Inhaltsverzeichnis
I. Vorbemerkungen S.3
II. Die Ausgangssituation S.4
1. Die Aufgabenstellung S.4
2. Zusammenfassung des Textauszuges S.4
III. Die Diskussion S.5
1. Allgemeine Überlegungen S.5
2. Das Verfassen eines "Drehbuches" S.5
IV. Die Aufführung S.9
V. Schlußbemerkungen S.11
Literaturverzeichnis
I. Vorbemerkungen
Ich stelle mir vor:
Sein Leben fortan, indem er den Blinden spielt auch unter vier Augen, sein Umgang mit Menschen, die nicht wissen, daß er sie sieht, seine gesellschaftlichen Möglichkeiten, seine beruflichen Möglichkeiten dadurch, daß er nie sagt, was er sieht, ein Leben als Spiel, seine Freiheit kraft eines Geheimnisses usw. Sein Name sei Gantenbein. 1
In dieser Arbeit soll der Arbeitsweg, ausgehend von einem Textauszug aus Max Frischs "Mein Name sei Gantenbein" 2 , bis hin zur szenischen Darstellung aufgezeigt und beschrieben werden. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Diskussionen und
Diskussionsergebnissen innerhalb der daran beteiligten Arbeitsgruppe. Angesprochen wird auch die Aufführung im Rahmen des Seminarunterrichts, die auf Videoband festgehalten wurde. Aufgrund dieser Ansatzpunkte liegt es in der Natur der Sache, daß die Ausführungen auf den subjektiven Ansichten der vier Gruppenmitglieder beruhen.
1 Max Frisch (1964) S.21
2 ebd. S.25ff
II. Die Ausgangssituation
1. Die Aufgabenstellung
Die Aufgabe, den Prosatext dramatisch umzugestalten, wurde von zwei Kommilitonen während des Seminars gestellt. Es fanden sich mehrere Gruppen zusammen, die getrennt voneinander diskutierten und Ergebnisse erarbeiteten. Der folgende Bericht bezieht sich nur auf eine dieser Gruppen.
2. Zusammenfassung des Textauszuges
Ein Mann, Gantenbein, ist auf der Suche nach seiner Identität, seiner Rolle. Er beschließt, sich nunmehr als blind auszugeben, und er hat die Absicht, sich zunächst eine Blindenbrille zu kaufen. Somit geht er in ein Brillengeschäft und läßt sich trotz der Vorbehalte der Verkäuferin nicht von seinem Ziel abbringen.
Der Leser nimmt an den ersten Seherfahrungen Gantenbeins - noch innerhalb des Geschäftes - teil, die bei der Betrachtung der Verkäuferin durch die dunkle Brille eine erotische Komponente erhalten. Als der Mann sich dann selbst im Spiegel erblickt, ist er verschreckt und neugierig zugleich. Er geht auf den Spiegel zu, und es scheint, als verschmölze er mit seinem "neuen Ich". Er zahlt und verläßt das Geschäft. Dies ist - grob gesehen - der Plot dieser Textstelle.
III. Die Diskussion
1. Allgemeine Überlegungen
Nach der Lektüre des kurzen Auszuges aus dem Roman schilderte jedes Gruppenmitglied zunächst seine Leseeindrücke - mit besonderem Blick auf die mögliche szenische Darstellung.
Übereinstimmend stellten wir fest, daß man den Text, aufgrund der fehlenden wörtlichen Rede, in seine Rahmenhandlung, seine Dialogfähigkeit und seine Darstellbarkeit durch Gestik und Mimik aufgliedern muß. Andererseits wollten wir aber den Part eines Erzählers so gering wie möglich halten, um nicht Gefahr zu laufen, eine "belebte" Nacherzählung zu konzipieren.
2. Das Verfassen eines "Drehbuches"
Nach diesen allgemeinen Überlegungen erschien uns die Einführung in die Szene durch einen Erzähler aber als probates Mittel, den Zuschauer - auch schon aufgrund fehlender Requisiten - mit dem Handlungsort vertraut zu machen [Es ist Vormittag. Ein Mann geht in ein Brillengeschäft.]. Damit war für uns die Rolle des Erzählers auch schon erschöpft, und wir beabsichtigten, andere Vorgänge, die sich nicht gestikulierend darstellen ließen, durch einen inneren Monolog des Protagonisten zu verdeutlichen, um dem Publikum so die Gefühle des Mannes näher zu bringen. Dieses Stilmittel verwendeten wir zweimal:
Nach der Begrüßung durch die Verkäuferin in Schweizerdeutsch sagt der Mann zum Publikum im schweizerdeutschen Dialekt, daß er diese Sprache gar nicht verstünde.
