1. Einleitung 2
2. Die Entwicklung der banlieues 3
2.1. Begriffsbestimmung banlieue. 3
2.2. Von der zone non aedificandi zu den HBM 3
2.3. Von den cités-jardins zu den grands ensembles. 4
2.4. Der Beginn der politique de la ville und die ersten Unruhen 5
2.5. Das Programm Banlieue 89 und die Unruhen bei Lyon 6
2.6. Das LOV und die fracture sociale. 7
2.7. Die ZUS und der plan de cohésion sociale 8
2.8. Von den Unruhen 2005 bis in die Gegenwart. 9
3. La Haine 10
3.1. Einordnung und Rezeption 10
3.2. Die Darstellung der Cité des Muguets 11
3.3. Die Darstellung des Stadtzentrums. 12
3.3.1. „Le monde est à vous“ 12
3.3.2. Asterix als Symbol für die Überlegenheit der city 14
3.3.3. Die Polizei: Ordnungshüter oder Sozialarbeiter? 15
3.3.4. Räumliche Distanz zwischen cité und city. 16
3.3.5. Kassovitz Kritik an den Medien 18
3.3.6. Gewalt in der cité, Gewalt in der city. 18
3.3.7. Bild und Ton 20
4. Schlusswort 21
5. Quellenverzeichnis 23
1. Einleitung
Immer wieder ist in der Presse von den französischen Vororten, den banlieues, die Rede. In den Blickpunkt rücken diese fast ausschließlich im Zusammenhang mit Krawallen, in Brand gesetzten Fahrzeugen und gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Medien veröffentlichen Bilder, die auch in Kriegsgebieten aufgenommen worden sein könnten und Artikel über Parallelgesellschaften mit Parallelökonomien und eigenen Gesetzen. Die grands ensembles, ursprünglich für die Arbeiterschaft entworfen, scheinen zu Zentren der Gewalt und des Drogenhandels geworden sein. Seit den ersten Anzeichen von Marginalisierung und Segregation in der französischen Gesellschaft wurden viele Gesetze erlassen, Programme ins Leben gerufen und sonstige Maßnahmen ergriffen, um diese Entwicklungen einzudämmen oder sogar rückgängig zu machen. Die vorliegende Arbeit soll einen Überblick über die Entwicklung der französischen Vororte hin zu Zentren der Marginalisierung und Symbolen der Segregation geben. Innerhalb dieses Überblickes soll auch auf die politischen Maßnahmen eingegangen werden, mit deren Hilfe sich die Verantwortlichen eine Verbesserung der vorherrschenden Missstände versprachen. Im zweiten Teil der Arbeit soll auf Mathieu Kassovitz‘ 1995 erschienenen Film La Haine eingegangen werden, der in Frankreich für rege Diskussionen sorgte. Der Regisseur wurde mit Lob überschüttet und als Wunderkind des französischen Kinos gefeiert (vgl. Vincendeau 2005: 85). Doch auch Kritik wurde laut, sogar aus den Reihen derer, denen Kassovitz mit La Haine als Sprachrohr dienen wollte (vgl. Vincendeau 2005: 83). Er zeichnet in seinem bislang erfolgreichsten Film ein düster-realistisches Bild der Heranwachsenden in den Vorstädten Frankreichs. In La Haine lässt der Regisseur den Zuschauer die tiefgreifende Spaltung zwischen Stadtzentrum und banlieue aus dem Blickwinkel der Marginalisierten wahrnehmen. Der zweite Teil des Films, der außer der letzten Szene vollständig im Pariser Stadtzentrum spielt, hebt sich dabei deutlich vom ersten Teil, der in der Cité des Muguets spielt, ab. Aus diesem Grund soll in der folgenden Arbeit ausschließlich auf den zweiten Teil des Films eingegangen werden, jedoch nicht ohne einige erklärende Verweise auf Ereignisse, die sich im ersten Teil des Films zutragen.
