Civic Journalism 2.0 in Tunesien
Gegen öffentlichkeiten im Internet
Inhalt
1 Einleitung. 2
2 Theoretische Betrachtungen. 3
2.1 Öffentlichkeit als intermediäres Kommunikationssystem. 3
2.2 Gegenöffentlichkeit. 5
2.3 Civic Journalism 2.0. 6
3 Macht und Medien im autoritären Tunesien vor 2011. 8
3.1 Politik und Gesellschaft. 8
3.2 Mediensystem. 10
3.3 Alternative Medien vor der Revolution. 12
4 Civic Journalism 2.0 und die tunesische Demokratiebewegung. 15
4.1 Verlauf der „Jasmin-Revolution“ 15
4.2 Rolle alternativer Medien im Revolutionskontext. 16
4.2.1 Innerhalb der Protest-Bewegung. 16
4.2.2 In der Umwelt der Bewegung. 17
4.3 Fallbeispiel: Kollektivblog nawaat.org. 18
5 Fazit. 20
Literaturverzeichnis 22
1 Einleitung
Der sogenannte „arabische Frühling“ ist zum Inbegriff einer Bewegung von Protesten und Aufständen in der arabischen Welt geworden, die sich gegen die autoritären Diktaturen in Nordafrika und dem Nahen Osten richtet. Den Präzedenzfall schuf die tunesische Bevölkerung mit den Aufständen rund um den Jahreswechsel 2010/11, die das Staatsoberhaupt Zine el-Abidine Ben Ali in die Flucht geschlagen haben. Medien in den westlichen Ländern würdigten den Beitrag neuer Medien im Internet am Erfolg der Tunesier und tauften diese Bewegung mit markigen Begriffen wie „Facebook-Revolution“ 1 oder „twitter-Revolution“ 2 .
Es stellt sich daran anknüpfend die Frage, wie und warum solche Gegenöffentlichkeiten in autoritären Staaten wie Tunesien entstehen konnten. Welche Möglichkeiten der freien Meinungsäußerung inner- und außerhalb klassischer Massenmedien gab es im vorrevolutionären Tunesien? Diese Arbeit soll die Rolle von alternativen Medien vor und während der tunesischen Jasmin-Revolution analysieren, um eine Antwort auf die Frage zu wagen, inwiefern partizipative Medienformate im Internet die Demokratiebewegung beeinflusst haben. Welche Leistungen erbringen sie für die Bewegung und welche Effekte haben sie in deren nationalen und internationalen Umfeld?
Als theoretischen Hintergrund werden im ersten Teil wichtige Begriffe geklärt. Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit sind zentrale Konzepte für diese Arbeit. Vor ihrem Hintergrund wird eine Definition von Civic Journalism 2.0 vorgeschlagen. Daran wird sich im zweiten Teil die Einordnung der politischen Verhältnisse und des Mediensystems in Tunesien anschließen. Daraus zeigt sich die Notwendigkeit von alternativen Medien, die es in Tunesien auch vor der Revolution gab. Ihrem Beitrag während der Jasmin-Revolution soll sich im dritten Teil genähert werden - auch am Beispiel des Kollektivblogs nawaat.org, der für seine Verdienste für die Demokratisierung vor kurzem durch Reporter Ohne Grenzen ausgezeichnet wurde (vgl. 2010: o.S).
1 Vgl. exemplarisch den Artikel „Facebook-Revolution in Tunesien“ im FOCUS-Magazin:
http://www.focus.de/magazin/archiv/focussiert-facebook-revolution-in-tunesien_aid_590918.html
[24.08.2011].
2 Vgl. exemplarisch abc News aus den USA: http://abcnews.go.com/WNT/video/twitter-revolution-
tunisia-strongman-ruling-leader-12629386 [24.08.2011].
2 Theoretische Betrachtungen
2.1 Öffentlichkeit als intermediäres Kommunikationssystem
Der Begriff „Öffentlichkeit“ ist ein zentrales Konzept in den Sozialwissenschaften, aber auch in der Alltagswelt. Er weist verschiedenste Facetten auf (vgl. Wimmer 2007: 21-23). Auch in der Kommunikationswissenschaft gibt es mehrere Konzeptionen von Öffentlichkeit, die zum Teil eher normativ aufgeladen, zum Teil eher empirisch ausgerichtet sind. Für diese Arbeit wird eine normative Betrachtung gewählt, da diese Öffentlichkeitsvorstellung ein gutes Analyseraster bietet, um Funktionen und Defizite von Öffentlichkeit zu betrachten (vgl. ebd.: 70). Später wird dies hilfreich sein, um die tunesische massenmediale Öffentlichkeit unter dem ehemaligen Präsidenten Ben Ali zu analysieren, denn ein normatives Öffentlichkeitsverständnis, das aus der Betrachtung der öffentlichen Kommunikation in westlichen Demokratien ent-stand, ist gut als Idealvorstellung für eine kritische Betrachtung von Öffentlichkeit in autoritären Systemen geeignet.
