Inhaltsverzeichnis
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1. Einleitung 4
1.1 Problemstellung 5
1.2 Ziel der Arbeit 5
1.3 Methodisches Vorgehen 7
2. Die Entwicklung der kindlichen Sprache 9
2.1 Der Entwicklungsbereich der Wahrnehmung 9
2.2 Voraussetzungen / Bedingungen für den ungehinderten
Spracherwerb 10
2.3 Bestimmende Faktoren - familiäre Umwelt mit
InteraktionsNNNNNNN und Sozialisationsprozessen 11
2.4 Ebenen des Spracherwerbs 13
2.4.1 Die pragmatisch-kommunikative Ebene 13
2.4.2 Die phonetisch-phonologische Ebene 14
2.4.3 Die semantisch-lexikalische Ebene 15
2.4.4 Die syntaktisch-morphologische Ebene 15
2.4.5 Die Entwicklung des Sprachverständnisses 16
2.4.6 Die Entwicklung des Redeflusses 16
2.4.7 Die Entwicklung des Sprachgefühls 17
2.5 Zum zeitlichen Verlauf von
Sprachentwicklungsprozessen 17
2.6 Zusammenfassung 19
3. Das Komplexe System der Sprache - entwicklungs
psychologische Begründungen im Zusammenhang von
Bewegung, Wahrnehmung und
Sprache 21
3.1 Entwicklungstheoretische Vorstellungen
Jean PIAGETs 21
3.2 Der interaktionistische Spracherwerbsansatz von
Jerome BRUNER 23
3.3 Zusammenfassung 25
Inhaltsverzeichnis
4. Störungen der Sprachentwicklung 26
4.1 Der Begriff der Sprachentwicklungsstörung 27
4.2 Ausgewählte Erscheinungsformen 28
4.2.1 Störungen auf der phonetisch-phonologischen
Ebene 28
4.2.2 Störungen auf der semantisch-lexikalischen
Ebene 29
4.2.3 Störungen auf der syntaktisch-morphologischen
Ebene 29
4.3 Zusammenfassung 30
5. Zur Theorie der sonderpädagogischen
Psychomotorik 31
5.1 Bergriffsbestimmung allgemein 31
5.2 Psychomotorische Handlung als Aktivität der ganzen
Person - das Selbstkonzept 33
5.3 Das Verständnis aus Sicht der
Sprachheilpädagogik 35
6. Ansätze psychomotorisch orientierter
Sprachförderung 39
6.1 Ingrid OLBRICH - Die Integrierte Sprach- und
Bewegungstherapie (ISBT) 39
6.2 Renate ECKERT - Die Integrierte Entwicklungs
und Kommunikationsförderung (IEK) 49
6.3 Barbara KLEINERT-MOLITOR - Die Psychomotorisch
orientierte Sprachentwicklungsförderung 55
6.3.1 Wahrnehmungs- und Bewegungshandeln
mit Sprachbegleitung 62
6.3.2 Begegnung von Sprach- und
Bewegungshandeln 63
6.3.3 Sprachhandeln mit Bewegungsbegleitung 64
6.4 Birgit LÜTJE-KLOSE - Eine kind- und
umfeldbezogene Förderdiagnostik 67
Inhaltsverzeichnis
6.5 Zusammenfassung 70
7. Effektivität und Auswirkungen der psychomotorischen
Förderung von sprachentwicklungsgestörten Kindern 72
8. Resümee 77
9. Danksagungen 80
10. Literatur 81
11. Anhang 87
A1 Der Wahrnehmungsentwicklungsbaum nach SCHAEFGEN
A2 Der Sprachentwicklungsbaum nach WENDLANDT
A3 Tabelle zur Integrierten Sprach- und Bewegungstherapie nach
OLBRICH
1 Einleitung
1. Einleitung
Die Fähigkeit, Sprache zu erwerben und Sprache zu gebrauchen, ist im Menschen angelegt. Der Erwerb der Sprache selbst ist ein Lern- und Entwicklungsprozess, der einerseits die Sprachfähigkeit als Anlage voraussetzt, andererseits aber weitgehend von der Umwelt des Kindes abhängig ist, d.h. sich nur in einer sprechenden Umgebung vollziehen kann. Sprechen lernen ist nicht die Leistung eines Kindes allein, sondern die Eltern haben einen ebenso wichtigen Anteil wie das Kind selbst. Sprache erlernt das Kind sicher auch über das Hören