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,,Auf der Suche nach dem richtigen Beruf
eine explorative Fallstudie über den
Berufswahlprozess junger Frauen und Mädchen
im Ausbildungsberuf
Kauffrau für Bürokommunikation"
Eingereicht beim Landesprüfungsamt für Lehrämter in Sachsen-Anhalt
Anmerkung
Sehr geehrter Leser, sehr geehrte Leserin,
alle Bezeichnungen, Attribute oder Anreden, die sich auf eine Gruppe von
Personen beziehen, schließen in der vorliegenden Arbeit unabhängig von ihrem
grammatikalischen Geschlecht immer auch die Personen des jeweiligen anderen
Geschlechts mit ein, außer es ist ausdrücklich nur der männliche oder der weib-
liche Teil einer Gruppe angesprochen.
1 Einleitung
1.1 Ausgangslage: Jugendliche an der ersten Schwelle
Nur wenige Entscheidungen im Leben eines Jugendlichen sind so schwierig und
doch so wichtig wie die Wahl des richtigen Berufes. Individuelle und gesellschaft-
liche Entscheidungen begleiten ihn auf diesem Weg, der in eine bestimmte Aus-
bildung mündet und somit den ersten Schritt in das spätere Erwerbsleben darstellt.
Welche enorme Bedeutung dieser Schritt hat, wird deutlich, wenn man die Ver-
änderungen, die mit diesem einhergehen näher betrachtet. Die jungen Menschen
befinden sich in einem Prozess, der durch ständig wechselnde Lebensumstände
geprägt ist. Damit verbunden ist der Übergang von der Schule ins Berufsleben,
das Loslösen von den Eltern, der Erwerb neuer Freiheiten und nicht zuletzt der
Verdienst des ersten eigenen Geldes. Dieser Schritt, der mitunter das Er-
wachsenwerden des Jugendlichen signalisiert, gilt somit als wichtiger Einschnitt im
Leben und stellt nicht zuletzt einen neuen Lebensabschnitt dar. Durch die Ent-
scheidung für eine Berufsausbildung werden die Weichen für jede weitere beruf-
liche Entwicklung gestellt, weshalb diesem ersten prägenden Schritt, der so-
genannten ,,ersten Schwelle" (vgl. Länderbericht CEDEFOP 1996, S. 4) ein hohes
Maß an Bedeutung zugesprochen wird. Die berufliche Erstausbildung ist nach wie
vor entscheidend für den späteren Berufseinstieg und bei jungen Frauen und
Männern gleichermaßen die erste Stufe ins Erwerbsleben. Im Prozess der beruf-
lichen Sozialisation, die unmittelbar mit der Berufswahl zusammenhängt, ent-
wickelt der Jugendliche Fähigkeiten und Fertigkeiten, Orientierungs- und Wertvor-
stellungen sowie soziale und fachliche Qualifikationen, die ihn als Mitglied der Ge-
sellschaft auszeichnen und von anderen unterscheiden. Natürlich sind hierbei
ebenso unzählige vorberufliche Sozialisationsaspekte nicht außer Acht zu lassen.
Primäre Sozialisationsinstanzen, wie z. B. die Eltern, nehmen ebenso Einfluss auf
das Berufswahlverhalten wie Sekundäre, genannt seien an dieser Stelle die
Schule und der Freundeskreis. Ebenso wichtige Faktoren im Sozialisations-
prozess sind das soziale Milieu, regionale und lokale Umstände und nicht zuletzt
die wirtschaftlichen Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt. Die krisenhaften Beding-
ungen auf selbigem, gekennzeichnet durch ein mangelndes Angebot an Aus-
bildungsplätzen, sorgen dafür, dass sich die Heranwachsenden nicht nur darüber
klar werden müssen, welchen Beruf sie wählen, sondern inwiefern dieser auch
Zukunft hat. Das heißt, Probleme wie die eigene Existenzsicherung und auch die
Frage nach der beruflichen Selbstverwirklichung geraten in den Blickwinkel der
Interessen. Themen, die für die meisten Jugendlichen neu sind und sie ver-
unsichern. Die jungen Menschen treten aus der Unbefangenheit ihrer Kindheit
heraus und müssen selbst entwickelte Lebensvorstellungen und Lebensentwürfe
modellieren. Eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, die nicht allein zu bewältigen
ist. Die richtige Berufswahl zu treffen, stellt viele Jugendliche vor große Heraus-
forderungen. Welcher Beruf hat Zukunft? Was macht mir Spaß? Bin ich den An-
forderungen einer Berufsausbildung gewachsen? Fragen, mit denen sich alle
Jugendlichen, in der Übergangsphase von der schulischen in die berufliche Aus-
bildung, auseinandersetzen müssen. Zudem ist es notwendig die erste Berufswahl
eine gewisse Zeit vor Beendigung der allgemeinen schulischen Ausbildung zu
treffen. Viele Heranwachsende fühlen sich in diesem Alter aber noch zu jung für
eine Erwerbstätigkeit oder können ihre persönlichen Neigungen, Fähigkeiten und
Wünsche noch nicht definieren. So wird in den meisten Fällen die Entscheidung
für einen Beruf von außen, durch Familie, Schule und Berufsbildungsein-
richtungen, an die Jugendlichen herangetragen und zwar unabhängig davon ob
sie sich dazu bereit fühlen oder nicht (vgl. Krewerth et al. 2004, S. 40).
Nachvollziehbar, dass der Berufswahlprozess nicht ohne Probleme und
Schwierigkeiten zu bewältigen ist. Hoffnungen und Erwartungen in Bezug auf den
späteren Beruf begleiten die Jugendlichen auf ihrem Weg in die berufliche Aus-
bildung. Und genauso die Angst sich für den falschen Beruf zu entscheiden, da
dieser heute mehr denn je das soziale Umfeld, Einkommen, ein bestimmtes Image
oder gar die gesellschaftliche Teilhabe bestimmt (vgl. ebenda, S. 40). In der
Statuspassage des Übergangs der Jugendlichen von der Schul- in die Berufsaus-
bildung, fällt diese erste Entscheidung für einen bestimmten Beruf recht schnell
und in den meisten Fällen auch erst kurz vor dem Schulabschluss. Obwohl an
dieser Stelle der Anschein erweckt werden könnte, ist die Berufswahl kein von
gestern auf heute getroffener Entschluss. Es ist vielmehr so, dass die Berufswahl
als ein lebenslanger Prozess zu verstehen ist, der bereits in der frühen Kindheit
mit der Beschäftigung vorgelebter Identifikationsmuster beginnt, sich in ersten
Träumen und Wünschen im Schulkind- und Teenageralter fortsetzt und dann erst
in die Beschäftigung mit konkreten Berufszielen im Jugendalter mündet
(vgl. Schober/Gaworek 1996, S. 37). Die ersten beruflichen Träume beschränken
sich meist auf ein kleines Berufsfeld welches nur wenigen Menschen zugänglich
ist. Jungen wollen Astronaut oder Rennfahrer werden, Mädchen eifern berühmten
Sängerinnen oder Schauspielerinnen nach. Im Jugendalter verflüchtigen sich
diese ersten Berufswünsche dann und die Wahl des Ausbildungswunsches wird
spezieller. Es geht nun vielmehr darum, Geld mit dem gewählten Beruf zu ver-
dienen. Die Ansicht, dass ein Beruf Spaß machen oder Befriedigung bringen soll
wird von vielen als Luxus betrachtet. Und so kommt es, dass die meisten Berufs-
entscheidungen auch heute noch eher zufällig getroffen werden und von äußeren
Faktoren abhängen. Das problematische daran ist, dass viele Jugendliche gar
keinen Überblick über die Arten von Berufen haben und selbst nur wenig über ihre
Möglichkeiten Bescheid wissen. Sie orientieren sich meistens an ihrem Umfeld, an
älteren Freunden oder Familienangehörigen, um eine Berufswahl zu treffen. So
kommt es, dass ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen Wunschberufen und
tatsächlichen Ausbildungsmöglichkeiten besteht. Jugendliche wählen oftmals nach
ihren Bedürfnissen und Vorstellungen einen Beruf, der aber durch mangelnde
Qualifizierung, Leistung oder Eignung nicht zu ihnen passt. Vielen Jugendlichen ist
es aufgrund dieser Umstände, nicht möglich nach den eigenen Vorstellungen zu
entscheiden, da weiterhin Lehrstellen nicht ausreichend angeboten werden. Die
Konsequenz daraus ist, dass heute viele Jugendliche in ihrem gewählten Aus-
bildungsberuf unzufrieden sind und bereit wären eine andere Tätigkeit zu wählen.
Das ,Ende vom Lied` Schwierigkeiten und Misserfolge führen zu Ausbildungs-
abbrüchen und Neuorientierungen auf dem Ausbildungsmarkt. Und das, obwohl
dieser Abschnitt im Leben eines jungen Menschen, in dem er sich an der Schwelle
zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt befindet, zweifelsfrei einer der wichtigsten und
gleichzeitig auch schwierigsten ist. Die sich ständig wandelnden Bedingungen auf
dem Arbeitsmarkt führen jedoch dazu, dass der zuerst gewählte Beruf nicht
zwangsmäßig ein Leben lang ausgeübt werden muss. Vom Lebensberuf sind wir
heutzutage weit entfernt. Unter Berücksichtigung aller Schwierigkeiten sind sich
junge Frauen und Männer dennoch in einem Punkt einig. Die Berufsausbildung ist
für die meisten eine Selbstverständlichkeit. Allerdings befinden sich junge Frauen
bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz in einem Beruf mit hohen Arbeits-
marktchancen in einer schwierigeren Lage als junge Männer. Sie müssen sich in
ihrem Berufsfindungsprozess zugleich mit der geschlechtsspezifischen Frage
nach Familie und Kindern auseinandersetzen und somit die schwierige Aufgabe
lösen den richtigen Beruf zu wählen, der es möglich macht Familie und Erwerbs-
arbeit miteinander zu vereinen. Die Berufswahl ist somit für Mädchen noch an-
spruchsvoller als für Jungen. Junge Frauen und Mädchen sind nach wie vor in
einem sehr engen und traditionellen Berufsspektrum anzutreffen. Bei jungen
Frauen gibt es eine Konzentration auf besonders beliebte Berufe. Sie wählen beim
Übergang in die Berufswelt im Allgemeinen frauentypische Berufe
2
. Bei rund 360
bestehenden Ausbildungsberufen erfreuen sich besonders Büro- und Dienst-
leistungsberufe bei jungen Frauen und Mädchen wachsender Beliebtheit. Vor dem
beschriebenen Hintergrund stellt sich grundsätzlich die Frage nach dem Berufs-
wahlprozess von Mädchen und jungen Frauen in dem benannten Berufsfeld. Die
spezielle Problematik die im Rahmen dieser Arbeit behandelt wird, soll im
folgenden Abschnitt detaillierter dargestellt werden.
