1. Die Philosophie Plotins und die Chancen des sokratischen
7 Problemwissens
7 1.1 Einführung
9 1.2 Plotin als `Platoniker´
1.3 Das Philosophieren Plotins als Aufstieg zum absolut 13 transzendenten Einen
1.4 Das Problemwissen nach Plotin und der Verlust des sokratisch 23 qualifizierten Problemwissens
38 1.5 Sokratisch-kritische Anfrage an die Philosophie Plotins
48 1.6 Sokratisch-kritische Bewertung der Philosophie Plotins
1.7 Sokratisch-kritische Bewertung der Folgen der Philosophie Plotins für die weiteren Chancen sokratisch-problematischer 60 Bildung
65 Anmerkungen
113 Literatur
5
1. Die Philosophie Plotins und die Chancen des
sokratischen Problemwissens
1.1 Einführung
In der hier vorliegenden Studie wird das `Schicksal´ der Möglichkeiten auf sokratisch-problematische Bildung für den Neuplatonismus untersucht, weil dieser die wesentliche Gelenkstelle bildet zwischen Platon und dem `Vater des Abendlandes´, Augustin. Die Untersuchung des Neuplatonismus auf die Chancen des sokratisch-problematischen Wissens und sokratischproblematischer Bildung konzentriert sich auf die Philosophie Plotins. Denn erstens ist Plotin als dessen Begründer die zentrale Gestalt des Neuplatonismus, bedeutender als alle Späteren. Dies gilt auch für seinen Einfluss auf das frühe christlich-theologische Denken. Wegen der Zugänglichkeit seiner Philosophie über das Schrifttum wurde „die große klassische Philosophie der Griechen, insbesondere die Platos, von den Vätern der christlichen Kirche mit Plotins Augen gelesen [wurde]. Plotins Einfluß begegnet uns von Augustin an auf Schritt und Tritt.“ 1
Plotin ist daher äußerst wichtig für das, was `der abendländische Platonismus´ genannt werden kann, und zwar für die „gesamte Tradition des Platonismus, bis in die neueste Zeit hinein“. 2
Durch Plotin kommt es zu dem, was man mit einer Ausdrucksweise Gadamers als `platonisch-plotinische Wirkungseinheit´ bezeichnen kann. Diese wurde erst durch das „Aufkommen des historischen Bewusstseins und die Entwicklung des historischen Sinnes im 19. Jahrhundert“ „zur Auflösung“ gebracht. „Die neue Benennung `Neuplatonismus´ ist ein sprechender Ausdruck dafür, daß man jetzt erst zwischen Plotin und Plato einen wesentlichen Unterschied erkannt hatte.“ 3
7
Selbst Hegel „gehört noch in vollem Umfange in die Wirkungsgeschichte Plotins“. 4
Zum zweiten gilt, was C. Horn 5 feststellt: „Das Corpus Plotinianum bildet einen
überlieferungsgeschichtlichen Glücksfall; im Fall Plotins besteht die einzigartige Situation, daß das gesamte schriftliche Werk eines antiken Philosophen tradiert ist. Mehr noch, ein zeitgenössischer Editionsbericht, die porphyrische Vita Plotini, gibt uns die chronologische Folge der Schriften und wichtige Umstände ihrer Entstehung an.“ 6
8
1.2 Plotin als `Platoniker´
Plotin bezieht direkte und indirekte, innerakademische (insbesondere prinzipienspekulative 7 ), Platonüberlieferung aufeinander. 8 Im Zuge dessen identifiziert er die `Idee des Guten´ der Politeia Platons, 9 die, wie es im Sonnengleichnis heißt, „jenseits des Seins“ (epekeina tes usias; Resp. 509b) ist, 10 in der Tradition der
innerakademischen Prinzipienspekulation unmittelbar mit dem unbestimmbaren schlechthin Einen der ersten Hypothese des Parmenides (137c - 142a) und versteht es als dessen in der Politeia zurückgehaltenes Wesen. 11
Das Eine-Gute 12 ist absolut transzendent in einem Sinne, wie dies im Parmeni-
des Platons aufgewiesen wird.
