Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Schulbesuch in Wien und Umgebung S. 22
Abbildung 2: Allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal-, Haupt- und Trivialschulen in sämmtlichen Kaiserl. Königl. Erbländern S. 22
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1. Einleitung
Das 18. Jahrhundert kann laut Rudolf Vierhaus als klassisches „Schwellenjahrhundert“ 2 bezeichnet werden, denn der Weg führte aus der Frühen Neuzeit hinein in die moderne Welt. In dieser Zeit kam es zu einem entscheidenden politischen sowie gesellschaftlichen Strukturwandel, der in weiterer Folge den modernen Staat entstehen ließ.
In Österreich setzte die Epoche des aufgeklärten Absolutismus mit Maria Theresia 3 ein. Die Kaiserin setzte sich behutsam für zahlreiche Reformen ein. Eine der bekanntesten davon ist die „Allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal-, Haupt- und Trivialschulen in sämmtlichen Kaiserl. Königl. Erbländern“ vom 6. Dezember 1774.
Die vorliegende Hausarbeit beleuchtet die Bildungsreform des niederen Schulwesens in Österreich näher. Als Hauptprinzipien der „Allgemeinen Schulordnung“ galten die Verstaatlichung sowie die Säkularisierung des Schulwesens. Die Schule sollte in erster Linie einen Nutzen für den Staat bringen. Gut ausgebildetes Personal wurde für den Verwaltungsapparat des Staates, sowie für die Wirtschaft benötigt. Inwieweit konnte aber der absolutistische Staat Österreich seine normativen Bildungspläne bis auf die ländliche, minderprivilegierte Bevölkerung ausdehnen? Wie weit sollte die Beschulung durch die Obrigkeit auf das „gemeinen Volkes“ überhaupt gehen?
Am Anfang der Hausarbeit wird geklärt, unter welchen Voraussetzungen die „Allgemeine Schulordnung“ eingeführt werden konnte. Die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen müssen hier berücksichtigt werden.
Desweiteren werden das niedere Schulwesen vor dem Jahre 1774, sowie die ersten Versuche einer Bildungsreform dargestellt. Die Frage nach dem katholischen Bil-dungsrückstand, sowie die Auflösung des Jesuitenordens werden hier ebenfalls be-handelt.
1 Vgl. SCHMID, Karl Adolf; PALMER, Christian; WILDERMUTH, Johann David: Encyklopädie
des gesammten Erziehungs- und Unterrichtswesens, Band 2, Stuttgart 1860, S. 349
2 OSTERHAMMEL, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts,
München 2011, S. 104
3 Maria Theresia regierte die Monarchie Österreich von 1740 bis zu ihrem Tod 1780, vgl. HERRE,
Franz: Maria Theresia, Die Große Habsburgerin, Köln 1994, S. 355f.
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Der Kern der Hausarbeit liegt in der Darstellung der „Allgemeinen Schulordnung“. Die wesentlichen Inhalte und Neuerungen der Theresianischen Schulreform werden ebenso wiedergegeben, wie die Maßnahmen zur Verwirklichung der Bildungsreform. Weitere wichtige Fragen werden geklärt, beispielsweise wie die Lehrmethoden und die Lehrinhalte unter dem Aspekt der Sozialdisziplinierung aussahen. Welchen Einfluss hatte der Staat auf die tatsächlichen Schulverhältnisse und die Errichtung sowie den Ausbau der niederen Schulen? Wie wurden die Lehrpersonen damals ausgebildet? Besserte sich die soziale Stellung des Lehrers und dessen Entlohnung nach der Ein- führungder „Allgemeinen Schulordnung“? Hießen die Eltern und Erziehungsberechtigten, vor allem jene der niederen Schichten, die Bildung „von oben“ gut oder verwehrten sie sich dagegen?
Als Abschluss folgt ein Resümee der Fortschritte und Hindernisse der „Allgemeinen Schulordnung“.