1.2 Problemstellung, Vorgehensweise und Erkenntnisinteressen
Die Problematik der Berufswahl im Lebenszusammenhang junger Frauen und
Mädchen ist sicherlich nicht neu und umfasst bereits eine scheinbar unüberschau-
bare Zahl von Publikationen und Forschungsprojekten. Entsprechend liegen hier-
zu verschiedene Erklärungsansätze vor, die die Berufswahl aus unterschiedlichen
Blickwinkeln betrachten und in den Folgekapiteln näher erläutert werden. Trotz der
Fülle an Erklärungsansätzen kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die
Ergebnisse im Rahmen dieser Arbeit, insbesondere in dem ausgewählten Berufs-
feld des Dienstleistungssektors, das Berufswahlverhalten von jungen Frauen und
Mädchen transparenter machen können. Mehrere Gründe und die daraus ab-
geleiteten Ziele lassen auf diese Annahme schließen. Der Anteil der erwerbs-
tätigen Frauen im tertiären Sektor nimmt stetig zu (vgl. Heinz 1995, S.24). Doch
warum ist das so? Sicherlich ist dieser Prozess eine Folge der ständig steigenden
Nachfrage nach Arbeitskräften auf diesem Gebiet. Doch die zentrale Frage die
sich an dieser Stelle stellt, ist die nach den Gründen junger Frauen auf dem Weg
in einen Beruf aus dem Dienstleistungssektor, im Speziellen im Beruf Kauffrau für
Bürokommunikation. Welche Ursachen und Motive tragen zu der Entscheidung bei
einem frauentypischen Beruf zu wählen?
Einigkeit besteht bei den jungen Erwachsenen darüber, dass eine abgeschlossene
berufliche Qualifizierung heute Bestandteil der Lebensplanung und somit zur
Selbstverständlichkeit geworden ist. Nicht einmal die schwierige Lage auf dem
Ausbildungsmarkt kann dazu beitragen, sich gegen einen Beruf zu entscheiden
und die eigene Existenzsicherung außer Acht zu lassen. Eine abgeschlossene
Berufsausbildung ist für Frauen, wie auch für Männer, heute von hoher Bedeut-
ung, da diese die Voraussetzung für eine spätere Erwerbsarbeit ist. Allerdings sind
junge Frauen und Mädchen auch heute immer noch in eher frauentypischen Be-
rufen und einem engeren Berufsspektrum anzutreffen, vorwiegend im kauf-
männischen Bereich. Wie viele andere Berufe im Dienstleistungssektor erfreut
sich eben auch der Beruf Kauffrau für Bürokommunikation wachsender Beliebtheit
bei jungen Frauen. Deshalb soll im Rahmen dieser Arbeit der Frage nachge-
gangen werden, welche inneren und äußeren Rahmenbedingungen das bio-
grafische Handeln der Probandinnen in der Phase der Berufswahl geleitet haben
und warum sie ausgerechnet diesen kaufmännischen Beruf gewählt haben und
keinen anderen. Ein besonderes Interesse gilt hierbei der retrospektiven Be-
schreibung des Berufswahlprozesses junger Frauen die sich unmittelbar in der
Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation befinden. Welche Ent-
scheidungen haben zu dieser Wahl beigetragen? Welche Gründe geben die Pro-
bandinnen für ihre Berufswahl an? Ausgehend von dieser Fragestellung soll
weiterhin das Berufswahlverhalten junger Frauen und Mädchen im beschriebenen
Ausbildungsberuf näher beleuchtet werden. Sozialisationsprozesse spielen hierbei
eine wesentliche Rolle. Das bedeutet, dass gerade die geschlechtsspezifische
Sozialisation über geschlechtsbezogene Interaktionen innerhalb einer Gesellschaft
aufbaut, in der bestimmte Vorstellungen und Erwartungen gegenüber Jungen und
Mädchen existieren und nicht zuletzt durch Instanzen wie Familie, Gleichaltrige
und Schule beeinflusst werden (vgl. Zimmermann 2006, S. 177f.). Dies zu über-
prüfen ist Aufgabe dieser Arbeit. Zahlreiche Studien belegen bereits, dass sich
gerade Mädchen an ihrem unmittelbaren Umfeld orientieren, wenn es um die
Berufswahl geht. Eltern und Gleichaltrige beeinflussen diesen Prozess maßgeb-
lich. Dennoch kommt es heutzutage immer häufiger zu nicht realisierten Berufs-
vorstellungen. Mädchen wie auch Jungen können immer seltener ihre Wunsch-
berufe erlernen. Eine Folge der sich verschlechternden Bedingungen auf dem
Ausbildungsstellenmarkt, der eigenen Unsicherheit und mangelnden schulischen
Voraussetzungen der Jugendlichen. Interessant wird es an dieser Stelle, wenn
man nach den Gründen fragt, die dazu geführt haben den ursprünglichen
Wunschberuf aufzugeben und eine weniger bevorzugte Ausbildung anzufangen.
Welche Diskrepanzen bestehen zwischen dem Traumberuf und dem tatsächlich
gewähltem? Welche Faktoren spielten bei der Wahl des Ausbildungsberufes Kauf-
frau für Bürokommunikation eine wesentliche Rolle? Und wie bewerten und be-
urteilen die jungen Berufswählerinnen im Nachhinein ihre Wahl? Im Zentrum
dieser explorativen Fallstudie steht deshalb die individuelle Suche nach dem
richtigen Beruf mit den verbundenen Problemen bei jungen Frauen und Mädchen,
die durch verschiedene Variablen beeinflusst wird. Was bewegt junge Frauen da-
zu, sich für den Beruf Kauffrau für Bürokommunikation zu entscheiden, der sich
erwiesenermaßen sehr hoher Beliebtheit erfreut, Tendenz steigend. Welche Rolle
spielen dabei primäre und sekundäre Sozialisationsinstanzen und kann unter
diesen Umständen von freier Berufswahl gesprochen werden, wenn doch die
aktuelle Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt diese Frage verneint? Wie
wird die Wahl eines Berufes, der nicht den ursprünglichen Vorstellungen entspricht
begründet und gegebenenfalls auf die sozialen Rahmenbedingungen zurück ge-
führt? Im Besonderen interessiert an dieser Stelle wie die Ausbildungswahl be-
gründet wird und ob der Beruf Kauffrau für Bürokommunikation der Wunschberuf
war oder ob es sich eher um eine Berufszuweisung handelte ganz nach dem
Motto ,,Hauptsache überhaupt einen Beruf erlernen". Wie zufrieden sind die Pro-
bandinnen mit ihrer Wahl und welche beruflichen Pläne haben sie im Anschluss
an ihre Berufsausbildung? Werden sie auch nach der Ausbildung als Kauffrauen
für Bürokommunikation arbeiten oder streben sie weitere berufliche Quali-
fizierungen an?
Ziel dieser Arbeit ist es, den Berufswahlprozess von jungen Frauen und Mädchen
im benannten Ausbildungsberuf darzustellen, um dabei auf die Probleme die mit
der Berufswahl zusammenhängen hinzuweisen. Im Rahmen dieser Arbeit soll
daher die Frage geklärt werden, wodurch der Prozess der Berufswahl eigentlich
bestimmt wird, dem sich junge Frauen gegenübergestellt sehen. Darüber hinaus,
soll auf Unterschiede bei der Berufsfindung hingewiesen werden, die sich
eventuell aus verschiedenen Schulabschlüssen ergeben haben könnten.
Die Probleme offenzulegen, die sich aus der ersten Berufswahl bei jungen Frauen
und Mädchen ergeben und warum die einmal getroffene Entscheidung nicht die
endgültige sein muss soll ein weiteres Ziel dieser Arbeit sein, um so den Berufs-
wahlprozess junger Frauen die ihren Beruf im tertiären Sektor gewählt haben,
nachzeichnen und analysieren zu können. Die Herausforderung der Berufswahl
soll anhand ausgewählter Beispiele im benannten Berufsfeld aufgezeigt werden,
indem die Probandinnen ihren Berufswahlprozess aus heutiger Sicht beschreiben.
Als Grundlage dient an dieser Stelle eine Methode der qualitativen Sozial-
forschung, das problemzentrierte Interview. Mit den durch Leitfragen gewonnenen
Daten sollen schließlich Hypothesen zur Berufswahl und dem Verhalten junger
Frauen in diesem Prozess aufgestellt werden. Im Anschluss soll mittels qualitativer
Inhaltsanalyse auf Unterschiede in der Verarbeitung der Berufswahl hingewiesen
werden. Unter Einbeziehung ausgewählter Erklärungsansätze zum Berufswahl-
verhalten von Jugendlichen soll versucht werden, die bereits vorhandenen
wissenschaftlichen Erkenntnisse zu untermauern. Als theoretische Basis dienen
ausgewählte Berufswahltheorien, auf welche im Vorfeld der Analyse näher ein-
gegangen wird und die damit Teilantworten auf die gestellten Fragen geben
können. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen die Berufswahl junger Frauen und
Mädchen transparenter machen, um so den Übergang von der Schul- in die Aus-
bildungszeit unter den erschwerten Bedingungen des Ausbildungsstellenmarktes
zu erleichtern und um auf ausgewählte Probleme im Berufswahlprozess hinzu-
weisen.
