Im zweiten Abschnitt (Zeile 13 - 63), als Mrs. Mallard alleine in ihrem Zimmer ist, ändert sich die Erzählsituation und damit endet auch diese Fremdkontrolle aus dem ersten Abschnitt abrupt. Die Distanz zwischen der Erzählinstanz und der Handlung wird unmittelbarer. Die Außenperspektive wechselt an manchen Stellen sogar auf die Innenperspektive. An diesen Stellen vermischen sich auktoriales und personales Erzählen. So zum Beispiel am Anfang des zweiten Abschnitts; hier werden die Sinneseindrücke des Sehens, Riechens, Hörens (Zeile 16 - 19) und später des Fühlens (Zeile 30) widergegeben, die durch das geöffnete Fenster zu Mrs. Mallard herein dringen. Auch die erlebte Rede (Zeile 29 - 30, 50 - 53) ist ein weiteres Indiz für personales Erzählen. Und auch das „sometimes“ (Zeile 51), das durch einen Gedankenstrich an einen Satz angehängt wurde, weckt den Eindruck von der Unmittelbarkeit des Erzählens. Der Wechsel auf das personale Erzählen wird vollzogen, um zu zeigen, dass Mrs. Mallard wirklich nur dann sie selbst sein kann, wenn niemand da ist, der sie kontrollieren könnte. Und da die auktoriale Erzählsituation auch eine Art Kontrolle auf die Ereignisse in einem narrativen Text ausübt, wird sie in Abschnitt zwei bewusst geändert beziehungsweise eingeschränkt. Es gibt nämlich Passagen im zweiten Abschnitt, an denen deutlich wird, dass immer noch ein auktorialer Erzähler präsent ist. So zum Beispiel als es heißt: „The vacant stare and the look of terror that had followed it went from her eyes.” (Zeile 37 - 38). Diesen ausdruckslosen Blick muss jemand von außen beobachtet haben und dafür kommt nur der auktoriale Erzähler in Frage. Neben der erlebten Rede tritt in der Kurzgeschichte auch noch in vier Sätzen die direkte Rede auf, die dem Leser vor allem eine große Unmittelbarkeit des Erzählens suggeriert. Diese Unmittelbarkeit wird benötigt um etwas besonders Wichtiges authentisch widerzugeben.
Da es sich bei dieser Kurzgeschichte um einen Sujettext handelt, ist es die Grenzüberschreitung durch die Heldin, die hier besonders detailliert beschrieben wird. Die Heldin ist Mrs. Mallard und die symbolische Grenze das geöffnete Fenster. Geöffnet ist das Fenster deshalb, weil Mrs. Mallard davon ausgeht, dass ihr Ehemann tot ist, das heißt, dass er ihr beim Grenzübertritt schon gar nicht mehr im Weg stehen kann. Für sie gibt es nur noch die Rollenattribute der Frau in der viktorianischen Gesellschaft, die noch überwunden werden müssen auf dem Weg in die Freiheit. Das Zimmer in dem sie sitzt stellt die beklemmende Welt dar, in der sie lebt und draußen, jenseits des Fensters wartet die Freiheit auf sie. Eine Welt in der sie sich nicht mehr nach ihrem Ehemann richten muss, sondern in der sie ihr eigener Herr ist. Um die Grenze gedanklich zu überschreiten muss sich Mrs. Mallard dazu entschließen, entgegen gesellschaftlicher Konventionen nicht
mehr um ihren vermeintlich verstorbenen Ehemann zu trauern, sondern ihr neues Leben in Freiheit anzunehmen. Nachdem sie sich einige Zeit gegen diese Grenzüberschreitung gewehrt hat, überwindet sie die Grenze dann doch mit den Worten: „Free, free, free!“ (Zeile 37). Sie beginnt zwar nochmal an ihrer Entscheidung zu zweifeln, als sie ihren toten Ehemann vor dem geistigen Auge sieht, bleibt aber bei ihrer ordnungsverletzenden Entscheidung, nämlich fortan selbstbestimmt das Leben zu genießen.
Josephine gelingt es im dritten Abschnitt (Zeile 64 - 74) ihre Schwester die Treppe hinunter und damit unbeabsichtigt zurück in die beklemmende Welt der Fremdkontrolle zu führen. Dort unten wartet Richards, der als Symbol für das Patriarchat der viktorianischen Gesellschaft gesehen werden kann. Allerdings tritt Mrs. Mallard nur körperlich wieder in diese Welt ein, denn geistig hat sie sich endgültig von ihr getrennt. Diese Distanz macht sich auch sofort in der Erzählsituation bemerkbar, denn es handelt sich im dritten Abschnitt wieder um ein auktoriales Erzählen. Dass es nicht mehr personales Erzählen sein kann erkennt man zum Einen an dem Ausdruck „like a goddess of Victory“ (Zeile 65 - 66). Das ist die Einschätzung eines auktorialen Erzählers. Desweiteren wird in diesem Abschnitt wieder der knapp berichtende Stil des ersten Abschnitts aufgenommen, was schlussfolgern lässt, dass hier eine auktoriale Erzählinstanz seine Möglichkeit nutzt, Ereignisse zeitlich zu raffen und ihrer Meinung nach unwichtige Details wegzulassen. Dies passiert ganz am Schluss, wenn dem Leser zwar mitgeteilt wird, dass die am Ort des Geschehens eingetroffenen Ärzte eine Diagnose stellen. Was allerdings in der Zeit passiert, bis die Ärzte eintreffen wird nicht erzählt. Die Information, dass der Ehemann doch noch am Leben ist, muss der auktoriale Erzähler dem Leser bis zum Schluss vorenthalte, denn andernfalls ginge jegliche Spannung in dieser Kurzgeschichte verloren. Dass Mrs. Mallard wieder zurück muss in die beklemmende Gesellschaft der viktorianischen Epoche, der sie geistig ja schon entfliehen konnte, lässt sich neben der Erzählsituation noch an der Raumsemantik festmachen. Die meisten positiven Sinneseindrücke die Mrs. Mallard im zweiten Abschnitt aufnimmt kommen von oben, so zum Beispiel das Zwitschern der Spatzen (Zeile 19) und der angenehme Geruch des Regens, der in der Luft liegt. Oben wird allgemein als gut, göttlich empfunden. Mit ihrer Schwester geht sie nun im dritten Abschnitt die Treppen hinunter. Die Konnotation zu unten ist eigentlich immer negativ besetzt. Als dann Mr. Mallard unten zur Haustür hereinkommt stirbt Mrs. Mallard, vermeintlich vor Freude über das unerwartete
Arbeit zitieren:
Jan Marschner, 2008, Assignment – Kate Chopin, The Story of an Hour (1894), München, GRIN Verlag GmbH
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