G ünter Wallraff - Investigativer Journalist oder Boulevard-Reporter? 1
Inhalt
1. Einleitung 2
2. Günter Wallraff - Mensch und Journalist
2.1 Biographie 2
2.2 Methode 3
2.3 Kritik an Wallraff 4
2.4 Wieso geht Günter Wallraff zur Bild-Zeitung? 5
3. Boulevardpresse und Investigativer Journalismus
3.1.1 Einführung in die Boulevardpresse 6
3.1.2 Einführung in den investigativen Journalismus 6
3.2 Einordnung Wallraffs in die Boulevardpresse und den
investigativen Journalismus 7
3.2.1 Recherche 7
3.2.2 Legitimation 8
3.2.3 Wer und was rückt in den Fokus der Berichterstattung? 9
3.2.4 Intention 10
3.3. Gegenüberstellung von Boulevardpresse und Wallraff 11
3.3.1 Sprache 11
3.3.2 Argumentation 11
4. Schlussbetrachtung 12
Literaturverzeichnis 14
1. Einleitung
Einer der wohl bekanntesten, aber auch umstrittensten Journalisten der Nachkriegszeit ist der gebürtige Rheinländer Günter Wallraff. Bekannt, weil niemand vor ihm so hartnäckig Missstände in Betrieben und in der Politik aufdeckte. Umstritten, aufgrund seiner Recherchemethoden und deren Nutzen. Hier soll die Hausarbeit ansetzen; welche Intention verfolgt Günter Wallraff und vor allem, mit welchen Methoden berichtet er von seinen Erfahrungen? Seine Arbeit und sein Wirken polarisiert, der Vorwurf der Nichtigkeit ist stetig präsent. Steckt hinter dem Anspruch des investigativen Journalismus nichts weiter als ein Boulevard-Reporter? Diese Fragestellung soll am Beispiel von Der Aufmacher behandelt werden.
Dabei soll zunächst der Mensch und Journalist Günter Wallraff vorgestellt werden, um anhand der Kritik an seiner Person die Fragestellung zu begründen. Anschließend erfolgt eine Einführung in den die beiden Journalismen, um Wallraff hinsichtlich des Themas der Arbeit einordnen zu können.
2.1 Biographie
Günter Wallraff wird 1942 in Burscheid bei Köln geboren und kommt in seiner Ausbildung erstmals intensiver mit Literatur in Berührung; er lernt den Beruf des Buchhändlers. Dort fällt er bereits durch seine Begabung des Schreibens auf, wobei seine Zeit nach der Ausbildung als Ursprung seiner journalistischen Laufbahn zu betrachten gilt. Mit 21 Jahren muss er den Wehrdienst antreten, sein KDV-Antrag wurde im Voraus abgelehnt. Als bekennender Pazifist verweigert er sich allerdings vor Ort komplett den Anweisungen und lehnt jeden Griff zur
Waffe ab. 1 Für „Krieg und Frieden untauglich“ 2 wird Wallraff in die psychiatrische Abteilung der Bundeswehr verwiesen. Um seine Erfahrungen über sich selbst und seine
betreuenden Ärzte 3 zu verarbeiten, beginnt er ein Tagebuch zu führen. Seine Idee, die Tagebücher nach dem Wehrdienst zu veröffentlichen, verunsichert die Ärzte dermaßen, dass
sie ihn nun von der Wehrpflicht befreien 4 . Diesen Vorgang betrachtet man heute als Auslöser für den uns bekannten Wallraff. Vom zurückgezogenen Jungen hin zum extrovertierten
1 „Wallraff, der sich als überzeugter Pazifist versteht […] verweigerte sich jedoch beharrlich, eine Waffe in die Hand zu nehmen.“ Ina Braun, Günter Wallraff. Leben - Werk - Wirken - Methode, Würzburg 2007.
2 Christian Linder, Günter-Wallraff-Portrait. In: Christian Linder(Hg.), In Sachen Wallraff. Berichte, Analysen, Meinungen und Dokumente, 2., aktual. Aufl., Hamburg 1977, S.106.
3 „Zuerst schrieb er ganz subjektiv auf, was mit ihm geschah, später notierte er auch schon objektiver, was mit den Leuten um ihn herum passierte.“ Ebd., S.105.
4 „Er (der Arzt) ließ sich Auszüge aus meinem Tagebuch zeigen, und dann war ich in sehr kurzer Zeit entlassen.“ Ebd., S.106.
Journalisten, der an seinem eigenen Leib erfährt, welche Kraft es bürgt, Öffentlichkeit herzustellen.
Von nun an geht Wallraff in verschiedenste Betriebe, um „von innen“ zu berichten. Hierbei lässt er sich als normaler Arbeiter von Firmen einstellen und berichtet anschließend in alternativen Zeitschriften wie pardon und konkret. von seinen überwiegend negativen
Erfahrungen. Neben den Industrie-Reportagen 5 und seiner Tätigkeit im Gerling-Konzern 6 , verschafft ihm vor allem sein Protest auf dem Athener Syntagma-Platz 7 gegen das griechische Militärregime große Popularität in Deutschland. Doch mit dem einsetzenden Erfolg entgegnet ihm zunehmend Gegenwind(siehe 2.3). Steckbriefe von Wallraff, die
Betriebe in ihren Räumlichkeiten aushängen, um seine Anwesenheit zu unterbinden 8 und Bespitzlung seiner Person 9 , sind Zeugnis seines umstrittenen Erfolgs. Um in der BILD-Redaktion tätig werden zu können, ist er nun angewiesen, sich einer anderen Person anzunehmen.
