Inhaltsverzeichnis
Kapitel
1. Einleitung 3
2. Bilingualität 5
2.1 Definition 5
2.2 Formen der Bilingualität 6
3. Spracherwerb 7
3.1 Spracherwerb bei Migrantenkindern 9
3.2 Zusammenhang zwischen Erst- und Zweitsprachenerwerb 10
3.3 Geltungswert der Interdependenztheorie 11
4. Anforderung an den deutschen Sprachunterricht in der
Primarstufe 12
5. Koordinierte Alphabetisierung im Anfangsunterricht (Koala) 13
5.1 Entstehung von KOALA 13
5.2 Funktionsweise des KOALA-Konzepts. 15
6. Diskussion und Fazit 17
Literaturverzeichnis 21
Abbildungsverzeichnis 25
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1. Einleitung
Die Vergleichsstudien „ Iglu“ und „Pisa“ brachten in den vergangenen Jahren die Schwierigkeiten der Schüler und Schülerinnen mit Migrati-onshintergrund im deutschen Bildungssystem immer wieder in das Licht der Öffentlichkeit. Migrationshintergrund bedeutet in diesem Fall, dass die Schüler selber und/oder beide Elternteile nicht in Deutschland geboren wurden. Der durchschnittliche Bildungserfolg dieser Schüler, die in dieser Hausarbeit synonym Migrantenkinder genannt werden, liegt deutlich hinter den Ergebnissen der Vergleichsgruppe ohne Migrations-hintergrund oder mit nur einem nicht in Deutschland geborenen Elternteil zurück. Neben sozialschichtbedingten Gründen, auf die in der vorliegenden Arbeit nicht eingegangen wird, bildet die Sprachkompetenz die entscheidende Hürde in der Bildungskarriere von Kindern aus Zu-wandererfamilien (vgl. Deutsches Pisakonsortium, 2001, S. 374), denn sprachliche Defizite wirken sich kumulativ auf andere Sachfächer aus. „Fast 50% der Jugendlichen aus Zuwandererfamilien überschreiten im Lesen nicht die elementare Kompetenzstufe I, obwohl über 70% von ihnen die deutsche Schule vollständig durchlaufen haben“ (Deutsches Pisakonsortium, 2001, S. 379). Ein Grund ist dabei auch der Umgang mit dem Thema Mehrsprachigkeit im deutschen Bildungssystem. Dieses geht vor dem Hintergrund der nationalstaatlichen Entwicklung immer noch von einer sprachlichen Homogenität aus. Das Konstrukt, alle Kinder sprechen bei Schuleintritt monolingual deutsch, erweist sich als überholt, schaut man sich den sprachlichen Habitus der vorhandenen Schülerschaft an. Aus ökonomischen, demographischen und humanitären Gründen wird es in den nächsten Jahrzehnten zu weiterem Wachstum des „multiethnischen Segments“ kommen (vgl. Geißler, S.67). Ging man früher davon aus, dass die Herkunftssprachen nach zwei Generationen in den Familien in den Hintergrund gedrängt wurden, ist dies heute nicht mehr der Fall, da durch neuere Kommunikationsmittel, günstigere Reisemöglichkeiten und modernere Medien der Kontakt mit der Herkunftssprache aktiver aufrecht erhalten werden kann. Durch Festhalten an den Herkunftssprachen, „wird der Anteil der zwei-und mehrsprachig aufwachsenden Kinder steigen“ (Bainski, 2005, S.7). Vorhandene Mehrsprachigkeit wird jedoch häufig als Defizit empfunden.
