BA-Arbeit
Analyse der Synchronisation des Films
,,Bienvenu chez les Ch'tis" unter
Berücksichtigung der Varietäten
Bachelor Übersetzungswissenschaft
am Seminar für Übersetzen und Dolmetschen
der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
vorgelegt von
Lisa Buchbinder
Heidelberg, August 2009
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Ziele der Arbeit ... 3
2 Definition des Begriffs Synchronisation... 5
3 Synchronisation in Deutschland: früher und heute ... 5
4 Synchronisationsprozess ... 6
5 Allgemeine Merkmale der Synchronisation ... 8
5.1 Lippensynchronität ... 8
5.1.1 Qualitative Lippensynchronität... 8
5.1.2 Quantitative Lippensynchronität ... 9
5.2 Paralinguistische Synchronität ... 9
6 Linguistische Aspekte der Synchronisation ...9
6.1 Die Standardsprache ... 10
6.2 Der Varietätenraum ... 11
6.2.1 Diatopik ... 12
6.2.2 Diastratik ... 13
6.2.3 Diaphasik ... 13
6.3 Die Einordnung des Chti im Varietätenraum Frankreich ... 14
6.3.1 Syntopische Einordnung ... 14
6.3.2 Synstratische Einordnung ... 18
6.3.3 Symphasische Einordnung ... 19
6.4 Der Varietätenraum in Deutschland ... 22
7 Filmübersetzung als kultureller Transfer... 23
7.1 Realien ... 23
7.2 Toponyme ... 24
7.3 Nachnamen ... 24
8 Synchronisationsanalyse des Films Bienvenue chez les Ch'tis ... 25
8.1 Analyse der synchrontechnischen Ebene ... 25
8.1.1 Lippensynchronität ... 25
8.1.2 Paralinguistische Synchronität ... 27
9 Analyse der Übersetzung des Films Bienvenue chez les Ch'tis ... 27
9.1 Inhalt des Films ... 28
9.2 Die Rolle der Standardsprache ... 28
9.3 Übertragung der Diatopik ... 30
9.4 Übertragung der Diastratik ... 33
9.5 Übertragung der Diaphasik ... 35
9.6 Übertragung der kulturspezifischen Elemente ... 41
9.6.1 Realien ... 42
9.6.2 Toponyme ... 44
9.6.3 Nachnamen ... 45
10 Schlussbemerkung ... 46
11 Bibliographie ...48
1
Einleitung und Ziele der Arbeit
,,Quand y a un étranger qui vient vivre dans ch'Nord, il brait deux fois: quand il arrive
et quand il repart" (Bienvenue chez les Ch'tis, Bobine 3, N° S/T 326f.). Diese Redewendung
aus dem französischen Film Bienvenue chez les Ch'tis des Regisseurs und Hauptdarstellers
Dany Boon weist auf die Besonderheiten der Kultur und der Sprache der Chtis hin und gibt
eine erste Vorstellung von den eventuell auftretenden Problemen, die bei der Übersetzung des
Films auftreten können.
1
Was bedeutet braire? Warum ch'Nord? Und was geschieht mit
einem Fremden, wenn er im Norden ankommt und wenn er wieder geht? Diese Fragen stellten
sich nicht nur die Übersetzerin Tanja Frank und die Synchronregisseurin Beate Klöckner,
sondern auch Franzosen, denn das Chti versteht selbst das übrige Frankreich kaum. Darüber
hinaus werden die nördlichste Region Frankreichs, der Nord-Pas-de-Calais, und seine
Bewohner, die Chtis, in Frankreich kaum wahrgenommen. Doch seit dem bahnbrechenden
Erfolg der herzlichen Parodie auf die Sprache und die Kultur der Chtis, der sogar mehr
Zuschauer in die französischen Kinos lockte, als der bis dahin erfolgreichste französische
Film La grande vadrouille (1966) mit Louis de Funès und der weltweit erfolgreichste Film
Titanic (1998), erlebt der Norden einen wahren Aufschwung. Die Touristenzahlen stiegen
schlagartig und die Region und ihre Bewohner werden auf einmal als sympathisch und
herzlich empfunden.
