Kindheit und Jugend in der „Risikogesellschaft“ 1
Inhaltsverzeichnis
1 „Riskanter werdende Chancen für Kinder
und Jugendliche“ (H. Keupp): Einleitung in das Thema 2
2 Gesellschaftlich-strukturelle Transformation:
Von der Industrie- zur „Risikogesellschaft“ 3
2.1 Zum Begriff der „Risikogesellschaft“ von Ulrich Beck 3
2.2 „Individualisierungsschübe“:
Aufforderungen , den persönlichen Lebensweg selbst zu finden 4
2.3 „Entstrukturierung des Jugendalters“ (T. Olk):
Von altbewährten Ablaufmustern zu vielfältigen Lebensstilen 5
3 Der Strukturwandel der Jugendphase 6
3.1 Verlängerung der Jugendphase 6
3.2 Verunsicherung der Jugendlichen 7
3.3 Vervielfachung des Erwachsenwerdens 8
3.4 Individualisierungschancen und -risiken Jugendlicher 9
4 Wandel von Kindheit und Kinderalltag in der „Risikogesellschaft“ 10
4.1 Zwei gegenwärtig konkurrierende Kindheitsmuster 11
4.2 Kinder und Jugendliche als Individualisierungsverlierer 12
5 Resümee 13
Literaturverzeichnis 14
1 „Riskanter werdende Chancen für Kinder
und Jugendliche“ (H. Keupp): Einleitung in das Thema
Auf dem Weg in das 21. Jahrhundert stellen wir etwa seit den 1970er Jahren fest, dass sich unsere Gesellschaft in einem enormen Umbruch befindet. Charakteristika dieses Umbruchs gehen einher mit Modernisierungsphänomenen unserer Zeit. Menschen erleben eine Globalisierung der Kommunikation, der Wirtschaft, der Umweltprobleme etc. und werden z.B. mit flexibleren Beschäftigungsverhältnissen, mit Gefahren für die Gesundheit, den Wohlstand und die soziale Sicherheit konfrontiert. Sie verändern ihre Lebensgewohnheiten und -ziele, nutzen neue Gestaltungschancen, müssen eine zunehmende Komplexität durch technischen Fortschritt bewältigen sowie auf Unsicherheiten und steigende Leistungsanforderungen reagieren. Der Soziologe Ulrich Beck verwendete diesbezüglich den Terminus der „Zweiten Moderne“, beschrieb den gesellschaftlichen Wandel anhand von Schlagworten, wie „Individualisierung“, „Pluralisierung“ und „Entstrukturierung“ und prägte den Begriff der „Risikogesellschaft“ (vgl. Beck, 1986: 12-21). In jenem Transformationsprozess erfährt der Einzelne ein Mehr sowohl an Chancen der Selbstbestimmung, als auch an größeren Daseinsrisiken. Dies impliziert zweifellos, dass es Gewinner und Verlierer der Modernisierung gibt. Doch welchen Chancen und welchen Risiken der Individualisierung sind Kinder und Jugendliche ausgesetzt?
Im Folgenden wird zunächst die Transformation zur „Risikogesellschaft“ skizziert, um dann die Perspektive des Jugendalters einzunehmen und auf seine Entstrukturierung bzw. den Strukturwandel einzugehen sowie die sich ergebenden Individualisierungschancen und -risiken zu thematisieren. Darauf folgt der Blick auf Kindheitsmuster in der „Risikogesellschaft“ und auf den Wandel des Kinderalltags, um sich schließlich mit den Individualisierungsverlierern unter den Kindern und Jugendlichen zu befassen. Dabei stützt sich diese Arbeit auf das o.g. Werk U. Becks sowie (unter Einschluss der 15. Shell-Jugendstudie 2006) i. e. L. auf die Arbeiten von K.-J. Tillmann (2007), R. Göppel (2007), L. Winterhager-Schmid (2002) und W. Heitmeyer (1992) sowie auf die These H. Keupps von den „riskanter werdende[n] Chancen von Kindern und Jugendlichen“ (1996: 130f.).
2 Gesellschaftlich-strukturelle Transformation:
Von der Industrie- zur „Risikogesellschaft“
Vor dem Hintergrund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit sei Becks Begriff der „Risikogesellschaft“ im Folgenden anhand der z. T. schon o. g. Schlagworte skizziert. Der Begriff wird dabei vor allem im Zusammenhang mit Sozialisation, also z.B. mit der Frage, „[w]ie und warum [..] aus einem Neugeborenen ein autonomes, gesellschaftliches Subjekt [wird]“ (Zimmermann, 2006: 12), von Bedeutung sein.
