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Inhaltsverzeichnis
Einf ührung 3
I. Utopie und Demokratie in der Geschichte 3
1. Utopie als Grenzsituation 4
2. Der Geist der Utopie 5
3. Kairos als Aufforderung zur Praxis 5
4. Die Wurzeln der Utopie im menschlichen Wesen 7
5. Die Funktion der Utopie 8
6. Trend und Chance in der Utopie 9
7. Die göttliche und dämonische Dimension 10
II. Radikale Demokratie als ein Kampf um Leerraum 11
1. Radikalisierung der Philosophie 11
2. Der Begriff des „Leeren“ 12
3. Ort des Entstehens und Vergehens 13
4. Grenze als Interventionsbereich 14
5. Die Bildung der Identität und des Subjekts 14
6. Artikulation als Operationsmethode 15
7. Das Partikulare und das Universelle 16
8. Hegemonie 18
9. Unerreichbarkeit der Demokratie 18
Schlu ß 19
Literaturverzeichnis 21
3
Einführung
Trotz unterschiedlicher politisch-philosophischer Positionen haben die Philosophen Paul Tillich, Ernesto Laclau und Chantal Mouffe eine Gemeinsamkeit: Ihre Schlüsselbegriffe, Utopie bei Paul Tillich und Demokratie bei Laclau/Mouffe, sind nicht zu verwirklichen. Für Paul Tillich ist die Utopie ein Zentralproblem seines Politikverständnisses. Ebenfalls wird der Demokratiebegriff von Laclau/Mouffe ins Zentrum der Politik gerückt. Das Wesen der Utopie bei Tillich und der Demokratie bei Laclau/Mouffe ist, dass diese Begriffe auf dem materiellen Boden unerreichbar bleiben. Beide Ziele scheinen im ersten Moment leicht zu erreichen, aber doch nicht! Sobald man den richtigen „Weg“ gefunden und die genügende „Energie“ aufgebracht hat, um sie zu erreichen, entwischen sie einem aus der Hand und verlegen sich in die ferne Zukunft. Wie ein Regenbogen, der einem immer wieder wegrückt, sobald man sich nähert. Nichtsdestoweniger spielen beide Begriffe im Leben der Menschen und der Völker eine außergewöhnliche Rolle.
Diese Hausarbeit beabsichtigt, die Rolle der Utopie bei Paul Tillich und den Begriff der radikalen Demokratie bei Laclau/Mouffe herauszuarbeiten, um schließlich beide Begriffe in Bezug auf ihre Unerreichbarkeit miteinander zu vergleichen. Es ist sehr interessant festzustellen, dass alle drei Philosophen fast die gleichen Argumente und Begriffe verwenden, um ihre philosophische Theorie zu begründen.
I. Utopie und Demokratie in der Geschichte
Der Ausgangspunkt aller drei Philosophen ist grundverschieden, aber ihre Begriffe Utopie und Demokratie, Heterogonie und Unbestimmtheit, Kairos und Überdeterminierung, Spontaneität und Kontingenz sind sehr ähnlich. Seit Jahrhunderten drücken die Utopie und die Demokratie, welche ihre Wurzel in der Vergangenheit haben, die Sehnsüchte der Menschen aus.
Nichtsdestotrotz sind beide Begriffe im Leben der Menschen nicht nur nützlich sondern auch dringend notwendig. Nicht umsonst haben beide Begriffe ihre Wurzel in der Antike und sogar noch davor. Fast in aller politischen und gesellschaftlichen Literatur der Antike sind beide Begriffe präsent. Utopie als Entwurf eines idealen Staates, 1 Demokratie als eine gerechte politische Ordnung. 2
1 Die Philosophen der Antike suchten eifrig nach einem harmonischen Gesellschaftsmodell. Hippodamos,
Phaleas, Platon, Xenophon, Euhemeros, Jambulos etc. siehe Sadik Usta (Hrsg.), Die Utopien der Antike, von
Platon bis Jambulos (türkische Ausgabe), Kaynak Yay., Istanbul 2006.
2 Hermann Bengtson, Perikles und die Bildung der extremen attischen Demokratie, in: Griechen und Perser, Die
Mittelmeerwelt im Altertum I, Fischerweltgeschichte Bd. 5, Fischer Verl., Frankfurt 1965, S. 82 ff.; Jacques
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Schon in den sumerischen Keilschriften liest man die Sehnsucht nach einem Leben, in dem es „keine Unterdrückung, Hass, und Ausbeutung; Krankheit und Kummer“ 3 geben solle. Aristoteles diskutiert in seinem Buch „Politeia“ die Durchführbarkeit einer gerechten sozialen Ordnung, wobei er die älteren Gesellschaftsentwürfe zitiert. 4 Dabei erwähnt er den Phaleas von Khalkedon und Hippodamos von Miletus, welche in der Vergangenheit gerechte und demokratische Gesellschaftsmodelle entwarfen.
