1. Zur Einführung
Deutschland hat es lange versäumt sich mit dem Thema Anerkennung informell er-worbener Kompetenzen zu befassen, woran nicht zuletzt auch das stark formalisierte Bildungssystem verantwortlich ist. Welches Potenzial in der Anerkennung von auf in-formellen Wegen erworbenen Kompetenzen steckt, zeigen sich in gesellschaftlichen, wissenschaftlichen, bildungspolitischen und wirtschaftlichen Anwendungsfeldern von wesentlicher Bedeutung. Bei der Arbeitsmarkteingliederung von Geringqualifizierten ist die Identifizierung und Akkreditierung informeller Kompetenzen grundlegende Voraussetzung für berufliche Qualifizierungen. Sie stellt somit die Basis für einen Einstieg in das Arbeitsleben dar. Gleiches gilt für MigrantInnen, welche oft Probleme bei der Anerkennung ihrer ausländischen Bildungsabschlüsse haben. Deshalb sind auch in diesem Fall die non-formal und informell erworbenen Kompetenzen Eintrittskarte in den Arbeitsmarkt. Weiterhin ist mit der zunehmenden Anerkennung die berufliche Mobilität zu fördern, da über Quer- und Seiteneinstiege individuelle berufliche Entwicklungswege gestärkt und Arbeitsplätze durch die anforderungsgerechte Besetzung von Stellen gesichert werden. Schließlich können damit durch die Anerkennung von Lernleistungen aus anderen Kontexten die Studienberechtigtenquoten erhöht
werden. 1
Eine Anerkennung von non-formal und informell erworbenen Kompetenzen bleibt bisher jedoch weitgehend aus. Die Ausrichtung des Deutschen Qualifikationsrahmen auf das lebenslange Lernen impliziert aber geradezu eine Verlagerung von formellen hin zu „außerhalb eines institutionellen Rahmens stattfindenden und nicht (fremd-) organisierten Lernprozessen“ 2 . Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Möglichkeiten und Chancen im Rahmen des Deutschen Qualifikationsrahmen zur Akkreditierung von Kompetenzen, die auf diesem Weg erworben werden. Ich versuche dabei zunächst den Sachstand des Deutschen Qualifikationsrahmens zu skizzieren. Anschließend lege ich mit einer begrifflichen Grundlage die Klärung des Begriffs „informelles Lernen“ dar, um schließlich anhand des ProfilPASSes eine Möglichkeit herauszuarbeiten, welche die Identifizierung, Bewertung und Anerkennung solcher Lernergebnisse realisieren kann.
1 vgl. Dehnbostel/ Seidel/ Stamm-Riemer 2010, S.6
2 Dehnbostel/ Seidel/ Stamm-Riemer 2010, S.6
2. Zum Sachstand des Deutschen Qualifikationsrahmen
Die Umsetzung des Europäischen Qualifikationsrahmens in einen deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen „ist ein ambitioniertes Projekt mit hoher bil- dungspolitischerBedeutung“ 3 . Dabei spielt die Anerkennung aller erworbenen Kompetenzen und Qualifikationen eine Rolle unabhängig von dem System, in dem diese erworben wurden. Absicht ist dennoch dabei die Qualitäten des deutschen Bildungssystems in den Beschreibungskategorien und in der Zuordnung der Kompetenzniveaus widerzuspiegeln.