Dadurch wollten wir zum Ausdruck bringen, daß er die Sprache sehr wohl versteht, aber aus inneren Beweggründen nicht dazu bereit ist, sie zu sprechen. Die Unsicherheit des Kunden sollte verstärkt werden, der sich in einer Rolle am wohlsten fühlt, in der er nichts von sich selbst preisgeben muß.
Das Umschwenken auf Hochdeutsch, das ihn in seine Rolle drängt, ist ein hinreichendes Signal dafür - auch wenn unsere Beweggründe für den Zuschauer durch diesen einen Satz wohl nicht ausreichend offensichtlich wurden. 1
Den inneren Monolog verwandten wir zum zweiten Mal, als die Verkäuferin bereit war, die Brille aus der Auslage herauszunehmen. Wir ließen Gantenbein zu sich selbst sagen : "Hoffentlich kommt jetzt nicht der Chef und verlangt ein Attest."
Auch hierdurch wollten wir die Unsicherheit nochmals unterstreichen, da diese Überlegung die Angst vor äußeren Widrigkeiten, die seinen Plan durchkreuzen könnten, impliziert.
Nun aber zurück zur chronologischen Reihenfolge nach der Begrüßung durch die Verkäuferin:
Der Rolle der amerikanischen Kundin maßen wir keine große Bedeutung zu. Wir übernahmen den Part lediglich, um die Verkäuferin beschäftigt zu wissen, während Gantenbein sich teils unsicher, teils aber auch auf die Blindenbrille im Schaufenster fixiert, im Geschäft umblickt. Gantenbein ist sehr unsicher, was sowohl durch sein Stottern als auch dadurch deutlich wird, daß er nach einer Sonnen- anstatt direkt nach einer Blindenbrille fragt.
In diesem Teil unseres "Drehbuches" hielten wir uns an die Prosa-Textvorlage: "[...]; sie weigerte sich nicht ausdrücklich, Blindenbrillen zu verkaufen, aber tätlich, indem sie weiterhin, als hätte der Herr nur gescherzt, Sonnenbrillen anbietet, einige sogar auf mein Gesicht schiebt, bis ich ungeduldig werde und schlichterdings verlange, was ich will, nichts anderes als eine schwarze Blindenbrille." 2
Die äußere Handlung ließ sich sehr leicht darstellen, da das Übergehen des Wunsches nach einer Blindenbrille durch das Weiterbedienen der Verkäuferin, die ihm immer weiter Sonnenbrillen offeriert, gezeigt werden konnte.
1 Siehe hierzu auch Kap. IV
2 Frisch (1964) S.26 unten
Die bereits in diesem Abschnitt deutlich werdende fehlende Identität Gantenbeins (der Herr <-> ich) bereitete uns jedoch weitaus mehr Schwierigkeiten.
Diese Gratwanderung, die Frisch hier zum Ausdruck bringt, ist durch Mimik oder Gestik nicht darstellbar, und wir fanden es legitim, die Spaltung erst später - in der Spiegel-Szene - zu verdeutlichen; daher gingen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht näher darauf ein.
Den folgenden inneren Monolog des Mannes - während die Verkäuferin die Brille holt - habe ich oben schon beschrieben und unsere Absichten erklärt. Die Zweifel, die die Bedienung auch weiterhin noch bezüglich der Blindenbrille hegt, übernahmen wir wieder aus dem Ur-Text. Sie klärt Gantenbein darüber auf, daß es sich nur um Attrappen handele, und sie versucht, ihn von seinem Entschluß abzubringen, indem sie fragt, ob die Brille denn überhaupt passe.
Daß Gantenbein in seiner Absicht nunmehr gefestigter ist, zeigt sich durch seine Nicht-Reaktion auf die Bemerkungen der Frau und durch seine Frage nach dem Preis.
Im nun folgenden Teil des Prosatextes baut Frisch, ausgelöst durch Gantenbeins Seherfahrungen durch die dunkle Brille, eine erotische Atmosphäre auf.
