(vgl. Sweet 2006). Spencer wurde schon früh dazu erzogen zu fragen: „Was ist die Ursache?“ (vgl. Burrow 1966: 184).
1837 bekam Spencer Arbeit bei der London and Birmingham railway als Ingenieur, er wandte sich jedoch bald darauf dem Journalismus und dem Verfassen von politischen Schriften zu. 1851 schrieb er sein erstes Buch Social Statics, or the Conditions Essential to Human Happiness. 1853 machte er eine Erbschaft und war somit finanziell unabhängig und konnte sich ganz auf das Schreiben konzentrieren. Nachdem er 1855 The Principles of Psychology veröffentlicht hatte, arbeitete er eine lange Zeit an dem neunbändigen A System of Synthetic Philosophy (1862- 93). Dieses Werk enthielt seine Ansichten in den Themenbereichen Biologie, Soziologie, Ethik und Politik (vgl. Sweet: 2006). Spencers Evolutionstheorie und Abgrenzung zu Darwin
Da Spencers Pädagogik auf seine Evolutionstheorie aufbaut, soll sie an dieser Stelle in ihren Grundzügen erläutert werden.
Nach Spencer besitzen die Lebewesen eine Vielzahl biologischer Eigenschaften, mit Hilfe derer sie sich an die Umwelt anpassen, wenn diese sich verändert. Aus dieser Anpassung heraus, die vererblich ist, sind seiner Ansicht nach die einzelnen Arten entstanden (vgl. Keller 2002: 34).
Obwohl seine Theorie zwei Jahre vor Darwins Origin of species erschienen war, und Darwin seinen Begriff „survival of the fittest“ („das Überleben des am besten Angepassten“) übernommen hatte und nicht andersherum, wird er fälschlicherweise oft nur als der Denker angesehen, der Darwins Konzept auf die Gesellschaft übertragen hat (vgl. Schuknecht 1999: 3).
Zwischen den Theorien von Darwin und Spencer besteht ein großer, hauptsächlicher Unterschied: Laut Spencer passen sich die Arten der Umwelt an und sichern sich durch diese Veränderungen ihr Überleben. Laut Darwin besitzen die Arten die Fähigkeit zur Anpassung nicht, sondern es überleben nur die Arten, die durch eine Mutation - d.h. nicht durch biologische Fähigkeiten, sondern durch Zufall - plötzlich besser an die Umwelt angepasst sind. In beiden Fällen greift die Aussage, dass der Angepassteste überlebt, doch der Vorgang der Anpassung findet auf unterschiedliche Art und Weise statt.
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Die Übertragung der Evolutionstheorie auf Gesellschaft, Ethik und die Lehrerrolle Spencer zufolge gleicht die Gesellschaft einem Organismus. So ist das Fortbestehen der Gesellschaft gleichwie das Leben des Organismus unabhängig von den einzelnen Teilen (einzelne Menschen/Zellen) und existiert auch länger als die einzelnen Teile. Die einzelnen Teile der Gesellschaft werden aber immer mehr voneinander abhängig, was zu einem Wachstum ihrer Rechte beigetragen hat. Daraus schließt Spencer, dass der Staat langfristig gesehen überflüssig werden wird und der höchste ethische Wert somit das Wohlergehen des Individuums sein muss (vgl. Keller 2002: 35f.). Dies kann nicht einleuchtend erklärt werden, da die Begründung Spencers sehr abstrakt und weit hergeholt erscheint, jedoch soll an dieser Stelle dieses oberste Ziel als Basis seines Erziehungsideals festgehalten werden. Nach Spencer gibt es nun vier Arten des sittlichen Handelns: „das Handeln zum Zweck der Selbsterhaltung, das Handeln zum Zweck der Arterhaltung, das Handeln zum Zweck der Erhöhung der Gesamtsumme des Lebens durch die Förderung dauernd friedlicher Gesellschaften, das Handeln, dessen Zweck es ist, anderen bei ihrer Selbsterhaltung zu helfen“ (Keller 2002: 40). Hier wird bereits die von Spencer vorgezeichnete Rolle des Lehrers erkennbar: Die Schüler sollen sich später selbst und somit auch ihre Art erhalten können und der Lehrer soll ihnen die entsprechenden Fähigkeiten dazu vermitteln. Spencers Erziehungsmodell und kritische Analyse