Das Streben nach der Utopie und Demokratie hat nichts von seiner Kraft verloren; die Forderung nach einer freien und gerechten Gesellschaftsordnung geht trotz mancher Rückschläge ununterbrochen weiter.
Nicht nur Paul Tillich sieht die Utopie als etwas Notwendiges auf dem Weg zur Demokratie auch Laclau/Mouffe sind von der Rolle des Utopischen sehr angetan:
„Aber ohne Utopie, ohne die Möglichkeit der Negation einer Ordnung über jenen Punkt hinaus, an dem wir in der Lage sind, sie ernsthaft zu bedrohen, gibt es überhaupt keine Möglichkeit der Konstitution eines radikalen Imaginären.. Die Präsenz dieses Imaginären als ein Set symbolischer Bedeutungen, die eine bestimmte soziale Ordnung als Negativität zusammenfassen, ist für die Konstitution jeden linken Denkens absolut wesentlich.“ 5
Die Utopie-Theorie Paul Tillichs und die Forderung Laclau/Mouffes nach einer radikalen Demokratie sind zwei Grundsteine in dieser Richtung.
1. Utopie als Grenzsituation
Tillich gibt in seinem Werk „Auf der Grenze“ 6 Informationen über sein eigenes Leben und beschreibt seinen geistigen Werdegang. Von seiner politischen und philosophischen Entwicklung ausgehend stellt er treffend fest, dass „die Grenze der eigentliche fruchtbare Ort der Erkenntnis“ sei. Tatsächlich, wenn man die Grenze als Nahtstelle zweier Elemente betrachtet, dann wird sie zu einem Ort, wo man „nirgends ganz zu Hause ist“ aber doch überall sein kann. Man trifft zwar keine „endgültige Entscheidung“, aber man wird dadurch an allen Entscheidungen teilhaben. Eine Schlüsselposition, wo alles „offen und unentscheidbar“ bleibt: im Denken, Handeln und Gestalten.
Droz (Hrsg), Geschichte des Sozialismus Bd. 1, Das Utopische Denken bis zur industriellen Revolution, Ullstein
Verl., Frankfurt 1974, S. 65 ff.
3 S. N. Kramer, TarihSümer’deBaşlar, KabalcıYay., İstanbul 1992, S. 133-134.
4 Aristoteles, Politik, Rowohlt Klassiker, Hamburg 1965, S. 171 ff.
5 Ernesto Laclau/Chantal Mouffe, Hegemonie und radikale Demokratie, Zur Dekonstruktion des Marxismus,
Passagen Verl., Wien 1991, S. 258.
6 Paul Tillich, Auf der Grenze, Evangelisches Verlagswesen, Stuttgart 1962, S. 13 ff.
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Nach Tillich ist das nicht alles; die Grenze ist ein Erlebnis von Unendlichem und Endlichem; ein Spannungsort zwischen festem Boden und der Phantasie; wo das Feste zum Flüssigen und zum Dynamischen wird. Schließlich eine Schwelle des „Grundes und Abgrundes.“ 7 Die Ähnlichkeiten dieser Begriffe mit den Begriffen Laclau/Mouffes ist verblüffend: die theoretischen Elemente der Radikalen Demokratie wie Artikulation, Hegemonie beschreiben auch die Grenzsituation. Die artikulierende Praxis spielt ebenfalls im Grenzbereich der Subjektpositionen. An den Knotenpunkten werden nicht nur Subjektpositionen sondern auch Identitäten aufgebaut und verändert. 8 Bei Laclau/Mouffe werden auch unterschiedliche Elemente durch die Artikulation zu neuen Subjektpositionen rekonstruiert. 9
2. Der Geist der Utopie
Was sind die Utopien? Nur Phantastereien? Oder etwa Unsinn? Was für eine Funktion hat die Utopie im menschlichen Leben? Was bezweckt man mit den utopischen Entwürfen? Tillich versucht in seinen philosophischen Schriften diesen Fragen nachzugehen. Er unterscheidet zwischen dem „optimistischen Utopismus“, der nur in der Zukunft lebt, und dem „Geist der Utopie“, der die Vergangenheit samt Gegenwart und Zukunft in seiner Dimension mit einschließt. 10 Für ihn ist der „optimistische Utopismus“ wie Propheten, denen man keine Fehler anhaften kann, weil die Dimension ihrer Utopien kein Risiko beinhalten. Aber die anderen Propheten, deren Utopien den Kairos (als die Zeit der rechten Entscheidung) verkünden, könnten ihre Prophezeiungen verfehlen, da sie unter der Heterogonie liegen. Zu dem Begriff Heteregonie kommen wir noch zurück. Aber es wäre hier angebracht, zuerst auf den Begriff „Kairos“ einzugehen, da er für die Geschichtsphilosophie Tillichs sehr entscheidend ist.