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Dies ist vor allem dann der Fall, wenn es sich um Sprachkenntnisse mit geringerer gesellschaftlicher Anerkennung z.B. Türkisch in Kombination mit unzureichenden Deutschkenntnissen handelt. Auch vor dem Hinter-grund des demographischen Wandels bedeutet diese Nichtanerkennung vorhandener mehrsprachlicher Kompetenzen Ressourcenverschwendung. Bisherige Sprachlernkonzepte, die sich einseitig auf das Erlernen der Zweitsprache Deutsch beziehen, scheinen bisher nicht zum durchschlagenden Erfolg in dieser Problematik zu führen. Daher geht es in dieser Hausarbeit darum, andere effektivere Möglichkeiten zur Förderung des deutschen Spracherwerbs zu finden und dabei auch die heterogene Sprachkompetenz der Schülerschaft nicht aus dem Blick zu verlieren. Das Koala-Projekt scheint einen neuen Ansatz zu verfolgen, in dem auch die Erstsprache Berücksichtigung und Akzeptanz findet. Deshalb wird in der vorliegenden Arbeit untersucht, in wieweit das Koala-Projekt zur Förderung der deutschen Sprachkompetenz in der Primarstufe geeignet ist. Aufbau der Arbeit:
Um den Umgang mit Bilingualität bei Migrantenkindern zu untersuchen wird zunächst versucht, Bilingualität zu definieren und in deren verschiedenen Erscheinungsformen vorzustellen. Dabei werden neben psycholinguistischen Aspekten auch soziologische Ansätze verfolgt werden. Das 3. Kapitel beleuchtet den Spracherwerb von Migrantenkindern und speziell den Zusammenhang zwischen Erst und Zweitsprachenerwerb aus (sozial-)wissenschaftlicher Sicht mit der Interdependenzhypothese. Die Erkenntnisse werden im 4. Kapitel mit den Anforderungen an den deutschen Sprachunterricht in der Primarstufe in Verbindung gebracht. Im 5. Kapitel wird das Koala-Projekt vorgestellt. Es wurde entwickelt um Vielfalt als Chance und nicht als Bedrohung zu begreifen. Dabei wird der Entwicklungshintergrund dargestellt und die Funktionsweise von KOALA beschrieben. In der folgenden Diskussion im 6. Kapitel werden die Vor-und Nachteile des Koala - Projekts erörtert und im abschließenden Fazit bewertet.
Zur besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit die männliche Form benutzt, gemeint sind aber grundsätzlich auch die weiblichen Varianten.
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2. Bilingualität
2.1 Definition
Um den Umgang mit Bilingualität zu untersuchen, muss zunächst geklärt werden, was Bilingualität ist. Die Suche nach einer eindeutigen Definition von „Bilingualität“ erweist sich als problematisch, da es sie nicht gibt. Es gibt verschiedene Annäherungen, aber sie unterscheiden sich je nach dem, in welchem Kontext „Bilingualität“ definiert wird. Viele verschiedene Wissenschaftsbereiche (z.B. Linguistik, Psychologie, Soziologie oder Pädagogik) beschäftigen sich mit Bilingualität und definieren sie aus ihrer Perspektive. Grundsätzlich stammt der Begriff aus dem Lateinischen und bedeutet „Zweisprachigkeit“. Damit ist die Beherrschung von 2 Sprachen gemeint ohne dass damit schon eine Bewertung der Kompetenzen der betreffenden Sprachen erfolgt. In der wissenschaftlichen Fachliteratur werden Bilingualität, Bilingualismus, Zweisprachigkeit und auch Mehrsprachigkeit (wenn mehr als zwei Sprachen betroffen sind) oft synonym benutzt. Frühen Definitionsversuchen lag eine Idealvorstellung von Bilingualität zu Grunde. So definiert Blocher (1909) Zweisprachigkeit als „(...) die Zugehörigkeit eines Menschen zu zwei Sprachgemeinschaften in dem Grade, dass Zweifel darüber bestehen können, zu welcher der beiden Sprachen das Verhältnis enger ist, oder welche als Muttersprache zu bezeichnen ist, oder welche mit größerer Leichtigkeit gehandhabt wird, oder in welcher man denkt.“(Blocher 1909, S.17). Die Definition Weinreichs macht dagegen keinerlei Aussage mehr zum Kompetenzgrad der Sprachbeherrschung: “(…) two or more languages will be said to be IN CONTACT if they are used alternately by the same persons. The language-using individuals are thus the locus of the contact. The practice of alternately using two languages will be called BILINGUALISM, and the persons involved, BI-LINGUAL.” (Weinreich1953, S.1. Hervorheb. i. Orig.) Er versteht unter Bilingualismus den abwechselnden Gebrauch zweier Sprachen. Das Begriffsverständnis in dieser Hausarbeit bezieht sich auf Oksaar (2003, S. 31). Sie versteht unter dem Begriff Zweisprachigkeit „die Fähigkeit eines Individuums (…) hier und jetzt zwei oder mehr Sprachen als Kommunikationsmittel zu verwenden und ohne weiteres von der einen
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Sprache in die andere umzuschalten, wenn die Situation es erfordert“. Dabei kann „das Verhältnis der Sprachen durchaus unterschiedlich sein - in der einen kann, je nach der Struktur des kommunikativen Aktes bedingt u.a. durch Situationen und Themen, ein restringierterer Code, also nicht stark differenzierter Code, in der anderen ein elaborierterer verwendet werden. Eine der Sprachen kann in gewissen Situationen oder Domänen durchaus dominant sein. Es handelt sich um eine variable kommunikative und interaktionale Kompetenz in mehr als einer Sprache.“ (Oksaar 2003, S.31) Diese Auslegung weist schon auf verschiedene Ausprägungen der Bilingualität hin, die im folgenden Abschnitt genauer dargelegt werden.