1.3 Der Beruf Kaufmann/ Kauffrau für Bürokommunikation
Alle Probandinnen, die an dieser wissenschaftlichen Fallstudie teilgenommen
haben, befinden sich in der Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation, wes-
halb im Folgenden das Berufsprofil näher beschrieben werden soll.
Kaufmann/-frau für Bürokommunikation ist ein anerkannter Ausbildungsberuf nach
dem Berufsbildungsgesetz (BBiG). Dieser Beruf befähigt zur Beschäftigung in
allen wirtschaftlichen Bereichen von Industrie, Handel, Verwaltung, bei Ver-
bänden, Sozialeinrichtungen und sogar in freien Berufen. In den Wirtschafts-
zweigen verschiedenster Betriebe erledigen Kaufleute für Bürokommunikation
Sekretariats- und Assistenzaufgaben sowie bereichsbezogene kaufmännisch-
verwaltende Tätigkeiten (vgl.: http://www.hwk-hamburg.de/ausbildung/beruf/121/).
Dabei sind umfassende Kenntnisse in den neusten Kommunikationstechniken wie
Computer, Fax, Diktiergeräte und Telefonanlagen unabdinglich. Die hauptsäch-
liche Arbeit in diesem Beruf besteht darin Termine zu planen, Dateien und
Statistiken zu erstellen, den Schriftverkehr zu bearbeiten, Sitzungen und Be-
sprechungen vorzubereiten, Kunden zu betreuen und bei Verkaufsgesprächen zu
assistieren(vgl.:http://www.ev-heimstiftung.de/cm2/public/www/library/files/26/kfbk
_jan_2007.pdf). Je nach Aufgabengebiet können Kaufleute für Büro-
kommunikation auch in Bereichen der Personalverwaltung, Rechnungswesen oder
Öffentlichkeitsarbeit mitarbeiten. Die schulischen Voraussetzungen entsprechen
dem Mindestniveau eines guten Hauptschulabschlusses, aber ebenso sind Be-
werber mit einem Realschulabschluss oder Abitur gern gesehen. Eine berufliche
Vorbildung ist nicht erforderlich. Abgesehen von den formalen Voraussetzungen
ist auch die persönliche Eignung des Berufswählers für ein Unternehmen von Be-
deutung. Wichtige Eigenschaften und Fähigkeiten aus betrieblicher Sicht sind gute
Kenntnisse in Rechtschreibung und Zeichensetzung, sprachliche Gewandtheit,
grundlegende EDV-Kenntnisse, Interesse an Bürokommunikation und nicht zu
vergessen die Freude an kaufmännischen Tätigkeiten (vgl.: ebenda). Weiterhin
sollte ein jeder Bewerber über einen gewissen Ordnungssinn und Organisations-
talent verfügen, sowie genau und verantwortungsbewusst handeln.
Die Ausbildung in diesem Beruf dauert drei Jahre und wird in Betrieb und Berufs-
schule, der sogenannten dualen Ausbildung gelehrt. Auch eine rein schulische
Ausbildung ist möglich. Die Ausbildung beinhaltet schwerpunktmäßig unter
anderem die betriebliche Organisation und deren Funktionszusammenhänge, Be-
schaffung und Auftragsbearbeitung, Bürowirtschaft und Statistik, Betriebliches
Rechnungs- und Personalwesen sowie schwerpunktmäßig die bereits an-
gesprochenen Assistenz- und Sekretariatsaufgaben (vgl.: ebenda). Nach erfolg-
reich bestandener Zwischen- und Abschlussprüfung vor der zuständigen Handels-
kammer arbeiten Kaufleute für Bürokommunikation vorwiegend in den Verwal-
tungsabteilungen von Unternehmen aller Wirtschaftsbereiche und Unternehmen
der gewerblichen Wirtschaft (vgl.:http://infobub.arbeitsagentur.de). Der Beruf Kauf-
frau für Bürokommunikation wird nach wie vor hauptsächlich durch das weibliche
Geschlecht repräsentiert, wodurch sich die Wahl des Themas dieser wissenschaft-
lichen Hausarbeit im Zusammenhang mit diesem Ausbildungsberuf begründet.
Weiterhin begründet sich die Thematik dadurch, dass man als zukünftiger Berufs-
schullehrer, als zukünftige Berufsschullehrerin im Bereich Wirtschaft und Ver-
waltung täglich mit dem Ausbildungsberuf Kaufmann/ Kauffrau für Büro-
kommunikation und den dazugehörigen Auszubildenden zu tun hat und es somit
sinnvoll ist, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.
2 Theoretische
Ausgangsposition
2.1 Der Prozess der Berufswahl
2.1.1 Zu den Begriffen Beruf, Berufswahl und Berufsfindung
Die Aufnahme eines Berufes charakterisiert auch heute noch den Übergang eines
Jugendlichen zum Erwachsenen. Gesellschaftliches Ansehen, der eigene Selbst-
wert, sozialer und finanzieller Status sind neben der reinen Existenzsicherung die
Hauptgründe für die Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit. Dabei ist der alltags-
sprachliche Berufsbegriff vielschichtig, mehrdeutig und umstritten, da er im all-
gemeinen Sprachgebrauch nicht eindeutig verwendet und häufig mit den Begriffen
,,Arbeit" oder ,,Job" gleichgesetzt wird. Ursprünglich war das Wort Beruf ein
religiöser Begriff. Es meinte die von Gott ausgehende Berufung für eine Tätigkeit
und wurde von LUTHER auch auf weltliche Aktivitäten übertragen (vgl. Kohli 1973,
S. 4). Im allgemeinen Sprachgebrauch des 19. Jahrhunderts verfestigte sich der
Begriff "Beruf" und ist seitdem aus dem heutigen Wortschatz nicht mehr wegzu-
denken. Im Zuge der Industrialisierung etablierte sich dieser Begriff und hat im
Laufe der Zeit zunehmend an Bedeutung gewonnen. Heute dient der Beruf vor
allem der Sicherung des Lebensunterhalts und der Verwirklichung der
individuellen Lebensvorstellungen. Letztendlich bestimmt der Beruf über den
sozialen Status und die gesellschaftliche Teilhabe.
BECK, BRATER und DAHEIM brachten 1980 die Komplexität und Vielschichtigkeit
des Berufsbegriffs in einer Definition zusammen: ,,Berufe sind relativ tätigkeits-
unabhängige, gleichwohl tätigkeitsbezogene Zusammensetzungen und Ab-
grenzungen von spezialisierten, standardisierten und institutionell fixierten Mustern
von Arbeitskraft, die u.a. als Ware am Arbeitsmarkt gehandelt und gegen Be-
zahlung in fremdbestimmten, kooperativ-betrieblich organisierten Arbeits- und
Produktionszusammenhängen eingesetzt werden" (HEINZ 1995, S. 22). So ist der
Beruf eindeutig als Gliederungsprinzip der Gesellschaft zu verstehen. An oberster
Stelle steht heute der Beruf als zentrales Instrument zur Sicherung des Lebens-
unterhalts, durch den der Mensch eine Gegenleistung in Form von Geld für seine
Arbeitskraft bekommt. Nicht zuletzt aus diesem Grund spielen Begriffe wie
Leistungs-, Arbeits- und Erwerbsgesellschaft in unserer modernen Gesellschaft
eine bedeutende Rolle (vgl. ebenda, S. 18). Allerdings geht das heutige Berufs-
verständnis etwas weiter und ist durchaus mehrdimensional. So hält DOSTAL den
traditionellen Berufsbegriff für überholt und veraltet in Bezug auf die sich ständig
wandelnden Arbeits- und Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft. Er
fordert eine Neuabgrenzung des Begriffs, um der Dynamik der Erwerbsarbeit, die
zunehmend nur noch durch ,,Jobs" oder ,,Tätigkeiten" gekennzeichnet ist, gerecht
zu werden. Genannte dienen nämlich ausschließlich dem Verdienen von Geld und
sind somit vom eigentlichen Berufsbegriff zu unterscheiden. Für DOSTAL zeichnet
sich der Beruf durch Wechselbeziehungen zwischen eben diesem, arbeitsplatz-
gebundenen Anforderungen und berufsbezogenen Qualifikationen aus, wie
folgende Abbildung verdeutlichen soll.
Abbildung 1: Die Vieldimensionalität von Beruf
Quelle: Dostal, Stooß, Troll 1998, S. 440
Beruf meint an dieser Stelle, eine Merkmalkombination in Bezug auf eine vor-
gegebene Arbeitsaufgabe. Es bedarf der Qualifikation der jeweiligen Arbeitskraft,
die sich aus Fachkompetenz und Sozialkompetenz zusammensetzt. In der Berufs-
forschung des IAB
3
wird ein Beruf durch folgende Merkmale definiert. Er besteht
aus einem Bündel von Qualifikationen, welche auf das Wissen und die Sozial-
kompetenz der Arbeitskraft ausgelegt ist. Dazu gehören Aufgabenfelder die durch
die Kombination von Arbeitsmitteln, Objekten und dem Arbeitsumfeld geprägt sind.
Letztendlich sind es zudem die hierarchischen Handlungsspielräume des Einzel-
nen, welche einen Beruf auszeichnen. Diese ergeben sich aus dem Zusammen-
spiel von Arbeitsplatz (Betrieb), der bestimmte Anforderungen hat, und Arbeits-
kraft, dem Arbeitnehmer (vgl. Dostal 1998, S. 440). Das Objekt oder Produkt was
im Zuge dieses Zusammenspiels entsteht ist durch eine klare Arbeitsaufgabe
definiert, die sich aus dem Einklang von Arbeitsmitteln, Arbeitsmilieu, Funktions-
bereich, Autonomie und Status ergibt (vgl. ebenda, S. 440).
