[...] Diese Ansichten sind
heute überholt. Die neuere Literaturforschung relativierte die überspitzten
Darstellungen und erkannte die vorrangige Zielsetzung der Gesellschaft in dem
Versuch, deutsche Kultur, Literatur und Sprache im Vergleich zu anderen (damals in
diesen Bereichen überlegenen) europäischen Länden zu stärken. Diese Aufgabe
haben ihre Mitglieder auf äußerst vielfältige Weise zu bewältigen versucht. Die
vorliegende Arbeit möchte die unterschiedlichen Wege aufzeigen, die die
Fruchtbringende Gesellschaft im Rahmen der ‚Spracharbeit’ gegangen ist.
Jedes der drei Oberhäupter der Gesellschaft prägte ihr Wesen sehr stark. Das erste
Oberhaupt und Gründungsmitglied Fürst Ludwig zu Anhalt-Köthen legte größten
Wert auf die konfessionelle und ständische Offenheit der Vereinigung. Nach seinem
Tod im Jahre 1650 wandelte sich die Struktur der Gesellschaft unter dem Oberhaupt
Herzog Wilhelm von Sachsen-Weimar mehr in Richtung eines Ritterordens. Ihre
Bedeutung in literarischen und poetologischen Belangen nahm ab. Deshalb
konzentriert sich diese Hausarbeit auf die Struktur und die konkrete ‚Spracharbeit’
der Fruchtbringenden Gesellschaft unter Fürst Ludwig, also von 1617-1650.
Die Fruchtbringende Gesellschaft selbst hat keine programmatischen Schriften, etwa
Grammatiken oder Poetiken, herausgegeben. (Wenn man von dem Hauptwerk von
Christian Gueintz: „Teutscher Sprachle hre Entwurf“ (1641) absieht. In gewisser
Weise kann es als Gemeinschaftswerk der Fruchtbringenden Gesellschaft gelten, da
es von Fürst Ludwig in Auftrag gegeben wurde und wie üblich vor dem Druck durch
die Hände vieler Mitglieder ging.) In sprachtheoretischer Hinsicht produktiv waren
vor allem gelehrte Mitglieder bürgerlicher Herkunft. Zu nennen sind hier etwa
Augustus Buchner, der bereits erwähnte Christian Gueintz, Georg Philipp
Harsdörffer und Justus Georg Schottelius.
Auf den Letztgenannten will diese Arbeit ebenfalls eingehen. An seiner
‚Ausführlichen Arbeit von der Teutschen HaubtSprache’ lassen sich die typischen
Legitimations-strategien der Spracharbeiter für die Verwendung der deutschen
Sprache aufzeigen. Stimmen Schottelius’ Ansichten auch nicht in allen Details mit
jenen der Fruchtbringenden Gesellschaft überein, so kann sein Hauptwerk in seiner
Argumentation trotzdem als exemplarisch gelten.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1.1 Vorrangstellung von Latein und Französisch
1.2 Gründung der Fruchtbringenden Gesellschaft nach europäischen Vorbildern
1.3 Offenheit in religiöser und ständischer Hinsicht
1.4 Keine generelle Verteufelung von Fremdwörtern
1.5 Die Übersetzungsarbeit
1.6 Die Leistungen der Fruchtbringenden Gesellschaft
2 Justus Georg Schottelius
2.1 Rhetorische Prägung der ‚Ausführlichen Arbeit’
2.2 Hohes Alter der deutschen Sprache
2.3 ‚Natürligkeit’ der deutschen Sprache
2.4 Stammwörter
2.5 Analogisten Û Anomalisten
Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die sprachpolitischen Bestrebungen und die konkrete „Spracharbeit“ der Fruchtbringenden Gesellschaft im Zeitraum von 1617 bis 1650. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse der Legitimationsstrategien zur Aufwertung der deutschen Sprache gegenüber den als übermächtig empfundenen Kultursprachen Latein und Französisch, exemplarisch dargestellt anhand des Hauptwerks von Justus Georg Schottelius.
- Struktur und Zielsetzungen der Fruchtbringenden Gesellschaft unter Fürst Ludwig zu Anhalt-Köthen.
