Clifford´s Werk „Writing Culture“ basiert auf dem Hintergrund, dass literarische Zugänge und deren Reflexion in den letzten Jahren in den Human-und Sozialwissenschaften zunehmend „beliebter“, und die Grenze zwischen Wissenschaft und Kunst zunehmend geringer wird. Ethnographie ist zwischen mächtigen Bedeutungssystemen eingebettet und paradoxerweise selbst Teil der Prozesse die sie beschreibt. Die Hauptaussage von Clifford besteht in der vorerst scheinbar paradoxen Aussage, dass ethnographische Wahrheiten Fiktionen sind, die sich als inhärent partiell und unvollständig erweisen. Interessant dabei ist die Tatsache, dass „Wahrheit als Fiktion“ für Clifford nicht negativ behaftet ist, wie vorerst vermutet werden könnte. Vielmehr sieht er in einer Darstellung von Ethnographie als „partielle Wahrheit“ eine Art Liberation der Dargestellten aus einer Abbildung als abgeschottete, statische und in sich geschlossene „Objekte“.
Clifford weist darauf hin, dass es so mancher Empiriker wohl zu tiefst verwerflich finden würde, Ethnographien als Fiktionen darzustellen, erläutert jedoch weiters, dass das Wort „Fiktion“ heutzutage nicht mehr als pures Gegenteil von Wahrheit zu sehen ist. Vielmehr hat es seine Konnotation von „Fälschlichkeit“ verloren, was auch dadurch zum Ausdruck kommt, dass interpretative Sozialwissenschafter qualitativ hochwertige Ethnographien heute als „wahre Fiktionen“ ansehen, wobei jedoch vermerkt werden muss, dass dies auf Kosten der Reduktion von allen „Wahrheiten“ geht, zumal jene nun in ihrer Vollständigkeit als mehr oder minder konstruiert erklärt werden müssen.
James Clifford verbalisiert in „Partial Truths“ sechs Faktoren von denen ethnographisches Schreiben bestimmt und stets beeinflusst wird: Kontextualität , Rhetorik (Ethnographie benutzt und wird gleichermaßen benutzt von expressiven Konventionen), Institutionen (man schreibt stets innerhalb oder gegen gewisse Tradition oder ein bestimmtes Publikum), Gattung (eine Ethnographie lässt sich üblicherweise unterscheiden von anderen Genres), Politik, und Geschichte (all die gerade genannten Bedingungen und Beschränkungen variieren). Essentiell an Clifford´s Aussage ist, dass die Inschrift einer kohärenten ethnographischen „Fiktion“ einerseits von den oben genannten Termini diktiert, und andererseits durch und durch von Macht und Geschichte in einer Art und Weise geprägt wird, welche die Ethnographen nicht im Stande sind exhaustiv zu kontrollieren.
Unter der Prämisse, dass dieses interdisziplinäre Feld, welches sich von einem Punkt der „Krise“ der Anthropologie vorwärts bewegt, stets variabel und keineswegs statisch ist, weist Clifford in Antizipation auf die Artikel in „Writing Culture“ darauf hin, dass die Beiträge darin nicht als „einheitlich“ gesehen werden können. Die Krise in der Anthropologie könnte folgendermaßen definiert werden: Wie kann Anthropologie behaupten eine Wissenschaft zu sein, wenn ihre Methoden der Wissensbildung aus einem literarischen Text bestehen, welcher Realität als „von einer Person empfangen“ präsentieren? Clifford positioniert Ethnographie als Fiktion und partielle Wahrheit, die jedoch nicht „nur“ Literatur ist. Obwohl Fiktion „partielle Wahrheit“ ist, ist es nicht dasselbe wie “relative Wahrheit”. Indem sich Writing Culture bemüht, die Unterscheidung zwischen „partieller“ und „relativer“ Wahrheit zu bekräftigen, deckt es auf wie tiefsitzend die Ängste der Anthropologie bezüglich kulturellem Relativismus bestehen bleiben.
Die Einleitung “Partial Truths” erklärt auf lebendige Art und Weise die Herausforderungen die mit vollem Erkennen der Poesie von Ethnographie auftauchen. Clifford geht also soweit, Ethnographie als Fiktion zu identifizieren, jedoch nicht ohne beträchtliche Ambivalenz. Er stellt fest, dass das Äquivalent nur legitim ist, wenn Fiktion als partielle Wahrheit verstanden wird, wobei „partiell“ sowohl seine ideologische Festlegung als auch seine Unvollständigkeit signalisiert. Auch mit diesem Einspruch durchdringt die Angst vor kulturellem Relativismus den Text.