Der Beruf definiert sich allerdings nicht nur durch die Beschreibung der Arbeits-
aufgaben. Ein Beruf grenzt ebenso die Gestaltungsmöglichkeiten eines Menschen
in seinem Privatleben ein. Der Beruf gilt zwar nach wie vor als wichtigste Ein-
kommensquelle, doch sind weitere Funktionen, wie Selbstverwirklichung, Auto-
nomie, Identitätsfindung und soziales Ansehen in der Gesellschaft nicht zu ver-
nachlässigen (vgl. ebenda, S. 440). Deshalb ist für Jugendliche die erste Berufs-
wahl so wichtig bei der weiteren Lebensplanung und -gestaltung. Da die Berufs-
wahl allerdings keine Entscheidung ist, die man von heute auf morgen fällt, ver-
stehen wir diese als einen langfristigen Prozess der bereist in der Kindheit beginnt
und auch nicht mit dem Beginn einer Berufsausbildung beendet ist. Unter dem
Wort Berufswahl versteht man allgemein den ,,Entscheidungsprozess eines
Jugendlichen zwischen Alternativen von Berufen, die für ihn am besten ge-
eignetste Wahl zu treffen" (vgl. Grüner et al. 1982, S. 89). Beeinflusst wird dieser
Prozess vom Elternhaus, der Schule, den eigenen Wünschen und Träumen sowie
auch von räumlichen und ökonomischen Lebensumständen. Im Hinblick auf die
sich ständig verändernde Arbeitswelt müssen sich die Jugendlichen entscheiden,
welchen Beruf sie erlernen wollen um von diesem Standpunkt aus ihre Zukunft zu
planen. Deshalb wird der Begriff Berufswahl an dieser Stelle als selbstständige
Entscheidung des Jugendlichen betrachtet, der sich einen Beruf durch Prüfung
seiner Optionen ausgesucht hat. HERZOG, NEUENSCHWANDER und
WANNACK teilen diesen Prozess der Berufswahl in sechs Phasen wie die
folgende Abbildung verdeutlicht.
Abbildung 2: Phasen der Berufswahl
Quelle: PANORAMA 2/2004, S.36
Die erste Phase der diffusen Berufsorientierung ist gekennzeichnet durch frühe
Kindheitsträume, die die Vorstellung von einem Beruf beherrschen. Die zweite
Phase, die Konkretisierung der Berufsorientierung, beginnt nahezu zeitgleich mit
der Pubertät. Die Wünsche werden nun konkreter und können präziser be-
schrieben werden. An diese zweite Phase knüpft die aktive Suche nach einem
Ausbildungsplatz an die durch jene Jugendliche abgelöst wird, die bereits einen
Ausbildungsplatz gefunden haben. Dies ist die vierte Phase, die Konsolidierung
der Berufsfindung. In der fünften Phase wird die geplante berufliche oder auch
schulische Ausbildung realisiert. Die sechste Phase beschreibt zuletzt den Eintritt
ins Erwerbsleben (vgl. Panorama 2/2004, S. 36). An diesem, von den genannten
Autoren, entwickeltem Modell lässt sich die Berufswahl als Prozess sehr gut ver-
deutlichen. An dieser Stelle sei aber angemerkt, dass es sich um ein Modell
handelt, welches durchaus nicht auf jeden Jugendlichen zutrifft und somit immer
unter einem gewissen Vorbehalt betrachtet werden muss. So können beispiels-
weise einige Phasen mehrmals durchlaufen werden. Geeignet scheint diese Dar-
stellung um aufzuzeigen, dass die Berufswahl keine punktuelle Entscheidung ist,
sondern als ein Prozess zu verstehen ist, der mehrere Lebensjahre oder auch das
ganze Leben andauert. Der Begriff Berufswahl wird im Folgenden als das Recht
auf freie Wahl des Berufes, wie es im Artikel 12 des Grundgesetzes festgehalten
wird, verstanden. Dies unterstellt aber ein auswahlfähiges und qualifiziertes An-
gebot, welches unter heutigen Umständen wohl kaum mehr gegeben ist. Daher
trägt der Begriff Berufsfindung dem tatsächlichen Prozesscharakter eher
Rechnung. Berufsfindung meint, die Verarbeitung verschiedener Lebens- und
Arbeitserfahrungen, die die Individuen in ihrem beruflichen Sozialisationsprozess
durchlaufen (vgl. Schober/Gaworek 1996, S. 78). Weiterhin kann nicht davon aus-
gegangen werden, dass die einmal getroffene Entscheidung für einen bestimmten
Beruf ein Leben lang dieselbe bleibt. Heute sind wir weit davon entfernt, unter den
1.
Diffuse
Berufs-
orientierung
2.
Konkreti-
sierung der
Berufs-
orientierung
3.
Suche
eines Aus-
Bildungs-
platzes
4.
Konsolidie-
rung der
Berufs-
findung
5.
Berufsaus-
bildung
6.
Eintritt ins
Erwerbs-
leben
Bedingungen der sich ständig ändernden Anforderungen des Arbeitsmarktes, den
einmal gewählten Beruf ein Leben lang auszuüben. Wie auch diese explorative
Fallstudie zeigen wird, muss die erste Berufswahl nicht die endgültige sein und
kann durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden.
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass der Prozess der Berufswahl des-
halb so wichtig ist, weil nahezu jeder Jugendliche diesen durchläuft und zudem die
erste berufliche Ausbildung Voraussetzung für die spätere Erwerbstätigkeit,
eventuelle Berufswechsel oder Spezialisierungen sowie Voraussetzung für
Weiterbildungsmöglichkeiten ist. Das dieser Prozess bei jungen Frauen und
Mädchen mit zusätzlichen Problemen und Entscheidungen belastet ist, soll
folgender Abschnitt darstellen.
2.1.2 Der Berufswahlprozess junger Frauen
Eine berufliche Ausbildung und ein erlernter Beruf haben für junge Frauen, genau-
so wie für junge Männer, heute einen hohen Stellenwert. Dennoch finden sich
deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede im Berufswahlprozess die bereits
schon im frühesten Kindesalter zu verzeichnen sind. So werden Mädchen schon
sehr früh auf ihre geschlechtsspezifischen Rollen festgelegt, indem sie ihre er-
wachsene Umwelt genauestens beobachten und versuchen zu kopieren. Dieses
Phänomen lässt sich bereits im frühen Kindesalter beobachten, indem Rollen-
spiele mit Puppen inszeniert werden und sich dies auch in der Fürsorge für
Andere zeigt (vgl. Schober/Gaworek 1996, S. 38). Dieses soziale Verhalten, bzw.
das Kopieren sozialer Rollen, mündet dann in die ersten Gedanken eines späteren
Traumberufs. So ergab eine Repräsentativstudie des IJF
4
aus dem Jahr 1995 bei
6- bis 14jährigen Kindern, dass die Wunschberufe bereits im Kindesalter sehr
differenziert sind. Mädchen wollen der Studie nach gerne Tierärztin, Kranken-
schwester, Ärztin, Lehrerin, Sängerin oder Friseurin werden. Jungen wählen im
Gegenzug eher Traumberufe aus, die mehr Spannung und Abenteuer ver-
sprechen, wie beispielsweise Pilot, Polizist oder Rennfahrer (vgl. ebenda, S. 41).
Im Jugendalter verselbstständigen sich diese Berufswünsche zunehmend und
werden der Gegenwart angepasst. Mädchen wie Jungen entwickeln neue
Interessen und erkennen die Notwendigkeit mit dem gewählten Beruf Geld zu ver-
dienen. Ungefähr mit 13 Jahren beginnen Jugendliche darüber nachzudenken,
welchen Beruf sie ausüben könnten. Im Allgemeinen fällt die Entscheidung für
einen bestimmten Beruf ein bis zwei Jahre vor Beendigung der Schulausbildung.
Schon allein aus diesem Grund wird der Eindruck erweckt, die Berufswahl wäre
eine einmalige Entscheidung. Betrachtet man aber den Prozess, der sich dahinter
verbirgt und schon in der frühen Kindheit beginnt, wird schnell deutlich, dass die
Berufswahl eine jahrelang überdachte Entscheidung ist. Die Verarbeitung ver-
schiedenster Lebens- und Arbeitserfahrungen und ein permanentes Abwägen der
individuellen Interessen und Möglichkeiten stehen damit im unmittelbaren Zu-
sammenhang. In der biografischen Planung von jungen Frauen ist der Beruf zum
zentralen Bestandteil ihres Lebens geworden. Das war nicht immer so. Noch im
Leitbild des 19. Jahrhunderts war die Frau allein für Hausarbeit und Familie ver-
antwortlich und in der Regel nicht berufstätig. Der Mann war für die finanzielle
Existenzsicherung verantwortlich, die Frau für die Erziehung der Kinder. Das Bild
der Frau änderte sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Eine abgeschlossene
berufliche Qualifizierung ist heute Bestandteil der Lebensplanung junger Frauen.
84 Prozent der jungen Frauen im Alter von 20 bis 30 Jahren besitzen eine ab-
geschlossene berufliche Ausbildung (vgl. APuZ 28/2004, S. 32). Der Beruf gewinnt
bei Frauen immer mehr an Bedeutung und platziert sich im persönlichen Stellen-
wert in nicht wenigen Fällen sogar vor Familie und Partnerschaft. In den meisten
Fällen muss die Familienplanung zugunsten der beruflichen Ausbildung in den
Hintergrund treten. War früher Familie und Hausarbeit Zielsetzung und Inhalt des
weiblichen Lebensentwurfs, so hat die berufliche Bedeutung neben der Familie zu
einer ,,doppelten Lebensführung" geführt. Weibliche und männliche Normalbio-
grafien sind auf dem Weg sich anzugleichen. Frauen sind nicht nur zunehmend
unabhängiger und selbstbewusster geworden, sondern erzielen auch immer
höherwertigere Abschlüsse an den allgemeinbildenden Schulen. Sie haben ihre
männlichen Mitstreiter in der schulischen Erfolgsbilanz bereits eingeholt, ja zum
Teil sogar überholt. Diese Entwicklungen gehen nicht zuletzt auf die gesellschaft-
lichen Wandlungsprozesse zurück. Das traditionelle Rollenbild der Frau ist längst
überholt und veraltet. Frauen beteiligen sich ebenso wie Männer an Bildungs-
systemen und erhöhen somit ihre Berufschancen. So verlassen Mädchen oftmals
die Schule mit besseren Noten als ihre männlichen Mitschüler. Doch trotz der, im
Vergleich zu jungen Männern, besseren Bildungsabschlüsse, gestaltet sich die
Situation für junge Frauen auf dem Ausbildungsmarkt nach wie vor schwierig.