Die beiden Personen stehen sich nahe gegenüber, und Gantenbein hat Zeit, die Verkäuferin neu zu betrachten. Er fixiert seinen Blick auf ihre Lippen, die nunmehr in obstfarbenen Tönen erscheinen; er bemerkt ihre Haare, ihre Haut, die - so scheint es - die Farben gewechselt haben. Verstärkt wird diese Atmosphäre durch seine intensive Wahrnehmung ihres Parfums. Dennoch läßt Gantenbein sich nicht von diesen Eindrücken überwältigen, sondern er denkt, daß er nie wieder küssen werde.
Wir kamen zu dem Schluß, diesen Passus gänzlich durch Gestik darzustellen 1 , weil diese hochsensible Stimmung ansonsten durch Worte zerstört worden wäre.
Zudem handelt es sich um subjektive, innere Eindrücke Gantenbeins, die er nicht nach außen trägt und auch nicht tragen will; somit sollte sich unsere Darstellung auch nur auf ihn und seine Aktivitäten beschränken.
1 Siehe hierzu auch Kap. IV
Um jedoch das Focusieren für das Publikum sichtbar zu machen, sollte der Darsteller des Gantenbein die Frau mit seinen Händen abmessen, sie erfahren, sie neu sehen, ihre Konturen ausmachen, ihre neue Sinnlichkeit "ertasten", ohne sie jedoch zu berühren.
Er sollte sie deshalb nicht berühren, weil es nur ein gedachtes Ertasten sein sollte, und er sich eben nicht nach außen mitteilt, sondern - wie schon erwähnt - die Erfahrung in sich hält.
Die Szene wird abrupt unterbrochen, da ein neuer Kunde das Geschäft betritt. Diesen Umstand haben wir ebenfalls in unser "Drehbuch" aufgenommen, um Gantenbein sich selbst zu überlassen, während er sich im Spiegel neu sieht. Um nicht eine Wiederholung der Szene mit der amerikanischen Kundin, die sich bedienen ließ, während Gantenbein ins Geschäft kam, zu liefern, überlegten wir uns, die neue Kundin nach einem Weg fragen zu lassen. Als Gantenbein, nachdem er zunächst - beeindruckt von der veränderten Wahrnehmung - an sich selbst auf und ab schaut, in den Spiegel blickt, hält er den Mann, den er dort sieht, für einen anderen. Zwar hat jener diegleiche Statur und seine Augen sind ebenfalls nicht zu sehen, aber Gantenbein bringt dieses Bild nicht mit sich selbst in Verbindung. Er geht auf sein Spiegelbild zu, und er sieht einen Blinden, der nicht ausweicht, der durch ihn durchgehen will; überwältigt von diesem Eindruck, nimmt er die Brille ab, zahlt und verläßt das Geschäft. Bei der Umsetzung dieses Parts wollten wir sowohl seinen Schrecken als auch seine Neugier und letzlich seinen überwältigten Eindruck darstellen. In unserer Szene betrachtet Gantenbein zunächst seine Hände, er scheint überrascht und zieht die Brille ab, um einen Vergleich mit seiner "normalen" Sehweise anzustellen. Danach blickt er - die Brille wieder aufgezogen - in den Spiegel. Seinen Schrecken und sein Sich-selbst-nicht-erkennen brachten wir durch den einfachen Fragesatz "Wer ist das ?" zum Ausdruck. In diesen drei Worten - erschrocken ausgesprochen - tritt gleichzeitig die Neugierde zu Tage.
Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Verwendung des Personalpronomens
3. Person Singular "er" in: "Er kommt auf mich zu!", das die Trennung - zwischen dem Spiegelbild und Gantenbein selbst - verdeutlicht.
Daß Gantenbein von diesem Erlebnis sehr beeindruckt ist und - nach unserer Interpretation - Angst hat, jemand könne ihm die Wiederholung verwähren, indem z.B. die Verkäuferin ihm die Brille nicht verkauft, stellten wir durch eine plötzlich aufkommende Hektik in Gantenbein dar, der sich die Brille von der Nase reißt und eiligst bezahlt, um dann das Geschäft fluchtartig verlassen zu können.
IV. Die Aufführung
Die Aufführung unserer Überlegungen erfolgte im Rahmen des Seminarunterrichts und wurde auf Videoband festgehalten. Nach einer etwa halbstündigen Vorbereitungszeit, in der wir die Rollen vergaben, den Text noch einmal durchgingen und eine Feinabstimmung der Stichworte vornahmen, führten wir unsere Version als erste von drei Gruppen auf.