Aufbauend auf der Empfehlung durch des Europäischen Parlaments und des Rates zur Einrichtung eines Europäischen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen vom 23. April 2008, galt die Aufgabe für Deutschland einen nationalen Rahmen zu entwickeln und darin enthaltene Qualifikationsniveaus mit den EQR-Niveaus bis Ende 2010 zu verknüpfen. Bis 2012 sollen nun alle neuen Qualifikationsbescheinigungen den klaren Verweis auf das zutreffende Niveau des EQR enthalten. So sollen die Lernergebnisse aus allen Bildungsbereichen international verständlicher und vergleichbarer gemacht werden, um verbesserte Mobilitätschancen für Arbeitnehmer
und Lernende über die eigenen Ländergrenzen hinweg zu erreichen. 4
Mit der Konstitution einer Bund-Länder-Koordinierungsgruppe Deutscher Qualifikationsrahmen (B-L-KG DQR) am 24.01.2007 und dem im Juni 2007 folgenden „Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen“ (AK DQR) wurden regelmäßige Fachtagungen initiiert, in denen die Prozesses zur Entwicklung eines Deutschen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen unter Einbeziehung der relevanten Akteure und einer breiten Fachöffentlichkeit diskutiert wurden. Es wurden dabei zunächst Eckpunkte 5 festgelegt, welche Anfang 2009 zu einem ersten Diskussionsvorschlag 6 verfasst wurden. Dieser Vorschlag leitete die zweite Erarbeitungsphase ein, welche zum Ziel hatte, „zu nachvollziehbaren, konsensfähigen exemplarischen Zuordnungen ausge- wählterQualifikationen des deutschen Bildungssystems zu kommen, die Handhabbarkeit der DQR‐Matrix zu überprüfen und diese nötigenfalls weiterzuentwickeln“ 7 . Die Ergebnisse wurden folgend in die damalige Fassung aufgenommen. Am 10. No-
3 Bundesministeriumfür Bildung und Forschung 2008, S.1
4 vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung 2008, S.2
5 Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen (a) 2009
6 Arbeitskreis Deutscher Qualifikationsrahmen (b) 2009
7 Gutschow 2010, S.5
vember 2010 wurde nun darauf aufbauend ein Vorschlag für einen Deutschen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen 8 verabschiedet.
Dieser kurze Abriss soll die vergangene Entwicklung und den momentanen Sach-stand ausreichend verdeutlichen. Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die Inhalte der einzelnen Schritte oder des DQR selbst eingehen. Selbst eine Beschreibung der Niveaustufen werde ich an dieser Stelle unterlassen, obgleich eine Analyse und Diskussion dieser gerade für die Zukunft wesentliche Rolle spielen wird. Diese Aspekte sind für diese Arbeit nicht von großer Relevanz. Ich werde mich nun dem eigentlichen Thema widmen.
3. Informelles Lernen und die Akkreditierung im DQR
Die Tatsache, dass Lernen ein alltäglicher Vorgang ist, der in diesem Sinne vorrangig beiläufig geschieht, lässt oft nicht erkennen, dass es sich überhaupt um ein Lernen handelt. „Erfahrungen werden gemacht, verarbeitet, reflektiert, auf der Folie voran- gegangenerErfahrungen und Kenntnisse gedeutet und in Verhalten oder Verhal-
tensdispositionentransformiert“ 9 . Ein solches Lernen wird als informell bezeichnet. Informelles Lernen unterliegt keiner einheitlichen Definition. Einige „setzen an der Organisationsform des Lernens an und bezeichnen diejenigen Lernprozesse als in-formell, die ihren Platz außerhalb formaler Institutionen oder non-formaler Kursange-
bote haben und auch nicht von dieser Seite finanziert werden“ 10 . Während sich das formelle Lernen noch an strukturierten und organisierten Kontexten orientiert und intentional gesteuert in den meisten Fällen durch festgelegte Lerninhalte und Lernziele zu Zertifizierungen führt, handelt es sich beim informellen Lernen um ein Erfahrungslernen, welches in den unterschiedlichsten Kontexten entstehen kann. Es ist dabei weder institutionell organisiert noch wird es professionell pädagogisch begleitet. 11 Nach Dehnbostel/ Neß/ Overwien wird informelles Lernen in die Arbeit und die tägliche Routine integriert und durch inneren und äußeren Anstoß ausgelöst. Es ist daher kein sehr bewusster Prozess und damit oft durch den Zufall veranlasst und beein-
8 ArbeitskreisDeutscher Qualifikationsrahmen 2010
9 Bundesministerium für Bildung und Forschung 2004, S.29
10 Dehnbostel/ Neß/ Overwien S.60
11 vgl. Dehnbostel 2007, S.133
Arbeit zitieren:
B.A Bildungs- und Erziehungswissenschaftler Michel Beger, 2011, Akkreditierung informell erworbener Kompetenzen im Rahmen des DQR am Beispiel des ProfilPASS, München, GRIN Verlag GmbH
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