Inhaltsverzeichnis
1. Augustin und die Chancen sokratisch-problematischer
Bildung 7
Einf ührung 1.1 7
Zug änge 1.2 9
1.2.1 Die Suche nach dem Glück 9
1.2.2 Die Sicherung des Glücks gegen die Bedrohung durch Zweifel und
Skepsis 11
1.2.3 Das Verhältnis von Autorität und Glaube zu Wissen und Vernunft 12
1.2.4 Die Kongruenz von Rationalität/Philosophie und Glaube/Theologie 13
1.2.5 Eine Vorannahme zu den Möglichkeiten sokratisch-kritischer
Vernünftigkeit 14
1.2.6 Das Schriftverständnis und die Dienstbarkeit philosophischer
Vernunft 15
1.2.7 Mögliche Konsequenzen aus der Depotenzierung philosophischer
Vernunft 20
1.3 Sondierungen: Überwindung´ der Skepsis in De academicis 23
1.3.1 Vorbemerkungen 23
1.3.1.1 Anliegen und Bedeutung von De academicis 24
1.3.1.2 Unsokratische Dialogizität 25
1.3.1.3 Der Zusammenhang zwischen beatitudo und Skepsisüberwindung 26
1.3.1.4 Die wahrheitsverbürgende Rolle von Mathematik und Zahl 28
1.3.1.5 Die Depotenzierung des restsokratischen Moments´ durch den
Primat der Glückssicherung 29
1.3.1.6 Die Funktionalisierung des dogmatischen Platonismus´ 32
1.3.1.7 Das depotenzierte restsokratische Moment´ als Platzhalter für den
Gott des Christentums 34
1.3.1.8 Die Gefahr des Dogmatismus 36
1.3.1.9 Die Rolle der mathematischen Gewissheit als Muster der Wissensge-
wissheit und als Glücksgarant 39
1.3.1.10 Der Zusammenhang von Glückskonzeption und Weltabkehr 41
1.3.2 Untersuchung und sokratische Bewertung der Skepsisüberwindung´
nach Augustin 43
3
61 1.4. Rückblick und Ausblick
69 Literaturverzeichnis
71 Anmerkungen
4
1. Augustin und die Chancen sokratisch-problemati-
scher Bildung: Das augustinische Schicksal des
`restsokratischen Moments´
1.1 Einführung
Die folgenden Ausführungen zu Augustin sind auf die Frage fokussiert, inwiefern sich im augustinischen Denken, das die Gottessuche und die Gotteserkenntnis als das Zentrum des Platonismus annimmt, die Ausschließungstendenz von Möglichkeiten sokratisch-problemerschlossenen Vernunftgebrauchs verstärkt als Folge einer verdichtet dogmatisch-positionellen Haltung. Hierbei werden Bezüge zwischen dem augustinischen Denken nicht nur zu Sokrates-Platon, sondern auch zum plotinischen Denken hergestellt. 1
Für den Zusammenhang der vorliegenden Untersuchung ist zentral, dass insbesondere der späte Augustin zwar eine Differenz zwischen Christentum und `Platonismus´ erkennt, jedoch der Differenz zwischen dem `Platonismus´ neuplatonischer Prägung und Sokrates-Platon nicht gewahr wird, und folglich auch die Verkürzung um die `sokratische Dimension´ beim `Platonismus´ des Neuplatonismus in ihrer grundlegenden Bedeutung nicht erkennt. 2
Die wesentlichen Unterscheidungen vermag er nicht vorzunehmen. Plotin ist ihm einfachhin der wiedererstandene Platon 3 . Sein Blick auf Platon ist, mit
gravierenden Folgen für die Möglichkeiten sokratischer Skepsis, im Grundsätzlichen diejenige des Plotin und des Porphyrios.