2. Das niedere Schulwesen in der Monarchie Österreich vor 1774
Der Begriff Schule wird abgeleitet vom althochdeutschen Wort „scuola“ und vom lateinischen „schola“. Es bedeutet so viel wie Unterrichtsstätte, Muße oder Ruhe. Das griechische Pendant dazu lautet σχολή „scholē“, was das Innehalten bei der Arbeit ausdrückt. Schule bezeichnet ein oder mehrere Gebäude, in denen unterschiedliche Menschen, meist aber Kinder und Jugendliche, sich treffen um zu lernen, wie man am Leben in der Gesellschaft teilnimmt. Träger der Institution ist die Kirche oder der Staat. Die Schule behauptet für sich selbst ein Platz der Bildung, der Aufklärung und der Emanzipation zu sein. 4
Im 17. und bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts waren die Habsburger in zahlreiche Kriege verwickelt, die viele Opfer forderten und enorm hohe Kosten verursachten. 5 Die Bevölkerung verarmte zusehends und die geistliche Obrigkeit, die die Schulkosten zu dieser Zeit weitgehend alleine trug, verfügte nur noch über bescheidene Ressourcen. 6 Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts war der Bildungsstand der Unterschicht und zum Teil auch jener der Mittelschicht ungenügend. Das Netz der „Deutschen
4 Vgl. Brockhaus Enzyklopädie, Bd. 19, Rut - Sch, Mannheim 1992, S. 548f.
5 Der 30jährige Krieg, der Spanische Erbfolge Krieg, der Russisch-Türkische Krieg, sowie die drei
Schlesischen Kriege, u.a.
6 Vgl. BOYER, Ludwig: Annäherung an die Schulwirklichkeit zur Zeit Maria Theresias, Wien
2006, S. 13
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Schulen“ war aber schon einigermaßen dicht. Es gab sie nicht nur in den Städten, sondern in fast jeder Pfarre auf dem Land und oft auch bei Filialkirchen. 7
Das Schulwesen war insgesamt desolat. Es fehlte an geeignetem Lehrerpersonal, da das Gehalt sehr gering und der Beruf nicht angesehen war. Als Schulmeister alleine konnte man meist nicht Leben, so übernahm der Lehrer oft auch den Orgel- und Mesnerdienst. Zusätzlich zum geringen Gehalt, wurde die Lehrperson in Naturalien wie Brennholz, Mehl, Schmalz, Fleisch, etc. entlohnt. Meist wurde ihm auch eine Unterkunft zur Verfügung gestellt. 8 Durch die schlechte Besoldung wandten sich fast nur Männer der unteren Schicht dem Lehrberuf zu. 9
Vor der „Allgemeinen Schulreform“ gab es keine einheitliche Methode, die als Lehrart vorgeschrieben war. 10 Die Schulmeister unterrichteten nach eigenem Gutdünken. Der Unterricht wurde wie im Mittelalter vorwiegend als Einzelunterricht organisiert. Der Lehrer gab jedem Kind ein bestimmtes Lernpensum auf. Den Stoff musste sich der Schüler dabei selbst aneignen. Einige Zeit später wurde das Kind zum Lehrmeister beordert und dieser überprüfte den Stoff. Teilweise wurde auch von Stock und Rute Gebrauch gemacht. 11
Johann Ignaz von Felbiger beschrieb die Situation wie folgt:
„In den Schulen ist bishero gebräuchlich gewesen ein Kind nach dem andern zu unterrichten, oder
wie die Schulmeister sich ausdrücken, aufsagen zu lassen, während der Zeit plauderten, lachten,
lärmten, oder näckten sich wenigstens die übrigen, und unterbrachen folglich so wohl die
Aufmerksamkeit des Kindes, als des Lehrmeisters.“ 12
Bis zur „Allgemeinen Schulreform“ gab es keine einheitlichen Bücher für den Unterricht. Der Katechismus von Petrus Canisius und Gesangbücher 13 waren oft die einzigen Schulbücher. 14 Die Schüler wurden zudem aufgefordert, ein beliebiges Buch in die Schule zu bringen, um daraus lesen zu lernen. Meistens stammten diese Bücher aus der Erbauungsliteratur. Schulbücher gab es nur in geringer Anzahl und sie waren