Anfang des neuen Jahrtausends geriet Wallraff erneut in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Er wird 2003 beschuldigt, als IM Wagner für die Stasi tätig gewesen zu sein. Wallraff bestreitet diese Vorwürfe. Im darauffolgenden Jahr und 2006 entscheidet das
Oberlandesgericht Hamburg, dass er nicht als IM bezeichnet werden darf. 10
2.2 Methode
Wallraff entfernt sich vom traditionellen, journalistischen Recherchieren, indem er über die theoretische Auseinandersetzung hinaus aktiv eingreift. Dabei agiert er unterschiedlich. Einerseits schlüpft er in Rollen, um ‚von innen‘ zu berichten. Hier kann er zunächst
5 Nach seiner Zeit bei der Bundeswehr arbeitet Wallraff zwischen 1963 und 1965 in verschiedenen Großbetrieben und berichtet in Gewerkschaftszeitschriften(Metall) und den genannten alternativen Zeitungen von seinen Erfahrungen. Gebündelt erscheinen die Reportagen 1970 als die „Industriereportagen“ und verschaffen ihm erstmals Aufmerksamkeit.
6 Als Pförtner schleicht sich Wallraff 1973 in das Versicherungsunternehmen Gerling ein und berichtet von „anachronistische Arbeitsbedingungen, Kündigungswillkür, und Launen der vornehmen Vorgesetzten, denen die 'kleinen Angestellten' in dem patriarchalisch geführten Versicherungsunternehmen ausgeliefert waren.“ In: http://de.wikipedia.org/wiki/Gerling#cite_note-1 (Stand: 30.03.2011)
7 Im Mai 1974 kettet sich Wallraff an einen Laternenmast an und verteilt Flugblätter gegen die griechische Militärdiktatur. Dabei wird er von der griechischen Geheimpolizei zusammengeschlagen und auf 14 Monate Haft verurteilt. Während die deutsche Presse seinen Protest eher kritisch beurteilt, erlangt Wallraff vor allem im Ausland große Sympathien.
8 „Aufgrund der kursierenden `Wallraff-Steckbriefe´ war es Wallraff kaum noch möglich, mit normalen journalistischen Mitteln den Dingen hinter der Fassade der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Politik auf den Grund zu gehen.“ In: Braun, Günter Wallraff, S.26.
9 Vgl. Christian Linder, Günter-Wallraff-Portrait. In: Christian Linder(Hg.), In Sachen Wallraff, S.110.
10 Allerdings streitet er den Kontakt zur Stasi nicht ab. Mittels Heinz Gundlach(IM Friedhelm) erlangte Wallraff Informationen über derzeitige Beschäftigungen von ehemaligen NS-Tätern. Vgl. Braun, Günter Wallraff, S.52f.
unbekannt in verschiedenen Firmen tätig werden. Später greift er auf falsche Identitäten zurück, um seine Methode, hinter den Kulissen tätig zu werden, zu wahren. Andererseits spricht Braun von der Methode des Aktionsjournalismus, die Wallraff u.a. in Athen anwendet. Er verarbeitet dabei „keine vorgefundenen Sachverhalte, sondern [schafft] diese bewusst durch ‚produktive Provokation‘ eines Systems, dessen Unzulänglichkeiten er entlarven
[will].“ 11
Seine Intention ist trivial. Er möchte über Missstände berichten, die von außen nicht sichtbar sind und von den Mitarbeitern in den Betrieben gebilligt werden. Durch die verschaffte Öffentlichkeit, will er zum Handeln anregen.
Nachdem er seine ersten Erlebnisse in Form von Reportagen veröffentlichte und die Kritik der Einseitigkeit entfachte, ergänzte er seine Erfahrungen zunehmend mit Berichten der Gegenseite(z.B. Firmenbriefe). Letzteres trifft auch bei Der Aufmacher zu, man spricht von
einer dokumentarischen Collage. 12
2.3 Kritik an Wallraff
Günter Wallraff liegt in zweierlei Hinsicht Konfliktpotential zugrunde. Zum einen beginnt seine Schaffensphase nicht einmal 20 Jahre nach der Gründung der demokratischen BRD. Im Gegensatz zu vielen seiner Landsleute ist er ein überzeugter Demokrat und beruft sich wiederholt auf diesen Anspruch. Vor allem am Höhepunkt seiner Karriere, mitten im Deutschen Herbst, wird das Land und das demokratische System einer starken Belastung ausgesetzt. Während Wallraff damit argumentiert, Betriebsgeheimnisse zu veröffentlichen, um demokratische Missstände aufzudecken und aufgrund seiner
gegenwärtigen Bekanntheit genötigt ist, Urkunden zu fälschen 13 , um weiter im Sinne der Demokratie tätig zu werden, wird diese Arbeitsweise vor allem von der politisch Rechten scharf kritisiert. Darüber hinaus distanziert sich das Institut der deutschen Wirtschaft von Wallraff, dessen Arbeiten „letztlich zur Überwindung des gesellschaftlichen Systems führen
soll[en].“ 14
Zum anderen ist Wallraff, überwiegend von der politischen Linken, der Kritik seiner Wirkung als Journalist ausgesetzt. Doch diese greift Wallraff teilweise auf, weshalb primär seine ersten Veröffentlichungen der einseitigen Recherche verurteilt werden. Seiner eigenen Sicht des
11 Braun, Günter Wallraff, S.59.
12 Vgl. Braun, Günter Wallraff, S.56ff.
13 Vgl. Günter Wallraff, Rede vor dem Kölner Amtsgericht am 10.12.1975. In: Linder(Hg.), In Sachen Wallraff. Berichte, Analysen, Meinungen und Dokumente, S.65ff.
14 Braun, Günter Wallraff, S.84.
Arbeit zitieren:
Christoph Groß, 2011, Günter Wallraff – Investigativer Journalist oder Boulevard-Reporter?, München, GRIN Verlag GmbH
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