Die Identifikation des unbestimmbaren reinen Einen mit der anhypothetos arche 13 , von der im Liniengleichnis Platons gesprochen wird 14 , und mit dem
Guten selbst noch `jenseits des Seins´, von dem in gleichnishaft-metaphorischer Sprache im Sonnengleichnis der Politeia die Rede ist, ist für Plotins Platonverständnis und für sein eigenes Philosophieren grundlegend. 15
Plotin begreift die Transzendenz des Agathon bei Platon anders als im sokratischen Sinn skeptisch-kritischer Abständigkeit. Die Transzendenz der Idee des Guten als der anhypothetos arche bei Platon ist verschieden von der Transzendenz des Einen-Guten Plotins, die Letztbegründung der Ideen aus jener ist nicht die Begründung der Ideen aus dieser, das Prinzip Platons unterscheidet sich vom obersten Prinzip Plotins.
Zu beachten ist in diesem Zusammenhang, dass die Aussage Plotins, das absolute Eine sei das agathon, in zeichenhaft-hinweisender, nicht aber in seinsbestimmender Bedeutung zu verstehen ist. Das absolute `Eine´ ist als Absolutes, d.h. als von Allem `Ab-gelöstes´, an sich selbst völlig unbestimm-
9
bar. 16 Es steht noch jenseits der Möglichkeit durch menschliche Bestimmungen
und Benennungen getroffen zu werden.
Das absolut transzendente Eine-Gute ist als solches auch noch jenseits des (Selbst-) Denkens des Geistes 17 , also auch jenseits der Nushypostase. 18
Für Plotin ist die erste Hypothese (137c-142a) des Parmenides-Dialoges die Durchführung der in Resp. 534bf. geforderten negativen Dialektik bzw. `negativen Theologie´ 19 , nämlich die Auslegung der Seinstranszendenz des
Guten selbst des Sonnengleichnisses.
Für das Philosophieren Plotins, der in der Tradition sogenannter `mündlicher Lehren´ Platons steht und neben dem Mittelplatonismus 20 zudem u.a. an
Auffassungen des Neupythagoreismus und Philons von Alexandrien anknüpft, wie für den gesamten Neuplatonismus 21 kommt dem Parmenides-Dialog
Platons, der in spezifischer, nämlich positiv einheitsmetaphysischer Weise interpretiert wird, von allen Werken Platons das weitaus größte Gewicht zu. 22
Bei Plotin wie für den an ihn anschließenden Neuplatonismus spielt der in seinem Gehalt positiv einheitsmetaphysisch im Sinne einer Metaphysik des überseienden 23 Einen selbst und seiner Entfaltung in das Gesamt des Seienden, das sich hierarchisch-hypostatisch 24 stuft, gedeutete Dialog geradezu die Rolle eines „Grundbuchs des Platonismus“ 25 .
Nun zeigt aber die vielfältige und divergente, ja in sich höchst widersprüchliche Auslegungstradition des zweiten Teiles des Parmenides-Dialoges Platons 26 seit
der Antike, dass die Deutung dieses Dialoges durch Plotin und die an ihn anschließende Tradition 27 eindeutig im Sinne einer Metaphysik des überseien-
den unbestimmbaren Einen selbst, das sich in die Vielheit des Seienden hierarchisch entfaltet, gerade in und wegen ihrer Eindeutigkeit fragwürdig ist. Der Parmenides-Dialog ist nicht in erster Linie wegen seines ersten Teiles mit
10
seiner Kritik einer Ideenlehre bestimmter Ausprägung, sondern vor allem aufgrund seines zweiten Hauptteiles zweifellos eines der geheimnisvollsten, vieldeutigsten und am schwersten zu lösenden Rätsel der Philosophiegeschichte. Gerade diejenigen Deutungen, die dem zweiten Dialogteil lediglich logische Relevanz im Sinne konsequenter Aporetizität in der Bedeutung einer spielerisch-ironischen Entkräftung der Einheitsmetaphysik des Eleatismus zubilligen, die in der literarischen Fiktion der dialektischen „Übung“ 28 als implizite Kritik und als Selbstwiderlegung gestaltet ist, 29 oder die ihm logisch-propädeutische
Funktion zuerkennen als Vorführung dessen, welche argumentative Fähigkeit durch Sokrates bzw. durch jemanden, der die `Ideenlehre´ argumentativ zu verteidigen imstande sein soll, mittels Übung auszubilden ist, 30 stellen die neuplatonische 31 einheitsprinzipialistische metaphysische Interpretation des Parmenides nach dem `Plotintyp´ 32 in Frage. Dennoch findet sie auch auch heute noch immer wieder entschiedene Anhänger 33 .