2
An dieser Stelle kommen wir auf das Zitat vom Anfang zurück. Was heißt das nun?
'Lässt sich ein Fremder im Norden nieder, weint er zwei mal: wenn er ankommt und wenn er
wieder geht.' Ein Franzose, der womöglich aus Südfrankreich stammt und in die Region
Nord-Pas-de-Calais zieht, wird auf den ersten Blick den Eindruck haben, alles dort sei rau:
das Klima, die Menschen, die Sprache. Lebt er sich jedoch ein, akzeptiert das Wetter, genießt
den Wind beim Volkssport Strandsegeln, lernt die herzlichen und gastfreundlichen Bewohner
kennen und gewöhnt sich an den Charme der Sprache, so möchte er eigentlich nicht mehr
gehen, denn er merkt: der Norden ist alles andere als rau.
Für die Übersetzerin Tanja Frank und die Synchronregisseurin Beate Klöckner bestand
nun die Schwierigkeit, diese Aspekte im Deutschen zu vermitteln. Allen voran war die
Übertragung der Lautung und des Wortschatzes des Chti und die sich daraus ergebenden
Sprachspiele und Missverständnisse die schwierigste Hürde, die es zu überwinden galt. Doch
auch die Übertragung der assoziativen Bedeutungen der Sprache und der Konnotationen der
1
Vgl. Boon (2008) Bienvenue chez les Ch'tis. DVD.
2
Vgl. PDF 2, (5f.)
3
kulturspezifischen Elemente stellten eine Herausforderung bei der Übersetzung des Films dar.
Und letztendlich musste die Übersetzung noch den Anforderungen der technischen Vorgaben
der Synchronisation genügen.
Das Ziel dieser Arbeit besteht darin herauszufinden, ob und in wieweit die deutsche
Synchronfassung Willkommen bei den Sch'tis dem französischen Original hinsichtlich
Sprache, Lippensynchronität und Übertragung der kulturspezifischen Elemente gerecht wird.
Um dies herauszufinden, werden in einem theoretischen Teil die Filmsynchronisation
allgemein charakterisiert und die synchrontechnischen Probleme der Lippensynchronität
aufgezeigt. Anschließend wird der Varietätenraum nach Coseriu explizit dargestellt, um das
Chti in das Diasystem der Varietäten einzuordnen. Daraufhin werden die im Film erwähnten
kulturspezifischen Besonderheiten analysiert. Diese theoretischen Grundlagen dienen dem
anschließenden Vergleich des französischen Originals mit der deutschen Synchronfassung
hinsichtlich der Lippensynchronität und der besonderen Merkmale der Sprache und der Kultur
der Chtis. Der Vergleich soll die Vorgehensweise beim Übersetzen herausstellen und
aufzeigen, ob die Übersetzung dem französischen Original Rechnung tragen kann.
4
2
Definition des Begriffs Synchronisation
Der Begriff Synchronisation ist abgeleitet von dem griechischen Wort 'synchron', das
sich aus s n 'zugleich' und chrónos, 'Zeit' zusammensetzt.
3
Im Duden wird die
Synchronisation folgendermaßen definiert:
,,1.(bes. Film) a) Bild u. Ton in zeitliche Übereinstimmung bringen; b) zu den Bildern eines
fremdsprachigen Films, Fernsehspiels die entsprechenden Worte der eigenen Sprache sprechen,
die so aufgenommen werden, dass die Lippenbewegungen der Schauspieler (im Film) in etwa mit
den gesprochenen Worten übereinstimmen: einen Film s.; die synchronisierte Fassung eines
Films." (Internetquelle 2 Duden (2009) Deutsches Universalwörterbuch, Online)
Diese Definition zeigt, dass es sich bei der Synchronisation um einen technischen
Prozess handelt. Sie verweist auf die Notwendigkeit der Lippensynchronität (siehe Punkt 5.1),
ohne jedoch näher auf andere Kriterien der Synchronisation einzugehen. Die eigentliche
Arbeit der Übersetzung, die hinter dem Prozess der Synchronisation steht und ohne die eine
Synchronisation gar nicht erst möglich wäre, wird nicht erwähnt. Die anschließenden
Erläuterungen
zur
Synchronisation
dienen
dem
anstehenden
Vergleich
auf
synchrontechnischer Ebene (siehe Punkt 8) der französischen Originalfassung des Films
Bienvenue chez les Ch'tis mit seiner deutschen Synchronisation Willkommen bei den Sch'tis.