Immer noch sind Frauen in einem sehr engen ,,frauentypischen" Berufsfeld anzu-
treffen, vor allem im Büro- und Dienstleistungsbereich. Nicht zuletzt dadurch, dass
kaum praktische Arbeitserfahrungen vorliegen und sich die Interessen der jungen
Frauen doch noch eher an ihrem persönlichen Umfeld orientieren. Mit Arbeit und
Beruf verbinden junge Frauen eine sinnstiftende, den Alltag strukturierende Be-
schäftigung (vgl. Schober/Gaworek 1996, S. 81). Ein Leben ohne Arbeit ist für die
Meisten kaum vorstellbar und somit zentraler Bestandteil der Lebensplanung.
Allerdings gestaltet sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt für junge Frauen
schwieriger als für ihre männlichen Kollegen. Sie müssen ihre beruflichen Vor-
stellungen und Wünsche den geschlechtsspezifischen Bedingungen des Aus-
bildungsplatzangebotes anpassen. Ob somit der Prozess der Berufswahl erfolg-
reich ist, hängt mitunter auch davon ab, ob die Phase des Einstiegs in die
Arbeitswelt gelingt oder nicht. Nicht selten ist die Erstausbildung die falsche Wahl.
Viele junge Frauen orientieren sich noch einmal um, verwerfen ihre erste Berufs-
wahl und weichen auf andere Berufsfelder aus. Nach wie vor bestehende
geschlechtsspezifische und geschlechts-hierarchische Strukturen hindern
Mädchen und Frauen daran, sich frei nach ihren individuellen beruflichen Bedürf-
nissen zu entscheiden und zu entfalten. Von einer Gleichberechtigung im Berufs-
leben kann zu Beginn des 21. Jahrhunderts keine Rede sein.
Abschließend kann die Berufswahl junger Frauen somit als Prozess verstanden
werden, der von individuellen und gesellschaftlichen Faktoren abhängt und mit-
unter zu Krisen und mehreren Berufswechseln führen kann. Inwieweit der Berufs-
wahlprozess mit den dazugehörigen Problemen, Unsicherheiten und manchmal
auch Fehleinschätzungen junger Frauen in dieser Arbeit nachgebildet werden
kann, wird sich noch herausstellen.
2.2 Theorien und Erklärungsansätze zur Berufswahl
2.2.1 Berufswahltheorien im Überblick
Zu Erklärung des Berufswahlprozesses bietet die Wissenschaft eine Fülle von
Berufswahltheorien an. Durch die vielen Einflüsse und Faktoren die diesen
Prozess begleiten, kann man nicht von einem allein gültigen Ansatz sprechen.
Somit gibt es eine Vielzahl von Theorien die versuchen die Berufswahl zu er-
läutern. Es würde an dieser Stelle aber den Rahmen der Arbeit sprengen, sie in
ihrer ganzen Breite vorzustellen und zu diskutieren. Daher wurde unter folgenden
Aspekten eine Auswahl getroffen. Ausgehend vom allgemeinen Grundproblem,
der zentralen Frage wie der einzelne zu seinem Beruf kommt, sollen einige aus-
gewählte Theorien daraufhin untersucht werden, wie diese Frage zu beantworten
ist. Weiterhin argumentieren die ausgesuchten Berufswahltheorien in ihren Be-
gründungen sehr unterschiedlich, wodurch das Themengebiet umfassend ein-
gekreist wird. Im Folgenden soll somit deutlich gemacht werden, inwiefern sich die
Konzepte der Wissenschaft unterscheiden, durch welche Merkmale sie begründet
werden und wo die Grenzen dieser Theorien liegen. Eine Vorauswahl der Berufs-
wahltheorien soll an dieser Stelle getroffen werden, denn kaum ein anderer Unter-
suchungsbereich weist derart unterschiedliche Konzeptionen auf.
In Mitteleuropa sind erst seit Ende der 1960er Jahre verstärkte Bemühungen er-
kennbar, die bereist in den USA entwickelten Theorien und Forschungsergebnisse
zu verarbeiten und weiterzuentwickeln (vgl. Bender-Szymanski 1980, S. 4). Das
zentrale Problem in der Berufswahlforschung blieb dennoch bis heute bestehen.
Die Tatsache, dass alle Konzeptionen die Berufswahl aus sehr unterschiedlichen
Blickwinkeln betrachten und somit nur wenig Gemeinsamkeiten aufweisen.
Trotzdem ist jede Berufswahltheorie von zwei Ansatzpunkten aus zu betrachten:
einerseits von dem Individuum selbst, welches einen Beruf wählt und andererseits
von den gesellschaftlichen Institutionen, der eigentlichen Berufswelt (vgl. Beinke
2006, S. 30). Nun stellt sich zunächst die zentrale Frage, welche Bedingungen zur
Wahl eines bestimmten Berufes führen und warum der Eine diesen und der
Andere jenen Beruf wählt. Generell wird in allen theoretischen Konzeptionen von
einem Prozess der Berufswahl ausgegangen der durch äußere und innere
Rahmenbedingungen beeinflusst wird. KOHLI, der die drei Haupteinflussfaktoren
auf das Berufswahlverhalten in drei Ansätzen zu erklären versucht, definiert
diesen Prozess als ein Geschehen, welches aus einer Abfolge von unterscheid-
baren, miteinander verknüpften Zeitperioden besteht (vgl. Kohli 1973, S. 7). Im
Interesse seiner Betrachtungen stehen dabei einerseits der Inhalt dieser Zeit-
perioden und andererseits die zeitliche Abfolge dieser. Wie schon erwähnt, hat
KOHLI drei Ansätze zur Berufswahltheorie entwickelt die in groben Zügen in die
Dimension der soziologisch/psychologischen Fragestellung eingeordnet werden
können. Nach Kohli kann man Berufswahlprozesse unter entwicklungs-,
entscheidungs- und allokationstheoretischen Aspekten interpretieren. Der
allokationstheoretische Ansatz stellt besonders die von den gesellschaftlichen
Institutionen und von der Umwelt insgesamt ausgehenden Einflussfaktoren auf die
Berufswahl in den Mittelpunkt und ist somit soziologisch ausgerichtet (vgl. Beinke
2006, S. 30). Im Gegensatz hierzu geht der entscheidungstheoretische Ansatz,
wie auch die vielfältigen psychologischen Berufswahltheorien, zunächst vom
Individuum selbst und dessen Motivation einen Beruf zu ergreifen, aus. Diese
Fragestellung ist somit psychologischer Natur. Die Berufswahl als Entwicklungs-
prozess kann anders als die beiden vorherigen Ansätze sowohl psychologisch als
auch soziologisch verstanden werden. Da die ganze Entwicklungsgeschichte des
Individuums von Bedeutung ist, kann die Problemsituation des Berufswählenden
durch psychische oder soziale Einflüsse erklärt werden (vgl. Kohli 1973, S. 8).
Eine Verbindung zwischen dem Berufswähler und der Berufswelt wird somit her-
gestellt. Aus der Sicht KOHLIS erklären diese drei Ansätze die Haupteinfluss-
faktoren auf das Berufswahlverhalten und sollen an anderer Stelle noch explizit
erläutert werden. HOPPE entwickelte den theoretischen Ansatz KOHLIS weiter. Er
geht davon aus, dass menschliches Handeln als Wechselbeziehung von
Individuum und Gesellschaft vor dem Hintergrund individueller Erfahrungen, Er-
wartungen und Ziele erfolgt (vgl. http://textfeld.ac.at). HOPPE schlägt vor, die eher
beschreibenden Ansätze KOHLIS um einen vierten, den interaktionistischen An-
satz, zu erweitern. Durch diesen wird die Berufswahl als Interaktionsprozess
zwischen Individuum und Berufswelt interpretiert. Die folgende Abbildung soll alle
genannten Erklärungsansätze zur Berufswahl noch einmal bildlich verdeutlichen
und die Beziehungen der Theorien zueinander explizit darstellen:
Abbildung 3: Die vier zentralen theoretischen Ansätze zur Berufswahl
Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Kohli 1973, S.9
Da die psychologischen Berufswahltheorien in enger Verbindung zu den Ansätzen
KOHLIS stehen, soll auf sie nicht gesondert eingegangen werden. Erwähnenswert
ist aber, dass auch diese Erklärungsansätze einseitig vom Individuum ausgehen
und Berufsentscheidungen aus Kindheitserlebnissen und dem familiären Umfeld
erklärt werden (vgl. Krewerth et al. 2004, S. 36). Sie sind allerdings wenig einfluss-
reich geblieben.
Da eine der bekanntesten Einteilungen der Berufswahltheorien auf die Einordnung
von SEIFERT zurück geht, soll an dieser Stelle die Zuordnungstheorie explizit er-
klärt werden, welche zwar in obiger Darstellung fehlt, aber aus der Vielzahl von
Forschungsansätzen wohl kaum wegzudenken ist. Zuordnungstheorien ordnen,
wie der Name schon sagt, einem Individuum einen Beruf zu (vgl. ebenda, S. 36).
Als wohl bekanntestes Beispiel gilt die Kongruenztheorie von HOLLAND, bei der
sechs verschiedene Typen von Menschen sechs Umwelten zugeordnet werden
(vgl. ebenda, S. 36). Auf alle genannten theoretischen Ansätze wird im weiteren
Verlauf ausführlich eingegangen.
Abschließend bleibt anzumerken, um es mit den Worten SCHARMANNS auszu-
drücken, dass ,,für jede Persönlichkeit eine Position und Leistung innerhalb der
Gesellschaft bestehe zu der sie berufen ist und diese so lange zu suchen ist bis
man sie findet" (vgl. Beinke 2006, S. 31).