und Nachahmen von Sprachvorbildern, über Übung und Wiederholung. Nach KLEINERT-MOLITOR bedarf es aber zuerst vielfältiger und ausgewählter kommunikativer (Spiel-)Handlungsangebote, die aus sich heraus auf Versprachlichung drängen und in denen Sprache beobachtbar wird (vgl. dies. 1988, S.112). Die Sprache entwickelt sich langsam und in einer bestimmten Abfolge. Das Kind muss bestimmte Entwicklungsprozesse durchlaufen, um über die Fähigkeiten zu verfügen, Sprache erwerben und anwenden zu können. Fehlen die sprachlichen Anregungen und sozialen Kontakte zwischen Eltern und Kind, so kann es zu Störungen der Sprache kommen (vgl. SCHINDLER, dgs e.V. / Internet). Das heißt nicht, dass allein die Eltern für spezifische Sprachentwicklungsstörungen ihrer Kinder verantwortlich sind. Ganz sicherlich ist die Sprachentwicklungsstörung multikausal bedingt.
Sprachentwicklungsstörungen treten in ihrer Bedeutung neben anderen im Kleinkindalter auftretenden Beeinträchtigungen häufig in den Hintergrund und finden deshalb nicht die notwendige Beachtung. Sie sind nicht als isolierte, einseitige Störungen zu sehen. Die individuelle Sprachentwicklung ist, wie erwähnt, vielmehr ein Produkt der Auseinandersetzung des Kindes mit den Menschen und Gegenständen seiner Lebenswelt und damit ein Teil seiner gesamten Persönlichkeitsentwicklung. Sprachentwicklungsstörungen sind demnach komplexe Beeinträchtigungen, auf die die Umwelt wesentlichen Einfluss hat und die in einem Wechselverhältnis zu anderen Dimensionen der Persönlichkeitsentwicklung stehen. Hierzu gehören: Wahrnehmung, Motorik, Kognition, Emotion und Soziabilität.
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1 Einleitung
1.1 Problemstellung
Ich möchte mich mit dieser Komplexität von Sprachentwicklungsstörungen befassen und gehe davon aus, dass besonders der Bereich der Bewegung eine bedeutende Rolle in der Sprachentwicklung spielt. Das ergibt sich aus dem Wissen, dass motorische Prozesse ganz allgemein eine Βedeutung für die Entwicklung des Kindes haben. Darüber hinaus bestehen zwischen motorischer und sprachlicher Entwicklung «irgendwie» geartete Beziehungen, die sich notwendig im Beziehungsgefüge von Sprachstörungen niederschlagen müssen - und das wird, nach Aussage der Autoren BAHR und NONDORF ebenfalls nicht bestritten. Sie führen in diesem Zusammenhang das ´mehrdimensionale Entwicklungsmodell` von GROHNFELDT an (vgl. ders. 1993, S.20), die von HOMBURG dargestellten ´Verflechtungsverhältnisse sprachbehindertenpädagogischer Phänomene` (vgl. ders. 1978, zit.n. BAHR & NONDORF 1985, S.97) und das ´Integrationsmodell zur Erziehung` von ORTHMANN (vgl. dies. 1977, ebd. S.98). Daraus ergibt sich eine große Anziehungskraft psychomotorischer Förderansätze auf die Sprachheilpädagogik. Deshalb soll es in meiner Arbeit um die Frage gehen: Mit welchen Inhalten und Zielen wird, unter dem Aspekt der Ganzheitlichkeit, in den Ansätzen psychomotorischer Sprachförderung vorgegangen? Daraus entwickelt sich wiederum die Frage, inwiefern gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich der Arbeit mit sprachentwicklungsgestörten Kindern und welche Schlussfolgerungen lassen sich aus Forschungsergebnissen zur Effektivität ziehen?
