1) Vorwort
Jugendarbeitslosigkeit und die defizitäre Ausbildungssituation haben sich in den letzten Jahren zu einem akuten gesellschaftlichen Problem entwickelt und bestimmen die politischen und wissenschaftlichen Debatten. Der Wertewandel und die ökonomischen Veränderungen der letzten Jahre verschärfen die Problematik, indem sie Spannungen zwischen den neuen Qualifikations- und Arbeitsanforderungen und dem alten Ausbildungssystem schürt. Der Übergang (Schwellen) von Schule in eine Ausbildung und anschließend in eine feste Anstellung gestaltet sich zunehmend schwieriger und verändert so die individuellen Lebensverläufe.
Aus diesem Kontext der „Schwellenproblematik“ heraus stellt diese Arbeit eine Situationsanalyse dar und beschäftigt sich mit der Frage, welchen Einfluss Geschlecht, Herkunft (Region, Nation) und Bildungsabschlüsse auf den Weg in den Beruf bzw. für die Suche nach einer Lehrstelle haben. Dementsprechend erfolgen eine Gegenüberstellung von Jungen und Mädchen und ein Vergleich von deutschen und ausländischen Jugendlichen.
Desweiteren soll analysiert werden, welche Bedeutung der Bildungsgrad bzw. die Bildungsabschlüsse für die Erfolgschancen und Zukunftsaussichten der Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt haben.
Somit liegt der Fokus der Arbeit auf der Entwicklung der Lehrstellensituation und ihrer Einflussfaktoren, als auch der Darstellung der Nachfrage-Angebots-Problematik. Abschließen sollen staatliche und gesellschaftliche Hilfen hinsichtlich der Lehrstellenproblematik und Jugendarbeitslosigkeit vorgestellt werden.
2) Ausgangssituation
Jeden Sommer bzw. zu jedem Schuljahresende stellt sich die Frage, ob den Schulabgängern genügend Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen und ob das Lehrstellenangebot die Nachfrage der Jugendlichen decken kann. Die Wünsche nach dem Traumberuf werden sogar hinten angestellt und weichen dem Wunsch und Zwang irgendeinen Ausbildungsplatz zu erhalten und eine feste Anstellung zu finden. Viele Jugendliche erhoffen sich einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz, um nicht in der Arbeitslosigkeit und dem damit verbundenen gesellschaftlichen Abseits zu enden; denn Arbeit bedeutet gesellschaftlich Integration und Teilhabe. Die Angst vor dem Ausschluss scheint durchaus begründet, denn die Arbeitslosigkeit erreicht auch die
2
Jugend und die Berufsanfänger. 1 In den letzten Jahren zeigte sich bezüglich der Ausbildungsverträge eine Angebots-Nachfrage-Problematik.
Anhand der Tabelle wird deutlich, dass seit Mitte der 90’er Jahre ein Lehrstellenmangel herrscht. Die Zahl der unbesetzten Plätze fällt jährlich, doch die Anzahl der unversorgten Bewerber/-innen steigt. Einzig das Jahr 2000 bildet eine Ausnahme, doch verschlechtert sich die Relation zwischen Angebot und Nachfrage mit Beginn des neuen Jahrtausends zunehmend. Über mehrere Jahre hinweg ist die Ausbildungskapazität defizitär. Das Missverhältnis hebt sich erst 2008 auf und kann den Bedarf der Jugend Deutschlands nach Ausbildungsplätzen decken. Nach Bundesgebieten unterteilt lässt sich diese Entwicklung gleichermaßen für die Alten Bundesländern festhalten. 2 Die Zahlen sind Indiz für die Problematik der „Schwellen“ und ihrer Übergänge. Mayer spricht von zwei schwierigen Schwellen, die sich zeitlich zunehmend verschieben und sich für die jungen Menschen jährlich unterschiedlich gestalten. Zum einen der Übergang von Schule in eine Ausbildung und weiterhin von der Ausbildung auf den Arbeitsmarkt. 3 Diese Schwellen werden durch das Bildungsverhalten und die sich wandelnden Anforderungen seitens der Wirtschaft beeinflusst. Es werden neue Qualifikationen seitens der Bewerber und Jungarbeiter verlangt, doch wurden das Schul- und das (duale) Ausbildungssystem nicht verändert. „Nicht zuletzt mit der IT-Revolution in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre kam es zu Spannungen zwischen den alten Ausbildungsstrukturen und neuen Qualifikationsanforderungen.“ 4
1
Vgl.: Mayer, Karl Ulrich: Unordnung und frühes Leid? Bildungs- und Berufsverläufe in den 1980er und 1990er Jahren. In: Hillmert, Steffen / Mayer, Karl Ulrich (Hrsg.): Geboren 1964 und 1971. Neuere Untersuchungen zu Ausbildungs- und Berufschancen in Westdeutschland. Wiesbaden 2004. S.201- 213. S. 201.
