkel beleuchtet werden. Von besonderem Interesse ist dabei, welche(n) mögliche(n) Ausweg(e) es aus der (Co-)Abhängigkeit im Familiensystem geben kann. Hinsichtlich dieser zentralen Fragestellung sollen im folgenden zweiten Kapitel zunächst einführend die zum Verständnis grundlegende Begriffe erläutert und in ihren inhaltlichen Kontext eingebettet werden, bevor
1
sich dann im dritten Kapitel mit einer Übertragung der zuvor erläuterten Begriffe auf das System Familie der Fokus auf die Entstehung, Funktion und Auswirkung einer Suchtmittelabhängigkeit im Familiensystem richtet. Ausgehend von diesen Kenntnissen wird sich das vierte Kapitel mit den (un-?)möglichen Wegen aus der Co-Abhängigkeit beschäftigen, bevor dann im fünften Kapitel ein abschließendes Fazit folgt.
2 Begriffserläuterungen und inhaltliche Verortung
2.1 Sucht
„´Vollgedröhnt`, ´betäubt` ertragen wir den Widerspruch zwischen unseren Bedürfnissen […] und dem, was wir tatsächlich bekommen. In diesem Sinne ist Sucht bzw. Abhängigkeit Ausdruck massiver Beziehungsstörungen […].“ 1
Sucht- bzw. Abhängigkeitserkrankungen zählen mittlerweile zu den „am weitesten verbreiteten psychosozialen und gesundheitlichen Probleme[n] der Menschen in den westlichen Industriestaaten“ 2 . Die Tendenz ist dabei weiterhin steigend; Marco Puxi und Ursula Kremer-Preiß zufolge sei „tatsächlich von einer kontinuierlich steigenden Zahl an Suchtmittelkranken und -abhängigen auszugehen“ 3 . Laut Klaus Peter Albrecht spiegele sich die Abhängigkeitsproblematik dabei nicht vordergründig im Konsum illegaler Drogen wie Heroin, Kokain, Amphetaminen oder Haschisch, sondern vielmehr in dem unserer „alltäglichen legalen Drogen“ 4 wie „[…] Alkohol und Nikotin, […] Psychopharmaka, […] Essstörungen sowie [den] […] nichtstofflichen süchtigen Verhaltensweisen (Spielsucht, Sexsucht, Arbeitssucht, Konsumsucht usw.) […]“ 5 wider. So nehme jeder, ob Alkoholabhängiger, Drogen-, Ess- oder Spielsüchtiger „[…] zu viel von dem, was er meint zu brauchen, und hat doch nie genug davon“ 6 .
Die Suche nach eine einheitliche Definition des Suchtbegriffs bleibt dabei wohl vergeblich, was auf die jeweiligen unterschiedlichen Disziplinen wie bspw. Psychiatrie, Pädagogik, Jura oder Medizin, und deren jeweilige dem Suchtbegriff zugrunde liegende Werthaltung zurückzuführen ist. 7 So umschreibt z.B. Eric D. Lippmann die Sucht als einen „[…] Zustand seelischer oder seelischer und körperlicher Abhängigkeit von einer Substanz oder einer Handlungsweise, charakterisiert durch ein zwanghaftes ´Nicht-mehr-aufhören-können`.“ 8 Christa Appel gibt dabei zu bedenken, dass es ein „höchst komplexer gesellschaftlicher
1 S. Albrecht 1997, S. 23.
2 S. Ebd., S. 13.
3 S. Puxi/Kremer-Preiß 1999, S. 13.
4 S. Albrecht 1997, S. 16.
5 S. Ebd.
6 S. Ebd., S. 19.
7 Vgl. Lippmann 1990, S. 1.
8 S. Kielholz u. Ladewig 1973 zitiert in: Ebd.
2
Definitionsprozess“ sei, „wer wann und wie als suchtkrank definiert wird“. 9 Festzuhalten ist jedoch, dass sich eine Suchtentwicklung immer „´im Spannungsfeld von Person und Umwelt`“ 10 vollzieht, weshalb sich diese nicht als „Problem des Einzelnen“ 11 erweist, sondern immer in ihren (sozialen) Bezügen gesehen werden muss.
2.1.1 Co-Abhängigkeit
„Alkoholismus und Abhängigkeit von anderen Drogen haben nicht nur Schäden für die Süchtigen selbst zur Folge: Kinder, Lebenspartner und -partnerinnen, Geschwister und Eltern werden psychisch und oft auch physisch stark belastet, gekränkt und in vielen Fällen auch krank.“ 12
Lange Zeit stand in Beratung, Therapie und auch Forschung allein der Suchtkranke im Mittelpunkt, wobei die „[…] Rollen und Probleme der Partner oder Partnerinnen, der Kinder, der Eltern und Geschwister, der Kolleginnen und Kollegen […] ebenso wenig thematisiert (wurden) wie sexueller Missbrauch, Gewalt und (Beziehungs-)Abhängigkeiten“ 13 . Trotz langer Tradition familienorientierter und systemischer Beratungs- und Therapieansätze hat man in Deutschlang erst relativ spät, seit etwa Ende der 70er, verstärkt aber seit Anfang der 80er Jahre damit begonnen, die Angehörigen von Suchtabhängigen in die Suchtarbeit einzubeziehen. Während es dabei zunächst lediglich darum ging, „[…] den Angehörigen zu vermitteln, wie sie mit den Suchtkranken im Anschluss an eine Therapie umgehen sollten, so stellte man mehr und mehr fest, dass die Angehörigen durch die Suchterkrankung des Partners, Elternteils oder Kindes so belastet sind, dass sie ebenfalls eigene, spezifische Hilfe brauchen“ 14 . Es geht also darum, den Blickwinkel „vom Betroffenen zu seinem sozialen (Familien)Umfeld zu erweitern“ 15 , da die ganze Familie Hilfeangebote benötigt. Vor diesem Hintergrund gestaltet sich die Entwicklung einer Suchterkrankung als ein Prozess, der die „[…] Struktur von Familien und ihre Beziehungen untereinander in Bewegung bringt, die Rollen aller Familienmitglieder verändert“ 16 .