Diese Interpretation nimmt den zweiten Teil des Parmenides als Metaphysik des überseienden Einen selbst und seiner Ausfaltung in die Totalität des Seienden, die sich hierarchisch-hypostatisch stuft. Unter dem Einfluss des Platon zugeschriebenen innerakademischen dogmatisch-lehrhaften Prinzipiensystems, das, wie angenommen wird, die dialektische Übung des zweiten Hauptteils des Parmenides verschlüsselt enthüllt, sieht diese neuplatonische Interpretation in der ersten Hypothese eine negative Theologie des absolut transzendenten reinen Einen und in den übrigen Hypothesen den Abstieg von diesem absoluten Prinzip zum Prinzipiierten 34 .
Ob man den zweiten Hauptteil des Parmenides, wie in der Tradition des Platonismus überwiegend geschehen, neuplatonisch bzw. eng verwandt deutet, oder ob man ihn etwa logisch-aporetisch betrachtet, hängt wesentlich davon ab, wie man die Negationen versteht, zu denen die erste Hypothesis, in der das Eine absolut gesetzt wird, führt. Entweder man versteht sie im Sinne transzendieren-
11
der Negationen negativ-theologisch und kann so zu einer Parmenides-Deutung des `Plotintyps´ gelangen, nach dem die Negationen der Durchführung der ersten Hypothesis dazu dienen, die absolute Transzendenz des reinen Einen auszudrücken und sein Nichtsein als Übersein zu indizieren, oder aber man begreift sie privativ, und kann zu einer logisch-aporetischen Deutung kommen im Sinne des Erweises, dass die Absolutsetzung des Einen als des schlechterdings Einen widersinnig ist, da der Versuch, das Eine absolut zu setzen, notwendig zu seiner Selbstaufhebung führt. 35
Plotin erhebt für sein Philosophieren keinen Originalitäts- und Neuerungsanspruch 36 , sondern beruft sich für den Zentralgehalt seiner philosophischen Theorie explizit auf Platon 37 . Plotin sieht sich als Ausleger Platons. 38
Dieser hat in seinem Philosophieren eine Zentralstellung. Plotin will lediglich zur Klarheit bringen, was dieser bereits gesagt und gelehrt hat 39 .
12
Das Philosophieren Plotins als Aufstieg zum absolut 1.3 transzendenten Einen
Plotin unternimmt den Versuch, die Wirklichkeit in ihrer Vielheit als Henophanie, genauer als die immerwährend-bestehende, nämlich zeitlos-ewige 40 prohodos 41 des Einen als ihrem Urgrund zu begreifen, die vielheitliche
Wirklichkeit radikal von einer Option her zu fassen, die die Wirklichkeit und ihre Mannigfaltigkeit durch Rückführung auf eine ihr vorgängige vielheitsbegründende voraussetzungslos-ursprüngliche Einheit, von der sie abhängig ist, zu erklären versucht 42 , die sie als absolutes Eines 43 und als absolute Transzendenz versteht. 44
Die absolute Transzendenz, die wegen ihrer Unsagbarkeit bloß indiziert wird 45 , meint die Jenseitigkeit gegenüber allem 46 , also gegenüber dem Sein 47 , einschließlich gegenüber dem Geist und seinen Erkenntnismöglichkeiten. 48
Das jeden Totalitätshorizont des Seins noch übersteigende 49 , da absolut
transzendente Eine, das überhaupt nichts als von ihm Verschiedenes und als von ihm zu Unterscheidendes hat, kann eigentlich nicht einmal angemessen als Eines bezeichnet werden, weil auch die Einheitsbestimmung ihm nicht beigelegt werden kann. Denn durch diese Attribution wird es bereits in den Bereich des vielheitlich Seienden hineingezogen. Weder ist es als absolut Transzendentes etwas, noch ist es etwas, als das es bestimmt werden könnte (und zwar als Eines). 50
Plotin vertritt mit seiner prinzipientheoretischen Einheitsmetaphysik eine philosophische Position, die als einheitsprinzipialistische metaphysische Option charakterisiert werden kann: Das Wesentliche und Entscheidende jedwedes Wirklichen wie überhaupt ausnahmslos aller Wirklichkeit ist die Einheitsverfasstheit. 51
13
Damit etwas überhaupt sein kann sowie denk-, erkenn- und verstehbar wie auch ansprechbar ist, muss es Eines sein. 52
Die durchgängige Einheitsverfasstheit aller Wirklichkeit aber gründet im absoluten Urgrund aller Einheit, im absoluten Einen 53 , das als alle Bestimmbar-
keit und Bestimmtheit erst ursprünglich stiftendes Eines noch über alle Bestimmungen und Bestimmbarkeiten hinausliegt. Die vielheitliche und als vielheitliche zugleich stets einheitsverfasste Wirklichkeit selbst verweist auf das einfachhin Eine 54 als ihren absoluten Ursprung und Urgrund, der die Seinstotali-
tät begründet.