3
Synchronisation in Deutschland: früher und heute
Um zu verstehen, wieso Deutschland heute neben Frankreich, Italien, Spanien und den
spanischsprachigen Ländern Lateinamerikas zu den typischen Synchronisationsländern zählt,
ist es hilfreich, einen Blick auf die Geschichte der Synchronisation zu werfen.
4
Wesentlich für die Entwicklung der Synchronisation war der Übergang vom
Stummfilm zum Tonfilm am Anfang des 20. Jahrhunderts.
5
Der Tonfilm hatte anfangs einen
schweren Stand bei Produzenten und Publikum, da er ausschließlich in der Originalsprache
gezeigt wurde. Es gab mehrere Verfahren zur Überwindung der Sprachbarriere, etabliert
haben sich aber in Deutschland seit den 30er Jahren nur die Untertitelung und die
Synchronisation. In der Nachkriegszeit wurden Filme als Umerziehungsmittel verwendet und
3
Vgl. Internetquelle 2 - Duden (2009) - Deutsches Universalwörterbuch, Online
4
Vgl. Schreiber (2006: 52f.)
5
Vgl. Pruys (2007: 30)
5
dementsprechend wurden viele Filme synchronisiert.
6
Die Beachtung der Lippensynchronität
spielte schon zu dieser Zeit eine Rolle. Die Übertragung kulturspezifischer Elemente wurde,
im Gegensatz zu heute, nicht angestrebt, sondern alles wurde eingedeutscht.
7
Zu diesem
Zwecke konnte nur die Synchronisation verwendet werden. Seit den 60er Jahren ist die
kostengünstigere Untertitelung, bei der der Zuschauer den Originalton hört und eine ein- bis
zweizeilige Übersetzung auf der Leinwand liest, weniger beliebt. Selten sieht man auch voice
over Fassungen, bei der die Übersetzung von ein oder zwei Sprechern vorgelesen wird und
der Originalton noch leise im Hintergrund zu hören ist. Diese Übertragungsart findet sich in
Deutschland z.B. in Interviews. Zu den seltenen Übertragungsarten gehört auch die
Simultanverdolmetschung, bei der ein Dolmetscher einen Film, der nur einmal gezeigt wird
und den er bereits gesehen hat, simultan verdolmetscht.
8
Im vorliegenden Fall soll nur auf die Synchronisation des Films Bienvenue chez les
Ch'tis eingegangen werden.
4
Synchronisationsprozess
An dieser Stelle sind einige Vorabbemerkungen angebracht, die den Prozess der
Synchronisation in Deutschland und die damit verbundenen Bearbeitungsphasen des
Originaldialogtextes näher erklären. Denn gerade der Prozess der Synchronisation hat einen
erheblichen Einfluss auf die Rohübersetzung und damit auf die endgültige Sendeversion.
9
Der Übersetzungsprozess ist hierzulande üblicherweise zweigeteilt. Zunächst wird bei
der intralingualen Adaption auf der Basis der Originaldialogliste eine Rohübersetzung
erstellt.
10
Dem Rohübersetzer liegt hierbei als Arbeitsgrundlage in der Regel nur eine
continuity, d.h. die fremdsprachige Dialogliste und nicht der Film vor. Folglich muss er
gesprochene Sprache auf der Basis geschriebener Sprache umsetzen, wobei ihm zusätzlich -
ohne den Film als Übersetzungsgrundlage - wichtige Informationen über sprachliche und
paralinguistische Elemente, wie Mimik und Gestik, die in der continuity nur selten erwähnt
werden, vorenthalten werden.
11
Darüber hinaus sind die Veränderungen, die während der
Dreharbeiten vorgenommen wurden, nicht in der continuity enthalten.