Jürgen Habermas (1962) hat in seinem „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ die bürgerliche Öffentlichkeit beschrieben, die als Raum für einen rationalen Diskurs unter Gleichheit der Teilnehmer, prinzipieller Thematisierbarkeit aller Themen und prinzipieller Unabgeschlossenheit des Publikums funktioniert. In einer „idealen Sprechsituation“ soll die Kraft des besseren Arguments zählen, also das Prinzip der Deliberation gelten, um im Diskurs eine öffentliche Meinung herzustellen, von der alle Teilnehmer des Forums überzeugt sind (vgl. Beck 2007: 100-103).
In Anbetracht einer durch Massenkommunikation hergestellten Öffentlichkeit kritisiert Habermas die „abstrakte und die asymmetrische Struktur [...] der Massenmedien“ (Habermas 2008: 158). Jedoch leitet er daraus nicht per se einen schlechteren Diskurs im demokratietheoretischen Sinne ab. Er differenziert drei Arenen der politischen Kommunikation:
„[D]ie Ebene der » institutionalisierten Diskurse « im Kern des politischen Systems, [...] [von] der Ebene der » mediengestützen Massenkommunikation « mit einem mehr oder weniger passiven Publikum […] wie auch von der Ebene der unter Anwesenden (oder virtuellen Adressaten) stattfindenden » zivilgesellschaftlichen Alltagskommunikation « oder informellen Öffentlichkeiten […]“ (vgl. ebd.: 163f.).
Die politische Öffentlichkeit befindet sich auf der zweiten Ebene zwischen dem politischen Zentrum und der Zivilgesellschaft (vgl. ebd.: 164).
Abb. 1: Arenen der politischen Kommunikation nach Habermas
Quelle: Habermas (2008: 165).
Daraus ergibt es sich für Habermas, dass die politische Öffentlichkeit ein „intermediäres Kommunikationssystem“ ist, deren Funktionen die Herstellung, aber auch Filterung politischer Kommunikation ist und die auf diese Weise staatliche Macht legitimiert (ebd.: 164). Deliberation entstehe dadurch, dass die Filterfunktion hin zum besseren Argument über alle drei Ebenen der politischen Kommunikation stattfindet (vgl. ebd.: 165). Habermas schätzt die massenmedial bestimmte Öffentlichkeit als fähig ein, Fragestellungen, Ant-worten, Informationen und Argumente bei allen Akteuren zu mobilisieren. Diese würden dann im Kommunikationssystem Öffentlichkeit verarbeitet. Input komme dabei sowohl aus dem politischen Zentrum, als auch aus der Zivilgesellschaft (vgl. ebd.: 167). Durch „diesen kommunikativen Kreislauf zwischen Zentrum und Peripherie sollen - als Eigenprodukte der Öffentlichkeit - reflektierteöffentliche Meinungen“ hervorgehen (ebd.: 167; Kursivsetzung im Original).
Die Macht der Zivilgesellschaft liegt in der Interpretationsmöglichkeit der wahrgenommenen sozialen Probleme und daraus resultierender Forderungen. Als weiteres Mittel kann durch diese öffentlichen Meinungen der Staats- führung in Wahlen die Legitimität entzogen werden (vgl. ebd.: 168f.). Diese
Möglichkeit bietet sich jedoch nur in demokratisch verfassten Staaten. So sieht Habermas denn auch Medienpluralismus und -unabhängigkeit als er-forderlich an, damit „das Entstehen einflussreicher öffentlicher Meinungen aus der ungezügelten Dynamik » wilder « Kommunikationsflüsse ermöglicht“ wird (vgl. ebd.: 169f; Kursivsetzung im Original).