Die Rezeption des `Platonismus´ gegen Ende der Spätantike durch Augustin wird, ohne auch nur näherungsweise umfassend sein zu können, im Folgenden in den für die Untersuchung einschlägigen Aspekten knapp aufgezeigt. Auf die
7
für eine umfängliche Würdigung besonders bedeutsamen Gesichtspunkte, nämlich die Themenkomplexe Erkenntnis-, Ideen- und Aufstiegstheorie, Trinitätsdenken, mystische Elemente und `negative Theologie´ sowie Skepsis, Gewissheit und individualistisch verstandenes Glück in ihren je spezifischen Zusammenhängen wird an gebotener Stelle hingewiesen. Unter Zugrundelegung des Konzeptes sokratischen Problemwissens, das vom Autor in anderem Zusammenhang entfaltet wurde, ist die Fragestellung leitend, an welchen Wissensgestalten sich Augustin bei seiner Gewissheitssuche in Verbindung mit seinem Glückssicherungsbestreben orientiert 4 , und welche Möglichkeiten für
sokratisch-problematische Vernünftigkeit sich in seinem Denken zeigen.
8
1.2 Zugänge
1.2.1 Die Suche nach dem Glück
Will man die Möglichkeiten sokratisch-problematischer Vernünftigkeit bei Augustin eruieren, so ist zunächst besonders auf den Einfluss des augustinischen Eudämonismus, also seines Glückserreichungs- und Glückssicherungsbestrebens, das bei Augustin durchgängig als zentrales Motiv seines Denkens festgestellt werden kann, 5 und in das von ihm sowohl die Philosophie als auch
die Religion bzw. die Theologie eingespannt werden, auf die Ausgestaltung seiner philosophisch-theologischen Positionen zu achten. So steht v.a. Augustins christlich-biblisch und offenbarungspositionell-dogmatisch hinterlegte Interpretation des göttlichen Einen im Einflussbereich seines individualistischen Glückssicherungsbemühens und ist Ausdruck glücksgewissheitstendierender 6
Intentionen, die bei Augustin nicht (wie bei Platon als Autor und - auf der Ebene literarischer Gestaltung - beim platonischen Sokrates) durch sokratischproblemerschlossene Vernünftigkeit umgriffen sind. Das augustinische Denken steht durch Aufnahme christlich-biblischer Offenbarungspositionalitätsmomente sowie durch das leitende Interesse an philosophischer Durchdringung und Interpretation des Christentums 7 von seiner Frühphase an 8 - legt man die
Perspektive des sokratischen Problemwissens zugrunde - in der Gefahr, auch und gerade hinsichtlich des Einen-Guten das (wie für Plotin gezeigt wurde: nur noch restsokratische) wissende Nichtwissen 9 zu exkludieren, nämlich die (hier
wie bei Plotin: positionell-) skeptische Einsicht in die Unmöglichkeit, das Eine-Gute per begreifendem Denken zu ergreifen und so das Begriffene dann per positionell-affirmatives Wissen als Ergriffenes in diesem Wissen und als dieses Wissen verfügbar zu haben. Die volle Höhe des restsokratischen plotinischen Problemwissens beizubehalten, liefe den augustinischen Glücksbemächtigungsbedürfnissen zuwider.
9
Damit ist eine noch weitere Ausschließung vorbehaltlosen philosophischen Erkenntnisbemühens und der Möglichkeiten rückhaltlos-skeptischer, sokratischproblemerschlossener Vernünftigkeit als solcher verknüpft.
