1. Einleitung
Begriffe wie Soziale Netzwerke, Netzwerkarbeit und Vernetzung sind heutzutage ein wichtiger Bestandteil in allen Bereichen der sozialen Arbeit geworden. Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema Gemeinwesenarbeit und soziale Netzwerkarbeit.
Zu Beginn möchte ich die Begriffe Gemeinwesenarbeit und soziale Netzwerke klären und erörtern. Im weiteren Verlauf werde ich anhand eines Beispiels lokaler Gemeinwesenarbeit die Zusammenhänge zwischen Gemeinwesenarbeit und sozialen Netzwerken, sowie die Bedeutung von Netzwerkarbeit im Gemeinwesen darstellen.
2. Gemeinwesenarbeit (GWA)
In der Fachliteratur wird Gemeinwesenarbeit neben der Einzelfallhilfe und der Gruppenarbeit gemeinhin als dritte Methode der Sozialarbeit verstanden, die „im Gegensatz zu den anderen Methoden ganze Nachbarschaften, Stadtteile und Gemeinden zum Gegenstand sozialpädagogischer Einflussnahme macht“ 1 .
Idealtypisch lässt sich Gemeinwesenarbeit in die drei Ansätze Territoriale, Funktionale und Kategoriale Gemeinwesenarbeit differenzieren.
Im folgenden möchte ich nun einen kurzen kritischen Überblick über die Grundformen der GWA geben, die sich seit etwa 1970 herausgebildet haben 2 .
2.1 Wohlfahrtsstattliche Gemeinwesenarbeit
Bei der wohlfahrtsstaatlichen Gemeinwesenarbeit geht es primär um die Verbesserung des Dienstleistungsangebotes der im Wohnviertel tätigen Institutionen und Behörden. Die Bürger dürfen bei dieser Form von GWA zwar mitentscheiden und die Gemeinwesenarbeit leistet soziale Hilfe, doch alle wichtigen Entscheidungen werden durch die Institutionen getroffen 3 . Netzwerke werden in dieser Form der GWA nicht aufgebaut. Da Selbsthilfe und Selbstorganisation der Betroffenen um z.B. die Verhältnisse im Wohnbereich zu verändern, nicht das primäre Ziel der wohlfahrtsstaatlichen GWA sind, besteht hierbei die Gefahr die
1
Kreft / Mielenz, 1980, S.232
2
vgl. Hinte / Karas, 1989, S.11ff
3
vgl. Noack, 1999, S.18
2
Betroffenen zu passiven Empfängern sozialer Hilfe zu machen.
2.2 Integrative Gemeinwesenarbeit
In dem von M.G. Ross entwickelten Ansatz sollen alle Gruppen eines Gemeinwesens ihre Probleme erkennen und aufgrund gemeinsamer Wertevorstellungen versuchen, die bestehenden Missstände zu beseitigen 4 . Das Ziel ist eine harmonische Anpassung der verschiedenen Interessen. Integration in den Zielfindungsprozess und das Übertragen von Verantwortung auf die einzelnen Mitglieder des Gemeinwesens sind die Mittel, um das gemeinsame Ziel zu erreic hen. Dieser Ansatz setzt allerdings voraus, dass es allgemein anerkannte gesellschaftliche Spielregeln gibt, und keine negativen Darstellungen der Probleme oder Protestaktionen die Harmonie und die Problemlösung behindern.
2.3 Aggressive Gemeinwesenarbeit
Die aggressive Gemeinwesenarbeit hat das Ziel, Kräfteverhältnisse und Machtstrukturen innerhalb eines Gemeinwesens durch den Zusammenschluss von benachteiligten Minderheiten zu verändern. Sie strebt eine gerechte Verteilung von Macht und Herrschaft, sowie die sich daraus ergebende Änderung des gesellschaftlichen Systems an. Die Aktionsformen wie die Verletzung der Verkehrsregeln oder Steuerverweigerungen sollen dabei disruptiv sein, d.h. die Arbeit der Behörden und Institutionen unterbrechen, aber nicht zerstören oder verletzen 5 . Kritikpunkt an dieser Form von GWA ist, dass das Desinteresse der Bevölkerung an Politik und die Möglichkeit Minderheiten in einem Gemeinwesen so zu organisieren, dass sie sich auf breiter Front strategisch geschickt für ihre Interesse einsetzen, überschätzt wird.