1.2 Ziel der Arbeit
Die Psychomotorik, ein pädagogisch-therapeutisches Konzept mit dem Anspruch auf eine ganzheitliche Förderung über Bewegung, hat in den letzten Jahren verstärkt Eingang in die Förderung von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen gefunden. Dies zeigen viele
Erfahrungsbereichte und Untersuchungen (z.B. ECKERT 1985, EGGERT
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1 Einleitung
u.a. 1990, KLEINERT-MOLITOR 1988, KRÄMER-KILIC & LÜTJE-KLOSE 1998, OLBRICH 1987). In der Psychomotorik wird mit der hohen Motivation gearbeitet, die Bewegungs- und Spielsituationen für Kinder haben können. Für Kinder mit retardierter Sprachentwicklung will sie ein entwicklungsförderndes Potential bieten und die Eigenaktivität des Kindes anregen. Das wird im folgenden Zitat ausgedrückt:
„Jedes Kind hat in sich
Im Rahmen der Praxis der Psychomotorik findet sich ein sehr optimistischer Anspruch einer ganzheitlichen Förderung der Gesamtpersönlichkeit mit besonderen Auswirkungen auf die Sprachentwicklung. Das Ziel der Arbeit ist es, die Bedeutung der Psychomotorik als ganzheitliches Konzept zur Förderung von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen aufzuzeigen. Hierbei wird dem ganzheitlichen Zusammenwirken des Denkens, des Fühlens und des Erlebens im Bezug auf das Sprechen in der Bewegungsförderung besonderer Stellenwert eingeräumt. Es wird darauf geachtet, dass psychomotorische Förderung als pädagogisch-therapeutischer Weg die Sprachheilarbeit lediglich flankieren und unterstützen kann, niemals aber ersetzen.
Den motivationalen Anstoß zur Beschäftigung mit dem Thema psychomotorischer Förderansätze bei Sprachentwicklungsstörungen gab ein Buch von R. ZIMMER. Es handelt sich um das „Handbuch der Psychomotorik, Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung“. ZIMMER war mir zu diesem Zeitpunkt schon ein Begriff, da Sport mein Wahlfach ist und sie viele Bücher und Artikel in dem Bereich der Bewegungs- und Wahrnehmungsförderung bei Kindern sowie über den
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1 Einleitung
Ansatz der Psychomotorik veröffentlicht hat. Ich konnte mich von Anfang an mit den Inhalten identifizieren und fand es spannend zu erfahren, in welchen Bereichen psychomotorisch gearbeitet wird. Ich studiere in Marburg Sprachheilpädagogik als dritte Fachrichtung und wollte in meiner Arbeit beide Bereiche, Bewegung und Sprache, miteinander verbinden.
1.3 Methodisches Vorgehen
Bei meiner Arbeit handelt es sich um eine Literaturstudie. Ich gebe zunächst einen sehr allgemein gehaltenen Überblick über die Entwicklung der kindlichen Sprache. Dieser Teil umfaßt den Entwicklungsbereich der Wahrnehmung, Voraussetzungen bzw. Bedingungen sowie bestimmende Faktoren der Sprachentwicklung. Die vier Sprachebenen und der zeitliche Verlauf des „normalen“ Erwerbs schließen sich daran an. Im nächsten Abschnitt befasse ich mich mit den entwicklungspsychologischen und interaktionistischen Zusammenhängen, die für den einzelnen Menschen zwischen den verschiedenen Entwicklungsdimensionen - insbesondere zwischen Bewegung und Sprache - bestehen. Hier beziehe ich mich auf PIAGET und BRUNER. Ich gehe auf ausgewählte Störungen der Sprachentwicklung ein, gebe Begriffsbeschreibungen und schildere Erscheinungsformen auf den verschiedenen Ebenen. Weiterhin widme ich mich der Theorie der sonderpädagogischen Psychomotorik im Allgemeinen und aus sprachbehindertenpädagogischer Sicht. Ich werde aufzeigen, wie die Entwicklungsbedingungen für Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen gestaltet werden können und welche Rolle die Psychomotorik dabei spielen kann. Dies veranschauliche ich ausführlich an Ansätzen psychomotorisch orientierter Sprachförderung, beschreibe Grundlagen, Prinzipien, methodische Strategien und Ziele. Vergleichend stelle ich Gemeinsamkeiten und Unterschiede dar. Zum Schluss gehe ich auf die bisher bekannten Auswirkungen dieser Ansätze ein und setze sie in Beziehung zu den, von den Autoren formulierten Erwartungen und Zielsetzungen.
