1. Einleitung
Die Beschreibung und Erforschung von Ritualen ist seit jeher ein zentraler Bestandteil der kultur- und sozialanthropologischen Wissenschaftsarbeit. Sie ging hervor „aus der Rezeption von (Reise-) Beschreibungen über die Bräuche und Sitten sogenannter „Wilder“, die von sogenannten „Zivilisierten“ hauptsächlich im Verlauf der zweiten Kolonialisierungsphase, also etwa ab der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, nach Mitteleuropa gelangten.“ 1 Seit der Entstehung der kultur- und sozialanthropologischen Wissenschaft ist eine Vielzahl unterschiedlicher Rituale beobachtet und beschrieben worden. Jedoch wurden diese lange Zeit zumeist isoliert und lediglich in Ausschnitten betrachtet, selten in der gesamten Struktur ihres Ablaufs gedeutet geschweige denn untereinander verglichen. 2
Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts versuchten einzelne Wissenschaftler, bei den solcherart beschriebenen Ritualen durch vergleichende Analyse Analogien in Bedeutung und Abfolge herauszuarbeiten um auf dieser Grundlage weiterführende Theorien und Modelle zu erstellen. Durch diese Arbeitsweise zeichneten sich z.B. Marcel Mauss, der aus einer Vielzahl dokumentierter Riten sein Modell des Gabenaustausches entwickelte, oder Arnold Van Gennep aus, auf den das Modell der Übergangsrituale zurückgeht, welches in dieser Arbeit vorgestellt und anhand von Beispielen näher erläutert werden soll.
2. Arnold van Genneps Modell des Übergangsrituals
Arnold van Gennep war ein französischer Ethnologe. Er wurde 1873 in Ludwigsburg geboren und verstarb 1957 in Bourg-La-Reine. Zu seiner Schaffenszeit befasste er sich zunächst mit der außereuropäischen Ethnologie, weshalb er sich zwischen 1911 und 1912 fünf Monate zur Feldforschung in Algerien aufhielt. Später konzentrierte er sich vornehmlich auf die französische Ethnographie. Ab 1912 lehrte er als Dozent der Ethnographie in der Schweiz, wobei er diesen Lehrstuhl, welcher auch sein einziger bleiben sollte, schon 1915 aufgrund seiner Kritik an der schweizerischen Politik wieder verlor.
Sein heute bekanntestes Werk „Übergangsriten“ („Les Rites de Passage“) veröffentlichte er 1909. Anfänglich kritisiert, besonders von Emil Durkheim und dessen Anhängern, erlangte es erst nach der Übersetzung ins Englische um 1960 größere Aufmerksamkeit in der Wissenschaft und gilt heute als wichtige Theorie in der Ethnologie. 3 Van Genneps Modell des
1 Steuten, Ulrich: Das Ritual in der Lebenswelt des Alltags. Gießen 1998. S. 29.
2 Gennep, Arnold van: Übergangsriten. Frankfurt am Main 1999. S. 20f.
3 Herlyn, Gerrit: Ritual und Übergangsritual in komplexen Gesellschaften: Sinn- und Bedeutungszuschreibungen
zu Begriff und Theorie. Hamburg 2002. S. 20.
1
Übergangsrituals wurde 1969 von Victor Turner in seinem Werk „Das Ritual. Struktur und Anti-Struktur“ aufgegriffen und in bestimmten Punkten vertieft und erweitert.
2.1. Struktur einer Gesellschaft
Um Van Genneps Modell des Übergangsritual zu verstehen, muss zuerst die diesem zugrunde liegende Vorstellung von der Struktur einer jeden Gesellschaft erläutert werden. Van Gennep zufolge umfasst jede hierarchisch gegliederte Gesellschaft mehrere soziale Gruppierungen bzw. Systeme, welche umso autonomer sind, je geringer der Zivilisationsgrad einer Gesellschaft ist. 4 In unserer modernen Gesellschaft sind nach van Gennep nur noch die Trennung zwischen der sakralen und der säkularen Welt eindeutig zu erkennen. Innerhalb dieser beiden Welten existieren jedoch noch eine Vielzahl weiterer sozialer Systeme, welche nicht so offensichtlich zu erkennen sind. Hier nennt er als Beispiele den Adel, die Finanzwelt und die Arbeiterklasse als Untergruppen der säkularen Welt, welche in sich jeweils noch weiter unterteilt sind, z.B. der Adel in hohen und niederen, die Arbeiterklasse in verschiedene Berufszweige usw. Doch auch die Familie als erstes soziales System, in welches ein neugeborenes Individuum aufgenommen wird, oder die jeweilige Stufe der Schulausbildung, wie die des Kindergartens, der Grundschule, der weiterführenden Schulen und der Hochschule (aus heutiger Sicht), stellen eigene soziale Systeme dar.