Dies hat Gültigkeit trotz der Übernahme der neuplatonisch-plotinischen Akzentverschiebungen des Philosophierens Platons durch Augustin. Bei Augustin finden sich diese Akzentverschiebungen als Umgruppierung, die für das augustinische Denken in spezifischer Weise wesentlich ist im Blick auf die Lösung philosophischer und theologischer Fragen, die sich ihm stellen. Diese Umgruppierung ist eine positionell-systematische Umgruppierung sokratischplatonischen Denkens in Richtung einer Schwerpunktverlagerung zum stufenförmigen Ascensus zur intelligiblen und göttlichen Welt als innere Aufstiegs- und Überstiegs-Bewegung 10 , der bei Augustin durch alle Phasen
seines Denkens hindurch die Funktion einer philosophischen Leitvorstellung zukommt. 11
10
1.2.2 Die Sicherung des Glücks gegen die Bedrohung durch Zweifel und Skepsis
Für Augustin ist Philosophie eine Suchbewegung, die auf die Erkenntnis Gottes gerichtet ist.
Augustin versteht Aufstieg ähnlich wie Plotin als graduellen bzw. stufenartigen philosophisch-rationalen, näherhin henologisch-reduktiven Transzendenzauf-und -überstieg, in dem nicht nur alle sinnlichen, sondern schließlich sogar alle geistigen Inhalte aufgehoben werden. 12
In diesem Kontext ist auch die Bedeutung philosophisch-mystischer (`denkmystischer´) bzw. mystiknaher Aspekte und von Elementen einer negativen Theologie in Augustins Denken zu betonen.
Die Skepsis gilt Augustin als gefährliche Infragestellung seines `platonischen´ Wahrheitsbegriffes. Die Konfrontation mit dem Zweifel ist für ihn in erster Linie der Kampf gegen dessen Bedrohung durch die akademische Skepsis.
Zeitlebens hält Augustin seine Skepsisüberwindung für hoch bedeutungsvoll. Sie bildet durchgängig einen wichtigen Bezugspunkt seines Denkens. 13 Da er
seine Skepsisüberwindung für gelungen hält, kann ihm die Skepsis als `domestizierter Skeptizismus´ sogar zum Aufstiegsmoment werden, da er von der veränderlichen und wechselnden sinnlichen Wahrnehmung und von der Sinneserfahrung, in Bezug auf die die Skepsis möglicherweise 14 Recht hat,
wegführt. Richtig verstanden führt der Skeptizismus von der Außenorientierung und der machtvoll-trügerischen und anhänglichen Verhaftung des Bewusstseins an die sinnliche Außenwelt zur Innenorientierung. 15
11
1.2.3 Das Verhältnis von Autorität und Glaube zu Wissen und Vernunft
Der frühe Augustin war von der Rationalität der christlichen Glaubenslehren überzeugt 16 und begriff Offenbarungsautorität und Glaube rationalistisch, 17
nämlich als notwendige heuristische Grundvoraussetzung und unterweisende Orientierung für die Erschließung von Wissen in Erkenntnis und Verstehen durch die schwache Vernunft, die des Beistandes bedarf 18 und der der Glaube
gewissermaßen per Anleitung dient. Das, was im Glauben eigentlich bereits gegeben ist, 19 holt die ratio durch Wissen ein, erhebt es zum Wissen, so dass
Glaube und Philosophie im Idealfall zur Übereinstimmung kommen. Der einfache Glaube geht der Philosophie voran, die Philosophie holt begreifend ein, was autoritativ der Inhalt des christlichen Glaubens ist. 20 21
Allerdings sind die meisten Menschen nicht dazu imstande, die Wahrheit der christlich-biblischen Botschaft als massenwirksam verwirklichungsträchtige 22
und autoritative dadurch entbehrlich zu machen, dass sie im und durch das Philosophieren als rationale Erkenntnis erfasst, realisiert und so bewahrheitet wird. 23 Hierzu ist nur eine Minderheit der Menschen imstande - eine unsokra-
tisch-unproblematische Fassung des Elitegedankens der Politeia Platons.
Augustin anerkennt die Vernunft deshalb, weil es ihm darum geht, das Glück, das er unter Ausschluss der gesellschaftlichen Dimension bloß individualistisch versteht, gegenüber der Wandelbarkeit, Unberechenbarkeit und Hinfälligkeit des erfahrungsweltlichen Lebens mit seinen Zufälligkeiten zu sichern. Mithilfe der Vernunft und der Unveränderlichkeit und Unzerstörbarkeit ihrer Gehalte scheint ihm dies möglich zu sein.