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1 Einleitung
Bleibt noch zu erwähnen, dass im Folgenden auf eine geschlechterspezifische Schreibweise verzichtet wird. Des weiteren unterscheide ich nicht zwischen Pädagoge und Therapeut. Je nachdem wie es in der Literatur vorgegeben wird und worauf der Schwerpunkt des jeweiligen Förderansatzes liegt, verwende ich die eine oder die andere Bezeichnung. Sie stehen ausschließlich für die Person, welche die Förderung leitet.
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2 Entwicklung der kindlichen Sprache
2. Die Entwicklung der kindlichen Sprache
„Um (Sprache) zu lernen, genügt es nicht,
einfach das Material zur Verfügung zu haben [...].
Wir müssen entdecken, was notwendig ist,
um das System zum Funktionieren zu bringen.“
NOAM CHOMSKY
2.1 Der Entwicklungsbereich der Wahrnehmung
Nach den Untersuchungen PIAGETs entwickelt sich die Sprache und mit ihr die begriffliche Intelligenz aus der sensomotorischen, also der vorsprachlichen Intelligenz (vgl. PIAGET & INHELDER 1996, S.15 ff.). Die Entwicklung der Sprache beruht auf der Ausbildung von Wahrnehmung und Motorik. Voraussetzung für den Spracherwerb ist, dass die sensomotorischen Fähigkeiten ein gewisses Entwicklungsniveau erreicht haben. Leistungen, die entwicklungsmäßig einer höheren Stufe entsprechen, erscheinen erst dann, wenn genügend Leistungen vorhanden sind, die entwicklungsmäßig einer tieferen Stufe entsprechen. Das bedeutet, dass ein direkter hierarchischer Zusammenhang zwischen einzelnen
Entwicklungsstufen besteht. Eine komplexere Leistung wird erst dann beobachtbar, wenn das Kind ein gewisses Ausmaß an einfacheren Leistungen erworben hat. Wahrnehmungsleistungen beginnen sich bereits auf einer früheren Stufe zu entwickeln als die Sprache. Daraus kann gefolgert werden, dass angemessene Wahrnehmung die Voraussetzung für die Sprachentwicklung ist. Auch SZAGUN hat den Zusammenhang von Sensomotorik und ersten sprachlichen Bedeutungen in der kindlichen Entwicklung untersucht und kommt zu der abschließenden Bewertung, dass eine recht gute Korrespondenz zwischen sensorischen Vorstellungen und sprachlichen Bedeutungen festgestellt werden kann. „Im Sinne einer genetischen Erklärungsweise kann man sagen, dass die
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2 Entwicklung der kindlichen Sprache
Haupterrungenschaften der sensomotorischen Intelligenz eine
Vorbedingung der sprachlichen Bedeutungen sind“ (SZAGUN 1996, S.92). „Wahrnehmungsschwierigkeiten bei sprachgestörten Kindern sind daher grundlegender als die Sprachstörungen selbst. Fortschritte sprachgestörter Kinder im Verlauf einer Therapie betreffen daher zuerst vorsprachliche, sensomotorische Leistungen“ (WIRTH 2000, S.129). Mit zunehmendem Lebensalter und Entwicklungsniveau verliert die Wahrnehmung im Gesamtkontext der Entwicklungsbereiche an Bedeutung. Ihre Dominanz zeigt sich jedoch in Konfliktsituationen. „Widersprechen sich Informationen verschiedener Sinneskanäle, wird immer der visuellen Wahrnehmung gefolgt“ (PIEPER 1979, S.41).
Die Begriffe „Sensomotorik“ und „Psychomotorik“ sind Ausdruck dieser Auffassung, dass Wahrnehmung und Bewegung als Einheit zu verstehen sind, die sich mit den jeweiligen Umweltbedingungen ändern. Doch dazu in folgenden Kapiteln mehr.
