1. Einleitung
Eine „klare Einsicht in die Struktur der pädagogischen Arbeit, de[r] Zusammenhang ihrer Begriffe und Methoden […] veredelt diese Arbeit erst zu bewußter und in sich begründender Leistung […] und gibt die Grundlage für eine Gemeinschaft der Arbeit und für einen reinen Stil der pädagogischen Lebensform.“ 1 „[D]as Ideal der Theorie erhebt sich aus der Praxis, indem sie diese formuliert, begründet und in ihren Konsequenzen entwickelt.“ 2
Mit diesen Worten spricht Herman Nohl ein Problem an, welches von den Wissenschaftlern häufig diskutiert wird, nämlich das Problem des Verhältnisses zwischen Theorie und Praxis in der Pädagogik. Es stellt sich die Frage, wie denn das wirkliche Verhältnis beider zueinander aussieht. Stehen sich Theorie und Praxis gegenüber und konkurrieren miteinander, oder beeinflussen sie sich wechselseitig? Wenn letzteres der Fall ist, inwiefern beeinflussen sie sich und ist die Praxis dann eher von der Theorie abhängig, oder verhält es sich so, dass die Theorie von der Praxis abhängig ist? In der vorliegenden Arbeit soll dieses Verhältnis besonders hervorgehoben werden.
Im ersten Teil der Arbeit werden die Begriffe Theorie und Praxis, sowie ihr Zusammenhang mit der Pädagogik, untersucht. Dabei wird vor allen Dingen auf die Geschichte und das heutige Verständnis der beiden Begriffe eingegangen. Die zweite Hälfte, welche den Hauptteil der Arbeit darstellen soll, befasst sich mit dem pädagogischen Theorie-Praxis-Verhältnis. Hierbei wird besonders auf das Verhältnis im Allgemeinen, sowie auf positive und negative Seiten eingegangen. Ich habe dieses Thema gewählt, weil es von Herman Nohl nur sehr kurz angeschnitten wurde und ich mehr darüber erfahren wollte, denn vorher hatte ich mir noch keine Gedanken über ein mögliches pädagogisches Theorie-Praxis-Verhältnis gemacht, obwohl dieses Thema häufig in der Pädagogik, vor allen Dingen in der Erziehungswissenschaft diskutiert wird.
Eine empfehlenswerte Hilfe zu diesem Thema sind die Bücher „Das Verhältnis von Theorie und Praxis in der Pädagogik. Eine systematische Untersuchung.“ von Wilhelmine M. Sayler und „Die Vermittlung zwischen Theorie und Praxis in der
1 Nohl 1988, S. 153
2 ebd., S. 155
1
Pädagogik.“ von Jürgen Oelkers, da sich diese beiden Autoren ausgiebig mit diesem Thema auseinandergesetzt haben.
2. Der Theoriebegriff
2.1 Der Theoriebegriff im allgemeinen Sinn
Der aus dem Griechischen stammende Begriff theorein, der im deutschen Sprachgebrauch auch als Theorie bezeichnet wird, bedeutet wörtlich übersetzt Schau oder Betrachtung. Anfänglich wurde dieser Begriff vor allem für die Anschauung gewisser heiliger oder auch anderer zeremonieller Festlichkeiten genutzt, nachfolgend fand er nach Platon und Aristoteles auch Bedeutung für die ‚„rein geistige‘ Betrachtung von Ideen, Sachverhalten oder abstrakten Zusammenhängen, die der sinnlichen Wahrnehmung nicht zugänglich sind“ 3 , sowie die Untersuchung des Weltalls mit all seinen Gesetzen. Die Theorie blickte demnach auf die Erkenntnis der Wahrheit, also nicht auf das, was in der Zukunft sein soll, sondern auf das, was gerade aktuell ist. Gegenwärtig bedeutet der Begriff vor allem die möglichst komplette Darstellung eines Sachgebietes dadurch, dass allgemeine Gesetze formuliert werden. Diese Art der Theorie wird auch als wissenschaftliche Theorie bezeichnet. 4 Im alltäglichen Gebrauch findet der Begriff Theorie zwei Bedeutungen. Zum einen wird er dazu verwendet, eine Vermutung über eine vorliegende Angelegenheit zu äußern. Diese Theorieform wird auch als alltagsweltliche Theorie betitelt, denn sie befasst sich mit dem alltäglichen Verstehen und Erklären. Eine besondere Form der alltagsweltlichen Theorie ist das kennzeichnende Fachwissen im Berufsleben. Zum anderen wird die Theorie als eine rein wissenschaftliche Betrachtungsweise im Gegensatz zur ausführenden Praxis gesetzt. 5
3 Mittelstraß 1996b, S. 194
4 vgl. Sayler 1968, S. 130
5 vgl. Mittelstraß 1996b, S. 194
2
2.2 Der Theoriebegriff im pädagogischem Sinn
Im heutigen Sprachgebrauch werden unter pädagogischen Theorien oft nur solche Theorien verstanden, die direkt mit der Erziehung zusammenhängen, die also die Vorstellung erwecken, wie sich ein guter Erzieher zu verhalten habe, was er tun und unterlassen muss. Diese Annahme ist weit verbreitet und hat natürlich auch einen wahren Kern, sie fällt jedoch nicht in den wissenschaftlichen Bereich. 6 Pädagogische Theorien sind eine Mischform aus alltagsweltlichen und wissenschaftlichen Theorien, da sie „praktisch relevante wissenschaftliche Informationen enthalten und transformativ umsetzten, zugleich aber auch die Funktionen eines professionellen Fachwissens erfüllen können.“ 7 Für die Pädagogik ist es wichtig, dass Einblicke in die pädagogischen Handlungen gewonnen werden und diese dann in der Form einer pädagogischen Theorie zusammengefasst und vermittelt werden. Dafür ist es jedoch unumgänglich, dass diese wissenschaftlichen Informationen von erfahrenen, professionellen Fachkräften erarbeitet werden. Die folgende Vermittlung dieser Informationen für die Praxis muss jedoch im Rahmen der gebräuchlichen pädagogischen Methodik bleiben, wenn die Theorie wissenschaftlich sein soll. 8
Es ist jedoch nicht immer einfach, ein Gleichgewicht zwischen alltagsweltlichen und wissenschaftlichen Theorien zu halten, da keine von Beiden bevorzugt oder benachteiligt werden darf. Deshalb wäre es eine Lösung, Theorien aufzustellen, die sich auf praktische Zustände beziehen „und zwar sowohl was die Bewältigung als auch was die Veränderung solcher Situationen angeht.“ 9
6 vgl. Sayler 1968, S. 67
7 Oelkers 1976, S. 93
8 vgl. Oelkers 1976, S. 92 f.
9 ebd., S. 93
3
Arbeit zitieren:
Susanne Zocher, 2008, Das pädagogische Theorie-Praxis-Verhältnis, München, GRIN Verlag GmbH
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