Es geht Plotin darum, den philosophisch-transzendierenden Auf- und Überstieg 55 im weitest möglichen philosophisch-rationalen Überschreiten bis zu dem, was nicht mehr überschreitbar ist 56 , nämlich bis zum überseienden absoluten
Einen zu vollziehen durch Rückführung jeglicher Mannigfaltigkeit auf das transzendente schlechthin Eine 57 , das als einheitsstiftender Grund und Ursprung
jedwede Vielheit begründet und eint, selbst aber absolut einfach ist.
Die Philosophie Plotins als „Philosophie über das Eine“ 58 (wie des Neuplato-
nismus insgesamt) kann als eine entschiedene Metaphysik des Einen, näherhin des tranzendenten absoluten und vielheitsbegründenden schlechterdings Einen bezeichnet werden. 59
Jedwedes Vielheitliche wird im Philosophieren Plotins in Einheitsstufungen auf das möglichkeitsbedingende Ur-Eine zurückgeführt. Dies geschieht im henologisch-rückschrittigen und vielheitsnegierenden Verfahren als sogar noch die Totalität, die der nus ist, überschreitendes und zielführendes Anlangen beim jenseitigen Ur-Einen.
Das reine Eine selbst, das am Ende des philosophisch-rationalen und henologisch-reduktiven Aufstieges 60 augenblickshaft 61 „berührt“ 62 werden kann, ist für
14
Plotin undenkbar. 63 Denn alles Denken kann am bestimmungstranszendenten absolut Einen nur scheitern 64 , weil Denken stets wesentlich Zu- und Absprechen von Bestimmungen, mithin Unterscheiden ist. 65
Das vollkommen Eine aber ist gnoseologisch wie - als jenseits noch des Seins 66 - auch ontologisch schlechterdings unerreichbar, da absolut transzendent. 67 Erst
die als einheitliche Gesamtheit von Sein und Denken hervorgegangene erste Hypostase des schlechterdings jenseitigen Einen, der Geist (nus) 68 , der sich
selbst als das Sein weiß, steht im Einzugsbereich des dem Denken als solchem Zugänglichen und ist nicht mehr von der absoluten gnoseologischen wie auch ontologischen Transzendenz des unterschiedslosen Einen. 69
Vom absoluten Einen muss alles von ihm Bedingte unterschieden werden 70 , auch wenn der Weg zu seiner Erkenntnis zunächst über das Bedingte führt. 71
Das bestimmungsüberschreitend-unbestimmbare Ur-Eine kann lediglich noch via negationis behelfsmäßig mittelbar-verweisend bestimmt und als bestimmungsgründender Grund indirekt indiziert werden. 72
Negativ bestimmt werden kann das über alle Bestimmungen hinausliegende absolute Eine, das aller Wirklichkeit zugrunde liegt, durch eine als Selbstüberwindung dialektischen Denkens zu verstehende negative Dialektik. 73 Sie erweist
das schlechthin Eine im dialektischen Regress als undenkbar, indem sie zeigt, dass es „jenseits von allem“ ist 74 . Alle Denk- und Seinsbestimmungen sind dem
absoluten Einen unattribuierbar, weil sie von ihm prinzipiiert sind. Sie können ihm daher selbst nicht zugesprochen und beigelegt werden. 75
Im philosophisch-rationalen Aufstieg 76 überschreitet sich für Plotin das
einheitssuchende Denken selbst zu seinem es bedingenden, an sich relationslosen, zugleich aber relationierenden Ursprung, auf den es ausgerichtet ist. Es vollzieht dabei den Versuch 77 durch die Überwindung der auch in der Einheit
15
des Sich-selbst-Denkens noch verbliebenen Zweiheit von Denkendem und Gedachtem 78 eine Rückbeziehung auf und eine rückkehrende Hinwendung 79 in
das ihm als Ursprung selbst zu Grunde liegende ursprüngliche Eine zu realisieren, das der schlechthin einfache und unbezügliche Urgrund von allem, mithin auch des Denkens, ist. Das Denken gelangt in der augenblickshaft und unverfügbar sich ereignenden Erfahrung des absoluten Einen sich selbst überschreitend und überhöhend zu seiner überrationalen Erfüllung.