12
Durch die
6
Vgl. Pruys (2007: 157)
7
Vgl. Müller (1982: 26)
8
Vgl. Döring (2006: 20ff.), Pruys (2007: 77)
9
Ich stütze mich auf die von Herbst (1994) verwendete Terminologie zur Synchronisation.
10
Vgl. Hesse-Quack (1967: 98), Herbst (1994: 13)
11
Vgl. Herbst (1994: 198f.)
12
Vgl. ibd. (16)
6
Zweiteilung des Übersetzungsprozesses in Rohübersetzung und Synchronübersetzung und
aufgrund der Tatsache, dass sich der Rohübersetzer hauptsächlich nur an den continuities
orientieren kann, entstehen sehr wörtliche und in einigen Fällen sogar Wort-für-Wort-
Übersetzungen, die häufig gegen die Äquivalenzkriterien verstoßen und zu
Übersetzungsfehlern führen, die sich schließlich negativ auf den endgültigen Synchrontext
auswirken können.
13
Da die Synchronisation eine Sonderform des Übersetzens darstellt, muss
eine gute Übersetzung nicht in jeder Hinsicht die Kriterien der Äquivalenz erfüllen, sondern
auch anderen Anforderungen wie der Synchronität genügen.
14
Es ist evident, dass
Rohübersetzer, aus Mangel an für die Übersetzung wichtigen Materials, dem nicht gerecht
werden und keine qualitativ gute Arbeit liefern können. Von ihnen wird daher lediglich eine
möglichst wortgetreue Rohübersetzung verlangt, die dem Synchronübersetzer als Basis für
den zweiten Teil des Übersetzungsprozesses, der Synchronübersetzung, dient.
Bei dieser intralingualen Adaption arbeitet der Synchronübersetzer unter Einbeziehung
des Filmmaterials die Rohübersetzung gemäß den Erfordernissen der Synchronisation und der
Lippensynchronität in Dialogtexte um und erstellt die Synchronübersetzung, die anschließend
den Synchronsprechern in Form eines Synchronbuchs vorliegt.
15
Das Synchronbuch
wiederum ist die Grundlage für die Aufnahme der einzelnen takes. Diese sind kleine
Filmabschnitte, die ungefähr zwei oder drei Sätze umfassen.
16
Spielfilme werden in ca. 300
bis 400 takes zerlegt und in zwei bis fünf Meter lange Schleifen zusammengeklebt, die dann
im Synchronstudio wiederholt abgespielt werden können.
17
Die 10 bis 25 Sekunden langen
takes werden den Synchronsprechern vorgeführt, die den Text synchron zum Film sprechen.
Zur Kosteneinsparung werden die takes meist nicht in chronologischer Reihenfolge
aufgenommen.
18
Während der Aufnahme im Synchronstudio kann der Synchronregisseur
noch weitere Veränderungen an der Synchronübersetzung vornehmen, um beispielsweise der
Lippensynchronität (siehe Punkt 5) und der Bedeutungsäquivalenz gerecht zu werden, den
Sprechstil der Figuren anzugleichen und die Lautqualität zu sichern.
19
Die Endversion, also
der übersetzte Film, heißt laut Herbst Sendeversion.
20
13
Vgl. ibd. (201, 216)
14
Vgl. ibd. (221)
15
Vgl. ibd. (16, 205), Hesse-Quack (1967: 98)
16
Vgl. Herbst (1994: 13)
17
Vgl. Pruys (1997: 89)
18
Vgl. Reinart (2004: 108)
19
Vgl. Herbst (1994: 16, 208), Hesse-Quack (1967: 98)
20
Vgl. (1994: 16)
7
5
Allgemeine Merkmale der Synchronisation
Im Synchronstudio wird die Sendeversion der übersetzten Texte von
Synchronsprechern oder Schauspielern aufgenommen und in das Videosignal gemischt.
Abhängig von Land und Synchronstudio geht dieser Prozess unterschiedlich vonstatten. Die
davon unabhängigen Parameter Lippensynchronität und paralinguistische Synchronität sollen
im Folgenden konkretisiert werden.