7 Vgl. ENGELBRECHT, Helmut: Geschichte des österreichischen Bildungswesens, Band 3, Von
der frühen Aufklärung bis zum Vormärz, Wien 1984, S. 21
8 Vgl. BOYER, Annäherung an die Schulwirklichkeit, S. 23
9 Vgl. ebd., S. 18 und S. 28
10 Vgl. ebd., S. 38f.
11 Vgl. ebd., S. 39
12 Ebd., S. 40
13 Vgl. NEUGEBAUER, Wolfgang: Niedere Schulen und Realschulen, In: Handbuch der
deutschen Bildungsgeschichte, Band II, 18. Jahrhundert, Vom späten 17. Jahrhundert bis zur
Neuordnung Deutschlands um 1800, Hg.: HAMMERSTEIN/HERRMANN, München 2005, S. 231
14 Vgl. BOYER, Annäherung an die Schulwirklichkeit, S. 48
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teuer. Die Schulmeister schrieben auch selbst Unterrichtsblätter und verkauften sie an die Kinder. 15
Der Zustand der Schulen und der Unterrichtsräume befand sich ebenfalls in einem schlechten Zustand. Teilweise gab es keine Schulstube und so wurde im Wohnraum des Schulmeisters unterrichtet.
„…und in der Stube, wo die Familie wohnte, die Hennen brüteten, die Ferkel grunzten, zu
derselben Zeit seinen Gästen Wein zumaß während er ein Kind um das andere den Katechismus
aufsagen ließ …“ 16
Der Schulbesuch war aus verschiedensten Gründen dürftig. In der frühen Neuzeit wurde den Kindern, je nach Stand, in der „alltäglichen Umgangserziehung“ Verhal- tensweisen,religiöse Normen, Werte und Wissen weitergegeben. 17 Oftmals konnte die bäuerliche Bevölkerung das Schulgeld nicht aufbringen und die Kinder wurden, vor allem im Sommer, für die Arbeit auf dem Hofe benötigt. 18 Das Netz der Primarschulen war vor allem in den Gebirgsregionen Österreichs noch nicht gut ausgebaut. Die Kinder hatten im Winter oft weite und gefährliche Schulwege vor sich. Überdies fehlte es meist an vernünftiger Winterbekleidung, die an die Witterungsverhältnisse angepasst waren. 19 Die Eltern aus der bäuerlichen Schicht hatten oft Bedenken und eine ablehnende Haltung gegenüber dem Schulbesuch (siehe auch Kapitel 4.6.). Hingegen wäre es für die Adeligen und den wohlhabenden Mittelstand schlichtweg eine Schande gewesen ihre eigenen Kinder in eine öffentliche „Deutsche Schule“ zu schicken. Ihre Kinder wurden zuhause von Privatlehrern unterrichtet. Die Beschäftigung eines Schulmeisters war aber nicht nur ein Privileg für Adelige und jene aus dem Bürgertum. Für Zugehörige der unteren Schichten, wie Kaufmannsfamilien, Handwerker oder gut betuchte Bauern, wurde es zu einem Statussymbol, die eigenen Kinder von einem Hauslehrer und nicht in der gemeinen „Deutschen Schule“ unterrichten zu lassen. 20
Im Jahre 1769/1770 gab es in Wien bereits zehn deutsche Schulen. Eingerechnet mit den Schulen der Vororte gab es 68 Schulen. Dem gegenüber stand ein recht bescheidener Schulbesuch. Von den 19 314 Kindern im schulfähigen Alter (5. bis 13.
15 Vgl. BOYER, Annäherung an die Schulwirklichkeit, S. 48
16 HELFERT, Joseph Alexander Freiherr von: Die Gründung der österreichischen Volksschule
durch Maria Theresia, Prag 1860, S. 60
17 Vgl. NEUGEBAUER, Niedere Schulen und Realschulen, S. 214
18 Vgl. ebd., S. 225
19 Vgl. ebd., S. 225f.
20 Vgl. ebd., S. 234f.
Arbeit zitieren:
Marina Ehrngruber, 2011, Alphabetisierung von oben: Die Theresianische Schulordnung von 1774, München, GRIN Verlag GmbH
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