12
1.2.4 Die Kongruenz von Rationalität/Philosophie und Glaube/Theologie
Die dargelegte Sicht von Philosophie und Rationalität in ihrem Verhältnis zum christlichen Glauben und zur Autorität Christi ist für Augustin nur möglich, wenn auf philosophisch-rationalem Wege tatsächlich die Skepsis widerlegt und überwunden werden kann. Augustin bemüht sich daher um die (weitere) Sicherung seiner `Skepsisüberwindung´ im Umfeld des Versuches einer Vereinigung von Glaube und Vernunft wie auch von Offenbarung und Philosophie. Denn nur so können Theologie und Philosophie schließlich kongruieren. 24 Philosophie und Philosophieren werden von Augustin, der sich
zum Christentum bekehrt hat, von den Inhalten des christlichen Glaubens her verstanden, Philosophie wird bei Augustin zur Liebe zu Christus, und Philosophieren zum Vollzug dieser Liebe zu Christus, der als verbum patris die sapientia dei ist, 25 nach der die Philosophie als Liebe zur Weisheit strebt.
13
1.2.5 Eine Vorannahme zu den Möglichkeiten sokratisch-kritischer Vernünftigkeit
Es ist kaum ersichtlich, wo im skizzierten Rahmen noch ein Ort sein könnte für sokratisches skeptisch-kritisches Philosophieren. 26 Vielmehr ist zu vermuten,
dass Augustin aufgrund seiner inhaltlich-positionellen (Vor-) Eingenommenheiten im Sinne des christlich-biblischen Offenbarungspositionalismus, die auch sein Philosophieverständnis bestimmen, der Rolle des sokratischen Problemwissens im Zusammenhang des Erwerbs von philosophischem Wissen nicht gerecht werden kann.
Diese Vorvermutung lässt es angezeigt erscheinen, Augustins Denken genauer nachzugehen. Sein Denken ist zu überprüfen im Blick auf Verengungen für Möglichkeiten sokratisch-problemerschlossener Bildung. Lässt das Denken Augustins mit seiner glücks(sicherungs)-tendierenden Engführung philosophischen Denkens auf die Glaubensinhalte, die durch die fides bereits vorweggenommen sind, und die die Philosophie auf rationalem Wege einsehbar machen kann und zu machen hat, noch Raum für sokratisch-problematische Bildung?
14
1.2.6 Das Schriftverständnis und die Dienstbarkeit philosophischer Vernunft
Der christlich-biblische Offenbarungspositionalismus Augustins steht bezogen auf das Schriftverständnis Augustins auf der Grundlage der Lehre von der Verbalinspiration. Die als verbalinspiriert verstandene Bibel sieht Augustin als - methodischsorgsam auszulegende - direkte göttliche Lehre. Die biblische Botschaft hält Augustin unter dem für ein adäquates Schriftverstehen und eine zutreffende Schriftauslegung besonders bedeutsamen Aspekt der von Origenes überkommenen Lehre vom vierfachen Schriftsinn, nämlich dem der philoso-phisch-allegorischen Interpretation 27 , insgesamt für vernunftgemäß und daher
für allgemein nachvollziehbar und zugänglich. Dies gilt trotz ihrer stellenweisen obscuritas, die, die menschliche Überhebung gezielt brechend, der Erleuchtung bedarf durch das autoritative verbum internum, nämlich durch Christus, der die Weisheit ist, nach der die Philosophie liebend strebt. 28
Die biblische Botschaft ist für Augustin die zentrale Autorität, an der sich letztlich auch philosophisch-positionelle Wahrheit als Wahrheit zu erweisen hat. 29 Die philosophische Denkbemühung kann die biblische Offenbarung