2.2 Gegenöffentlichkeit
In autoritären wie auch demokratischen Staaten entstehen unter Umständen Gegenöffentlichkeiten. Einen Erklärungsversuch dafür liefert Neidhardt. Er vermutet, dass es in Momenten, in denen die statistische Bevölkerungsmeinung und die in den Öffentlichkeitsarenen vertretene öffentliche Meinung zu stark voneinander abweichen, zu sozialen Bewegungen kommen kann. Deren Ziel sei es, „selber Zugang zu den Öffentlichkeitsarenen zu gewinnen und die öffentliche Meinung, die Bevölkerungsmeinung sowie politische Entscheidungsprozesse zu ihren Gunsten zu beeinflussen“ (Neidhardt 1994: 8). Den Begriff Gegenöffentlichkeit führt Krotz ein (1998: 653), wenn er seine Definition vorlegt, die in die Richtung Neidhardts geht: „Gegenöffentlichkeit meint eine gegen eine hegemoniale Öffentlichkeit gerichtete Teilöffentlichkeit, die um einen spezifischen gesellschaftlichen Diskurs oder Standpunkt herum strukturiert ist.“ Hier wird der Aspekt einer Gegenthematisierung deutlich. Wimmer kommt zu dem Schluss, dass die Leistung der Gengenthematisierung das wichtigste Kriterium ist, damit von einer Gegenöffentlichkeit gesprochen werden kann (vgl. 2007: 244). Engesser und Wimmer konzipieren Gegenöffentlichkeit auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen. Sie knüpfen damit an das Ebenenmodell der Öffentlichkeit von Gerhards und Neidhardt an. Ähnlich wie Habermas (vgl. 2.1) konzipieren damit unterschiedliche Foren, auf die an dieser Stelle kurz eingegangen wird. Auf der Mikroebene beschreiben sie die Encounters als einfache Interaktionssysteme, die sich zufällig ergeben und flüchtige Begegnungen zwischen Individuen darstellen (vgl. Gerhards/ Neidhardt 1990: 50-52). Auf der Meso-Ebene sehen sie die Themen- und Veranstaltungsöffentlichkeiten (vgl. ebd.: 52-54). Auf der Makro-Ebene, der gesellschaftlichen Ebene ist Öffentlichkeit die massenmediale Kommunikation (vgl. ebd.: 54f.). Zwischen diesen Ebenen gibt es Kommunikationsflüsse, die sicherstellen,
dass auch Bürger und die Zivilgesellschaft in den Massenmedien Gehör finden (vgl. ebd.: 56).
Wie bereits angedeutet übertragen Engesser und Wimmer diese Logik auf das Konstrukt Gegenöffentlichkeit. Auf der Makro-Ebene finden sich demnach alternative Öffentlichkeiten, die versuchen, marginalisierte Positionen im massenmedialen Diskurs unterzubringen, sowie Missstände zu artikulieren. Auf der Meso-Ebene identifizieren sie Bewegungsöffentlichkeiten, die über den organisationalen Zusammenhang von alternativen Gruppierungen entstehen - möglich ist hier auch die interorganisationale Kommunikation. Medienaktivismus des Einzelnen ordnen sie auf der Mikro-Ebene von Gegenöffentlichkeit ein. Alternative Kommunikation schaffe demnach beim Individuum Identität (vgl. zu diesem Abschnitt Engesser/ Wimmer 2009: 46; Wimmer 2007: 235f.).
Es scheint, dass Gegenöffentlichkeit auf der Makro-Ebene untrennbar verbunden ist mit der vorherrschenden Öffentlichkeit und der daraus resultierenden öffentlichen Meinung. Auch Downey und Fenton sehen Gegenöffentlichkeiten „als Herausforderung der dominierenden Öffentlichkeit“ (2003: 193; Übersetzung durch Verfasser). So könnte gerade die Interaktion mit Massenmedien ein Erfolgsfaktor für politische Zielstellungen sein (vgl. ebd.: 193). Gegenöffentlichkeit hat laut Wimmer auch ein Demokratiepotential, da die geäußerten und vermittelten gemeinsamen Erfahrungen eine Identität und Solidarität der Gruppenmitglieder mit sich bringen (2007: 234). Des Weiteren ist als mittelbarer Folgeeffekt denkbar, dass durch die Aufnahme von Positionen aus alternativen Medien in die massenmediale Öffentlichkeit die öffentliche Deliberation aus diskurstheoretischer Sicht bereichert wird.
2.3 Civic Journalism 2.0
Mehrere Autoren sehen bedingt durch das Zeitalter der neuen Medien ein Widererstarken von Gegenöffentlichkeiten. Downey und Fenton betrachten das Internet als einen Raum, in dem politische Gruppen jeglicher Couleur auf kostengünstige Weise Gegenöffentlichkeiten schaffen können, in denen in Massenmedien marginalisierte Positionen artikuliert werden können (vgl. Downey/ Fenton 2003: 198). Auch Habermas sieht in der Internetkommuni- kation „den Wiedereinzug interaktiver und deliberativer Elemente“ für den
Arbeit zitieren:
Enrico Günther, 2011, Civic Journalism 2.0 in Tunesien, München, GRIN Verlag GmbH
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