2.2. Das Übergangsritual
Jedes Individuum befindet sich immer in mindestens einer, meistens aber in einer Vielzahl verschiedener sozialer Gruppierungen. Nach Van Gennep „besteht das Leben eines Individuums in jeder Gesellschaft darin, nacheinander von einer Altersstufe zur nächsten und von einer Tätigkeit zur anderen überzuwechseln“ 5 , wobei dieser Wechsel auch immer den Übergang von einem sozialen System in ein anderes bedeutet. Jeder dieser Übergänge ist von speziellen Handlungen begleitet, etwa der Hochzeit beim Übergang von der Gruppe der Junggesellen in die Gruppe der Verheirateten. Am ausgeprägtesten sind diese „speziellen Handlungen“ jedoch beim Übergang von einem säkularen in ein sakrales System. Hier muss z.B. ein Laie, welcher als Priester in das System der Kirche aufgenommen werden möchte, eine genau determinierte Abfolge von „speziellen Handlungen“ oder auch „zeremoniellen Sequenzen“ durchlaufen. 6 Diese fasst van Gennep unter dem Begriff der „Übergangsrituale“ („rites de passage“) zusammen. Da van Gennep zufolge der Einfluss der sakralen Welt in
4 Gennep (wie Anm. 2), S. 13.
5 Ebd., S. 15.
6 Ebd., S. 14.
2
Gesellschaften umso größer ist, je tiefer sie auf der „Stufenleiter der Zivilisation“ stehen, werden auch die „zeremoniellen Sequenzen“ hier umso deutlicher sichtbar. Darum belegt er sein Modell mit einer Vielzahl von Beispielen aus sogenannten „halbzivilisierten“ Völkern. 7 Trotzdem kann sein Modell „auch in einem modernen [...] Theorierahmen durchaus weitergedacht werden“. 8 Zwar ist der Einfluss der sakralen Welt in einer modernen, komplexen Gesellschaft gewöhnlich stark zurückgewichen und die Beobachtung von Übergangsriten eigentlich nur noch zwischen wenigen religiösen Gruppen möglich. Doch da das Sakrale (und die ihm entsprechenden Riten) „charakteristischerweise [...] relativ, d.h. nichts Absolutes, sondern etwas, das von der jeweiligen Situation abhängt“ 9 ist, und sich die Menschen beim Übergang zwischen zwei Systemen „plötzlich [...] mit dem Sakralen konfrontiert [sehen], wo vorher das Profane war, oder umgekehrt“ 10 , kann van Genneps Modell auch auf die sozialen Systeme der profanen bzw. säkularen Welt angewandt werden. So entsteht die Möglichkeit, aufgrund der „Ausweitung des Begriffs des Sakralen über den Bereich des explizit religiösen hinaus [...] den breiten Bereich der in unseren heutigen Gesellschaften neu entstehenden rituellen Bräuche, die sich von den herkömmlichen kirchlichen Feierlichkeiten unterscheiden, mit dem Konzept der Übergangsriten zu erforschen“. 11
Zu diesen Übergangsriten zählt van Gennep „vornehmlich die Riten, die die wesentlichen Phasen der menschlichen Existenz ‚von der Wiege bis zur Bahre’ deutlich markieren,“ 12 . Und die deshalb auch „Lebenslaufrituale“ genannt werden. Die am häufigsten angeführten Beispiele für solche Rituale sind Geburt, Pubertät, Hochzeit und Tod sowie Übergänge innerhalb der schulischen bzw. der beruflichen Welt. Doch auch Übergänge biologischer oder kosmologischer Art, wie etwa dem Wechsel zwischen zwei Jahreszeiten oder dem Jahreswechsel und auch bei räumlichen Übergängen, wie dem Betreten eines Hauses oder Landes, zählt van Gennep zu den Momenten, in denen Übergangsriten zu beobachten sind. 13 Sein Hauptaugenmerk liegt stets auf jenen Ritualen, die die kritischen Übergangsphasen des menschlichen Lebens flankieren.
Van Gennep stellt in seiner Analyse die Untergliederung des Übergangsrituals in drei Phasen heraus: die Phase der Trennungsriten („rites de séparation“), der Schwellen- bzw.
7 Ebd., S. 15.
8 Steuten (wie Anm. 1), S. 33.
9 Gennep (wie Anm. 2), S. 22.
10 Ebd., S. 23.
11 Centlivres, Pierre: Die Übergangsriten heute. In: Hugger, Paul (Hg.): Handbuch der schweizerischen
Volkskultur. Leben zwischen Tradition und Moderne - Ein Panorama des schweizerischen Alltags. Band 1.
Basel 1992, S. 223-230, hier S. 224.
12 Ebd., S. 226.
13 Ebd., S. 223.
3
Arbeit zitieren:
Joscha Dick, 2007, Übergangsrituale in der Moderne nach Arnold van Gennep und Victor Turner, München, GRIN Verlag GmbH
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