Wie schon beim Suchtbegriff der Fall, ist auch für die Co-Abhängigkeit keine allgemeine Definition geltend. So soll im Folgenden davon ausgegangen werden, dass es sich bei der Co-Abhängigkeit um ein Verhalten handelt, „das ´in Verbindung mit der Suchterkrankung eines nahe stehenden Menschen und den sich daraus ergebenden Beeinträchtigungen auftritt`“ 17 . In diesem Kontext versuchen die betroffenen Personen den Symptomträger davor zu schützen, die volle Wirkung und die damit verbundenen Konsequenzen seines Suchtmittelkonsums am eigenen Leib zu erfahren und helfen ihm, sich selbst zu täuschen,
9 S. Appel In: Deutsche Hauptstelle gegen Suchtgefahren 1993, S. 16.
10 Vgl. Renn 1984, S.94, zit. in: Albrecht 1997, S. 17.
11 S. Albrecht 1997, S. 20.
12 S. Rennert In: Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren 1993, S. 27.
13 S. Arenz-Greiving In: Ebd., S. 9.
14 S. Ebd.
15 S. Ebd., S. 10.
16 S. Ebd., S. 9.
17 Vgl. Sander 1993b, S. 5, zit. in: Albrecht 1997, S. 127.
3
sodass sein Sucht- bzw. Konsumverhalten für ihn kein Problem darstellt. Dabei sind alle Familienmitglieder, die in diesem Sinne Verantwortung für den Suchtmittelabhängigen übernehmen, die an sich dieser in der Familie wahrzunehmen hätte, Co-Abhängige, „Komplizen, die - meist unbewusst - durch ihr Verhalten den […] [Suchtmittelabhängigen] in seinem destruktiven Verhalten ´verstärken` und ´bestärken`“ 18 , wobei hierzu der erwachsene Partner ebenso wie die Kinder zählen. Somit hat co-abhängiges Verhalten zwei Seiten, indem es einerseits die Sucht unterstützt,
„[…] ihre Entwicklung und Weiterentwicklung erst möglich (macht) (´enabling`), andererseits leiden die Betroffenen auch selbst unter dem Verhalten des suchtkranken Menschen sowie ihren Versuchen, sich daran anzupassen, denn dabei erfahren sie Störungen und Beeinträchtigung in verschiedenen Bereichen ihres Lebens und ihrer Persönlichkeitsentwicklung“ 19 .
So werde unter der Bezeichnung ´co-abhängig` Rennert zufolge häufig ein „übermäßig Verantwortung übernehmendes und überfürsorgliches Verhalten“ 20 verstanden, jedoch seien ganz unterschiedliche Rollenentwicklungen festzustellen. In den letzten Jahren habe außerdem gezeigt werden können, dass diese Rollen nicht nur im Umfeld von Süchtigen, sondern auch in anderen Familien vorkommen würden, nur dass diese hier weniger extrem ausgeprägt seien. 21
2.2 Systemtheoretische Grundannahmen
“Kennzeichnend [für eine systemische Denkweise] ist das kontextuelle Verstehen von Problemen, die nicht aus einer innerseelischen Dynamik heraus begriffen, sondern als Phänomene spezifischer Wechselwirkungen und
Rückkopplungsprozesse in komplexen sozialen Systemen betrachtet werden.” 22 Wie schon das eingangs formulierte Zitat andeutet, betrachtet eine systemische Sichtweise den Menschen vor dem Hintergrund seiner Interaktionen. Die Elemente eines Systems stellen dabei Umwelten füreinander dar, die „in einem Wechselwirkungsverhältnis miteinander verbunden“ 23 sind. So betrachtet ein systemorientiertes Modell z.B. psychische Störungen oder Krankheiten „´[…] als Ausdruck eines ´kranken Familiensystems`, in welchem sowohl der Symptomträger […] als auch die übrigen Mitglieder der Familie in die ´Störung` verwickelt sind und sich gegenseitig beeinflussen`“ 24 . Vor diesem Hintergrund wird also jedes Verhalten als „[…] beziehungsgestaltend im spezifischen sozialen Kontext angesehen, in dem es auftritt, und in Bezug zu den anderen Mitgliedern des Systems (den Familienmitgliedern) gesetzt“ 25 . An die Stelle individualisierter Diagnosen treten deshalb
18 Vgl. Hallmaier 1985, S. 273, zit. in: Albrecht 1997, S. 127.
19 S. Rennert In: Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren 1993, S. 28.
20 S. Ebd.
21 Vgl. Ebd.
22 S. Zander, Knorr 2003, S. 9.
23 S. König 2006, S. 198.
24 Vgl. Korb 1991, S. 6, zit in: Albrecht 2007, S. 37 f.
25 S. Albrecht 1997, S. 56.
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Arbeit zitieren:
Bachelor of Arts Antje Dyck, 2010, Sucht im Familiensystem – Wege aus der Co-Abhängigkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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