2 Vgl.: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF): Berufsbildungsbericht 2009. Bonn, Berlin 2009. S. 16f.
3 Vgl. Mayer 2004. S. 205f.
4 Vgl.: Ebd. S. 202.
3
Mit einem Schwellenwechsel verändern sich die Werte und Ansprüche. Gelerntes aus der Schule, muss nicht den gleichen Stellenwert während einer Ausbildung haben und weiterhin kann es sein, dass die Ausbildungsinhalte auf dem Arbeitsmarkt an Bedeutung bzw. Wertigkeit variieren. Dementsprechend verlieren Berufsausbildungen an Wert und die Zahl der Mehrfachausbildungen und Weiterbildungen steigt. 5 Der Wettbewerb unter den Jugendlichen und den Jungarbeitern nimmt zu und Zusatzqualifikationen und gute schulische Leistungen werden gewichtiger. „Es ist der Trend zur Wissensgesellschaft, der die Qualifikationsbasis des dualen Systems (auch des Schulberufssystems) grundlegend verändert und in vielen Tätigkeitsbereichen, auf die das mittlere Berufsbildungssystems vorbereitet, die Personalrekrutierungsstrategien der Unternehmen neu - eher auf Hoch- und Fachhochschulabsolventen - ausrichtet.“ 6
Es wird ersichtlich, dass der Zugang zu Ausbildungen und später auf den Arbeitsmarkt mehr Zeit und Qualifikationen bedarf. Fachkräfte sind erwünscht und die jungen Menschen werden schon früh mit erhöhten Anforderungen und wirtschaftlichen Ansprüchen konfrontiert. Die Chance für beruflichen Erfolg, eine Beteiligung auf dem Arbeitsmarkt und die Möglichkeit zur Weiterqualifizierung wird stark durch einen abgeschlossenen Schul- und Ausbildungsabschluss beeinflusst. Solga weist darauf hin, dass Schulabgänger ohne Schulabschluss und ohne abgeschlossene Berufsausbildung zu zwei Drittel als ungelernte Arbeiter eingestellt würden. 7 Diese Gegebenheit erweist sich als problematisch, wenn man bezüglich der Qualifizierungsansprüche folgendes bedenkt:
„Hinsichtlich der im Beschäftigungssystem benötigten Arbeitskräfte zeichnet sich ein starker Rückgang der Erwerbstätigen für einfache Tätigkeiten ab, die meistens von ungelernten Kräften ausgeübt werden, während der Bedarf für höher qualifizierte Tätigkeiten zunimmt.“ 8
An die beruflichen Übergänge und den persönlichen Ausbildungsweg sind die privaten Entscheidungen gekoppelt. Je länger man für eine Ausbildung braucht und je länger man sich im Ausbildungssystem aufhält, umso weiter rückt die Familienplanung nach
5 Vgl.: Sehling, Hans / Ostendorf, Annette (Hrsg.): Berufsbildung im Umbruch: Beiträge zur aktuellen Berufsbildungsdiskussion. Bielefeld 1996. S. 29ff; Mayer 2004. S. 204
6 Vgl.: Baethge, Martin / Solga, Heike / Wieck, Markus: Berufsbildung im Umbruch. Signale eines überfälligen Aufbruchs. Berlin 2007. S.27.
7 Vgl.: Solga; Heike: Jugendliche ohne Schulabschluss und ihre Wege in den Arbeitsmarkt. In: Cortina, Kai S. / u.a. (Hrsg.): Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. Strukturen und Entwicklungen im Überblick. Reinbek bei Hamburg 2003. S. 710-754. S. 742.
