1. Zu Thema und Aufgabenstellung der Arbeit
Das Werk Notkers des III. 1 gilt in der heutigen Forschung als „Abschluß und Krönung der St. Galler Sprach- und Literaturgeschichte althochdeutscher Zeit“ 2 . Insbesondere seine Bibelübersetzung wird heute allenthalben als „reifste und nachhaltigste“ 3 Übersetzung des Althochdeutschen gefeiert. Weil bei keinem anderen Autor der Einfluss des Vulgatatextes so gering ist wie bei Notker, bieten sich seine Übersetzungen für vielfältige Untersuchungen der althochdeutschen Syntax geradezu an.
Die fundamentalste Beschreibungstheorie für die Syntax des Althochdeutschen verfasste Otto Behagel 1932. Seine Überlegungen haben einen derart hohen Stellenwert eingenommen, dass sie auch in der aktuellen Forschung „als der fundamentalste Versuch, die historische Syntax des Deutschen darzustellen“ 4 gelten. Die Behagel’sche Theorie ist nach wie vor „unumgänglich“ 5 und bildet die Grundlage vieler Erklärungsmodelle, wie z. B. der neueren Wortstellungstheorie der generativen oder auch der dependenz-theoretischen Strömung. 6
Aus diesem Grund wird die Untersuchung zur finiten Verbstellung im Notker’schen Satz in Anlehnung an das von Behagel entwickelte System erfolgen. Die Betrachtung der unterschiedlichen Stellungen wird dabei anhand Notkers Übersetzung des Psalms 138 vorgenommen werden.
Zu Beginn der Arbeit soll in Kapitel zwei der problematische Umgang mit althochdeutschen Texten thematisiert werden. Um im Anschluss daran eine Analyse der finiten Verbstellung im Satz des Psalms 138 vornehmen zu können, soll das Beschreibungsmodell Otto Behagels dieser zugrunde gelegt werden (Kapitel drei). Dabei wird auf die
1 An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass der Name Notker der III. im laufenden Text mit Notker
abgekürzt wird.
2 Borter, Alfred: Syntaktische Klammerbildung in Notkers Psalter. Berlin: de Gruyter 1982 (= Das
Althochdeutsche von St. Gallen. Texte und Untersuchungen zur sprachlichen Überlieferung St.
Gallens vom 8. Bis zum 12. Jahrhundert, 7. Bd.). S. 19.
3 Sonderegger, Stefan: Althochdeutsch in St. Gallen. Ergebnisse und Probleme der althochdeutschen
Sprachüberlieferung in St. Gallen vom 8. bis zum 12. Jahrhundert. St. Gallen: Verlag Ostschweiz
1970 (= Bibliotheca Sangallensis, 6. Bd.). S. 101.
4
Admoni, Wladimir: Die Entwicklung des Gestaltungssystems als Grundlage der historischen Syntax.
In: Neuere Forschungen zur historischen Syntax des Deutschen. Referate der Internationalen Fach-
konferenz Eichstatt 1989. Hrsg. von Anne Betten, Tübingen: Niemeyer 1990 (= Germanistische
Linguistik 103). S. 2.
5 Ebd., S. 2
6 Vgl. Admoni, Wladimir: Historische Syntax des Deutschen. Tübingen: Niemeyer 1990. S. 2.
1
diversen Stellungen des finiten Verbs im Hauptsatz und im Nebensatz eingegangen werden. Im Anschluss daran wird die Analyse des Psalms 138 in Kapitel vier erfolgen. In diesem Zusammenhang soll auch dieser als Untersuchungsgegenstand kurz charakterisiert werden.
2. Vorbemerkung
Generell ist die Beschreibung der Stellung der finiten Verbform im althochdeutschen Satz aus verschiedenen Gründen kompliziert. Dies gilt nicht nur für die Übersetzungen Notkers, sondern bspw. auch für die Schriften Otfrieds oder die Übersetzungen der Tatiantexte, weshalb allgemeine Vorbetrachtungen des problematischen Umgangs mit althochdeutschen Texten unabdingbar scheinen.