21
5.1
Lippensynchronität
Ziel der Synchronisation eines Films ist es, eine möglichst genaue Lippensynchronität
zu erreichen, um beim Zuschauer die Illusion zu wahren, er würde ein Original sehen. Dabei
ist festzuhalten, dass Lippensynchronität nur in bestimmen Fällen angestrebt werden muss,
was im Folgenden erläutert werden soll.
5.1.1
Qualitative Lippensynchronität
Qualitative Lippensynchronität ist gegeben, wenn ,,die Artikulation bestimmter Laute
[...] des Originalfilms im Synchrontext Entsprechungen" (Herbst 1994: 32) hat. Es müssen
demnach die Lippen- und Kieferbewegungen zum Synchrontext passen. Die zeitliche Dauer
ist hierbei vorerst nicht entscheidend. Die qualitative Lippensynchronität ist in so genannten
Off-Passagen, in denen der Sprecher nicht im Bild oder nur von hinten zu sehen ist,
unerheblich. In On-Passagen dagegen ist die qualitative Lippensynchronität jedoch
maßgeblich, wenn der Sprecher in Großaufnahme gezeigt wird und die Kiefer-und
Lippenbewegungen deutlich zu sehen sind. Ist der Sprecher nur von der Seite zu sehen oder
kann man nur erkennen, dass Lippen bewegt werden, muss nur die quantitative
Lippensynchronität (siehe Punkt 5.1.2) beachtet werden.
Die Lippensynchronität ist also nur
in bestimmten Passagen von Bedeutung, deren Zahl von Film zu Film variiert.
22
5.1.2
Quantitative Lippensynchronität
Abweichungen bei der quantitativen Lippensynchronität sind häufig auffälliger.
Deshalb ist in On-Passagen zu beachten, dass der Synchrontext zeitgleich mit Beginn und
Ende der Lippenbewegung anfängt bzw. endet. Da die Länge von Originalton und
Synchronton in den meisten Fällen nicht übereinstimmen, werden Passagen, in denen der
21
Vgl. Cedeño Rojas (2007: 94)
22
Vgl. Herbst (1994: 29f.)
8
Sprecher nicht bzw. nur von hinten zu sehen ist oder Sprechpausen genutzt, um Spielraum bei
der Synchronisation zu schaffen.
23
Zudem hängt die Sprechgeschwindigkeit mit der
quantitativen Lippensynchronität zusammen. Hierbei sind auch kulturell bedingte
Besonderheiten zu beachten, wie z.B. dass im Deutschen zu langsames Sprechen mit
Gelassenheit oder Desinteresse in Verbindung gebracht werden kann, wohingegen zu
schnelles Sprechen Eile ausdrückt.
24
5.2
Paralinguistische Synchronität
Die qualitative Lippensynchronität hängt vor allem mit der Gestensynchronität, einem
Typ der paralinguistischen Synchronität, zusammen. Hierzu gehören alle kinetischen
Elemente einer Äußerung, die mit der gesprochenen Sprache in Verbindung stehen. Zu ihnen
zählen Kopf- und Handbewegungen oder z.B. das Hochziehen der Augenbrauen. Gesten
fallen in der Regel mit einer betonten Silbe zusammen, denn es ist kaum möglich eine Silbe
zu betonen, ohne die Augenbrauen hochzuziehen. Dementsprechend hat dies Einfluss auf den
Grad der Mundöffnung und die Ausgeprägtheit der Lippenbewegung. Bei der Synchronisation
soll diese paralinguistische Synchronität möglichst beibehalten werden, damit die Geste in der
Zielsprache ebenso motiviert ist, wie im Originalfilm.
25
Nach der Beschreibung der technischen Vorgaben der Synchronisation wird im
folgenden Abschnitt auf die sprachlichen Aspekte eingegangen.
6
Linguistische Aspekte der Synchronisation
Im Allgemeinen wird fast ausnahmslos in die Standardsprache synchronisiert.