3. Kairos als Aufforderung zur Praxis
Dieser Begriff soll in Deutschland, am Anfang der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts, im Kreis der „religiösen Sozialisten“ entstanden sein. 11 Tillich hat den Begriff immer wieder in seinen Werken gebraucht und auch näher definiert. Er gebraucht den Begriff immer wieder dort, wo die Zeit für eine gesellschaftliche Umwandlung notwendig scheint. Wenn eine gesellschaftliche Umbruchsstimmung vorhanden ist und die Künder der „neuen Zeitalter“
7 Paul Tillich, Auf der Grenze, S.17.
8 Laclau/Mouffe, Radikale Demokratie, S. 169.
9 Ebd. S. 123.
10 Tillich, Grenze, S. 140.
11 Hans-Joachim Gerhards, Utopie als innergeschichtlicher Aspekt der Eschatologie, Gütersloher Verlagshaus
Gerd Mohn, Gütersloh 1973, S. 76 ff.
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gefragt sind, gebraucht Tillich diesen Begriff. Dieser Begriff könnte vielleicht mit einem Begriff der sozialistischen Theorie, nämlich „revolutionärer Zustand“, verglichen werden. Nach Tillich ist dieser Zustand nicht absolut und auch nicht von den notwendigen Gegebenheiten vorbestimmt. Das heißt er ist nicht von Gott gegeben. Er muss erst durch die praktische Tätigkeit der Menschen eingeleitet werden. Das Ergebnis dieser Praxis, d.h. der Intervention, ist aber immer offen, da dieser Zustand nicht nur durch die Notwendigkeit, sondern auch durch die Zufälligkeit bestimmt wird. Dafür gebraucht er den Begriff „Kontingenz“: „Die Tatsache, dass etwas Kontingentes in jedem Moment der historischen Entwicklung vorliegt, macht Irrtum in historischen Urteilen unvermeidlich.“ 12 Er fragt, ob es möglich sei, „ dass die Botschaft vom Kairos ein Irrtum ist? Die Antwort ist nicht schwer: Die Botschaft ist immer ein Irrtum; denn sie sieht das in unmittelbarer Nähe, was ideal betrachtet nie Wirklichkeit wird und real betrachtet sich in langen Zeiträumen erfüllt.“ 13 Tillich unterscheidet zwei extrem-politische Haltungen bezüglich des Kairos: „Mystische und Naturalistische.“ Beide verkennen die Bedeutung des Kairos, weil sie die geschichtlichen Gegebenheiten in einer konkreten Zeit verabsolutieren. Nach Tillich verabsolutiert das Mystische das „Universale“ und somit vernachlässigt es das Partikulare, weil es nicht in das Konkrete eingreifen könne; das Naturalistische verabsolutiert das Konkrete (Partikulare) und vernachlässigt damit das Universale, das die Totalität der Objekte in seiner Dimension einbeziehe. 14
„Es ist also an eine kairosbewußte Geschichtsphilosophie die Doppelforderung zu stellen: die absolute Spannung mit dem Universalismus der relativen zu vereinigen. Diese Forderung aber enthält die Paradoxie: das, was im Kairos geschieht soll absolut und doch nicht absolut seinaber es muss unter dem Gericht des Absoluten stehen.“ 15
Die Utopie kann sich nach Tillich nur verwirklichen, wenn beide Bewegungen, vertikale (Universale) und horizontale (Partikulare) ineinander eingreifen, sich in einer unbestimmten Dynamik ablösen. Das kann nur geschehen, wenn ein „leerer Raum“ von dem negativen Abbild gefüllt wird:
„Es gibt keine andere Erfüllung als die, dass das Bedingte sich selbst aufhebt und sich dadurch zum Organ macht für das Unbedingte; das Verhältnis des Bedingten zum
12 Tillich, Auf der Grenze, S. 143.
13 Paul Tillich, Gesammelte Werke, Bd. 6, Evangelisches Verlagswerk, Stuttgart 1963, S. 28.
14 Ebd., S. 19.
15 Ebd. S. 19.
Arbeit zitieren:
Sadik Usta, 2011, Der Utopiebegriff bei Paul Tillich und die Unerreichbarkeit der Demokratie bei Laclau/Mouffe, München, GRIN Verlag GmbH
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