- Die Rolle der Übersetzungsarbeit als Mittel zur Förderung der deutschen Sprache.
- Der gesellschaftliche Verhaltenskodex als Abgrenzung zur höfisch-französischen Kultur.
- Sprachtheoretische Legitimationsstrategien (Alter, Natürlichkeit, Stammwörter) bei Schottelius.
- Der gelehrte Austausch und die Bedeutung der bürgerlichen Mitglieder für die Sprachvereinsarbeit.
Auszug aus dem Buch
1.1 Vorrangstellung von Latein und Französisch
Um die Zielsetzungen der Fruchtbringenden Gesellschaft zu verstehen, sind einige Vorbemerkungen über den Stand der deutschen Sprache und Kultur im 17. Jahrhundert notwendig. Die Arbeit der Gesellschaft ist immer unter dem Aspekt zu betrachten, dass andere europäische Sprachen in vielen Bereichen der Verwaltung, Kultur oder Wirtschaft den Vorrang vor der deutschen haben. Beachtet man diese Sachlage, dann erscheint die dauernde Betonung der Leistungsfähigkeit der deutschen Sprache im rechten Licht: diese Hervorkehrung der Vorzüge der Muttersprache soll sie als gleichrangig gegenüber den anderen europäischen ausweisen. Diese Forderung steht unter dem Primärziel, damit auch eine Anerkennung der deutschen Kultur zu erreichen.
Besonders deutlich ist in Deutschland die Vorrangstellung des Lateinischen und des Französischen. Damit gibt es gleich zwei der Bevölkerung weitgehend unverständliche Kultur- und Oberschichtsprachen (im Gegensatz zu Frankreich oder England). Latein ist dabei die Sprache der Gelehrten. In der Schule, in der Predigt, auf dem Rathaus kommt sie zum Einsatz. In offiziellen Reichsangelegenheiten gelten, auch für den Kaiser, nur die Reichssprachen Lateinisch und Deutsch. Besonders lange, bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts, hält die Jurisprudenz am Lateinischen fest. Es erlangte mit der Rezeption des römischen Rechts seine Vorrangstellung. Ähnlich wichtig ist Latein in der Medizin.
Das Französische dagegen ist eng an die Kommunikationskultur am Hof gebunden. Die starke Verwendung dieser Sprache verdeutlicht genau jene Hochschätzung der fremden Kultur vor der deutschen, die die Sprachgesellschaften bekämpfen. Ferdinand van Ingen ist der Ansicht, dass vor allem das Französische jene Fremdsprache ist, die auch im Alltag eine große Rolle spielt. Latein und andere lebende europäische Sprachen finden mehr im speziellen Fachjargon und als Gelehrtensprache Verwendung.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Umreißt die Zielsetzung der Fruchtbringenden Gesellschaft, die im 17. Jahrhundert oft verkannt wurde, und fokussiert auf die Spracharbeit unter Fürst Ludwig zu Anhalt-Köthen.
1.1 Vorrangstellung von Latein und Französisch: Beschreibt den dominanten Einfluss fremder Sprachen in Deutschland und die daraus resultierende Notwendigkeit, die deutsche Kultur als gleichwertig zu etablieren.
1.2 Gründung der Fruchtbringenden Gesellschaft nach europäischen Vorbildern: Erläutert die Entstehung der Gesellschaft nach dem Modell der italienischen Accademia della Crusca mit dem Ziel, deutsche Sprache und Literatur zu fördern.
1.3 Offenheit in religiöser und ständischer Hinsicht: Zeigt, wie Fürst Ludwig durch die Einführung von Gesellschaftsnamen soziale Unterschiede minimierte und für bürgerliche Gelehrte öffnete.
1.4 Keine generelle Verteufelung von Fremdwörtern: Korrigiert das Bild des reinen Sprachpurismus und betont, dass es der Gesellschaft um die Etablierung einer eigenen nationalen Sprache neben fremden Einflüssen ging.
1.5 Die Übersetzungsarbeit: Analysiert die Übersetzung als pädagogisches Instrument, um das deutsche Sprachgefühl zu schulen und die Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern.
1.6 Die Leistungen der Fruchtbringenden Gesellschaft: Würdigt die Rolle der Gesellschaft als Plattform für Gelehrte und betont die Bedeutung des Briefwechsels für die Kommunikation.