Berufswahl als
Entwicklungsprozess
Berufswahl als
Interaktionsprozess
Berufswahl als
Entscheidungsprozess
Berufswahl als
Allokationsprozess
2.2.2 Berufswahl als Entscheidungsprozess
Der erste Ansatz ist, nach KOHLI, der entscheidungstheoretische Ansatz. Dieser
betrachtet die Berufslaufbahn als einen Entscheidungsprozess, den das
Individuum schrittweise zu vollziehen hat. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht
somit die Struktur des Entscheidungsprozesses. Dieser Ansatz ist auch in der
wissenschaftlichen Literatur weit verbreitet. Unterscheiden lassen sich ent-
scheidungstheoretische Ansätze in deskriptive und normative Theorien. Erstere
beschränken sich darauf, die einzelnen Schritte bei der Entscheidung für einen
Beruf zu beschreiben während normative Theorien aus diesen Schritten optimale
Handlungsstrategien ableiten (vgl. Krewerth et al. 2004, S. 36). Durch normative
Theorien soll der Berufswähler in seinem Entscheidungsprozess unterstützt
werden, indem er ein erprobtes Verfahren, beispielsweise ein spezielles Ent-
scheidungstraining wie es POTOCNIK 1990 entwickelt hat
5
, anwendet. Da
individuelle Kriterien, wie berufliche Werthaltungen, Nützlichkeitserwartungen,
Interessen, Fähigkeiten und Fertigkeiten diese Entscheidungen beeinflussen, sind
sie ausschlaggebend für eine bestimmte Berufswahl und somit zu berücksichtigen
(vgl. Schober/Gaworek 1996, S. 15). Die Berufswahl ist auch im entscheidungs-
theoretischen Ansatz als ein Prozess zu verstehen, der sich zwischen der eigent-
lichen Person und seiner Umwelt abspielt, mit dem Ziel verschiedene Berufstätig-
keiten zu analysieren, alternativ zu vergleichen um somit zu einer begründeten
Entscheidung zu kommen. Den Anlass zur Berufswahl gibt dabei die Gesellschaft
selbst. Nach RIES verspürt das Individuum eine Statusunvollständigkeit aus der
sich der Motivationsdruck, ebenfalls einen Beruf aufzugreifen, ergibt (vgl. Kohli
1973, S. 9). Für ihn ist Berufswahl das Ergebnis eines Prozesses, indem der Zu-
gang zu allen relevanten Informationen, sei es durch Lehrer, Medien oder Berufs-
berater, erfolgt. Da nicht alle Individuen denselben Zugang zu diesen
Informationen haben, beispielsweise allein durch verschiedene Schulabschlüsse,
werden auch berufliche Handlungsalternativen beschränkt. Aus den zur Verfügung
stehenden Alternativen wählt das Individuum dann entsprechend nach seinen
Werten, Einstellungen und Bedürfnissen (vgl. ebenda, S. 11).
Diese beeinflussen die Entscheidungen im Berufswahlprozess und stehen somit in
unmittelbaren Zusammenhang. Für Jugendliche stellt sich genau dieser Prozess,
der durch den Übergang vom Bildungs- in ein Beschäftigungssystem geprägt ist,
als eine Abfolge von Entscheidungen dar. Voraussetzung ist, dass sich der
Berufswähler ausreichend über seine Alternativen informiert hat und diese be-
urteilen kann. Nach LANGE gibt es drei Modelle die das Entscheidungsverhalten
bei der Berufswahl näher beschreiben (vgl. http://textfeld.ac.at):
1.
Modell der rationalen Wahl
2.
Modell des Durchwurstelns
3.
Modell der Zufallswahl
Ersteres geht von der Annahme aus, dass der Berufswähler eine rationale Wahl
treffen möchte und kann. Er kann seine Wahl begründen und sich folglich genau
für die Berufsalternative entscheiden, die den größten Nutzen verspricht. Voraus-
setzung ist allerdings, dass er sich ausreichend über seine Möglichkeiten
informiert hat und genau weiß, welche Anforderungen an ihn gestellt werden. Das
zweite Modell, das Modell des ,,Durchwurstelns", geht davon aus, dass voll-
ständige Informationen über ein Berufsfeld fehlen und der Beruf gewählt wird, der
sich vom Anspruchsniveau und den eigenen Werthaltungen als zufriedenstellend
erweist. Wenn der Beruf zufällig gewählt wird, wie es das dritte Modell beschreibt,
kann davon ausgegangen werden, dass der Wähler weder über Informationen
noch über alternative Berufsmöglichkeiten Bescheid weiß. Er wählt den Beruf, der
am naheliegendsten ist. Allerdings wird keines dieser Modelle der Komplexität der
Berufswahlsituation gerecht.
Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass der Kern des entscheidungs-
theoretischen Ansatzes darin begründet liegt, die Berufswahl als einen Ent-
scheidungsprozess zu verstehen, indem der Kreis der Möglichkeiten durch Ent-
scheidungen im Laufe des Lebens eingeschränkt wird. Und zwar solange, bis zum
Schluss nur noch eine Alternative übrig bleibt und die Wahl somit getroffen ist (vgl.
Kohli 1973, S. 12). Hat sich der Jugendliche für eine Alternative entschieden, folgt
deren Umsetzung. Als Entscheidungskriterien dienen dem Individuum vor allem
seine Interessen und Persönlichkeitsmerkmale.
2.2.3 Berufswahl als Allokationsprozess
Der entscheidungstheoretische Ansatz geht davon aus, dass Berufswahl ein
Prozess ist, in dem der Einzelne in der Lage ist, selbstständig eine wirkliche Wahl
zu treffen (vgl. Kohli 1973, S. 12). Die gesellschaftlichen Bedingungen, wie bei-
spielsweise schichtenspezifische Zugehörigkeit, Familie, Schule sowie die
Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage schränken diese Wahl wohl oder übel ein. Der
allokationstheoretische Ansatz geht deshalb davon aus, dass die zukünftige
Berufsposition schon durch die Geburt in eine bestimmte Familie und die dazu-
gehörigen Merkmale wie Geschlecht und Stellung in der Gesellschaft, bestimmt ist
(vgl. ebenda, S. 12). Gesellschaftliche Bedingungen und Steuerungsprozesse
werden in den Vordergrund gestellt, die durch soziale und ökonomische Einflüsse
geprägt werden. In diesem Zusammenhang kommt der Sozialisation im Kindes-
und Jugendalter eine bedeutsame Rolle zu, da Haltungen und Einstellungen über-
nommen werden, die die Wahlmöglichkeiten und Perspektiven einengen. Im
Artikel 12 des Grundgesetzes wird das Recht Beruf, Arbeitsplatz und Aus-
bildungsstätte frei zu wählen, jedem deutschen Bürger zugesprochen. Doch heißt
das noch lange nicht, dass keine Einschränkungen bestehen. Diese können sich
gewissermaßen durch Abhängigkeiten ergeben, wenn Jugendliche von ihren
Eltern zu einem bestimmten Beruf gezwungen oder von einem ursprünglichen
Wunschberuf abgehalten werden. Ebenso können sich Einschränkungen ergeben,
wenn der Jugendliche überhaupt nicht in der Lage ist einen Beruf auszuüben, z. B.
durch geistige oder körperliche Behinderungen. Diese Einschränkungen treffen
glücklicherweise nicht auf alle Jugendlichen zu, eines allerdings schon: Der Zu-
gang zu den meisten Berufen ist an den Nachweis bestimmter, vordergründig
schulischer, Qualifikationen gebunden (vgl. ebenda, S. 13). Ob jemand Abitur hat,
entscheidet nicht selten darüber, den gewünschten Ausbildungsplatz zu be-
kommen. Allerdings finden Einschränkungen schon in der Schullaufbahn statt, die
in den meisten Fällen durch die Eltern vorgegeben ist. Aus allokations-
theoretischer Sicht ist die Berufswahl somit immer sozial begrenzt und folglich
kann wohl kaum von einer freien Entscheidung des Individuums gesprochen
werden. Allokation ist in diesem Sinne als Zuweisung und somit auch als Berufs-
zuweisung zu verstehen, da gesellschaftliche Faktoren geringere individuelle
Handlungsmöglichkeiten bewirken.
DURKHEIM fasst diesen Prozess der Berufswahl, indem ein Mensch zu einer
beruflichen Position kommt, als ein strukturell gesteuertes Geschehen auf, dass
von Mechanismen determiniert wird, die die verfügbaren Menschen nach be-
stimmten sozialen Kriterien auf die vorhandenen Positionen aufteilen (vgl. ebenda,
S. 13). Der Ansatz DURKHEIMS ist Ausgangspunkt zahlreicher Forschungs-
arbeiten aus der Schichtungsforschung und soll deshalb an dieser Stelle nicht
näher betrachtet werden. Unter dem Aspekt, dass Allokation hier als Berufs-
zuweisung verstanden wird, erweist sich die Schule als entscheidende Instanz die
den Berufswahlprozess steuert. Trotz gesetzlich geregelter Berufswahlfreiheit
finden sich die meisten der Jugendlichen in den Berufen wider, die für sie ge-
sellschaftlich vorbestimmt sind. DAHEIM geht in dieser Annahme sogar noch ein
Stück weiter. Er wendet sich eindeutig gegen die Vorstellung, dass Berufswahl
eine vom Individuum selbst getroffene Entscheidung ist. Für ihn ist dieser Wahl-
prozess dadurch bestimmt, dass sich jedes Individuum Ziele setzt, Qualifikationen
anstrebt und sich um Positionen bewirbt (vgl. ebenda, S. 14). Offen bleibt beim
allokationstheoretischen Ansatz leider, wie sich dieser Prozess abspielt, d. h.
welchen Verlauf er annimmt. Deshalb ist diese Herangehensweise an Er-
gänzungen der entscheidungs- und entwicklungstheoretischen Ansätze gebunden.