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2. Die Entwicklung der banlieues
2.1. Begriffsbestimmung banlieue
Der Petit Robert de la langue française 2006 definiert die Bedeutung des Wortes banlieue im 17. Jahrhundert folgendermaßen: „territoire d’environ une lieue autour d’une ville sur lequel s’étendait le ban“ (Rey 2004: 220). Die heutige Bedeutung wird wie folgt definiert: „Ensemle des agglomérations qui entourent une grande ville et qui dépendent d’elle pour plusieurs de ses fonctions.“ (ebd.). Während die erstgenannte Bedeutung, deren deutsche Übersetzung „Bannmeile“ lautet, jedoch das Innere eines bestimmten Gebietes bezeichnete, wird die zweite Bedeutung, deren deutsche Übersetzung „Vorort(e)“ lautet, heute für einen Bereich benutzt, der außerhalb des Stadtzentrums liegt.
2.2. Von der zone non aedificandi zu den HBM
Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts war in Paris der Begriff zonards geläufig. Er bezeichnete damals die Bewohner der zone non aedificandi, jenes ab 1841 eingerichteten 250 Meter breiten Festungsgürtels um die Stadtbefestigung von Paris (vgl. Stébé 2002: 19f.). Dieser aus militärischen Gründen mit einem Bauverbot versehene Festungsgürtel war mit Behausungen der Ärmsten bebaut, deren Anzahl fast 30.000 betrug und deren Ruf außerhalb der zone der von Gewalttätern war (vgl. Menanteau 1994: 21).
„La situation géographique de la zone, aux confins de la ville, et son statut hors légalité vont ra- pi-
dement la marginaliser aux yeux de l’opinion publique qui se la représente comme un lieu peuplé de
marginaux en tout genre, « zoniers », prostitués, bande d’ « apaches ».” (Stébé 2002: 20).
Am 30. November 1894 wurde in Frankreich das loi Siegfried erlassen, das nach dem Ab-geordneten Jules Siegfried benannt worden war und den Bau von Sozialwohnungen, den Habitations à Bon Marché (HBM) vorsah. Arbeitern und Angestellten sollte damit der Einzug in bezahlbare Wohnungen ermöglicht werden (vgl. Heil 1999: 112f.). 1906 wurde das nicht sehr wirksame loi Siegfried durch das nach dem Senator Paul Strauss benannte loi Strauss ersetzt. „Cette loi (…) permet une participation financière à la construction d’HBM et met en place les prêts de la Caisse des depots.” (Aubert 2005:10). Ab 1919 wurden die Festungsanlagen abgerissen und an ihrer Stelle rund 20.000 HBM in Form von mehrgeschossigen Häusern gebaut (vgl. Stébé 2002: 21). Im Juli 1928 wurde das loi Lou-
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cheur, benannt nach dem Politiker Louis Loucheur, verabschiedet, das „staatliche Finanzhilfen für den privaten und öffentlichen Wohnungsbau“ (Reuschke 2010: 92) vorsah. Der Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929 jedoch führte dazu, dass die Umsetzung dieses Gesetzes zumindest im öffentlichen Sektor nur begrenzt erfolgte (vgl. ebd.). Von den ursprünglich vorgesehenen „200.000 Wohnungen im sozialen Wohnungsbau (Habitation Bon Marché, HBM) und 60.000 im mietsubventionierten Wohnungsbau (Habitation à Loyer Modéré, HLM 1 ) (…) wurden jedoch zwischen 1928 und 1932 mit öffentlichen Fördermitteln letztlich nur 50.000 Wohnungen gebaut“ (Zimmermann 2006:52).