inhaltlich erhellen und so einsichtig und verständlich machen. Ihre Rolle ist es nicht, die biblische Offenbarung skeptisch zu hinterfragen. Denn, auch wenn er der Meinung ist, dass Christentum und wahre Philosophie inhaltlich im Wesentlichen identisch sind, 30 ist die zentrale Autorität für Augustin 31 doch die
Bibel mit ihrer Glaubensbotschaft, nicht aber die philosophische Vernunft als eine Vernunft, die als positionalitätsoffene und -skeptische sokratischproblematische Vernunft zu verstehen wäre. Die philosophische Vernunft, angeleitet durch den Glauben, verhilft nach Augustin dazu, das, was Christus und der Glaube inhaltlich-positionell auf autoritative Weise lehren, inhaltlich auch philosophisch nachzuvollziehen, es als Wissen einzusehen. 32 Die
unterweisende Anleitung und orientierende Instruktion durch den Glauben ist
15
für die Vernunft ob ihrer Schwäche in diesem Zusammenhang allerdings unverzichtbar. 33 Rechter philosophischer Vernunftgebrauch, der den Inhalt des Glaubens einsieht, führt so zur Liebe Gottes 34 . Philosophischer Vernunftge-
brauch, der stets Rückkehr zu Gott ist, führt so niemals dazu, den biblischchristlichen Offenbarungspositionalismus in sokratisch-abständiger Weise dialogisch zu prüfen und skeptisch-kritisch zu hinterfragen 35 . Man kann sogar
sagen: Das sokratische Problemwissen als das, was eigentliches Verstehen gewährleistet und ausmacht bei Platon-Sokrates, wird bei Augustin durch Gott als Christus, den `inneren Lehrer´, 36 als das erleuchtende `innere Wort´, also durch die illuminative Einstrahlung der Wahrheit in unseren Geist 37 durch das
`göttliche Wort´, durch das wahre Erkenntnis möglich wird, ersetzt, während bei Platon-Sokrates, um wirkliches Wissen zu sein, auch und gerade das, was als `Erleuchung´ 38 auftritt, umgriffen und getragen sein muss vom skeptisch-
kritischen Problemverstehenswissen. Vernunfterkenntnis wird bei Augustin wesentlich anschauungsbezogen verstanden, nämlich als intellektuale Wesensschau. Denn nur das ist ihm wirklich, was `Gegenstand´ des geistigen Sehens und Anschauens ist bzw. werden kann. Aus diesem Grunde sind Augustins Ontologie und Epistemologie schau- bzw. wahrnehmungsfixiert im Sinne geistigen Vernehmens. 39
Das bei Sokrates-Platon ganz überwiegende Moment des Diskursiv-Mittelbaren wird bei Augustin äußerst stark entwertet. Damit entfallen bei ihm auch die sokratisch-problematische Vernünftigkeit und ihre problemerschließende dialogische Vollzugsform.
Platon-Sokrates hatte Lehrer und Lehrhaftes im Sinne der Übermittlung gegenständlichen Wissens zugunsten der Eigentätigkeit des Lernenden, verstanden als jemand, der Wissen in der Bedeutung des sokratischen Problemwissens erwirbt, relativiert.
16
Bei Augustin, der die Rolle äußerer, nämlich menschlicher Lehrer und gegenständlicher Lehre, in manchem ähnlich wie Platon-Sokrates, marginalisiert, wird daraus gemäß der christlich-biblischen Offenbarungspositionalität unsokratisch-undiskursiv die gegenständliche innere Belehrung durch den inneren Lehrer, nämlich durch Gott bzw. Christus als das autoritative innere Wort und das erleuchtende innere Licht. 40 Dieses beseitigt Unverständnis und
schafft angemessenes Verstehen für den menschlichen Geist als richtiges Urteil bzw. Urteilsvermögen im Sinne zutreffenden positionellen aussagengestaltigobjektablen Dafürhaltungswissens und gewährleistet seine Möglichkeit. 41
Augustin bleibt dabei dem gegenständlichen Wissensmodell verbunden.