2.4 Katalytisch-aktivierende Gemeinwesenarbeit
Grundlage für die Katalytisch-aktivierende Gemeinwesenarbeit ist die Vorstellung einer herrschaftsfreien Gesellschaft , in der es keine Unterdrückung mehr gibt und die Menschen in der Lage sind sich selbst oder solidarisch einander zu helfen, wobei sie ein kreativ-soziales Leben entwickeln. Die Funktion des Sozialpädagogen in diesen Prozessen ist es, die einzelnen Gruppen miteinander zu vermitteln und aus ihnen ein Netzwerk gegenseitiger Unterstützung zu schaffen. Mittels der GWA sollen Interessengegensätze, Konflikte und Missstände im Gemeinwesen aufgedeckt, und durch Solidarisierung mit den Betroffenen konstruktive
4
vgl. Noack, 1999, S.19
5
vgl. Noack, 1999, S.19f
3
Auswege organisiert werden. Die Gruppenarbeit ist in der katalytisch-aktivierenden GWA ein zentraler Gedanke, in der Individuen geholfen wird, aber auch verschiedene Gruppen sich zur Gruppenselbsthilfe zusammenschließen. Diese Gruppen können dann als Mikro-Netze sich selbst helfen, als Meso-Netze miteinander kooperieren und als Makro-Netze mit den Behörden in Verbindung stehen 6 .
2.5 Integrative, lebensweltliche Gemeinwesenarbeit als Netzwerk
Ansatz der Integrativen, lebensweltlichen Gemeinwesenarbeit ist es, ein Netzwerk aus verschiedenartigsten Gruppen unterschiedlicher Größe zu bilden, das sich mit anderen Einrichtungen verbindet und mit den Institutionen und Behörden verknüpft. Die GWA ist dabei innerhalb der Interventionsniveaus aufsteigend 7 von der Einzelfallhilfe, der Familie und Gruppe, über das Gemeinwesen bis hin zur Gesellschaft. Aufgabe des Sozialpädagogen ist es, das Gemeinwesen zu analysieren, zu verbessern und zu humanisieren. Ziel ist es, viele verschiedene Aktionsgruppen zu gründen, um damit mehrfache, verschiedene Zugänge zum Gemeinwesen zu finden und zu ermöglichen. In diesen Gruppen wird soziales Lernen eingeübt und sie sollen als kleine Mikro-Netze heilend wirken. Letztlich werden alle Gruppen miteinander als Meso-Netze integriert und das ganze Netz mit den Makro-Netzwerken des Gemeinwesens und der Gesellschaft verknüpft. Zentraler Punkt bei diesem Konzept ist die lebensweltliche Arbeit, wobei Lebenswelt verstanden wird, als dass der Mensch in einem Netzwerk von Beziehungen und Interaktionen lebt 8 .
3. Soziale Netzwerke
Das Konzept sozialer Netze entstammt der kulturanthropologischen Erforschung sozialer Beziehungen in spezifischen Alltagssituationen. Diese Untersuchungen beschäftigten sich mit der Beobachtung und Erfragung sozialer Beziehungen Einzelner in überschaubar gewählten Sozialzusammenhängen, wie kleiner Landgemeinden, Familien-, Verwandtschafts- und Nachbarschaftsbeziehungen sowie subkultureller städtischer Sozialmilieus 9 . Im Zentrum dieses Konzepts steht ein Netzwerk sozialer Beziehungen, die sozialen Netze.
6
vgl. Noack, 1999, S.20f
7
vgl. Friese, 1989, S.40ff
8
vgl. Noack, 1999, S.21
9
vgl. v.Kardorff, 1989, S.35
4
Unter sozia len Netzwerken versteht man also vereinfacht gesagt Personen, die die Punkte des Netzes bilden, und Beziehungen, die die Punkte miteinander verbinden. Untersucht man alle Beziehungen einer Person, so spricht man von einem „totalem“, d.h. einem umfassenden Netzwerk. Diese Netze werden auch personenzentrierte Netze genannt. Werden dagegen nur einige Beziehungen einer Person untersucht, so spricht man von sogenannten partiellen Netzwerken 10 .