In der Transzendenzbewegung geht auch noch das selbstbezügliche Denken in seiner Zweiheit über sich selbst hinaus. Das Resultat ist die Aufhebung jeder Denkmöglichkeit. Diese geschieht via negationis. 80 Zugleich kommt es damit zur ekstatisch-befreienden 81 Selbstaufhebung des Denkens in der Einung mit dem absoluten Einen. 82 Das Denken übersteigt sich selbst sogar noch als das
unmittelbar und intuitiv erfassende Denken des Geistes bzw. der Vernunft im `hintergehenden´ Überstieg zur `Schau´ des Einen 83 , in der sogar die Zweiheit
von Schauendem und Geschautem überstiegen ist, und die ekstatisch-henotisch zu verstehen ist.
In der Transzendenzbewegung wird so die Vielheitsstruktur (auch) des Dafürhaltungsstrukturiert-Aussagenhaften („etwas als etwas“) wie des Sprachlichen überhaupt überstiegen und es kommt zur unsagbaren 84 , nichtdenkenden und differenzlosen Einung 85 , sofern diese, sich in plötzlicher Intuition 86
als mystische Erfahrung ereignend, gelingt und das Denken so sein höchstes und letztes Ziel erreicht; das Denken findet Erfüllung der in ihm angelegten Strebebewegung. 87
Die ekstatische Einung als mystische Erfahrung des absoluten Einen wird bei Plotin - ganz anders als dies bei Platon-Sokrates der Fall sein könnte - als Ziel des philosophisch-rationalen Transzendierens gedacht, als Erfüllung und Vollendung. 88 89
16
Während die Aufstiegsbewegung zum Einen 90 als solche für Plotin philoso-phisch-rational explizier- und argumentativ begründbar, sowie im positionellaffirmativen Sinne lehr- und lernbar ist, ist dies nicht so mit ihrem Gipfelpunkt, nämlich der Erfahrung der Einung mit dem ursprünglich Einen. Diese ist in einem strikten Sinne unsagbar wie auch inkommunikabel und entzieht sich damit auch jeder philosophisch-rationalen, etwa spekulativ-dialektischen Ausweisbarkeit sowie jeglicher positionell-affirmativen Lehr- und Lernbarkeit. 91
Den Aufstiegsweg (der ein Rückweg ist) kann philosophisch verstehen und gehen auch der, der das Ziel (noch) nicht erreicht (hat). Um den Gipfelpunkt der überrationalen Einung mit dem Einen erreichen zu können, muss jedoch die via negationis zuvor zurückgelegt worden sein. Nicht die vorgängige mystische Erfahrung ist Möglichkeitsbedingung und Grund der Metaphysik des Einen, sondern die Metaphysik des Einen und ihr Nachvollzug qua Auf- und Rückstieg sind für Plotin Möglichkeitsbedingung der mystisch-ekstatischen henosis-Erfahrung, 92 die das wahre Glück ist.
Dem jedwede Denkbarkeit und Sagbarkeit transzendierenden Einen kann man sich nur dialektisch-transzendierend via negationis, analogiae und supereminentiae 93 durch indirekt-uneigentliche Indizierung 94 annähern.
Das Negieren hat bei Plotin die Funktion, das Transzendieren zu ermöglichen, nämlich zu initiieren, zu befördern und weit möglich zum Ziel zu führen. Die negative Dialektik bei Plotin 95 soll das epekeina, das `Darüber-hinaus´ 96 des
absoluten Einen über die jeweils negierte Bestimmung im dialektischen Denken deutlich machen.