2.2 Voraussetzungen / Bedingungen für den ungehinderten
Spracherwerb
Sprache kann nicht isoliert betrachtet werden, da sie in einem komplizierten Beziehungsgefüge zu anderen Entwicklungsdimensionen steht, d.h. die Entwicklung der Sprache verläuft nicht getrennt von der Entwicklung anderer Fähigkeits- und Leistungsbereiche. Ebenso reagiert sie auf vielfältige positive und negative Umwelteinflüsse und -angebote. Damit Sprache sich entwickeln kann, müssen unter anderem organische Voraussetzungen gegeben sein. Dazu gehören ein funktionsfähiges Gehirn mit intakten Nervenbahnen und die beiden Gehirnzentren Broca-(Sprachmotorik) und Wernicke- (sensorisches Sprachzentrum zur Entschlüsselung empfangener Symbole). Außerdem sind für den ungestörten Spracherwerb ein Atmungs-, Stimm- und Lautbildungsapparat sowie ein intaktes Gehör unerlässlich.
Eine weitere Bedingung für den Spracherwerb wird durch eine altersgemäße motorische Entwicklung gegeben. Die Kontrolle über Bewegungen der
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2 Entwicklung der kindlichen Sprache
Körperteile, die für das Sprechen zuständig sind, ist, neben einer exakten Sinneswahrnehmung der von außen auf das Kind einströmenden Reize (Gehörtes, Gesehenes), aber auch solcher Sinnesreize (z.B. „Spüren“), die Information über die Lage einzelner Körperteile geben, ausschlaggebend. Sie gelingen nur durch Inanspruchnahme gut funktionierender sensomotorischer Systeme, das heißt bei entwickelter Integrationsfähigkeit des Gehirns (vgl. Brand 1988, S.97).
Das Kind benötigt eine gute Figur-Grund-Wahrnehmung, vor allem im auditiven Bereich. Diese Wahrnehmungsfähigkeit entwickelt sich durch die Bewegung bereits in sehr frühem Alter. Aus den bisher genannten Vorbedingungen für den Spracherwerb, die nur einige von vielen sind, wird deutlich, wie eng und grundlegend die Verbindungen zwischen Bewegung und Sprache sind.
Weiterhin spielen psychische Fähigkeiten, die für die Verarbeitung von Informationen zuständig oder Voraussetzung für Konzentration oder Aufmerksamkeit sind, eine wichtige Rolle.
Die soziale Atmosphäre, in der das Kind sprachliche Anregungen erhält und sich angenommen fühlt, ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung, weshalb sich das folgende Kapitel hauptsächlich daran orientiert.
2.3 Bestimmende Faktoren - familiäre Umwelt mit
Interaktions- und Sozialisationsprozessen
Der kindliche Spracherwerb erfolgt im Rahmen des vorschulischen Sozialisationsprozesses, bei dem neben sprachlichen Regeln auch nonverbale und emotionale Ausdrucksmöglichkeiten als situativ angemessene Kommunikationsmuster erlernt werden. Dieser Prozess der stufenweisen Integration in die Sprachgemeinschaft vollzieht sich zunächst innerhalb der unmittelbaren familiären Umwelt. Nach und nach erweitert sich diese unter Hinzunahme des erweiterten sozialen Umfeldes. Dabei tritt eine Vielzahl an intervenierenden Variablen auf. Im Rahmen dieses Sozialisationsprozesses erweist sich die Familie als wesentlicher Faktor bei der Vermittlung von grundlegenden sprachlichen
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2 Entwicklung der kindlichen Sprache
und sozialen Verhaltensformen. Durch das wechselseitige Agieren des Kindes mit seiner Bezugsperson entwickeln sich spezifische Kommunikationsstrukturen, die zur Basis für differenzierte Strategien der Realitätserschließung werden.