26
Die
Synchronisation des Films Bienvenue chez les Ch'tis stellt somit also eine Ausnahme dar. In
der französischen Originalfassung wird Sprache thematisiert und es wird mit den
Besonderheiten des nordfranzösischen parler Chti gespielt, der im Deutschen durch eine
,,künstlich geschaffene [...] Sprache" (Internetquelle 2 Duden (2009)
Deutsches
Universalwörterbuch, Online), einer so genannten Kunstsprache oder auch Kunstdialekt zum
Ausdruck kommt.
Im Folgenden wird die Standardsprache allgemein und im speziellen in Bezug auf die
historische Sprache Französisch beschrieben. Um das parler Chti zu charakterisieren, wird
23
Vgl. ibd. (33f.)
24
Vgl. ibd. (35, 38)
25
Vgl. ibd. (50ff.)
26
Vgl. Herbst (1994: 89)
9
das Varietätensystem nach Coseriu erläutert und das Chti in dieses Diasystem der Varietäten
eingeordnet, wobei die Theorie und Terminologie Coserius und der Autoren, die seine
Theorie weiterverfolgen, als Grundlage dienen.
27
6.1
Die Standardsprache
Coseriu definiert die Standardsprache als exemplarische Sprache, die sich aus der
Gemeinsprache, die entsteht, wenn ein Dialekt, über die ganze Gemeinschaft erhoben wird,
herausgebildet hat. Die Standardsprache entsteht durch die Normierung der Gemeinsprache
und gilt für die gesamte Gemeinschaft einer Sprache.
28
Sie wird auch als Hochsprache
bezeichnet und zeichnet sich durch ihre Überregionalität und überdachende Funktion aus. Die
ihr zugrunde liegende Gemeinsprache dient als überregionale Verkehrssprache und ihre
Beherrschung ist Voraussetzung für den sozialen Aufstieg.
29
Schreiber konstatiert, dass die
offizielle, präskriptive Norm, auf der die Standardsprache basiert, sich bereits als
ausreichendes Kriterium zu ihrer Charakterisierung erweist.
30
Coseriu hingegen differenziert
nicht zwischen präskriptiver und deskriptiver Norm. Der Normbegriff beinhaltet bei ihm
vielmehr ,,all das, was in der einen oder anderen funktionellen Sprache entsprechenden Rede
traditionell, allgemein und beständig, wenn auch nicht notwendig funktionell ist, nämlich
alles, was man 'so und nicht anders' sagt" (Coseriu 1992: 297). Demnach ist, laut Coseriu, die
Norm die normale Realisierung einer Sprachform in Abgrenzung zur Rede und zum System.
Alles, was unterhalb der Norm liegt, wird als Substandard bezeichnet.
31
Die französische Standardsprache ist durch einen Normierungsprozess entstanden, bei
dem die Varietät der Île-de-France, das Franzische, ein primärer Dialekt neben anderen
primären Dialekten, wie dem Picardischen, Normannischen etc., zur Gemeinsprache erhoben
wurde und die anderen Varietäten überdachte. Dieser Prozess geht bereits auf das Mittelalter
zurück, wurde aber erst im Jahr 1634 durch die Academie française institutionalisiert. Sie ist
für die Festlegung der Standardsprache, dem so genannten bon usage verantwortlich, der zum
Leitbild für den korrekten Sprachgebrauch wurde und somit die Zurückdrängung der primären
Dialekte vom Zentrum in die äußeren Bereiche Frankreichs bewirkte, wo sie auch heute nur
noch in den äußersten Randgebieten gesprochen werden. Das Standardfranzösische wird in
27
Vgl. Coseriu (1992: 266-302), Coseriu (1988a: 15-43), Coseriu (1988b: 45-61); die Autoren, die
Coserius Ansatz weiterverfolgen sind Müller (1985), Koch/Oesterreicher (1990), Schreiber (1999), Sokol
(2001)
28
Vgl. Coseriu (1988: 142f.)
29
Vgl. Ossenkop (2008: 72), Müller (1995: 153), Bußmann (2008: 680)
30
Vgl. Schreiber (1999: 77)
31
Vgl. Schreiber (1999: 80)
10
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