Schon die zahlreichen, grundverschiedenen Beschreibungstheorien, die sich mit der finiten Verbstellung im althochdeutschen Satz auseinandersetzen, sind kritisch zu hinterfragen. 7 Die Erklärungsmodelle nehmen meist Bezug auf „universalgrammatische Hypo- thesen“ 8 ,so dass die spezifische Problematik gerade darin begründet liegt, dass die Analysen zur Stellung des finiten Verbs im althochdeutschen Satz anhand von Be-schreibungstheorien durchgeführt werden, die eigentlich für das Neuhochdeutsche entwickelt wurden. Die Charakteristika des Neuhochdeutschen auf das Althochdeutsche zu übertragen, ist nämlich aus zwei Gründen problematisch: Die Wirkung der Lehnsyntax der althochdeutschen Texte sowie die Verwendung der metrischen Form und des Reimschemas in Anlehnung an den Vulgatatext lassen universelle Schlüsse über die althoch- 7 Für die Beschreibung der Stellung der finiten Verbform in den Werken Notkers sind in der Sekundär-
literatur zahlreiche Herangehensweisen auszumachen. Exemplarisch sei auf den topologischen Ansatz
verwiesen, wie er bei Boli, Ernst: Die verbale Klammer bei Notker. Untersuchungen zur Wortstellung
in der Boethius-Übersetzung. Berlin: de Gruyter 1975 (= Das Althochdeutsche von St. Gallen. Texte
und Untersuchungen zur sprachlichen Überlieferung St. Gallens vom 8. bis zum 12. Jahrhundert, Bd.
4) zu finden ist. Auch Näf, Anton: Die Wortstellung in Notkers Consolatio. Berlin: de Gruyter 1979
(= Das Althochdeutsche von St. Gallen. Texte und Untersuchungen zur sprachlichen Überlieferung St.
Gallens vom 8. bis zum 12. Jahrhundert, Bd. 5) sowie Borter, Alfred: Syntaktische Klammerbildung
in Notkers Psalter. Berlin: de Gruyter 1982 (= Das Althochdeutsche von St. Gallen. Texte und Unter-
suchungen zur sprachlichen Überlieferung St. Gallens vom 8. bis zum 12. Jahrhundert, Bd. 7) gehören
dieser Philosophie an.
8 Schrodt, Richard: Althochdeutsche Grammatik II. Syntax. Tübingen: Niemeyer 2004 (= Sammlung
kurzer Grammatiken Germanischer Dialekte. A. Hauptreihe Nr. 5/2). S. 197.
2
deutsche Syntax kaum zu.
Neben dem Problem des Einflusses der lateinischen Vorlage sei auch auf den begrenzten Textcorpus verwiesen. Dieser Faktor bedingt, dass auch poetisch-stilistische Merkmale der lateinischen Vorlage auf die Werke der althochdeutschen Übersetzer abfärbten. 9 In diesem Zusammenhang ist außerdem die Tatsache, dass es sich bei den Texten eben um Übersetzungen handelt, nicht unproblematisch. Diese erlauben dem Übersetzer nämlich eine durchaus nicht unbeträchtliche „dichterische“ Freiheit, sodass das wahre Ausmaß der Beeinflussung durch die lateinische Vorlage im Nachhinein nur schwer bemessen werden kann. Auch die idiomatische Qualität der Übersetzungen ist prekär, sodass die Texte hinsichtlich ihrer allgemeingültigen Aussagekraft nur schwer beurteilt werden können. 10
Aufgrund dessen scheint es für die Betrachtung der finiten Verbstellung in dieser Arbeit auch wenig sinnvoll, absolut geltende Stellungsvariationen des finiten Verbs festzusetzen. Es können lediglich Tendenzen formuliert werden, welche die Stellungsvariationen beschreiben. 11
3. Die finite Verbstellung im althochdeutschen Satz nach
Otto Behagel
3.1 Terminologische Vorüberlegung
In den Betrachtungen soll es, wie bereits erwähnt, vermieden werden, allgemeingültige Regeln für die finite Verbstellung zu formulieren. Der Terminus der Regel wird daher durch den der Tendenz ersetzt. Hierfür gibt es einen einfachen Grund: Der Begriff Tendenz bezeichnet - im Gegensatz zum Begriff Regel - keine strenge Gesetzmäßigkeit,
9
Vgl. Schrodt, R.: Althochdeutsche Grammatik II. S. 198.
10 Vgl. Valentin, Paul: Zur Gliedfolge im Notkerschen Satz. In: Philologische Forschungen. Festschrift
für Philippe Marq. Hrsg. von Yvon Desportes. Heidelberg: Winter 1994 (= Germanische Bibliothek,
Reihe 3. Untersuchungen). S. 283.
11 Vgl. Schrodt, R.:Althochdeutsche Grammatik II. S. 198.
3
sondern genau das, was die althochdeutsche Syntax ist - ein „komplizierte[r], oft wider- sprüchliche[r] Prozess[…]“ 12 .