Von großer Bedeutung für die spätere soziale, emotionale und sprachliche Entwicklung, ist der bereits unmittelbar nach der Geburt sich wechselseitig bedingende Dialog bzw. die frühkindliche Interaktion zwischen Mutter (Vater) und Neugeborenem (Mutter-Kind-/Vater-Kind- Dyade). „Bereits in den ersten Lebensmonaten ist die Kontaktaufnahme durch eine wechselseitige Beeinflussung und eine kreisförmige Gegenseitigkeit gekennzeichnet, die aufeinander abgestimmt erscheint. Charakteristisch für den Ablauf ist ein Aktivitätszyklus, bei dem sich das Kind verbal oder nonverbal äußert und die Mutter kommentierend darauf eingeht“ (JOCHENS 1979, zit.n. GROHNFELDT 1993, S.29). Insgesamt bedient sich die Mutter bzw. bedienen sich die unmittelbaren Bezugspersonen im Umgang mit dem Kind vereinfachter Sprachmuster. Unbewusst wird dabei langsamer und mit deutlicher Artikulation gesprochen. Es werden kürzere und syntaktisch einfachere Sätze bei veränderter Wortwahl und Stimmlage verwendet. Während dieser ganzen Entwicklungsphase ist der Aufbau von Urvertrauen ein zentraler Aspekt. Die Bezugsperson muss für das Kind unmittelbar verfügbar sein und ihre Reaktion muss als konstant und einheitlich erlebt werden. Ansonsten kann das Kind aus Gründen von Trennungsangst in seiner emotionalen, kognitiven und sprachlichen Entwicklung stagnieren. Diese Angst kann durch die Fähigkeit der Mutter vermieden werden, das sich lösende Kind jederzeit in die vertraute Geborgenheit aufzunehmen. Die das selbständige Wachstum des Kindes gestattende, als beglückend und einfühlsam erlebte Dyade des Kindes mit seiner Bezugsperson vermittelt damit die Sicherheit, die zur Voraussetzung für notwendige Ablösungsprozesse in der weiteren Entwicklung wird. Hier stellt sich die Frage, inwieweit prinzipiell ein Zusammenhang zwischen bestimmten Familienstrukturen und dem Auftreten von Sprachentwicklungsstörungen bestehen könnte.
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2 Entwicklung der kindlichen Sprache
Dies ist jedoch nur eine, für mich allerdings bedeutende Facette im komplizierten Beziehungsgefüge Sprache.
Im Verlauf der Arbeit wird der Aspekt der Interaktion u.a. bei BRUNER, aber auch im Zusammenhang mit den Prinzipien der Integrierten Sprach-und Bewegungstherapie von OLBRICH nochmals aufgegriffen.
2.4 Ebenen der Sprachentwicklung
Der ganzheitlich ablaufende Vorgang des Erlernens der kindlichen Sprache wird im allgemeinen in vier verschiedene Sprachebenen unterteilt, die als aufeinander bezogene Teilbereiche bei der Entwicklung komplexer Strukturen unterschieden werden.
Die im folgenden angesprochenen Bereiche des Spracherwerbs vollziehen sich als integrativ und strukturell miteinander verbundene Prozesse, die zeitlich synchron ablaufen. Es bilden sich gegenseitige Bedingungsgefüge und aufeinander aufbauende Verbindungen, aus denen die einzelnen Teilbereiche sich lediglich schwerpunktmäßig absetzen lassen. Auf allen vier Sprachebenen geht das Sprachverständnis der Sprachproduktion voraus.
Lange bevor das Kind ein Gespräch führen kann, werden ihm grundlegende Anreize dazu vermittelt.
2.4.1 Die pragmatisch-kommunikative Ebene
Die pragmatisch-kommunikative Ebene ist den anderen Sprachebenen übergeordnet. Sie verweist darauf, dass das Kind nicht nur Sprache im Sinne eines Zeichen- und Regelsystems erlernt, sondern letztlich die Fähigkeit zu einer situationsadäquaten Kommunikation erwirbt. Das „Sich-Mitteilen“ und „Sich-Austauschen“ mit anderen Personen und später das Erzählen von Erlebtem geschieht von Beginn an in altersgemäßer Weise. Dieser Bereich des Spracherwerbs umfasst die gesamte Anwendung der sprachlichen und nicht-sprachlichen Kenntnisse (Mimik und Gestik).