2 Justus Georg Schottelius: Stellt den bedeutendsten Grammatiker des 17. Jahrhunderts vor und ordnet sein Wirken in das Klima des Wolfenbütteler Hofes ein.
2.1 Rhetorische Prägung der ‚Ausführlichen Arbeit’: Erklärt die unwissenschaftliche, aber rhetorisch wirkungsvolle Beweisführung in Schottelius' Hauptwerk vor dem Hintergrund barocker Standards.
2.2 Hohes Alter der deutschen Sprache: Beschreibt den Versuch von Schottelius, durch die Herleitung aus dem Babel-Mythos die deutsche Sprache als uralt und ursprünglich zu legitimieren.
2.3 ‚Natürligkeit’ der deutschen Sprache: Erörtert, wie Schottelius durch lautmalerische Argumente eine mystische Verbindung zwischen Sprache und göttlicher Natur herstellt.
2.4 Stammwörter: Untersucht die etymologischen Ansichten von Schottelius zur Einsilbigkeit und Wortbildungskraft der deutschen Sprache.
2.5 Analogisten Û Anomalisten: Diskutiert die Kontroverse um die Sprachnormierung zwischen der Orientierung am Sprachgebrauch und der strikten grammatikalischen Regelbildung.
Zusammenfassung: Fasst zusammen, dass die Aufwertung der deutschen Sprache das zentrale Motiv sowohl der Fruchtbringenden Gesellschaft als auch von Schottelius war.
Schlüsselwörter
Fruchtbringende Gesellschaft, Justus Georg Schottelius, deutsche Sprache, Spracharbeit, Barock, Sprachgeschichte, Literaturforschung, Fürst Ludwig zu Anhalt-Köthen, Übersetzungsarbeit, Fremdwortdiskussion, Sprachreinigung, Kulturpatriotismus, Lexikographie, Sprachgesellschaften.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die sprachpolitischen Ziele und Methoden der Fruchtbringenden Gesellschaft, der wichtigsten deutschen Sprachgesellschaft des 17. Jahrhunderts, unter der Ägide von Fürst Ludwig zu Anhalt-Köthen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Etablierung der deutschen Sprache gegenüber Latein und Französisch, die Rolle der Übersetzungsarbeit, die Bedeutung bürgerlicher Gelehrter für die Sprachvereinigung und sprachtheoretische Legitimationsstrategien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Fruchtbringende Gesellschaft und Sprachgelehrte wie Schottelius durch diverse Strategien versuchten, die deutsche Sprache und Kultur aufzuwerten und als gleichrangig gegenüber anderen europäischen Kulturen zu etablieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine literaturgeschichtliche Analyse, wobei sie neuere Forschungsergebnisse heranzieht, um ältere, oft undifferenzierte Urteile über die Gesellschaft zu revidieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Struktur der Fruchtbringenden Gesellschaft, die soziale Offenheit für Bürgerliche, die Übersetzungsarbeit sowie die spezifischen Argumentationsstrategien (wie Altersbeweis und Natürlichkeit) von Justus Georg Schottelius analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Begriffe wie Fruchtbringende Gesellschaft, Spracharbeit, Schottelius, Sprachreinigung, Kulturanschluss und deutsche Identität im 17. Jahrhundert.
Warum galt das Französische im 17. Jahrhundert als solche Herausforderung?
Das Französische war eng an die Kommunikationskultur am Hof gebunden und galt als Ausweis des „erfolgreichen Mannes von Welt“, was eine starke Konkurrenz zur deutschen Sprache im täglichen und höfischen Sprachgebrauch darstellte.
Welche Rolle spielt Justus Georg Schottelius in dieser Analyse?
Schottelius dient als exemplarisches Beispiel für einen bürgerlichen Gelehrten, dessen Werk „Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache“ die typischen Legitimations- und Argumentationsstrategien der damaligen Spracharbeiter bündelt.
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- Andrea Geiss (Author), 2003, Spracharbeit im 17. Jahrhundert. Die Fruchtbringende Gesellschaft und Justus Georg Schottelius 'Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache'., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20712