Innere Erleuchtung und inneres gegenständliches Erleuchtungswissen im Sinne des christlich-biblischen Offenbarungspositionalismus ist so das Ausweisungskriterium von Wissen, nicht das inobjektable Verfügen über das personelldispositionell zu verstehende sokratische Problemwissen, das nicht dafürhaltungsstrukturell ist. Die Folge ist, dass die von Augustin in seinen Dialogen dargestellte und vorgeführte Dialogizität nach sokratisch-platonischem Maßstab keine echte, sondern eine uneigentliche und vordergründige Dialogizität ist.
Die von Augustin gestaltete Dialogizität ist keine sokratische Ausweisungsdialogizität. Sokratisch-platonisch verstandene Dialogizität tritt bei Augustin nicht auf - und ist bei ihm, wie gezeigt, auch gar nicht zu erwarten. Sie kann bei ihm nur noch äußerliche Funktion haben und übernehmen. Denn Augustins Denken ist, dies veranschaulicht insbesondere seine Erkenntnistheorie, ganz unsokratisch-unplatonisch. Es ist orientiert an evidenten Intuitionen, unter weit gehender Aufgabe der Diskursivität. Diese Intuitionen gilt es als intellektuelle Erfassung von Wahrheiten bzw. der Wahrheit momenthaft und individuell zu realisieren. Vornehmlich ist Augustin ausgerichtet auf die intellektuale `Schau´ Gottes 42 als perfruitio dei 43 , in der für ihn, der das `Was´ des Glückes erkannt zu haben
17
beansprucht - Augustins unsokratischer `Glückspositionalismus´, der weit über den sokratisch-platonischen minimalistischen Schwundstufenpositionalismus hinausgeht -, das Glück besteht. Das Rationalitätskonzept bereits des frühen Augustin, dem es darum geht, auf philosophisch-rationalem Wege das Glück zu sichern, ist - sokratisch-problematisch betrachtet - ein Stück weit diskursivitätsamputiert und ist intuitionistisch verengt. Augustins Auffassung von Vernunftgebrauch ist einseitig an zu realisierenden Intuitionen orientiert ohne die sokratisch-platonische Sicherung durch sokratisch-dialogische Prüfung und damit auch gefährdet, Gewalt zu legitimieren, da es von der sokratischen Dialektik abgetrennt ist.
Demgegenüber liegt bei Sokrates-Platon der Hauptakzent auf der Diskursivität der Vernunft (die sich im sokratischen Gespräch ausdrückt), und es kann so etwas wie unmittelbare Evidenz allenfalls am äußersten Ende eines Prozesses stehen, der durch das Feld sokratisch-problematischer Diskursivität führt. Augustins Denken insgesamt wie auch seine erkenntnistheoretischen Vorstellungen im Einzelnen sind unsokratisch-unproblematisch an der Realisation intellektueller Anschauungen als unmittelbaren Erkenntnissen ausgerichtet. Da bei ihm die Diskursivität insgesamt randständig wird, drängt er, wie besonders sein Dialog De magistro belegt, ebenfalls ganz unsokratisch-unplatonisch die sprachliche Verfasstheit der Vernunft zugunsten des illuminativen göttlichen Wortes und hierdurch ermöglichter direkter Anschauungserkenntnis an den Rand. 44 Von der sokratisch-platonischen Vorbehaltlichkeit gegenüber der
Möglichkeit direkter Anschauungserkenntnis auch und vor allem geistigen Vernehmens und den durch diese Vorbehaltlichkeit veranlassten Kompensationsverfahren weiß Augustin nichts.