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2 Entwicklung der kindlichen Sprache
Nach GRIMM können drei Teilbereiche unterschieden werden. Es handelt sich um die Sprechhandlungen, die als sozial akzeptierte Kommunikationsformen ausgeführt werden, um zu bitten, zu befehlen und zu versprechen. Weiterhin gibt es Konversationshandlungen. Sie beinhalten gesprächssteuernde Prinzipien, wie beispielsweise das Wissen, wann man einen Faden aufgreifen kann oder wann man zu schweigen hat. Drittens geht es um den Diskurs, der das Wissen umfasst, wie man eine Geschichte erzählt, in welcher Weise neue Informationen gegenüber alten hervorgehoben werden oder auch, wann der Gebrauch des definierten gegenüber dem infiniten Artikels angebracht ist (vgl. GRIMM 1999, S.17).
2.4.2 Die phonetisch-phonologische Ebene
Die phonetisch-phonologische Ebene bezieht sich auf die
Lautdiskrimination und Lautbildung. Es handelt sich um die Vorgänge beim Sprechen, die Organisation und Funktion der Laute im Sprachsystem. Die Reihenfolge der Lautbeherrschung richtet sich nach dem Schwierigkeitsgrad der einzelnen Laute. „Eingeleitet wird die Lautentwicklung durch den Vokal /a/ und als größter möglicher Gegensatz dazu die Konsonanten /p/ und /m/, so dass Lautfolgen wie «Papa» und «Mama» als erste Wörter durchaus folgerichtig erscheinen“ (GROHNFELDT 1993, S.40). Breiten Vokalen, wie dem /a/, werden enge Vokale, wie das /i/, entgegengesetzt. Nach GROHNFELDT folgen weitere Fundierungsgesetze, die ich nicht näher ausführen möchte, da sich weitere Details daran anschließen und sich so dieser Teil der Arbeit zu ausführlich gestalten würde.
Es gilt festzuhalten, dass die Reihenfolge der lautlichen Erwerbungen als stabil angesehen wird, während der zeitliche Verlauf bei jedem Kind unbeständig und individuell verläuft (vgl. ebd.).
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2 Entwicklung der kindlichen Sprache
2.4.3 Die semantisch-lexikalische Ebene
Die semantisch-lexikalische Ebene bezieht sich auf die Begriffsbildung sowie den passiven und aktiven Wortschatz und dessen Bedeutung. Im konkreten Situationskontext erfolgt eine Zuordnung zwischen Gegenständen und den betreffenden Bezeichnungen. Der Prozess der Begriffsbildung erfolgt auf der Grundlage der Kategorisierung, Differenzierung und Transformation. „Die Entwicklung der semantischen Strukturen ist dabei durch einen zunehmenden Differenzierungsprozess gekennzeichnet, bei dem zwei entgegengesetzte Kräfte wirksam werden - Bedeutungserweiterung und Bedeutungsverengung“ (GROHNFELDT 1993, S.44).
2.4.4 Die syntaktisch-morphologische Ebene
Wörter werden nicht isoliert in ihrer lexikalischen Bedeutung, sondern im morphosyntaktischen Bezug verwendet. Die Ebene von Syntax und Morphologie bezieht sich auf das Verständnis und den Gebrauch grammatischer Regeln. Übereinstimmend findet sich in der Literatur die Annahme, dass das Kind nicht einfach Wörter lernt, sondern Regeln, die es aus der Erwachsenensprache extrahiert, die es ihm durch Transformation erlauben, eigenständige und dabei grammatisch richtige Sätze zu erzeugen (vgl. WIRTH 2000, S.154 / S.193 und GROHNFELDT 1993, S.46).
Im Laufe seiner Sprachentwicklung hat das Kind ein komplexes Regelsystem zu durchschauen. Es lernt, dass Sätze einen hierarchischen Aufbau haben und diese durch Anwendung von abstrakten Regeln generiert werden. Nach CHOMSKY gibt es noch eine wichtige Eigenschaft von Sprache, die dem Kind nach und nach ins Bewusstsein tritt. Es ist die Tatsache, dass Sprache eine Oberflächen- und Tiefenstruktur hat (vgl. CHOMSKY 1957, 1965, zit.n. SZAGUN 1996, S.11). „Die Tiefenstruktur steht der Bedeutung des Satzes näher als die Oberflächenstruktur“ (SZAGUN 1996, S.13). Sie enthält die wesentlichen Elemente für die Bedeutung, während die Oberflächenstruktur die Form des Satzes ausmacht.