2.3. Von den cités-jardins zu den grands ensembles
Von 1921 bis 1939 entstanden in Paris fünfzehn Gartenstädte nach einem im Jahr 1898 entworfenen Modell des Briten Ebenezer Howard. „Celui-ci va tenter de résoudre les nombreux problèmes sociaux, d‘hygiène publique et d’urbanisme qui se posent à cette époque dans l’agglomération parisienne.“ (Stébé 2002:29). Verantwortlich für den Bau dieser cités-jardins zeichnete Henri Sellier, der Vorsitzende der 1912 gegründeten Offices Publics d’Habitations à Bon Marché (OPHBM) (vgl. ebd.). Die ab 1945 stark zunehmende Bevölkerungsdichte allerdings zwang die Stadtplaner von der Abkehr dieser Idee. Die im Departement Seine gebauten fünfzehn Gartenstädte mit zusammen nicht mehr als 25.000 Wohnungen reichten bei Weitem nicht aus, um die crise de logement zu bewältigen. Eine der letzten Gartenstädte in der Umgebung von Paris war die 1935 errichtete Cité de la Muette in Drancy, die allerdings dem ursprünglichen Bild einer Gartenstadt schon nicht mehr entsprach (vgl. ebd. 30). Mit der Cité de la Muette wurde vielmehr die Entwicklung zu den grands ensembles hin bereits vorweggenommen (vgl. ebd.). Die Zeit zwischen 1947 und 1974 war in Frankreich durch ein starkes Wirtschaftswachstum sowie einen starken demografischen Wandel durch rasch steigende Geburtenraten und eine große Einwanderungswelle, vornehmlich aus den ehemaligen Kolonien des Landes, geprägt. Diese Zeitspanne wird als Trente Glorieuses bezeichnet. Mit einer massiven Landflucht, der zunehmenden Verstädterung der Metropolen und der Entstehung von Armutsvierteln, den bidonvilles, konfrontiert, sahen sich Politiker und Stadtplaner vor die Aufgabe gestellt, neuen
1 Ab 1950 wurden die HBM durch die vom Staat massiv geförderten HLM ersetzt. Die Offices Publics
d’Habitations à Loyer Modéré wurden gegründet (vgl. Girault 1998: 186).
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Wohnraum zu schaffen. In der Folge wurden ab 1958 195 Zones à Urbaniser en Priorité (ZUP) mit 2,2 Millionen Wohneinheiten, meist in Form von Hochhaussiedlungen (grands ensembles), geschaffen (vgl. Menanteau 1994: 53). Mit der Entstehung solcher Lebensräume ging auch eine Trennung der Vororte und Stadtzentren einher. Dies war in besonderem Maß in Paris der Fall 2 . Der Bau tausende Menschen fassender Wohnsiedlungen brachte auch Probleme der Reputation mit sich.
„At that point in the 1960s the banlieue began to acquire its narrow sense and sinister image of bad
housing and social deprivation, despite the fact that there are middle-class banlieues , especially to
the west of the city, and that the working-class banlieues themselves are far from being uniform in
population or architecture.” (Vincendeau 2005: 17).
Mit dem Einsetzen der Wirtschaftskrise 1975 verstärkte sich die Entwicklung der cités hin zu einer Parallelgesellschaft. Die Bewohner, die es sich finanziell leisten konnten, zogen aus den Vierteln weg, die Nachrücker waren meist Einwanderer und perspektivenlose Franzosen am unteren sozialen Ende der Gesellschaft (vgl. Stébé 2002: 46). Die Vororte wurden „in relativ kurzer Zeit zu Zentren der Armut und ethnischen Diversität“ (Eckardt 2007: 34). Damit einher ging eine Entwicklung hin zu Orten der sozialen Exklusion.
2.4. Der Beginn der politique de la ville und die ersten Unruhen
Der „Herausbildung von Räumen sozialer Marginalität und Delinquenz“ (Deutsch-Französisches Institut 2005: 253) sollte 1977 mit dem Programm Habitat Vie Sociale (HVS) entgegengewirkt werden. Ziel dieses Programmes war die Sanierung der heruntergekommenen grands ensembles. Das Programm HVS markierte den Anfang der politique de la ville 3 . 1981 wurden die Zones d‘Éducation Prioritaire (ZEP) geschaffen. Diese Maßnahme wurde angesichts des échec scolaire 4 getroffen. Die Schulen innerhalb der ZEP wurden vom Staat bevorzugt mit Mitteln ausgestattet. „Les établissements d’enseignement
2 vgl.: „More than in other capital cities, there is (…) a sharp disjunction between the city of Paris and its
surrounding banlieue outside.” (Vincendeau 2005: 17)
3 Als politique de la ville bezeichnet man jene, seit Ende der 1970er Jahre bestehende, sozialintegrative
Stadtpolitik, bei der durch staatliche Intervention versucht wird, der „territorialen Verfestigung von Armuts-
lagen und sozialer Ausgrenzung“ (Reutlinger et al. 2007: 149) Einhalt zu gebieten.