Nach Spencers Auffassung basiert Erziehung auf den Prinzipien der Evolution. Sein Erziehungssystem ist in die drei Bereiche der intellektuellen, moralischen und physischen Erziehung untergliedert, die sich alle gegenseitig bedingen. Spencer geht davon aus, dass die intellektuelle Entwicklung gleich abläuft wie die Entwicklung der menschlichen Rasse und dass die mentalen Fähigkeiten, welche sich unsere Vorfahren durch Erfahrungen angeeignet haben, erblich sind. Spencer denkt, dass nun der Herausbildungsprozess dieser Fähigkeiten in jedem von uns nochmals abläuft, nur viel schneller und auch nur, wenn kein Teil dieser Entwicklung übersprungen wird (vgl. Keller 2002: 57). Weiterhin müssen einige wichtige Prinzipien beachtet werden. Erstens sollte der Unterricht mit einfachen und unbestimmten Themen beginnen und erst mit der Zeit komplizierter und klarer definiert werden. Das schließt auch mit ein, dass in der Schule zu Beginn möglichst wenige Fächer unterrichtet werden sollen. Zweitens sollte die
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Richtung des Lernens vom Konkreten/Empirischen zum Abstrakten/Rationalen gehen, da Abstraktion immer auf konkreten Einzelinformationen fußt (vgl. Keller 2002: 56). Der Lehrer muss dazu zunächst die Beobachtungsgabe seiner Schüler schärfen, bevor er damit arbeiten und Anschauungsunterricht halten kann (vgl. Keller 2002: 57). Er sollte seine Unterrichtseinheiten mit Experimenten beginnen und erst nach einer Weile Spekulationen über Prinzipien anstellen lassen, zum Beispiel sollte praktisches Zeichnen vorm perspektivischen Zeichnen unterrichtet werden. Dies stattet die Schüler mit dem nötigen Rüstzeug aus, um sich auch außerhalb des Schulkontexts oder nach der Schulzeit neue Dinge anzueignen. Diese Methodenkompetenz ist essentiell für Prinzip Nr. 3, die Selbstentwicklung. Diese ist für Spencer deswegen so wichtig, weil seinem Glauben nach die menschliche Rasse ihre Erfahrungen selbst gemacht und sich so ihr Wissen eigenständig angeeignet hat. So ist auch wie bereits oben erwähnt wichtigste Aufgabe des Lehrers, dem Schüler dabei zu helfen, sich selbst zu bilden, damit auch die „natürliche Ordnung“ des Lehrstoffes nicht gestört wird (vgl. Keller 2002: 57f.). Diese Art zu Unterrichten bietet eine Reihe von Vorteilen, die nicht von der Hand zu weisen sind und auch in der heutigen Didaktik anerkannt werden. So kann der Schüler seiner eigenen Geschwindigkeit nach lernen und die Informationen, die er sich selbst erarbeitet, besser abrufen als andere. Wenn ein Schüler z.B. ein Parallelogramm in einzelne Teile zerlegt und sich so die Flächeninhaltsformel des Trapezes aneignet, hat er diese wirklich verstanden und nicht nur auswendig gelernt. Das letzte Prinzip befasst sich damit, dass sich der Lehrer ständig fragen sollte, ob er einen Lernanreiz für die Schüler geschaffen hat (vgl. Keller 2002: 59).
Um diesen Prinzipien ein wenig Leben einzuhauchen, soll nun demonstriert werden, wie man sie in einer realen Unterrichtssituation umsetzen könnte. Das Thema der fiktiven Unterrichtsstunde könnte zum Beispiel die verschiedenen Variationen der englischen Sprache sein. Um mit Experimenten zu beginnen und die Schüler zur selbstständigen Bildung anzuregen, würde sich als Unterrichtsraum ein Sprachlabor anbieten. Auf den verschiedenen PCs könnte man je einen native speaker sprechen lassen, dessen Sätze am Anfang noch gut verständlich sind, dann aber immer mehr vom Standard-Englisch abweichen (von einfach zu kompliziert). Nach dieser experimentellen und frei gestaltbaren Phase würde sich dann jeder Schüler einen native speaker auswählen und seine charakteristischen Sprecheigenschaften herausarbeiten (vom Konkreten zum Abstrakten). Nach der Stunde würde der Lehrer seinen Erfolg daran messen, ob die Schüler aus innerem Antrieb heraus gearbeitet haben oder nicht.
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Arbeit zitieren:
Sonja Kaupp, 2009, Der Einfluss von Herbert Spencers Evolutionstheorie auf sein Erziehungsmodell, München, GRIN Verlag GmbH
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