3.1 Merkmale sozialer Netzwerke
In der Netzwerkuntersuchung werden die sozialen Beziehungen in Hinblick auf verschiedene Merkmale oder Kriterien betrachtet. Klassisch werden die Merkmale in folgende morphologische und interaktionale Kriterien zur Untersuchung eines Netzwerkes unterteilt 11 :
• Interaktionskriterien, wie z.B. Häufigkeit der sozialen Kontakte, direkte und indirekte Verbindungen, Reziprozität
• Interaktionsinhalte, wie z.B. emotionale Unterstützung, kognitive Orientierung, instrumentelle Hilfe, Wertorientierung
• Qualität der Interaktion, wie z.B. Intensität, Erreichbarkeit, emotionale Nähe, Dauer, Verlässlichkeit, Belastbarkeit
• Strukturmerkmale, wie z.B. Größe des Netzwerks, Dichte, Uniplexität oder Multiplexität
• Funktion, wie z.B. emotionaler Rückhalt, Modell u.s.w.
Anhand solcher Merkmale werden mit Hilfe der Netzwerkanalyse (siehe 3.3) die Beziehungen nach der Frage, wer mit wem wie verbunden ist methodisch untersucht.
3.2 Funktionen sozialer Netzwerke
Bei der Untersuchung der Funktionen sozialer Netzwerke wird das Netzwerkkonzept häufig mit der Funktion der sozialen Unterstützung gleichgesetzt 12 . Die Funktionen sozialer Netze lassen sich jedoch je nach Untersuchungszweck in Funktionen für das untersuchte
10
vgl. Noack, 1999, S.24
11
vgl. v. Kardorff, 1989, S.38f / Kreft/Mielenz, 1980, S.409
5
Quote paper:
Diplom-Sozialpädagoge Benjamin Kriwy, 2003, Gemeinwesenarbeit und soziale Netzwerkarbeit, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Das lebensweltorientierte Konzept nach Hans Thiersch
Lebensweltorientierung - Gesch...
Termpaper, 27 Pages
Geschlechtsspezifische Sozialisation - Mit Einblick in die Sozialisati...
Termpaper, 13 Pages
Darstellung von Gemeinwesenarbeit und Praxisbeispiel
Scholary Paper (Seminar), 26 Pages
Neue Herausforderungen für die außerschulische Jugendbildungsarbeit al...
Bachelor Thesis, 51 Pages
Geschichte der professionellen Gemeinwesenarbeit
Presentation (Elaboration), 17 Pages
Virtuelle vs. reale soziale Netzwerke - Ein Vergleich
Sociology - Individual, Groups, Society
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 25 Pages
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Versuch einer Annäherung an ei...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 23 Pages
Konfliktmanagement im Unternehmen: Ursachen - Wirkungen - Lösungsmögli...
Business economics - Business Management, Corporate Governance
Scholary Paper (Seminar), 22 Pages
Die Gemeinwesenarbeit als eine der drei Hauptinterventionsmöglichkeite...
Termpaper, 13 Pages
Mobbing am Arbeitsplatz - ein Fehler im System?
Business economics - Personnel and Organisation
Diploma Thesis, 135 Pages
Business economics - Personnel and Organisation
Scholary Paper (Seminar), 20 Pages
Die Leiden der jungen Seele - Kriseninterventionen bei jugendlichen Su...
Diploma Thesis, 85 Pages
Benjamin Kriwy has published the text Gemeinwesenarbeit und soziale Netzwerkarbeit
Benjamin Kriwy has uploaded a new text
Soziale Dienstleistungen für PatientInnen und Angehörige
Studien und Konzepte zur Orien...
Anna Maria Dieplinger
Die Soziale Arbeit und ihr Verhältnis zum Humor
Möglichkeiten humorvoller Inte...
Markus Frittum
Schuldnerberatung in der Sozialen Arbeit
Sozialpädagogische, juristisch...
Peter Schruth, Klaus Müller, Claudia Stammler, Jürgen Westerath, Boris Wolkowski, Susanne Schlabs
Dienstleistungsqualität in der Sozialen Arbeit
Eine rhetorische Modernisierun...
Melanie Oechler
0 comments