1. Einleitung
In seinem Buch „Achtung! Vorurteile“ beschäftigt sich der Verfasser Sir Peter Ustinov eingehend mit dem Thema „Vorurteil“ 1 . Zunächst wird in der vorliegenden Arbeit auf die Geschichte der Vorurteile eingegangen sein. Dabei dient das Buch von Sir Peter Ustinov „Achtung! Vorurteile“ als Einführung in das Thema „Vorurteil“. Diese Lektüre dient auch als Leitfaden in der Beschreibung der Formen der Vorurteile und ihrer Problematik. Die Wichtigkeit der Untersuchung der Vorurteile soll anhand verschiedener Gesichtspunkte erläutert werden. Der erste Punkt ist der allgemeinhistorische, es handelt sich dabei um die geschichtliche Entwicklung der Vorurteile. Es sollen die Ursachen für die Entstehung von Vorurteilen anhand der Untersuchungen des menschlichen Charakters, seiner Tendenz zum Negativen oder Positiven, sowie der Gefühlsregungen, die negative Vorurteile erzeugen, durchleuchtet werden. Des Weiteren wird die Entstehung von Vorurteilen anhand der beschriebenen Untersuchungen in der Forschungsliteratur erklärt.
Ein weiterer Punkt dieser Analyse ist die nähere Betrachtung der Bedeutung von Autorität und der dogmatischen Persönlichkeit.
Im Kapitel über die Formen und Folgen der Vorurteile soll die Neutralität sowie Polarität des Begriffes „Vorurteil“ thematisiert und analysiert werden. In Anbetracht dessen, dass Vorurteile negative Auswirkungen haben können, sollen im Kapitel „Reduktion und Abbau von Vorurteilen“ die Methoden der Bekämpfung von Vorurteilen vorgeschlagen werden.
Anhand dessen soll geprüft werden, inwieweit sich die Darlegungen von Sir Peter Ustinov mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen überschneiden.
Sir Peter Ustinovs Urteil über Vorurteil, der historische und wissenschaftliche Vergleich samt der Beispiele aus Sir Peter Ustinovs Biographie, das Beispiel seiner Arbeit als Sonderbotschafter für die UNICEF bilden Bestandteile des Leitfadens der vorliegenden Arbeit. Anschließend soll einer der Schwerpunkte in der Diskussion um den richtigen Umgang mit Vorurteilen auf die Kindererziehung und die Schulausbildung gelegt werden.
1 Die Hervorhebung durch Anführungszeichen stammt von der Verfasserin der vorliegenden Arbeit.
1
In Hinsicht darauf sollen die Parallelen zwischen Sir Peter Ustinovs Buch und den theoretischen Ansätzen in der Forschungsliteratur überprüft werden.
2. Zu der Geschichte der Vorurteile
Die Bedeutung des Studiums der Vorurteilsgeschichte lässt Sir Peter Ustinov an seinem Engagement, nämlich der Lehrstuhlstiftung der Vorurteilsforschung erkennen. In seinem Werk „Achtung! Vorurteile“ äußert er sich dazu wie folgt:
Meinen Freunden und mir ist es [...] gelungen, bereits an drei europäischen Universitäten Stiftungslehrstühle zur Vorurteilserforschung einzurichten [...]. Bei den Professoren, die sie innehaben, können die Studenten die Geschichte des Vorurteils studieren, so wie sie in ein Romanistik- oder Physikseminar gehen. (S. 219) 2
Sir Peter Ustinov stellt einleitend die Frage nach dem ersten Vorurteil in der Geschichte der Menschheit: „Welche können also die ersten Vorurteile gewesen sein?“ Die Antwort, die er darauf gibt, bezieht sich auf das Alte Testament: „Wir haben im Christentum ja die Vorstellung von der Frau, die aus der Rippe des Mannes geboren wurde. Dies ist eines der ältesten Vorurteile.“ (S. 56)
In Anknüpfung an diese Einführung soll nun anhand einiger Zitate aus der Forschungsliteratur ein Überblick über die historische Herkunft des Begriffes „Vorurteil“ und seines Gegenstandes verschafft werden. Dies soll anhand Betrachtung verschiedener Epochen erreicht werden.