2.1 Zum Begriff der „Risikogesellschaft“ von Ulrich Beck
Becks Begriff bezeichnet eine neue, die alte Form der Industriegesellschaft ablösende gesellschaftliche Formation, für die zum einen eine zunehmende Gefährdung globaler wirtschaftlicher und naturwissenschaftlicher Art charakteristisch sei, die sich zum anderen dadurch auszeichne, dass sich aufgrund des sozialen Wandels Verunsicherungen und soziale Risiken für die Menschen ergäben, die tendenziell jeden - unabhängig seines sozialen Umfelds oder einer angenommenen Klassenzugehörigkeit - treffen können (vgl. Beck, 1986: 12-21). Dieser soziale Wandel vollziehe sich durch „Modernisierungsschübe“, die enorme Auswirkungen auf die Individuen hätten und zu Auflösungserscheinungen von traditionellen gesellschaftlichen Milieus (z.B. von klassenstrukturellen Lebensformen, wie der Arbeiterschaft im Ruhrgebiet) führten; ein Strukturwandel bzgl. sozialer Schemata, wie „Familie“, „Klasse/Milieu“, „Werte und Normen“, „Gender-Rollen“, „Beruf“ etc. in Richtung einer „Pluralisierung“, sowie bzgl. der Muster individueller Lebensführung, d.h. hin zu einer „Individualisierung“ (vgl. Beck, 1986: 121-160, 205-219). Die Konturen der „Risikogesellschaft“ umreißt Beck u.a. mittels der beiden Schlagworte „Enttraditionalisierung“ und „Individualisierung von Biografiemustern“ und meint damit die Erosion klassenspezifisch vorbestimmter Lebensführungen sowie mehr Eigengestaltungs- und Entfaltungs- möglichkeiten im Leben des Einzelnen (vgl. Beck, 1986: 205-219).
2.2 „Individualisierungsschübe“:
Aufforderungen, den persönlichen Lebensweg selbst zu finden
Die gegenwärtigen gesellschaftlich-strukturellen Veränderungen des staatlichen und ökonomischen Rahmens in der „Zweiten Moderne“ fördern - so Soziologen, wie Beck - eine Pluralität von Lebensstilen, ein vielfaches Vorhandensein unterschiedlicher Ideen, das eigene Leben zu führen. Einer Auflösung traditionaler Einbindungen (z.B. in Familie, Nachbarschaft, Religionsgemeinschaft) stehe eine zunehmende Selbstbestimmung des Einzelnen gegenüber, mit der Folge, dass sich einerseits Entfaltungsmöglichkeiten vermehren, dass aber andererseits jeder Einzelne aufgefordert wird, seinen persönlichen Lebensweg selbst zu finden: Verhaltenssicherheit kann [..] zunehmend weniger aus der Tradition des sozialen Umfelds gezogen werden. Der Einzelne wird nicht nur von den Zwängen, sondern auch von der Sicherheit dieser Einbindungen befreit. (Tillmann, 2007: 259)
Einhergehend mit der Transformation von sozial vorgegebenen Biografien zu den selbst herzustellenden biografischen Konzepten zeichnen sich diese sogenannten „Individualisierungsschübe“ dadurch aus, dass eine Identitäts- und Sinnfindung zur Leistung jedes Einzelnen wird (vgl. Tillmann, 2007: 265f.) und dass er z.B. auf eine „Entstandardisierung der Erwerbsarbeit“ (d.h. auf flexiblere Berufsbiografien in Zeiten von Massenarbeitslosigkeit) mit einer Steigerung der persönlichen Qualifikation reagieren muss (vgl. Beck, 1986: 220-236). Man könne daher eine der modernen Lebensführung innewohnende Ambiguität erkennen, nach der die eine Seite der Medaille ist, dass dem Einzelnen mehr Freiheiten bleiben, seinen Lebensweg und seine sozialen Einbindungen selbst zu gestalten. Die andere Seite der Medaille aber zeigt die Gefährdungen und Risiken auf seinem Lebensweg, denen er ausgesetzt ist und selten beeinflussen kann (z.B. Jobverlust, Armut) sowie die nun vermehrt wegfallenden, Orientierung gebenden und soziale Risiken abfedernden Einbindungen in traditionelle gesellschaftliche Strukturen. Diese Ambiguität hat auch erhebliche Konsequenzen für Jugendliche, in deren „entstrukturierter“ Lebensphase vielfältige unterschiedliche Lebensstile zunehmend altbewährte Ablaufmuster ersetzen (vgl. Tillmann, 2007: 267).
Arbeit zitieren:
Ingo Harmrolfs, 2010, Kindheit und Jugend in der "Risikogesellschaft", München, GRIN Verlag GmbH
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