Clifford problematisiert die Tatsache, dass ethnographische Praktiken immer von wechselnden Machtunterschieden geprägt sind, wobei deren Funktion in diesen Machtbeziehungen ambivalent ist. Ideologische Verlagerungen drücken sich vor allem dadurch aus, dass Anthropologie heutzutage nicht mehr mit automatischer Autorität über „die Völker ohne Geschichte“ spricht, als wären sie unfähig für sich selbst zu sprechen. Bezugnehmend auf die hermeneutische Philosophie werden wir erinnert, dass bereits die einfachsten kulturellen Aufzeichnungen willkürliche Intentionen sind, wobei sich die Interpretierenden konstant selbst konstruieren durch diejenigen die sie „studieren“. In Hinblick auf Ruth Behar´s Aussagen finden sich hier starke Parallelen, als auch Clifford darlegt, wie sehr systematische und situationale verbale Strukturen alle Repräsentationen der Realität bestimmen. Clifford führt immer wieder Beispiele diverser Autoren an um seine Thesen zu untermauern, wie zum Beispiel die „textualisierte Konstruktion des Orients“, mit der sich Edward Said einnehmend beschäftigte.
Hinsichtlich der teilnehmenden Beobachtung herrscht seit Malinowski eine delikate Balance zwischen Subjektivität und Objektivität vor, und die Konventionen textlicher Präsentation verpönten lange Zeit eine zu enge Verbindung zwischen dem persönlichen Stil des/der AutorIn und der repräsentierten Realität. In den Sechzigern erfolgte jedoch diesbezüglich ein Bruch, und die Ethnographen begannen über ihre Erlebnisse im Feld auf eine Art zu schreiben, welche die vorherrschende „Subjekt-Objekt-Balance“ störte. Sowohl Clifford als auch Behar diskutieren diese Wende in ihren Artikeln. Es entwickelte sich ein Subgenre, und zwar die selbstreflexive Schreibweise. „Vielstimmigkeit“ wurde außerdem zu einem bedeutenden Konzept, und die Stimmen der bisher „Unerhörten“ wie beispielsweise Indigene und Frauen, erlangten zunehmend Bedeutung.
Am Beispiel von Godfrey Lienhardt´s „Divinity and Experience: The Religion of the Dinka“ spricht Clifford die Gender-Problematik in der Produktion von Ethnographien an, und weist darauf hin, dass Geschichte und Politik unweigerlich im Leseprozess mit von Bedeutung sind. Systematische Zweifel und Überlegungen bezüglich Gender in kulturellen Repräsentationen haben sich vor allem in den letzten Jahren ausgedehnt.
Ruth Behar ist Professorin der Anthropologie an der Universität von Michigan, wo sie sich vor allem mit den Bereichen „Women´s Studies“, „Latino/a Studies“ Lateinamerika und Karibik, sowie „Jewish Studies“ beschäftigt und bereits viele Preise gewonnen hat. Sie thematisiert Schreibprozesse, gibt Workshops im Schreiben, unter anderem auch beim jährlichen AAA Meeting, und schreibt über ihre Reisen sowie ihren multikulturellen Hintergrund. Anthropologie sieht sie als „humanistisches Streben dessen Zweck es ist die Poesie menschlichen Lebens auszudrücken“ (www.ruthbehar.com). Sie versucht literarische Beiträge jener AnthropologInnen herauszustreichen, die es vermögen ihre künstlerische Seele nicht zu unterdrücken, und schreibt unter anderem auch Essays, Poesie und Belletristik. Behar ist Coautorin von „Women Writing Culture“ welches sich zu einem Klassiker über weibliche Anthropologinnen und ihre Hingabe zur Kunst der Ethnographie entwickelt hat, und teilweise einen Anstoß an „Writing culture“ darstellt. “You will reach a point, as I did, where there is no choice but to work from your poetic self. I try my best to create the conditions for others
Arbeit zitieren:
Katharina Eder, 2008, Textvergleich Clifford, James "Writing Culture“ " ./. Behar, Ruth "Translated Woman", München, GRIN Verlag GmbH
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