Die Anthropologie von Scheler, Plessner und Gehlen haben einen Grundzug gemeinsam. Alle wollen das Wesen des Menschen bestimmen, in Bezug auf Pflanze und Tier. Es soll die Sonderstellung des Menschen herausgearbeitet werden, ebenfalls im Bezug auf Pflanze und Tier. Schelers Anthropologie unterscheidet sich zu den beiden ebenfalls genannten, durch einen dualistischen und nahe der Metaphysik angesiedelten Ansatz. Max Scheler (1874-1928) zählt neben Helmut Plessner und Arnold Gehlen zu den Hauptvertretern der Philosophischen Anthropologie.
Scheler war der Auffassung, dass “zu keiner Zeit der Geschichte der Mensch sich so problematisch geworden ist wie in der Gegenwart” (Scheler 2002,10). Er sah die Notwendigkeit, die Frage nach dem Wesen des Menschen auf der Grundlage der verschiedenen neuen Wissenschaften neu aufzurollen und “eine neue Form seines Selbstbewusstseins und seiner Selbstanschauung zu entwickeln (ebd.,6f). Nach Scheler hat es in der abendländischen Tradition bisher drei grundlegende Antwortversuche auf die Frage nach dem Menschen gegeben: − der Gedankenkreis der jüdisch- christlichen Tradition − der Gedankenkreis der griechisch - antiken Tradition − der Gedankenkreis der modernen Naturwissenschaft und der genetischen Psychologie
Seiner Ansicht nach genügte keine dieser Anthropologien aber mehr den Ansprüchen an eine wissenschaftliche Anthropologie. Erforderlich sei ein “neuer Versuch” einer Philosophischen Anthropologie “auf breitester Grundlage” (ebd., 10). Das neue Konzept baut Scheler auf zwei Aussagekreisen auf: − “ Das Wesen des Menschen im Verhältnis zu Pflanze und Tier” − und “die metaphysische Sonderstellung des Menschen”(ebd)
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Scheler unterschied zwischen den lebendigen Organismen und den anorganischen. Er schreibt allem Lebendigen eine Psyche zu: “ Was die Grenze des Psychischen betrifft, so fällt sie mit der Grenze des Lebendigen überhaupt zusammen”(ebd., 11).
Der ekstatische Gefühlsdrang
Für Scheler sind auch die Pflanzen beseelt. Er schreibt ihnen einen Gefühlsdrang zu, der die Tätigkeitsenergie liefert. Lediglich die “Langsamkeit ihrer Lebensvorgänge” vermittelt uns den Eindruck, dass die Pflanzen keinen “Innenzustand” haben (ebd.). Die Pflanze besitzt kein Zentrum, an das Organ- und Bewegungszustände rückgemeldet werden, noch verfügt sie über Bewusstsein, Gedächtnis oder Lernfähigkeit. Sie richtet sich jedoch auf das unspezifische Ganze ihrer Umgebung, “auf ein Hineinwachsen in es nach den Grundrichtungen “oben” und “unten”, dem Lichte und der Erde zu”(ebd.). Im Unterschied zum Tier und zum Menschen hat die Pflanze kein eigentliches Triebleben, sondern nur einen “allgemeinen Drang zu Wachstum und Fortpflanzung”. Daraus folgerte Scheler, dass das Wesen des Lebens in seiner ursprünglichsten Form “nicht wesentlich “ Wille zur Macht” ist”, sondern dass “der Drang zu Fortpflanzung und Tod der Urdrang alles Lebens” ist (ebd.,14). Begründet durch das Fehlen eines Zentrums, dem Organzustände rückgemeldet werden (re- flexio), bezeichnet Scheler die Beseeltheit der Pflanze, ihren “Gefühlsdrang” als “ekstatisch, als einen “ganz nach außen gerichteten Drang”(ebd.).Den Pflanzen fehlt weitgehend die Möglichkeit sich auszudrücken, sie verfüge jedoch über eine primitive Form der Ausdrucks über die physische Beschaffenheit (“wie matt, kraftvoll, üppig, arm”(ebd.). Für Scheler ist der
“ekstatische Gefühlsdrang” auch bei den Tieren und dem Menschen vorhanden. Den Menschen vermittelt er, dass eine Wirklichkeit außerhalb ihrer selbst existiert. Die einfachste Empfindung ist nie bloß Folge des Reizes, wie die Behavioristen behaupten, sondern immer auch Funktion einer triebhaften Aufmerksamkeit.
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Instinkt
Der Instinkt ist für das Individuum als “Lebensträger zweckdienlich” bezüglich Ernährung und Fortpflanzung (ebd.). Im Gegensatz zu den Behavioristen seiner Zeit unterscheidet Scheler strikt zwischen dem beobachtbaren Verhalten und den inneren Abläufen. Er hält sich die Erklärung tierischen und menschlichen Verhaltens offen. Instinkte laufen “nach einem unveränderlichen Rhythmus “ ab (ebd.). Dadurch unterscheiden sie sich grundsätzlich von den durch Versuch und Irrtum erworbenen, erlernten Verhaltensweisen. “Ein Tier bereitet z.B. Für den Winter oder die Eiablage etwas sinnvoll vor, obgleich man nachweisen kann, dass es als Individuum ähnliche Situationen noch nie erlebte”( ebd.). Instinkte stellen sozusagen ein angeborenes Entwicklungspotenzial dar, auf dem die weitere Entwicklung der Lebewesen aufbaut.
Assoziatives Gedächtnis
Das Assoziative Gedächtnis ist jenen Tieren zuzuschreiben, welche ihr Verhalten auf sinnvolle Weise langsam und stetig abändern. Einzelne Erfahrungsteile werden zusammengefügt. Die fehlenden Erfahrungsteile werden zu den vorhandenen hinzugenommen (assoziiert). Der wichtigste Nachweis eines assoziativen Gedächtnisses bei Tieren ist die Theorie des bedingten Reflexes, die der russischen Physiologen Ivan Pawlow mit dem bekannte Experiment mit dem “Pawlow`schen Hund” begründete. Die Speichelsekretion, die als unbedingter Reflex auf vorgesetztes Futter bei einem Hund auftritt, tritt nach einer gewissen Zeit schon bei einem die Fütterung anzeigenden Glockenton als bedingter Reflex ein, d.h. Das Tier assoziiert die Fütterung mit dem Glockenton. Durch das Assoziative Gedächtnis kann sich das Tier neuen, nicht instinktiv vorgeprägten Situationen anpassen.
Organisch gebundene Intelligenz und Wahl
Die Fähigkeiten, neuen Situationen gegenüber ohne Probierversuche ein sinngemäßes Verhalten an den Tag zu legen, bezeichnet Scheler als praktische Intelligenz. Es ist dabei nicht notwendig, dass die neue Situation bewältigt wird, es
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Arbeit zitieren:
Andrea Genetti, 2010, Max Scheler – Gespalten zwischen Drang und Geist, München, GRIN Verlag GmbH
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