Im Erklärungsmodell Behagels ist der Begriff des Elementarsatzes zwar nicht zu finden, allerdings bezeichnet ebendieser jenen Satztyp, der Grundlage für die Betrachtungen dieser Arbeit ist. Der Terminus Elementarsatz „umfaßt alle syntaktischen Strukturen, die zu einem der logisch-grammatischen Satztypen gehören und die nach den Richtlinien erweitert werden können, welche für die des selbstständigen Satzes gelten“ 13 . Ein Elementarsatz ist also jeder Satz, der in seinen wesentlichen Merkmalen mit denen des selbstständigen Satzes übereinstimmt. Dabei ist es nicht von Belang, inwiefern der Elementarsatz eine in sich geschlossen Einheit darstellt oder welche Rolle er in der Rede einnimmt. 14 Somit können als Elementarsätze sowohl Hauptsätze, Nebensätze als auch beigeordnete Sätze klassifiziert werden. 15 Ebert verweist bei der allgemeinen Verwendung des Begriffs Elementarsatz für die Analyse der althochdeutschen Syntax jedoch auf ein wichtiges Problem hin: Sätze, die mit einem finiten Verb und einem Infinitiv gebildet werden, sind für die Umschreibung mit dem Begriff Elementarsatz eher ungeeignet, da diese Sätze sowohl „topologische Züge“ 16 von einfachen als auch von zusammengesetzten Sätzen aufweisen.
3.2 Die Stellung des finiten Verbs im althochdeutschen Satz
Die finite Verbstellung im Satz des Althochdeutschen formierte sich ständig neu, sodass hier nicht von einer konstanten Erscheinung, sondern von einem Prozess ausgegangen werden muss. Welche Stellung die Komponenten im Satz einnehmen, ist von unterschiedlichen Faktoren abhängig. Für Haupt- und Nebensätze gelten dabei unterschiedliche Tendenzen bezüglich der Stellung des finiten Verbs im Satzgefüge.
12 Admoni, W.: Historische Syntax des Deutschen. S. 4.
13 Vgl. Ebd., S. 4. Die logisch-grammatischen Satztypen haben eine strukturelle Ähnlichkeit mit den
neuhochdeutschen Satzschemata. Insgesamt lassen sich neun logisch-grammatische Satztypen für das
Althochdeutsche festlegen. Siehe dazu Meineke, Eckhard / Judith Schwerdt: Einführung in das Alt-hochdeutsche. Paderborn 2001 (= UTB für Wissenschaft, 2167). S. 315-319 sowie Admoni, W.:
Historische Syntax des Deutschen. S. 224-225.
14 Vgl. Ebd., S. 4-5.
15 Vgl. Ebd., S. 5. Admoni differenziert in seinen Ausführungen noch zwischen Ganzsatz, Direktsatz
und eingeleitetem Nebensatz. Auf diese Unterscheidung wird in dieser Arbeit allerdings verzichtet.
16 Ebert, Robert-Peter: Historische Syntax des Deutschen II. 1300-1750. Bern: Lang 1986 (=
Germanistische Lehrbuchsammlung, Bd. 6). S. 101.
4
3.2.1 Zur Spitzen- bzw. Anfangsstellung des finiten Verbs im Hauptsatz
Im Althochdeutschen lässt sich eine Tendenz zur Spitzenstellung des finiten Verbs feststellen. Nimmt jenes im Satz diese Position ein, so versteht Behagel darunter die „ab- solute Spitzenstellung“ 17 .Die Besetzung dieser Stelle war bereits im Indogermanischen üblich. Im Germanischen und später im Deutschen ist sie jedoch fast gänzlich verloren gegangen. 18
Grundsätzlich kann der Spitzenstellung des finiten Verbs im Satz eine „satzverknüpfende und emphatische Funktion“ 19 zugewiesen werden. Deshalb ist die häufigste semantische Funktion dieser Stellung die Einführung einer neuen Situation im Text. Die Spitzenstellung kann aber auch dann gewählt werden, wenn die eingeführte Situation vor derjenigen des vorangehenden Satzes liegt. 20 Ein Satz mit der Spitzenposition des finiten Verbs kann aber auch Folge oder Ursache eines vorangegangenen Sachverhalts im Text sein. Deshalb lässt sich die Tendenz zu dieser Position der finiten Verbform meist in Sätzen finden, die am Anfang einer Erzählung oder eines Erzählabschnittes stehen oder eine neue Größe, meist ist dies das Subjekt, einführen. 21 Es ist aus rhythmischen Gründen auch möglich, dass Sätze mit Anfangsstellung auch im Inneren eines Textabschnitts auftreten. 22
Das Subjekt nimmt im Satz häufig die Position hinter dem finiten Verb ein. Wahrscheinlich ist der Grund hierfür die Betonung des Subjekts und nicht des finiten Verbs in der gesprochenen Sprache. 23 Zusätzlich lässt sich für dieses Phänomen die Größe bzw. Länge des Subjekts anführen. Meist ist nämlich dieses größer bzw. länger als das finite Verb. Für die Erklärung dieser Tendenz führt Behagel das „Gesetz der wachsenden Glieder“ 24 ein. Demnach verliert „ein notwendiges Glied […] seine Stelle am Ende der Reihe zugunsten eines nichtnotwendigen längeren Gliedes, oder von zwei gleich wichtigen oder gleich unwichtigen steht das längere an zweiter Stelle“ 25 .