Die Rollenvergabe geschah durch die jeweilige Motivation der Gruppenmitglieder, wobei sich jeder für eine Rolle entschied. Aufgrund der Konstellation von je zwei Männern und Frauen (zuzüglich einer "Komparsin", die sich später in der Szene nach einer Straße erkundigt) konnten wir uns an Frischs geschlechtsspezifische Rollenverteilung halten. Zu Beginn wurde noch einmal deutlich 1 , daß der Satz "Ich kann doch keine Mund- art sprechen" (in der Aufführung: "Ich kann doch gar kein Schwyzerdütsch") nicht den Stellenwert erlangen konnte, den wir ihm zugemessen hatten:
Die Verkäuferin sprach Gantenbein bereits in Hochdeutsch an und der Dialekt, den Gantenbein daraufhin verwendete, war nicht ausgeprägt genug, um unser Motiv erkennen zu lassen.
Gelungen erscheint mir hingegen die Darstellung des unsicheren, aber dennoch - bezüglich der Brille - entschlossenen Gantenbein, der zunächst stotternd eine Sonnenbrille verlangt, dann aber auf der Blindenbrille beharrt.
1 vgl. S.6
Der nächste innere Monolog: "Hoffentlich kommt jetzt nicht der Chef und verlangt ein Attest." verstärkt die vorherige Unsicherheit Gantenbeins - was durch die Darstellungsweise nachvollziehbar wurde. Der weitere Ablauf geschah zu hektisch, da Gantenbein, sofort nachdem er die Brille aufgesetzt hatte, anfing, die Verkäuferin zu "ertasten". Fast unmittelbar darauf erschien auch schon die weitere Kundin, und die Darstellung der erotischen Empfindungen wurde viel zu schnell unterbrochen, als daß sie eine größere Wirkung beim Zuschauer hätte erzielen können.
Die neue Kundin hatten wir ja beibehalten, damit das Publikum sich gänzlich auf Gantenbeins neue Seherfahrungen konzentrieren konnte. Da der "Kameramann" davon allerdings keine Ahnung hatte, blieb das Hervorheben der Aktion leider aus.
Erst als Gantenbein in den Spiegel schaute (wobei Leuten, die nicht wußten, daß Gantenbein in einen Spiegel sieht, leider kein Hinweis darauf gegeben wurde, daß es sich um einen solchen handeln sollte), schwenkte die Kamera um.
Daß Gantenbein - nachdem er sagte: "Er kommt auf mich zu!" - die Brille vehement von der Nase nahm und bezahlte, geschah ebenfalls zu abrupt und ohne daß die Beweggründe allzu offensichtlich wurden. Zu diesen Punkten ist anzumerken, daß sich viele der "Mängel" durch eine längere Bearbeitungszeit hätten vermeiden lassen. Die insgesamt drei Stunden, die den Gruppen zur Verfügung standen, reichten nicht aus, um alle Überlegungen in einer Aufführung gebührend zur Geltung zu bringen.
Hilfreich wäre auch eine vorherige Absprache mit dem "Kameramann" gewesen, so daß die Hervorhebung der wichtigsten Handlungen gewährleistet worden wäre.
Requisiten oder die Verwendung von Lichtquellen hätten geholfen, den Verlauf stärker zu akzentuieren.
Allerdings sollte man für dieses Projekt einen nicht zu hohen, einen nicht zu professionellen Maßstab anlegen, da die Übung in erster Linie auf eine produktionsorientierte Auseinandersetzung abzielte und nicht etwa auf die Ausbildung von Dramaturgen und Dramaturginnen.
V. Schlußbemerkungen
Diese szenische Umgestaltung war für mich - und wahrscheinlich auch für viele andere Seminarteilnehmer - eine neue Erfahrung, die Spaß gemacht hat. Der produktionsorientierte Umgang mit Literatur ist ein geeignetes Mittel, Interpretationsfähigkeiten und Kreativität zu fördern. Außerdem setzt man sich bei dieser Tätigkeit viel intensiver mit einem Text auseinander, als es beim bloßen Lesen der Fall ist. Abschließend ist zu sagen, daß diese Methode des Umgangs mit Textenunter der Verfügungstellung von genügend Zeit und eventuell auch Requisiten - sehr geeignet ist, Schülern einen neuen Weg zur Literatur zu zeigen und sie zum Lesen zu animieren.
Arbeit zitieren:
Manfred Müller, 1994, Werkstattsbericht über die szenische Umsetzung eines Textauszuges aus Max Frischs "Mein Name sei Gantenbein", München, GRIN Verlag GmbH
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