Alphons Silbermann stellt folgende Situation in der Antike vor: Im antiken Rom hatte es seine spezielle Bedeutung als Bezug auf eine gerichtliche Untersuchung, die vor einem Prozeß abgehalten wurde, um den sozialen Status der Prozessierenden zu bestimmen. 3
Seine Interpretation daraus wird auf die heutige Bedeutung des Begriffs als Statusabgrenzung übertragen:
Übrigens ist hier anzumerken, daß das Vorurteil - wo immer und gegen wen es sich auch äußern mag - die Funktion einer Statusabgrenzung nie verloren hat. Das heißt, auch heute dient das Vorurteil unter anderem dazu, gewissen Gruppen der Gesellschaft ihren Platz anzuweisen. 4
2 Ustinov, Sir Peter: Achtung! Vorurteile. S. 56. Im Folgenden wird die Textvorlage zu den wissenschaftlichen Untersuchungen durch Seitenzahlen in Klammern zitiert.
3 Silbermann, A.: Alle Kreter lügen. S 18.
4 Silbermann, A.: Alle Kreter lügen. S 18.
2
Das heißt, nach Alphons Silbermann hat Vorurteil die Funktion der Statusabgrenzung bestimmter Gruppen innerhalb einer Gesellschaft.
Max Horkheimer fasst die Geschichte des Begriffs „Vorurteil“ quer durch Europa zusammen. Er beginnt mit der Darstellung der Entwicklung des Vorurteils als der ursprünglichen Bezeichnung für einen neutralen Sachverhalt und rundet diesen historischen Exkurs mit der Mündung der Entwicklung der Bezeichnung „Vorurteil“ in einen Begriff mit dem negativen Beigeschmack ab. 5
Karl Georg von Stackelberg bezieht sich bei der Suche nach dem ältesten Vorurteil der Welt wie auch schon Sir Peter Ustinov auf die Bibel, jedoch auf das Neue Testament. Der Brief von Apostel Paulus an seinen Schüler Titus bezeichnet er als eines der ältesten Vorurteile 6 :
Es hat einer von ihnen gesagt, ihr eigener Prophet: ‚Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche’[ 7 ], schrieb der Apostel Paulus an Titus, den er als Bischof in Kreta zurückgelassen hatte. 8
Worauf Karl Georg von Stackelberg das Alter der Vorurteile mit dem Alter der menschlichen Kulturen gleichsetzt. 9
Die obenangeführten Belege aus der Literatur über Vorurteile lassen Gemeinsamkeiten erkennen, dass der Begriff „Vorurteil“ eine lange historische Tradition hat und dass es eine negative Konnotation beispielsweise durch die Statuszuweisung gegenüber verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen enthält.
Der Beginn des Gebrauchs des Begriffs „Vorurteil“ in unserem heutigen Verständnis wird in das 18. Jahrhundert gesetzt. Der Vorgänger des Ausdrucks in der gegenwärtigen Bedeutung lässt sich in den Aufzeichnungen von René Descartes finden. 10 Zu diesem historischen Faktum ist im Text von Sir Peter Ustinov eine Parallele vorhanden. Im Kapitel „Zweifel oder Perfektion?“ (S. 169) nennt Sir Peter Ustinov René Descartes als den ersten „in der Geschichte des Denkens in Europa, der versucht hat, aus dem Zweifel heraus die Position zu finden, die von allen Vorurteilen radikal freikommt.“ (S. 169)