17 Behagel, O.: Deutsches Syntax, S. 27.
18 Vgl. Ebd., S. 28.
19 Schrodt, R.:Althochdeutsche Grammatik II. S. 198.
20 Vgl. Behagel, O.: Deutsche Syntax. S. 28.
21 Vgl. Ebd., S. 28.
22 Vgl. Schrodt, R.:Althochdeutsche Grammatik II. S. 199.
23 Vgl. Behagel, O.:Deutsche Syntax. S. 28.
24 Behagel, O.: Deutsche Syntax. S. 28
25 Admoni, W.: Historisches Syntax. S. 78. Admoni weist in seinen Ausführungen darauf hin, dass diese
Gesetzmäßigkeit zwar in nahezu allen Sätzen Anwendung findet, sich dazu aber auch eine Reihe von
5
Für die Spitzenstellung können sogar Satzarten angeführt werden, in denen diese Tendenz häufig zu beobachten ist. Zunächst ist diese Position in Aussagesätzen zu finden, in denen jene die Funktion einer anaphorischen Satzverknüpfung hat. Folglich hat die Spitzenstellung in Aussagesätzen als „Anschlußsstellung“ 26 zu gelten. Dabei treten im Althochdeutschen auch Fälle auf, in denen eine Weiterführung des Satzes mit der Konjunktion und realisiert ist. 27 Behagel erklärt sich dieses Phänomen aufgrund der unterschiedlichen Subjekte in den durch diesen Konnektor verbundenen Teilsätzen. Vermutlich bedeutete und im Althochdeutschen demgegenüber, sodass nach diesem einleitenden Adverb das finite Verb unbedingt folgen musste. 28 Damit gibt dieses jedoch seine Spitzenstellung im Satz auf. Der finiten Verbform können dann entweder schwächer betonte Pronomen oder vollbetonte Satzkomponenten folgen. Im späten Althochdeutsch ist die Spitzenstellung des Verbs im Aussagesatz jedoch verloren gegangen. Lediglich die Weiterführung des Satzes mit und ist erhalten geblieben und hat zunehmend an Bedeutung gewonnen. 29
Ähnlich dem Neuhochdeutschen nimmt das finite Verb in aller Regel in Wunsch- und Aufforderungssätzen auch die Spitzenstellung im Satz ein. In Aufforderungssätzen ist dies genau dann der Fall, wenn die finite Verbform im Imperativ steht. 30 Allerdings ist es möglich, dass dem finiten Verb im Imperativ ein Partikel oder eine affektisch betonte Satzkomponente vorausgeht. Hierzu werden auch nähere nominale Bestimmungen gezählt. In seltenen Fällen nimmt ein hinzugefügtes Personalpronomen die Position vor dem Imperativ ein. 31 Handelt es sich um einen Wunschsatz, in welchem das finite Verb in der 3. Ps. Konjunktiv steht, müssen zwei Fälle unterschieden werden. Steht die finite Verbform im Konjunktiv Präsens, so nimmt das Subjekt die Position vor diesem ein. Steht das finite Verb allerdings im Konjunktiv Präteritum, dann positioniert es sich vor dem Subjekt. Da Aufforderungs- und Wunschsätzen das Subjekt meist fehlt, erweckt das
Abweichungen finden lassen. Diese kommen aufgrund von „affektischen Betonungen“ des Sprechers
zustande, der unterschiedliche Erkenntniseinstellungen, die sich in der Stellung des finiten Verbs im
Satz ausdrücken, hat. Die dem finiten Verb zugehörigen oder mit ihm eng verbunden Satz-
komponenten positionieren sich demzufolge gegen Ende des Satzes. In diesem Fall ist die Länge der
Satzglieder tatsächlich relevant. Siehe hierzu die Ausführungen in Admoni, W.: Historische Syntax. S.
78.
26 Behagel, O.: Deutsche Syntax. S. 30.
27 Vgl. Ebd., S. 30.
28 Vgl. Ebd., S. 31.
29 Vgl. Ebd., S. 37.
30 Vgl. Ebd., S. 39.
31 Vgl. Schrodt, R., Althochdeutsche Grammatik. S. 200.
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Jennifer Koch, 2010, Die Notker’sche Übersetzung von Psalm 138 im Lichte des Behagel’schen Beschreibungsmodelles, München, GRIN Verlag GmbH
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