Das entscheidende Kennzeichen des philosophischen Denkens des frühen Augustin besteht im fehlenden Wissen vom sokratisch-problematischen Vernunftgebrauch und vom sokratischen Problemwissen. Gegenüber der
18
sokratischen Diskursivität räumt er der intuitiven intellektualen Wesensschau einen unangemessen hohen Rang ein, der nicht mehr restringiert ist durch sokratische Prüfung in skeptisch-kritischer Abständigkeit unter Maßgabe des problematisch gewussten Guten selbst als `sokratisch-platonische Sicherung´ gegen Wahrheitsbesitz- und Wahrheitsunterwerfungsansprüchlichkeiten intellektualer Wesens- und gar Gottesschau.
19
1.2.7 Mögliche Konsequenzen aus der Depotenzierung philosophischer Vernunft
Diese Ausrichtung Augustins an zu realisierenden Intuitionen, die man entweder als `Weiser´ - zu ihnen zählt sich der frühe Augustin natürlich - realisiert oder, wie die meisten Menschen, selbst zu realisieren nicht imstande ist, bringt bereits beim frühen Augustin die Gefahr von Gewalttätigkeit, nämlich einer `Diktatur des Vernünftigen´ im Sinne des intuitiv Erfassten, mit sich, da diese Orientierung nicht mehr von einer Prüfung in skeptisch-kritischer Abständigkeit unter Ausrichtung am bloß und zuhöchst problematisch gewussten Guten umgriffen ist. 45
Die unsokratische Fixierung auf die jenseitsbezogene intellektuelle `Schau´ bereits beim frühen Augustin behindert die sokratisch-platonische Rückwendung zur Erfahrungswelt und den Verhältnissen, unter denen Menschen erfahrungsweltlich leben, ja verhindert sie sogar. Infolge der Transzendenz-orientierung kommt es insbesondere beim frühen Augustin zu einer Abblendung von den Lebensproblemen und daher zu ihrer bloß scheinbaren Bewältigung durch verleugnende Abwendung von ihnen 46 , während es für Sokrates-Platon
um einen problemgerechten Umgang mit ihnen aus einer Haltung sokratischer skeptisch-kritischer Abständigkeit heraus geht. Was Augustin erreicht und unter seinen Voraussetzungen nur erreichen kann, ist keine sokratisch problemerschlossene Vernünftigkeit und daher auch kein sokratisch problemqualifiziertes Umgangswissen.
Bei Augustin findet sich (nur) ein durch die plotinisch-neuplatonischen Vorgaben und den christlich-biblischen Offenbarungspositionalismus dogmatisch-positionell verengtes Verständnis von philosophischem Vernunftgebrauch und philosophischem Wissen. Dieses ekludiert den sokratisch problematischen Vernunftgebrauch. Am höchsten Punkt wird das glücksvermittelnde Gute von
20
Augustin als positionell Erkanntes genommen - theologisch - als in Form christlichen Offenbarungswissens Innegehabtes und - philosophisch - als der Möglichkeit nach auf philosophischem Aufstiegswege im Überstieg der Vernunft positionell Erkanntes, wodurch sich als henotische Erfahrungserkenntnis die Teilhabe positionalitätserfahrenen Wissens am Göttlichen selbst realisiert.
Zu diesem gilt es, stets bereits sehnend-erstrebt, durch Vollzug des Aufstieges als Realisierung des höchsten Glückes zurückzukehren, um den unvorhersehbaren und leidvollen Fährnissen der sinnenhaften und wechselhaften Erfahrungswelt, in der der Mensch lebt, durch Auffindung absoluter Eindeutigkeit zu entkommen.
Aus sokratisch-platonischer Perspektive erhebt sich hier der Verdacht, dass die augustinische Eindeutigkeit vielleicht niemals zu erreichen ist, und dass es für den Menschen in seinem Bildungsprozess stets nur darum gehen kann, mit den Uneindeutigkeiten und den Fährnissen des Lebens unter Maßgabe des problematisch gewussten Guten umzugehen und sie zu bewältigen, so weit dies möglich ist.