Letztendlich lässt sich der allokationstheoretische Ansatz mit den Worten
SCHARMANNS zusammenfassen. Er betrachtet die Vorgänge bei der Berufswahl
und Berufsfindung, mögen sie auch noch so sehr als subjektive Entscheidungen
erlebt werden, in hohem Maße abhängig von den allgemeinen kulturellen und
sozialen Bedingungen, von der jeweiligen Wirtschaftslage und von den familiären
Verhältnissen des Berufsanwärters, also von allgemeinen Bedingungen und
Faktoren, auf die der einzelne meist nur einen geringen Einfluss hat (vgl. Beinke
2006, S. 33). Somit lässt sich die Berufswahl als ein Zuweisungsprozess dar-
stellen, da die Entscheidungsfreiheit durch soziale, ökonomische und kulturelle
Faktoren eingeschränkt ist. Die gesellschaftlichen Lebensbedingungen bestimmen
den Weg in einen Beruf und nicht, wie im entscheidungstheoretischen Ansatz
Glauben gemacht wird, individuelles Wählen und entscheiden (vgl. Ebner 1992,
S. 21).
2.2.4 Berufswahl als Entwicklungsprozess
Das Konzept des entwicklungstheoretischen Berufswahlmodells versucht in ge-
wisser Hinsicht, die beiden zuvor genannten Ansätze miteinander zu verknüpfen
und somit die jeweilig einseitigen Standpunkte zu vereinen. Entwicklung steht in
diesem Zusammenhang für einen längerfristigen Prozess im Leben des
Individuums. Somit wendet sich auch diese Theorie von der Vorstellung ab, die
Berufswahl sei eine punktuelle Entscheidung, die meist nach Beendigung der
Schulpflicht getroffen wird. Ganz im Gegenteil, das entwicklungstheoretische
Modell sieht die Berufswahl als Abschnitt im Laufe eines lebenslangen, beruflichen
Entwicklungsprozesses (vgl. http://textfeld.ac.at). Der Faktor Zeit spielt hierbei
eine wesentliche Rolle. Die persönlichen Entwicklungen, die im Rahmen der Kind-
heit und Jugend ablaufen, stehen in einem engen Zusammenhang mit der
Berufswahl. Somit besteht diese nicht aus einer einmalig getroffenen Ent-
scheidung, sondern aus einer Reihe von Entscheidungen, die, beginnend in der
Kindheit, in einem sinnvollen Zusammenhang zueinander stehen (vgl. Kohli 1973,
S. 15). Jeder Schritt im Laufe des Lebens steht in enger Verbindung zum Vorher-
gehenden und Nachfolgenden. Die Berufswahl ist daher nie abgeschlossen. Zwei
wesentliche Merkmale kennzeichnen den entwicklungstheoretischen Ansatz maß-
geblich. Zum Einen durch den Entwicklungsprozess des Individuums an sich, der
nach SUPER sogar die gesamte Lebensspanne umfasst und zum Anderen die
Irreversibilität der Berufswahl. Die erste Berufswahl nimmt dabei einen beson-
deren Platz ein, aber mit ihr ist dieser Prozess noch lange nicht abgeschlossen.
Viele Menschen bleiben nicht in dem erstmalig gewählten Beruf und wechseln im
Laufe ihres Berufslebens in eine andere berufliche Tätigkeit. Jeder dieser Berufs-
wechsel setzt eine neue Wahl voraus, der Prozess beginnt von Neuem. Dieser
beginnt bereits mit der Entscheidung für eine Schulbildung, die den weiteren Zu-
gang zu Ausbildungsinstitutionen festlegt (vgl. http://textfeld.ac.at). Alle Ent-
scheidungen, welche die berufliche Aus-, Fort- und Weiterbildung betreffen zählen
mit in diesen Prozess hinein. In diesem Sinne spricht DECKER von der beruf-
lichen Karriere des Einzelnen (vgl. ebenda, S. 7). Auch das Ende des Berufs-
lebens ist in den meisten Fällen von einer Entscheidung abhängig, z. B mit dem
Eintritt ins Rentenalter und verdeutlicht noch mehr den lebenslangen Charakter
dieses Prozesses.
Das zweite Merkmal des entwicklungstheoretischen Modells bezieht sich auf die
Irreversibilität der Berufswahl. Da der Prozess der Berufswahl das Resultat von
vorhergehenden Entscheidungen ist, ist er weitestgehend nicht umkehrbar. Das
liegt daran, dass jeder in seine berufliche Ausbildung investiert und jeder an einen
Punkt gelangt, an dem er diese Laufbahn nicht aufgeben kann (vgl. Kohli 1973,
S. 16). Auch GINZBERG argumentiert ähnlich. Für ihn beginnt der Berufswahl-
prozess schon im frühen Kindesalter mit der ersten Fantasiewahl für einen Beruf.
Auf der zweiten Stufe, im Jugendalter, kommt es zu einer Auseinandersetzung mit
der beruflichen Zukunft, zur sogenannten Problemwahl. Ab einem Alter von 17
Jahren spricht GINZBERG dann von einer realistischen Wahl (vgl. http://www.my
choice.at). Die Selbstkonzepttheorie von SUPER erweiterte dieses Modell um
zwei zusätzliche Phasen. Es ist wohl das Bekannteste unter den entwicklungs-
theoretischen Ansätzen. Da der Ansatz nach SUPER für diese Arbeit aber weniger
von Bedeutung ist, wird an dieser Stelle auf eine ausführliche Beschreibung der
fünf Entwicklungsstufen verzichtet
6
. Zu erwähnen bleibt, dass auch SUPER den
Ansatz vertritt, das Individuen ihr ganzes Leben mit der Berufswahl beschäftigt
und von einzelnen Entscheidungen und Erfahrungen in der beruflichen Laufbahn
abhängig sind. Grundsätzlich beinhaltet das entwicklungstheoretische Modell zwei
Perspektiven. Zum Einen die eigentliche Sozialisation, die jede Person in ihrem
Entwicklungsprozess durchläuft und zum Anderen beeinflussen den Berufswahl-
prozess die sozialen Bedingungen. Die berufliche Laufbahn ist somit als ein
Prozess der persönlichen Entwicklung zu sehen, indem der Einzelne sich auf die
sozialen Bedingungen einstellt, in denen er aufwächst und lebt (vgl. Kohli 1973,
S. 19).
2.2.5 Berufswahl als Interaktionsprozess
HOPPE erweiterte den Ansatz KOHLIS um eine vierte Sichtweise, den interak-
tionstheoretischen Ausgangspunkt. Wie der Name schon sagt, stehen hier die
Handlungen zwischen mehreren Interaktionspartnern, wie Eltern, Lehrer oder Be-
rater im Vordergrund. Alle Personen, die auf den Berufswahlprozess durch Inter-
aktion und Kommunikation einwirken, müssen in den Blickwinkel der Be-
trachtungen eingebunden werden (vgl. Beinke 2006, S. 34). In diese Interaktion
fließen die verschiedensten Interessen und Wertvorstellungen der Berufswähler
ein (vgl. http://textfeld.ac.at). LANGE untersuchte, unter diesem Forschungs-
aspekt, den Berufswahlprozess Jugendlicher mit verschiedenen empirischen
Studien. Er kam zu folgenden Ergebnissen. Zuerst sind individuelle Wertvor-
stellungen bezüglich verschiedener Berufe von familiären Einstellungen und
Interessen abhängig (vgl. Beinke 2006, S. 35). Den größten Einfluss auf die beruf-
liche Selbsteinschätzung haben somit, nach allen Untersuchungen, die Eltern. Das
familiäre Interaktionssystem beeinflusst die Heranwachsenden von Kindheit an.
Erst im Laufe des Erwachsenwerdens kommen noch andere Interaktionspartner,
wie Freunde und Bekannte, hinzu. RIES definiert fünf Hauptakteure von Inter-
aktionspartnern. Diese sind Lehrer, Berufsverbände und Kammern, soziale
Bezugsgruppen, Medien und die gesellschaftliche Realität (vgl. http://
textfeld.ac.at). Auf einige Interaktionspartner im Berufswahlprozess wird noch an
anderer Stelle dieser Arbeit Bezug genommen. Weiterhin entdeckte LANGE den
Zusammenhang zwischen der Aufklärungsarbeit der Bundesanstalt für Arbeit
7
und
der Wahrnehmung verschiedener Berufswahlalternativen (vgl. Beinke 2006, S.
35). Allerdings hängt die Arbeit der Berufsberater und Berufsberaterinnen
wiederum von den sozio-ökonomischen Bedingungen der Familie ab.
Zuletzt erkannte LANGE die Bedeutung der schulischen Einflüsse. Entscheidungs-
regeln bei der Berufswahl und Unterstützung bei der Informationssuche werden
und müssen im Wesentlichen durch die Schule vorgegeben werden (vgl. ebenda,
S. 35). Der interaktionstheoretische Ansatz berücksichtigt somit die personalen
und gesellschaftlichen Faktoren, Interessen, Erwartungen, Wissensbestände und
Fähigkeiten die im Berufswahlprozess bedeutend sind und im Ergebnis die Ent-
scheidung des Berufswählers für einen Beruf beeinflussen. Die berufliche Ent-
wicklung ist, laut des interaktionstheoretischen Ansatzes, stark von den Inter-
aktionspartner und deren Verhaltensmustern abhängig. Der Berufswähler inter-
agiert mit anderen Personen, um das Problem der Berufswahl zu lösen und eignet
sich so entscheidungs- und handlungsrelevantes Wissen an.
2.2.6 Berufswahl als Zuordnungsprozess
Die Zuordnungstheorien ordnen einem Individuum einen Beruf zu und stehen in
enger Verbindung zum allokationstheoretischen Ansatz. Deshalb müssen an
dieser Stelle zwei verschiedene Richtungen unterschieden werden. Zum Einen ist
es die bereits beschriebene Allokationstheorie, die den Ansatz vertritt, dass die
Berufswahl nicht auf Entscheidungen des Einzelnen basiert, sondern vielmehr von
seiner sozialen Umwelt bestimmt wird. Ausgehend von dieser Theorie sind eher
die allgemeine Wirtschaftslage, aber auch soziokulturelle, sozialpsychologische
und andere Faktoren für die Wahl des Berufes verantwortlich (vgl. Krewerth et al.