Die negative negative Dialektik, die dem hen selbst in seiner strengen Einfachheit alles abspricht, dient bei Plotin letztlich zur Verdeutlichung, dass das ursprungshafte Ur-Eine nicht das Prinzipiierte ist, sondern dieses noch auf dessen Ur-Grund hin übersteigt. Sie soll zeigen, dass die vom Ur-Einen
17
fundierten Bestimmungen ungeeignet dazu sind, Bestimmungen des Ur-Einen selbst zu sein. Vom Standpunkt des Prinzipiierten aus erscheint das prinzipiierende Ur-Eine so als das Nichts (des Prinzipiierten bzw. des Entsprungenen). 97
Vom Standpunkt des Prinzipiierten ist das prinzipiierende Ur-Eine Nichts, 98
allerdings kein nichtiges Nichts, sondern das Nichts von allem, nämlich der absolut jenseitige Ursprung von allem. Das reine Eine ist Macht bzw. Kraft (dynamis), arche und Quelle von allem. 99
Das reine hen selbst, das ohne jegliche Andersheit ist, steht, wie Plotin betont und als Problem klar erkennt, 100 als jedwede Denkbarkeit transzendierend nicht mehr im Zugriffsbereich des Denkens. 101
Gleichwohl unternimmt er den philosophischen Versuch, es auf dem Weg philosophisch-rationalen Denkens zu erfassen soweit dies geht. Dies aber kann nur in einem Versuch einer `Ergreifung´ noch des durch das Denken nicht mehr direkt Be- und Ergreifbaren geschehen.
Was auf begrifflich-argumentativem, dialektisch-spekulativem Weg rational begründbar ist, ist die schlechthinnige Jenseitigkeit des absoluten Einen. Dieser Weg bereitet im Scheitern die mystische Erfahrung der ekstatischen Einung vor, nämlich als vorgängig zurückzulegender dialektisch-spekulativer Weg zu ihr, auf dem das Denken durch Selbstaufhebung überwunden wird. Es ist der Weg, den Plotin in seinem Philosophieren als den gebotenen 102 zu gehen und
allgemein nachvollziehbar im positionell-affirmativen Sinne darzulegen versucht, um so schließlich die henotisch zu verstehende `Schau´ zu ermöglichen, die die henologische Intention des Denkens erfüllt. Das Denken versucht sogar, die in ihm auch in der Einheit des Sich-selbst-Denkens noch verbliebene Zweiheit von Denkendem und Gedachtem in einer `zweiheitshintersteigenden´ negativ-dialektischen Ergreifung der hier zugrundeliegenden absoluten Einheit hinter sich zu lassen und scheitert dabei.
18
Der dialektisch-denkende Aufstieg und der Versuch der Ergreifung des durch das Denken nicht mehr Be- und Ergreifbaren sind für Plotin rationale Voraussetzung der mystisch-ekstatischen henosis-Erfahrung als unio mystica plotiniana mit dem ur-gründigen Einen.
Obwohl das reine hen absolut transzendent ist, unternimmt Plotin also den Versuch, dem absolut transzendenten Einen im philosophisch-dialektischen Denkaufstieg so nahe wie möglich zu kommen. Dies ist für ihn die unerlässliche rationale Voraussetzung der mystisch-ekstatischen henosis-Erfahrung, die im Scheitern die Erfüllung des denkenden Aufstiegs zum Einen als dem Urgrund alles Wirklichen ist.
Den Ausgang für den philosophisch-dialektischen Auf- und Überstieg nimmt Plotin, indem er zunächst die Einheitsbestimmtheit jedweden Seienden als sein Sein fundierend 103 darlegt. Er versucht aufzuzeigen, dass diese Einheitsverfasst-
heit des Seienden in einem `ur-sprünglichen´ Sinn herrührt aus dem reinen Einen, so dass die durchgängige (wenngleich auf den verschiedenen hypostatischen Stufen (Welt, Seele, Geist) graduell differente) 104 Einheitsverfasstheit des Seienden 105 stets Einheit in der Vielheit ist 106 , hindeutend auf das seinsjenseitige
und seinsstiftende hen selbst.