5 Vgl. Horkheimer, M.: Über das Vorurteil. S. 5. und Ginsberg, M.: Zur Psychologie des Vorurteils. S. 11.
6 Vgl. Stackelberg, K. G. von: Alle Kreter lügen. S. 18.
7 Der Brief des Apostels Paulus an Titus: http://clv.dyndns.info/pdf/schlachter/56.pdf (26.03.07)
8 Stackelberg, K. G. von: Alle Kreter lügen. S. 18.
9 Vgl. Stackelberg, K. G. von: Alle Kreter lügen. S. 18.
10 Vgl. Brockhaus, S. 434.
3
Auf die Bedeutung des Denkens im Zusammenhang mit dem richtigen Umgang mit Vorurteilen wird im Kapitel 5.2 ausführlicher eingegangen.
3. Die Gründe für die Entstehung von Vorurteilen
Wie oder warum die Vorurteile entstehen oder wo sie ihren Ursprung haben, lässt sich laut Sir Peter Ustinov nicht problemlos bestimmen: „Es ist nicht leicht, über den Ursprung des Vorurteils zu spekulieren.“ (S. 73) Früher habe die „Immobilität […] für die Produktion von Vorurteilen und nationalen Stereotypen gesorgt.“ (S. 74) Hier ist der Mangel an Möglichkeiten gemeint, sich vom Land zum Land zu bewegen und sich gegenseitig kennen zu lernen. (Vgl. S. 74) Der Verfasser schreibt den Grund für die Bildung von Vorurteilen den äußeren Umständen zu.
Auf die Frage: „Woher kommen Vorurteile?“ 11 gibt Wolfgang Metzger folgende Antwort: „Wo ein bestimmtes, jetzt und hier vorfindbares Vorurteil herkommt, wird sich in den meisten Fällen nicht feststellen lassen.“ 12 Es gibt einige allgemeine Hinweise: Es gibt Menschen, die selbst ohne „Lehrer“ dazu neigen und es gibt diejenigen, die das von den anderen, wie beispielsweise von den Eltern oder Lehrern übernehmen. 13 Max Horkheimer nennt drei Ursachen 14 für die Entstehung von Vorurteilen: zum einen ist das der „Trieb zur Selbsterhaltung“, 15 auch Norbert Elias und Jeremias L. Scotson sehen darin einen „Überlebenswert“, 16 zum anderen ist es die „Eigenliebe“ 17 oder das „Bedürfnis nach Prestige“, 18 letztendlich sind es die „Machtgier, Neid, Grausamkeit“. 19 Die bereits als klassisch geltende Definition des Begriffs „Vorurteil“ stammt von Gordon Willard Allport. Nach Allport besteht Vorurteil aus Einstellung und Überzeugung. 20 So bezeichnet Willard Allport feststehende Meinungen auch als Ursachen für Überzeugungen. 21 Eine Parallele dazu lässt sich ebenfalls in Sir Peter Ustinovs Buch
11 Metzger, W.: Vom Vorurteil zur Toleranz. S. 83.
12 Metzger, W.: Vom Vorurteil zur Toleranz. S. 83.
13 Vgl. Metzger, W.: Vom Vorurteil zur Toleranz. S. 84 f.
14 Vgl. Horkheimer, M.: Über das Vorurteil. S. 5.
15 Vgl. Horkheimer, M.: Über das Vorurteil. S. 5.
16 Elias, N., Scotson, J. L.: Etablierte und Außenseiter. S. 309.
17 Vgl. Horkheimer, M.: Über das Vorurteil. S. 5.
18 Vgl. Horkheimer, M.: Über das Vorurteil. S. 5.
19 Vgl. Horkheimer, M.: Über das Vorurteil. S. 5.
20 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Vorurteile (07.03.2007).
21 Allport, W.: Treibjagt auf Sündenböcke. S. 33.
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Arbeit zitieren:
Marianne Wenz, 2007, Formen der Vorurteile aus dem Buch von Sir Peter Ustinov „Achtung! Vorurteile“ in der Gegenüberstellung zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen, München, GRIN Verlag GmbH
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