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2 Entwicklung der kindlichen Sprache
Durch den Erwerb des grammatischen Regelsystems unserer Sprache erfährt das Kind, dass Sprache kreativ ist. Es kann beliebig viele neue Sätze produzieren und verstehen (vgl. ebd.).
2.4.5 Die Entwicklung des Sprachverständnisses
Das Verstehen von Sprache entwickelt sich im selben Rahmen wie die anderen sprachlichen Bereiche auch. Zeitlich geht es der Fähigkeit, Sprache anzuwenden voraus, d.h. das Kind versteht uns, bevor es sich selbst äußern kann. Lange Zeit ist dieses Verständnis jedoch eng an die jeweilige Situation gebunden. Ein echtes Sprachverständnis entwickelt sich schrittweise, bis es sich von der konkreten Situation löst (vgl. SCHINDLER, dgs e.V. / Internet).
2.4.6 Die Entwicklung des Redeflusses
Die Planung und Ausführung von mündlichen Äußerungen stellen eine hohe Anforderung an das Kind dar. So verwundert es nicht, dass damit häufig Satzabbrüche, Umformulierungen, Wortwiederholungen und kleine Denkpausen einhergehen. Sie bewirken, dass das Sprechen des Kindes unflüssig klingt. Außerdem muss sich die Feinabstimmung der Muskelbewegungen (wie in Kapitel 2.2 beschrieben), die für das Reden notwendig sind, erst entwickeln und reifen. Dies ist eng verbunden mit den schon geschilderten sprachlichen Entwicklungsbereichen und solchen, die für die Bewegungskontrolle zuständig sind. Für mich findet sich an dieser Stelle ein weiterer Hinweis darauf, dass Sprache und Bewegung eng miteinander verbunden sind, auch wenn es hier in erster Linie um die Mundmotorik geht. Insgesamt bedarf es einem längeren
Entwicklungsprozess, um flüssig reden zu können.
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2 Entwicklung der kindlichen Sprache
2.4.7 Die Entwicklung des Sprachgefühls
Nicht zuletzt lernt das Kind während seiner kompletten Sprachentwicklung quasi „nebenbei“ etwas, was nichts mit den einzelnen Lauten, Wörtern oder grammatischen Strukturen zu tun hat, aber dennoch die Verständlichkeit unserer Lautsprache beeinflusst. Es lernt, dass unsere Sprache auch einem Sprechrhythmus bzw. einer Prosodie (Sprechmelodie) unterliegt, dass Betonungen, Pausen, Tonhöhen und -tiefen einen großen, bedeutenden Teil ausmachen und dass diese Merkmale unsere Sprache erst lebendig machen.
2.5 Zum zeitlichen Verlauf von Sprachentwicklungs-
prozessen
Die Sprachentwicklung verläuft von Kind zu Kind unterschiedlich. Wie bei der allgemeinen Entwicklung, so zeigen sich auch beim Spracherwerb individuelle Unterschiede im Entwicklungstempo, in der Art und Anzahl der ersten Wörter oder in der Häufigkeit des Sprechens. Zu beachten ist, dass die nachfolgend angeführten Entwicklungsschritte und Zeitangaben nur als Orientierung dienen, da die Entwicklung des Kindes von den unterschiedlichsten Faktoren abhängt und große individuelle Unterschiede zu verzeichnen sind.
Es sind letztlich Verallgemeinerungen und Erfahrungswerte, die als grober Durchschnitt für den europäischen Kulturkreis begrenzte Aussagekraft erhalten (vgl. GROHNFELDT 1993, S.52).
Ich beginne nach der Geburt des Kindes (postnatal) mit der Beschreibung des zeitlichen Verlaufs von Sprachentwicklung. Ich werde mich auf die wichtigsten Phasen beschränken und diese kurz beschreiben, da der Fokus meiner Arbeit nicht in diesem Bereich liegt.
Die ersten verbalen Äußerungen des Säuglings dienen der Kundgabe seines Allgemeinbefindens (Wohlbefinden oder Unbehagen). Sie zeigen sich zu Beginn hauptsächlich im Schreien.
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Quote paper:
Janina Daab, 2003, Bewegung und Sprache - Psychomotorische Förderansätze bei Sprachentwicklungsstörungen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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