Plotin bereitet so dem henologisch-reduktiven und negativ-dialektischen Auf-und Überstieg mit dem Ziel der Zugänglichkeit des wirklichkeitsbegründenden transzendenten Einen den Weg. 107 Dessen erste Stufe besteht im Rückgang vom
sinnenhaften Einzelnen, von der zerstreuten Mannigfaltigkeit des sinnlichen Seienden und der empirischen Erfahrungswelt auf die sie vermittelnd begründende Seele. Diese eint alle Dinge durch ihr Wirken 108 , ohne selbst schon das ursprüngliche absolute und differenzbegründende Eine zu sein 109 . Dessen zweite
Stufe vollzieht sich im Rückgang auf das Welt und Seele vermittelnd begrün-
19
dende Intelligible, im nus als Inbegriff der Ideen, der in höherem Maße Einheit ist als die Seele, aber ebenfalls abgeleitet und so noch nicht das Eine. 110
Die denkende Zuwendung des Geistes (nus) zu sich selbst nun stellt zugleich eine Zuwendung zum voraussetzungslosen geistbegründenden Einen selbst dar. Der Geist wendet sich dem Einen zu als dem vorgängigen, ihn prinzipiierenden transzendenten Grund. Der Geist ist auch in der (durch das transzendente Eine gestifteten) Einheit des Selbstbezuges als sich in der Ausrichtung auf seinen Ursprung selbst denkender Geist 111 noch in die Zwiefalt von Denkendem und Gedachtem auseinandergefaltet bzw. entzweit. 112
An die zweite Stufe des Aufstieges 113 kann und muss sich deshalb die entschei-
dende dritte Stufe auf den allbegründenden Ursprung anschließen. Sie führt noch über den Bereich des intelligiblen Seins bzw. des nus hinaus und ist der dialektisch-ausgreifende Rückgang auf das überseiende und allbegründende Prinzip allen Seins.
Gerade die die Vielheit als Totalität umfassende lebendige Einheit des Geistes lässt es einsichtig erscheinen, dass der Geist selbst noch nicht das erste Eine sein kann, sondern in der ihm jenseitigen absoluten Einheit gründet. 114
Die Einheit des Geistes ist wesentlich Einheit von Denkendem und Gedachtem, nus und noeton bzw. von Denken und Sein. 115
Der einheitliche Geist ist mithin durch Zweiheit konstituiert. Da die Einheit aber früher als die Vielheit ist 116 , ergibt sich die Notwendigkeit des Rückgangs auf die differenzbegründende zugrundeliegende Einheit, die jenseits des nus 117 ist.
Die Zuwendung zum Ursprung bedeutet Erfüllung des Denkens. 118
Diese Erfüllung des Denkens geschieht dadurch, dass es zur noesis aktualisiert wird. 119 Das Denken ist zunächst als unbestimmtes Sichten im Sinne einer
20
bloßen Intention zu sehen nur eine reine und noch unbestimmte Strebebewegung auf die absolute Einheit hin. 120
Das zu sich selbst kommende, d.h. sich zu sich selbst als sich-selbst-denkender Geist erhebende Denken wird in seiner Zuwendung zum transzendenten Einen in seiner Über-Mächtigkeit und Über-Fülle in der einheitsbildenden dynamis in Richtung auf Einheit bestimmt. Dies ermöglicht es ihm erst, 121 den erhaltenen
Einheitscharakter zu konturierter Vielfalt in bestimmter Weise zu generieren bzw. zu aktualisieren, nämlich als einheitsbestimmte Vielfältigkeit der Ideen, die als Erfüllung des Denkens zu verstehen ist. Das Denken erfüllt sich mit der selbst erzeugten Ideenvielfalt als der eidetischen Vielheit des Seins. 122
War das Denken anfangs als bloß unbestimmtes Sichten eine reine Strebebewegung in Richtung auf einheitsbestimmtes Denken, kommt es über das Denken der Ideen, die es selbst ist, 123 und die es als selbstgeschaffen erkennt, in ihrer geeinten Fülle erst eigentlich zu sich. 124 Im Erhalt der einheitsbildenden dynamis
aus der Zuwendung zum transzendenten allbegründenden Einen ist das transzendente Eine so trotz der Selbsterzeugung des Geistes 125 Möglichkeitsbe-
dingung für das Denken, sich als Geist selbst zur Bestimmtheit und zur Deutlichkeit des Sich-selbst-Denkens zu erheben. 126
Das Denken als sich-selbst-denkender Geist 127 , von Plotin gefasst als Konstitu-
tion des Seins in seiner Bestimmtheit, entsteht als Sein ursprünglich aus dem transzendenten Einen als dem absoluten Urgrund. 128
Das Denken findet, nachdem es seinen Ursprung, das transzendente unterschiedslose Eine nicht selbst zu erkennen vermag, 129 die Erfüllung seines