4 Dieses Phänomen beschreibt die Tatsache, dass immer mehr Kinder und Jugendliche, vornehmlich an Schu-
len mit hohem Migrantenanteil und geringem Prestige, diese Bildungseinrichtungen vorzeitig und ohne Ab-
schluss verließen (vgl. Hörner et al. 2007: 271).
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situés en ZEP ont bénéficié de financements supplémentaires, et ont été autorisés à avoir recours à des méthodes pédagogiques adaptées aux besoins de leur population.“ (OCED a 2008: 159). Im selben Jahr kam es in der Großwohnsiedlung Les Minguettes bei Lyon zu den ersten Unruhen, die auch eine breit angelegte Berichterstattung in den Medien erfuhren. Die von den Medien als été chaud (vgl. Menanteau 1994: 89) bezeichneten Ereignisse hatten sechs verletzte Polizeibeamte, 72 gestohlene und später angezündete Fahrzeuge sowie 30 Festnahmen zur Folge (vgl. Pinson 1992: 224). „Für die Franzosen ist der Name "Les Minguettes" ein Synonym für Gewalt in den Städten.“ (Kaps 2005). Unter dem Eindruck dieser Unruhen wurde 1982 die Politik des Développement Social des Quartiers (DSQ) gestartet, die insofern über „die baulichen Maßnahmen zur Verbesserung des Wohnumfeldes“ (Deutsch-Französisches Institut 2005: 253) hinausging, als dass sie „mit sozial präventiven Aktionen im Bereich von Schulen, örtlichen Sport- und Kulturvereinen sowie der Jugenddelinquenz in den „quartiers de la banlieue“ neue Akzente“ (ebd.) setzte.
2.5. Das Programm Banlieue 89 und die Unruhen bei Lyon
1983 wurde das Programm Banlieue 89 eingeführt. Unter der Führung der Architekten Roland Castro und Michel Cantal-Dupart sollten „urbane Reizpunkte“ (Liehr 2007: 103) geschaffen sowie „die Banlieue mit attraktiven Elementen“ (ebd.) bereichert werden. Mit dem Versuch der Ästhetisierung der banlieues ging die Gründung des Conseil National de la Prévention de la Délinquance (CNPD) einher. Im Mai 1990 wurde das loi n° 90-449 du 31 mai 1990 visant à la mise en œuvre du droit au logement 5 , auch loi Besson 6 genannt, verabschiedet. Ebenfalls 1990 kam es in einem der Viertel, die durch das Programm Banlieue 89 umgestaltet worden waren, zu gewaltsamen Ausschreitungen. „Daran, dass die Vorstädte zu Depots für die Verlierer im ökonomischen Prozess geworden“ (ebd.) waren, hatte die „urbanistische Chirurgie“ (ebd.) nichts geändert. In der Presse wurden Begriffe wie „Intifada des banlieues“ und „Le retour des apaches“ benutzt, um die Ereignisse zu beschreiben (vgl. Schmidt 2005: 15). 1991 kam es an Orten wie Sartrouville, Mantes-la-
5 siehe:
http://www.legifrance.gouv.fr/affichTexte.do?cidTexte=JORFTEXT000000159413&fastPos=1&fastReqId=
58923427&categorieLien=id&oldAction=rechTexte
6 Benannt nach dem damaligen ministre délégué auprès du ministre de l'équipement, du logement,
des transports et de la mer Louis Besson.
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