2004, S. 36). Zum Anderen geht ein weiterer Ansatz der zuordnungstheoretischen
Ansätze davon aus, dass die Berufswahl sehr wohl im Zusammenhang mit
individuellen Entscheidungen steht. Nämlich indem der Wählende durch seine
Interessen und durch seine Persönlichkeit zu einem bestimmten Beruf kommt.
Eine der bekanntesten Berufswahltheorien auf diesem Gebiet ist die Kongruenz-
theorie von HOLLAND, bei der sechs verschiedenen Typen von Menschen sechs
Umwelten zugeordnet werden (vgl. ebenda, S. 36). Berufswahl ist für HOLLAND
Ausdruck der Persönlichkeit, die das Interesse für einen Beruf überhaupt erst
formt. In unserer Kultur können die meisten Menschen sechs verschiedenen
Persönlichkeitstypen zugeordnet werden: realistischer (realistic), intellektueller
(investigative), sozialer (social), angepasster (conventional), dominanter (enter-
prising) oder ästhetischer (artistic) Typ (vgl. Beinke 2006, S. 32). Die berufliche
Umwelt des Berufswählers, die Arbeitswelt, kann in demselben Sinne in sechs
Typen gegliedert werden und steht mit den Persönlichkeitstypen in einer gegen-
seitigen Wechselbeziehung. HOLLANDS Theorie stellt sich nun so dar, dass jede
Person über ein spezifisches Muster von Merkmalen, z. B. Interessen, Neigungen,
Fähigkeiten und Wertvorstellungen verfügt und jeder Beruf an diese Person
spezielle Anforderungen stellt. Aus diesem Grund ist jeder Mensch für einen Beruf
mehr oder weniger gut geeignet. HOLLAND versteht den Berufswahlprozess des-
halb als Suche des Einzelnen nach einer beruflichen Umwelt, in der er seine
Fähigkeiten und Fertigkeiten einsetzen kann, seine Einstellungen und Werte aus-
drücken und somit zu einer begründeten Entscheidung kommen oder eine falsche
vermeiden kann (vgl. Fux 2006, S. 72). Das dargestellte hexagonale Modell von
HOLLAND unterscheidet die genannten sechs Persönlichkeits- und Umwelttypen
und setzt sie miteinander in Beziehung:
Abbildung 4: Das hexagonale Modell nach John Holland (RIASEC-Modell)
Quelle: http://faculty.tamu-
commerce.edu/crrobinson/images/Holland%27s%20Hex%20Model%20(Colo.gif
Eine wichtige Komponente in HOLLANDS Ansatz stellt das abgebildete Hexagon
dar, da es grafisch den Zusammenhang der sechs Orientierungen untereinander
veranschaulicht. Demnach repräsentiert jede Ecke des Hexagons einen Persön-
lichkeitstyp. Der realistische (R) Typ ist beruflich praktisch-technisch orientiert und
wählt demnach handwerkliche, technische oder auch land- und forstwirtschaftliche
Berufe. Anders der intellektuelle (I) Persönlichkeitstyp. Er orientiert sich zu-
nehmend an naturwissenschaftlichen und mathematischen Berufen, wie bei-
spielsweise Chemiker oder Astronom (vgl. Beinke 2006, S. 32). Der dritte Typ,
wird als ästhetische (A) Persönlichkeit, im Sinne von künstlerisch oder sprachlich
begabt, beschrieben. Er wählt Berufe die sich mit Kultur befassen, wie z. B.
Dichter, Sänger oder Komponist. Der soziale (S) Persönlichkeitstyp ist eher in
pädagogischen oder klinischen Berufen zu finden. Er entscheidet sich nach dem
Ansatz von HOLLAND unter anderem für die Berufe Sozialarbeiter, Lehrer oder
auch Berufsberater. Unternehmerische Fähigkeiten werden dem dominanten (E)
Persönlichkeitstyp zugesprochen. Berufe wie Politiker, Industrieberater oder
Unternehmer kennzeichnen ihn. Der letzte Persönlichkeitstyp, der angepasste (C),
bevorzugt strukturierte verbale und numerische Aktivitäten in seinem Beruf, wes-
halb er vorwiegend als Steuerberater, Buchhalter oder auch Bankangestellter
arbeitet (vgl. ebenda, S. 32f.). Jeder Mensch lässt sich einem der sechs Typen
zuordnen oder ist einem zumindest ähnlich. Entsprechend den Personentypen gibt
es sechs Arten von beruflichen Umwelten. Sind das Muster der Umwelt und der
Persönlichkeitstyp bekannt, können laut HOLLAND die Auswirkungen dieser
Kombination auf das individuelle Verhalten vorhergesagt werden. Ganz egal ob es
sich um Ausbildungs- oder Berufswahl oder Berufswechsel handelt. Je geringer
dabei der Abstand zwischen zwei Typen ist, desto größer ist deren Ähnlichkeit. Im
Idealfall wählt das Individuum entsprechend der Übereinstimmung (Kongruenz)
von Person- und Umweltmerkmalen seinen Beruf (vgl. Krewerth et al. 2004,
S. 36). Das heißt beispielsweise, dass bei guter Passung ein realistischer Persön-
lichkeitstyp einen handwerklichen Beruf wählt. Dieses Verhalten wird dann als
kongruent bezeichnet. Letztendlich zeigt das Modell von HOLLAND, dass bei den
Personen mit guter Passung, die Arbeitszufriedenheit viel höher ist und diese
Menschen eine stabilere Karriereentwicklung vorweisen können. Anzumerken
bleibt, dass es sich bei der Charakterisierung der sechs Typen um Idealfälle
handelt, mit denen jeder Mensch verglichen werden kann. Dabei treten durchaus
Mischformen auf, deren Persönlichkeits- und Umweltmerkmale zwischen zwei
oder mehreren Typen liegen (vgl. http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at). Diese Sub-
typen sind eine Kombination der maximal drei Typenentsprechungen und werden
durch Buchstabencodes definiert. Ein Beispiel: Die Buchstabenkombination SAE
beschreibt eine Persönlichkeit, die vor allem dem dominanten sozialen Typus (S)
zuzuordnen ist, jedoch aber auch in absteigender Intensität Eigenschaften bezüg-
lich künstlerischer (A) und unternehmerischer (E) Typen besitzt (vgl. ebenda).
Interessentypen können durch verschiedene Persönlichkeitstests, wie dem all-
gemeinen Interessen-Struktur-Test von BERGMANN und EDER erfasst werden,
um vordergründig Schüler bei der Berufsorientierung zu unterstützen.
Der Unterschied zum allokationstheoretischen Ansatz besteht ganz einfach darin,
dass dieser gesellschaftliche Bedingungen, soziale und ökonomische Einflüsse
mit in den Blickwinkel der Betrachtungen stellt. Die Kongruenztheorie von
HOLLAND geht hingegen davon aus, dass die Berufswahl ein Vergleich von
Individuum und Umwelt ist und im Zuge der Passung entschieden wird.
2.2.7 Abschließende Bewertung der Theorieansätze
Die bisher aufgeführten Berufswahltheorien haben den Prozess der Berufswahl
jeweils unter einem bestimmten Gesichtspunkt zu erklären versucht. Allerdings
wird auch heute noch kritisiert, dass die einzelnen Erklärungsversuche nicht um-
fassend genug sind, da sie die Berufswahl nur von einer Seite beleuchten.
Folgende fünf Sichtweisen wurden bisher besprochen. Die Berufswahl als Ent-
scheidungsprozess betrachtet diese durchaus wichtige Wahl des Jugendlichen an
der ersten Schwelle, als individuelle Entscheidung. Die Entscheidungstheorie geht
davon aus, dass der Berufswähler sich rational mit den ihm zur Verfügung
stehenden Möglichkeiten in der Berufswelt auseinandersetzt und den Beruf wählt,
der ihm am günstigsten erscheint (vgl. Kohli 1973, S. 23f.). Zugleich muss er den
einmal gewählten Beruf vor seinem sozialen Umfeld begründen, weshalb man von
einer eigenen Wahl des Jugendlichen spricht. Dieser Ansatz geht einseitig vom
Individuum aus und vertritt die Meinung, dass der Berufswähler bereits berufliche
Interessen oder Neigungen besitzt, er alternative Berufswahlmöglichkeiten wahr-
nimmt und er strikt über mehrere Entscheidungsregeln verfügt nach denen er sich
für einen Beruf entscheidet.
In einem zweiten Ansatz, wird die Berufswahl als soziale Allokation betrachtet. Der
Jugendliche erkennt, nach Ansicht des allokationstheoretischen Ansatzes, dass er
sich nicht frei für einen Beruf entscheiden kann der ihm am Besten gefällt, sondern
dass durch sein soziales Umfeld, z. B. durch die eigene Familie oder durch andere
Sozialisationsinstanzen, seine Wahl eingeschränkt wird. Der Einfluss sozio-
ökonomischer Determinanten wird als so dominant angesehen, dass unter diesem
Gesichtspunkt nicht mehr von einer eigenen Wahl des Jugendlichen gesprochen
werden kann, er vielmehr in ein bestimmtes Berufsspektrum hinein geboren wird
und sich seinen Möglichkeiten anpasst.
Drittens ist die Berufswahl als Entwicklungsprozess zu verstehen. Durch den
persönlichen Entwicklungsprozess wird der Jugendliche zu einem Individuum mit
spezifischen Interessen und Bedürfnissen (vgl. ebenda, S. 24). Die Erfahrungen,
die er im Laufe seiner Entwicklung gemacht hat, haben dazu geführt, dass der
Jugendliche sich ein Bild über die Berufswelt machen und somit Berufsalternativen
aufgrund von Erfahrungen bewerten kann. Eine Besonderheit dieses Ansatzes ist
allerdings die lebenslange Sichtweise der beruflichen Entwicklung. Der Prozess
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