Einheitsstrebens darin, dass es, auf der Grundlage der aus der Übermächtigkeit des Einen empfangenen einheitsbildenden dynamis, selbst einheitsbildend tätig wird. Es erzeugt die Fülle denkbarer Einheiten, die die intelligiblen Ideen sind. So erschafft es sich als erfülltes Denken. 130
21
Gerade das schlechterdings Eine als der transzendente Ursprung 131 , auf den die
Denkintention gerichtet ist, bewirkt im Entzugscharakter seiner Undenkbarkeit daher das schöpferisch-spontane Zu-sich-selbst-Kommen des Denkens. 132
Der Möglichkeit nach findet der philosophisch-rationale und transzendierendregressive Aufstieg zuletzt seine Grenze und gipfelt zuhöchst in der Berührung der als Nichts erscheinenden 133 absoluten Transzendenz 134 , d.h. in der mystischekstatischen 135 Einung mit dem ursprünglichen, Geist und Sein übersteigenden,
selbst nicht mehr übersteigbaren Einen. Dieses ist, wie auch die henotische Erfahrung, unsagbar. Will man sich dennoch nicht jeglicher Aussagen enthalten, so kann auf es in seiner absoluten Transzendenz über alles nur noch durch die radikale `theologia´ negativa als Mittel zum Erreichen des reinen Einen, von dem jede Bestimmung wegzunehmen ist 136 , durch allumfassende Negation
hingewiesen werden. Auf diese Weise kann für Plotin im Übersteigen der Denkbarkeit der undenkbare Urgrund aller Wirklichkeit erfahrbar werden. 137
Das Denken in seiner Angewiesenheit auf Bestimmbarkeit durch identifizierendes Unterscheiden auf dem Hintergrund vorausgesetzter Einheitsbestimmtheit kann dem absolut Einen 138 schlechterdings nicht gerecht werden. Es kann es
lediglich im notwendigen Scheitern seiner Bemühung - und die Notwendigkeit dieses Scheiterns vermag das Denken noch einzusehen und zu begründen - als die absolute Grenze des Denkens denken und als Aufhebung des Denkens als das schlechterdings `Undenkbare´ in der mystisch-ekstatischen henosis erfahren. 139
22
1.4 Problemwissen nach Plotin und der Verlust des sokratisch
qualifizierten Problemwissens
Wie die Ausführungen belegt haben, kann Plotin hinsichtlich der Thematik des hen wie der damit zusammenhängenden Fragen und Probleme keineswegs als philosophisch naiv bezeichnet werden. Vielmehr zeugt sein Denken diesbezüglich durchaus von einem beachtenswerten Problembewusstsein. Dieses zeigt sich inbesondere in den auf das schlecherdings Eine bezogenen Vorbehalten Plotins. Plotin weiß sogar vom Gewinn, den die Aporie mit sich bringt. So findet sich bei Plotin etwa angesichts der, wie es scheint, unlösbaren Schwierigkeiten des Unterfangens, die Relation von hen und Sein zu denken und rational zu begreifen, der Einfall bzw. die kluge Einsicht, dass es auch ein Gewinn ist, das Unlösbare zu kennen. 140
Das unterschiedenheitslose Eine selbst ist in seiner absoluten Transzendenz über jedwede logisch-ontologische Relation, die aussagbar und erkennbar wäre, hinaus.
Das als solches stets unterscheidende und mithin Andersheit und damit Zweiheit voraussetzende apophatische Sagen und Denken des Einen hat als suchend aporetische Aufstiegsbewegung 141 indikatorische Funktion. Es umspielt das
reine Eine, das jenseits aller positiven Aussagemöglichkeit ist, gleichsam von außen und ist daher nicht sinnlos 142 . Es hat seine absolut unübersteigbare Grenze
im Mysterium der absoluten Transzendenz angesichts der völligen Unsagbarkeit, Unnennbarkeit und Unerkennbarkeit des Einen (auch) via negationis. Die via negationis gipfelt im Vollzug konsequenten Verneinens wegen ihrer Unangemessenheit betreffs des absolut transzendenten reinen Einen in ihrer äußersten Konsequenz sogar noch in der Verneinung der Negation und des Negierens selbst, und zwar am Ende negativ-dialektischen 143 Transzendierens
bis zum unhinterschreitbar Transzendenten bzw. nichtprivativen, nämlich der
23
Arbeit zitieren:
Roland Mugerauer, PD Dr. phil. habil., 2011, Plotin - Neuplatonismus als Entsokratisierung Platons, München, GRIN Verlag GmbH
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