21
1.3 Sondierungen: `Überwindung´ der Skepsis in De academicis
1.3.1 Vorbemerkungen
Im Rahmen der Auslotung der Möglichkeiten sokratisch-problematischer Vernünftigkeit und der Frage, welchen Einfluss das Glückssicherungsstreben bei Augustin auf die Möglichkeiten sokratisch-problemerschlossenen Vernunftgebrauches hat, ist es angezeigt, Augustins Anstrengungen zur Skepsisüberwindung im Zusammenhang seines Bemühens um Ausmerzung von Verunsicherungspotenzen nachzugehen. Die Folgen der Auseinandersetzung Augustins mit der akademisch-`positionellen´ Skepsis (`positionell´ jedenfalls in der Rezeption Augustins 47 ) für die Möglichkeiten sokratisch-apositioneller Skepsis und
sokratisch-problemerschließenden Vernunftgebrauches als Modus der Rationalitätsverwendung können hier eruiert und ihre weiteren (im Rahmen dieser fokussierenden Untersuchung: mutmaßlichen) Möglichkeiten über Augustin hinaus können bewertet werden.
Es bietet sich an, die Chancen sokratisch-problemerschlossener Bildung bei Augustin v.a. anhand von dessen dialogischer Früh- und Erstlingsschrift De academicis (386) exemplarisch zu untersuchen und zu bewerten um sodann umrisshaft die weiteren Chancen sokratisch-problemerschlossenen Denkens zu beschreiben. Dabei sollen Verschiebungen im Verhältnis von Vernunft und Autorität beim späten Augustin im Vergleich zum frühen Augustin von De academicis Beachtung finden, die durch ein erkennbar größeres Gewicht (insbes. offenbarungschristologischer und gnadentheologischer) christlichbiblischer und offenbarungspositionalistisch-dogmatischer Elemente bedingt sind, die wiederum als großenteils in Verschiebungen der augustinischen Glückserreichungs- und Glückssicherungsstrategie wurzelnd verstanden werden können.
23
1.3.1.1 Anliegen und Bedeutung von De academicis
In De academicis, der Erstlingsschrift der Dialoge von Cassiciacum (386-388 n. Chr.) mit ihrem spezifischen Zusammenhang von Verlangen nach beatitudo und Skepsisüberwindung als Weg hierzu, zeigt sich besonders deutlich die Suche des frühen Augustin nach der beatitudo und ihrer irrtumsfreien Sicherung als eines seiner ganz zentralen Denkmotive. 48
Die beatitudo ist dabei unsokratisch-außerweltlich und `jenseitig´ zu verstehen, nicht sokratisch-innerweltlich und `diesseitig´.
Die Aufgabe, die Augustin De academicis zugedacht hat, ist es, die Kraft des (ciceronisch-) 49 akademischen Zweifels in sich selbst zu überwinden und sich
und anderen zu zeigen, dass es überhaupt sinnvoll ist, nach der Wahrheit, verstanden als göttliche wie menschliche Weisheit, die das Glück ist 50 , und die
als der absolut einheitliche Grund jeglichen Wissens das unangreifbare Glück und seine Erreichbarkeit für den Menschen sichert, zu suchen. 51
Augustin will in De academicis die Skepsis in Form der akademischpositionellen Skepsis überwinden. 52 Exemplarisch und in besonders eindrückli-
cher Weise wird hier sichtbar, dass der Versuch einer Widerlegung der akademischen Skepsis bei Augustin im Kontext des Bestrebens irrtumsfreier Erreichung und Sicherung der beatitudo steht.
24
Arbeit zitieren:
PD Dr. phil. habil. Roland Mugerauer, 2011, Augustin, ein Verhängnis? - Eine kritische Offenlegung dogmatisch-hermetischer Tendenzen seines Denkens, München, GRIN Verlag GmbH
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