8 Vgl.: Schanz, Heinrich (Hrsg.): Berufsbildung im Zeichen des Wandels von Technik, Wirtschaft und Gesellschaft. Festschrift für Berhard Bonz zum 60. Geburtstag. Stuttgart 1992. S. 39.
4
hinten. Ausbildungen und Beruf sind somit Einflussfaktoren für den persönlichen Lebensweg. Die Bedeutsamkeit einer Ausbildung ist offensichtlich und so soll im weiteren Verlauf der Arbeit geklärt werden wie sich die Ausbildungssituation in Kombination mit dem Bildungsgrad, dem Geschlecht und der Herkunft verhält.
3) Bildungsverhalten
Die Funktion des Bildungssystems besteht in der Qualifizierung der nachfolgenden Generation. Die dort vermittelten Lerninhalte liefern das Wissen und die Kompetenzen um sich sozial und beruflich positionieren zu können. Gerade in Deutschland sind die Ausbildungs- und Erwerbschancen stark an die schulischen Abschlüsse und Leistungen gekoppelt. 9 Dadurch wird der Erwerb eines Ausbildungsplatzes zunehmend selektiver und fehlende Schulabschlüsse führen zu einem sozialen und beruflichen Ausschluss. Die Chancen der Jugendlichen ohne einen Schulabschluss einen Ausbildungsplatz zu erhalten sind deutlich geringer. Diese Jugendlichen können als Risikoschüler bezeichnet werden, denn die meist unter 16 Jahre alten Jugendlichen besitzen mit einem Schulabbruch bzw. einem fehlenden Abschluss kein Qualifizierungsmerkmal. Die Diskussion durch PISA hat weiterhin deutlich gemacht, dass die Grundkenntnisse vieler Schüler zu gering sind. Die Konsequenz ist, dass die Schüler mit einer fehlenden Qualifizierung und jene mit Hauptschulabschlüssen keine Ausbildung erhalten und höchst wahrscheinlich im Übergangssystem landen.
Die folgende Tabelle zeigt die Verteilung der Schulabsolventen auf die drei Bereiche des Berufsbildungssystems. Es wird ersichtlich, dass je höher der Schulabschluss ist, desto größer ist die Chance in das duale System, also eine Berufsausbildung einsteigen zu können. Rund 80 % der Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss und fast jeder Zweite mit Hauptschulabschluss sind gezwungen berufsvorbereitende Maßnahmen zu ergreifen (Übergangssystem). Diese Jugendlichen sind für den Berufsmarkt noch nicht ausbild- und vermittelbar. Das dreigliedrige Schulsystem (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) selektiert hinsichtlich der Ausbildungschancen und somit lässt sich die These festigen, dass eine Inklusion zum Ausbildungsmarkt durch Bildung erfolgt.
5
Arbeit zitieren:
Marlen Berg, 2011, Jugendliche ohne Ausbildung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung: Jugendliche ohne Ausbildung ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung: neuer Titel erschienen: Jugendliche ohne Ausbildung
Marlen Berg hat einen neuen Text hochgeladen
Beiträge aus der Jugend- und B...
Tillly Lex, Elisabeth M. Krekel
Context 21 - Starter. Language and Skills Trainer. Ohne Lösungsschlüss...
Workbook mit e-Workbook und CD...
English G 21 - Ausgabe A 06: 10. Schuljahr. Workbook mit e-Workbook un...
Jennifer Seidl, Hellmut Schwarz, Jörg Rademacher
English G 21 - Ausgabe B 06: 10. Schuljahr. Workbook mit e-Workbook un...
Jennifer Seidl, Hellmut Schwarz, Wolfgang Biederstädt
English G 21 - Erweiterte Ausgabe D 06: 10. Schuljahr. Workbook mit e-...
Jennifer Seidl, Uta Zorn, Hellmut Schwarz, Jörg Rademacher
English G 21 - Grundausgabe D 06: 10. Schuljahr. Workbook mit e-Workbo...
Jennifer Seidl, Uta Zorn, Hellmut Schwarz, Jörg Rademacher
Analytische Kinder- und Jugendlichen Psychotherapie - Berufsbild, Ausb...
Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten (VAKJP)
Fachgespräch "Coaching mit Jugendlichen durch Freiwillige"Coaching
11. - 12. Oktober 2002 in Wein...
Anthologie
0 Kommentare