2.2 Formen der Bilingualität
Bilingualität tritt in unterschiedlichen Erscheinungsformen auf, die sich in viele verschiedenen Kategorien einteilen lassen. In der vorliegenden Arbeit wird sich auf die Vorstellung der Einteilung nach der Perspektive, des Alters bei Spracherwerb und gegenseitige Beeinflussung der Sprachkompetenz beschränkt, da sie im weiteren Verlauf der Arbeit relevant sind.
Die Unterscheidung zwischen gesellschaftlicher und individueller Bilingualität bezieht sich entweder auf die Gesellschaft, die zweisprachig ist oder auf das zweisprachige Individuum. Eine bilinguale Gesellschaft führt nicht automatisch dazu, dass auch das Individuum zwei Sprachen beherrscht. Hierbei spielt der Status der betroffenen Sprachen eine wichtige Rolle. In Deutschland lebte zwar schon immer eine mehrsprachige Bevölkerung, doch wurde diese Tatsache durch die nationalstaatliche Orientierung im Bildungswesen in der Vergangenheit bewusst übersehen und Hochdeutsch hat in den Schulen den Status der offiziellen Bildungssprache mit der Konsequenz, dass Migrantenkinder im deutschen Bildungssystem benachteiligt sind.
Der Zeitpunkt des Spracherwerbs führt zur Differenzierung von simultaner und sukzessiver Bilingualität. Von simultaner Bilingualität spricht man, wenn von Geburt an beide Sprachen gelernt werden, auch bekannt unter der Rubrik „one parent, one language“ (John Edwards,
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S.238) wie es in Familien mit gemischtsprachlichen Eltern häufig der Fall ist: Die Mutter spricht z.B. nur Deutsch mit dem Kind und der Vater Englisch oder umgekehrt. Sukzessive Zweisprachigkeit besteht dann, wenn die Erstsprache im Elternhaus und enger familiärer Umgebung gelernt und gesprochen wird und die Zweitsprache als „bildungspolitische“ Sprache (vgl. Rösch 2001, S.23) vor allem bei Eintritt ins öffentliche Leben in Schule und Kindergarten benutzt wird. Diese Form ist in Familien von Migrantenkindern meistens vorhanden. Die gegenseitige Beeinflussung der beherrschten Sprachkompetenz beschreibt die Unterteilung in additive und substraktive Bilingualität. Additive Bilingualität beschreibt das Hinzufügen einer Zweitsprache zur Primärsprache ohne dass die Kompetenzen in der Erstsprache eingeschränkt werden. Das Gegenteil ist die subtraktive Bilingualität. Hier nimmt mit fortschreitendem Erwerb einer Zweitsprache die Sprachkompetenz in der Primärsprache ab (vgl. Cummins 1979, S.197-205). Wird die Zweitsprache dann nur unvollständig erworben, spricht man von Semilingualismus. Subtraktive Bilingualität und Semilingualismus treten häufig bei Sprechern von Minderheitensprachen in mehrheitssprachigem Umfeld auf. Der auch doppelte Halbsprachlichkeit genannte Semilingualismus ist nicht immer als endgültiger Zustand zu verstehen, sondern als Phase im bilingualen Spracherwerb zu sehen (vgl. Daller 1999, S. 52). Schüler mit diesem Sprachstand bilden u.a. die Zielgruppe für das im 5. Kapitel vorgestellte KOALA-Projekt. Doch zunächst wird noch geklärt, wie Spracherwerb funktioniert und welche Besonderheiten beim Spracherwerb von Migrantenkindern auftreten, so dass die Ursachen und damit auch Unterstützungsmöglichkeiten bei subtraktiver Bilingualität oder Semilingualismus genauer erkennbar sind.
3. Spracherwerb
„Spracherwerb vollzieht sich als Prozess der Wechselwirkung zwischen angeborenen Voraussetzungen und sozialen Einflüssen“ (Gogolin, 2010, S.40). Über das Verhältnis von angeborenen Voraussetzungen und Umwelteinflüssen, die für den Spracherwerb notwendig sind, herrscht in der aktuellen wissenschaftlichen Literatur keine Einigkeit.
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Arbeit zitieren:
Ursula Klein, 2011, Umgang mit Bilingualität von Migrantenkindern in der Primarstufe ("KOALA"), München, GRIN Verlag GmbH
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