Ewig Suchender, nie Findender,
verbringt die Zeit
rastlos und triebhaft, verwehrt den Zugang anderer
ins eigene Innere
und verbringt zuviel Stunden allein.
Zutiefst Leidender,
vergaß den gefangenen Sehnsüchten
im Herzen die Freiheit zu schenken,
denn die jugendliche Rose
verdirbt ohne Nahrung
und heiß sind die Ängste vor Einsamkeit.
Hart Kämpfender,
bewehrt sich im Stetigen und erblüht,
wenn quälende Mühen
ein karges Licht in nebeliger Ferne
entzünden.
Du Glücklicher,
sprenge die Fassaden deines Lächelns,
glätte die Falten
an den Augenwinkeln, um der Falschheit
das Versteck zu nehmen,
damit es so ist, wie es ist.
Martin
3
Ehrenwörtliche Erklärung
Hiermit erkläre ich, Ing. Martin Tafner, Berufsschullehrer der Landesberufsschule Knittelfeld, ehrenwörtlich, die gegenwärtige Diplomarbeit ohne Mithilfe Dritter und nur mit den angegebenen Quellen und Hilfsmitteln angefertigt zu haben.
Alle Erläuterungen und Beschreibungen, wie Zitate und Vergleiche, welche aus den individuellen Quellen und Hilfsmitteln entnommen wurden, sind auch als solche gekennzeichnet.
Die gedanklichen Formulierungen, sowie die schriftlichen Inhalte dieser Arbeit, sind aufgrund meiner intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema und den Diskussionen mit den verschiedensten Menschen, bei denen ich Gehör fand, entstanden.
Diese Arbeit hat mit Gewissheit in gleicher oder ähnlicher Form noch keiner Prüfungsbehörde vorgelegen.
Die auf dem beigelegten Datenträger vorliegende Datei der Diplomarbeit stimmt mit der gedruckten Ausgabe überein.
Inhaltsverzeichnis
1 AUFGABEN DER KATHOLISCHEN SOZIALLEHRE 13
2 ALLGEMEINE GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG ZUM BESSEREN
VERSTÄNDNIS DER ENTSTEHUNG DER KATHOLISCHEN
SOZIALLEHRE. 17
2.1 NEUZEIT. 17
2.2 FRANZÖSISCHE REVOLUTION 20
2.3 INDUSTRIELLE REVOLUTION 23
2.3.1 ERSTE PHASE DER INDUSTRIELLEN REVOLUTION 23
2.3.2 ZWEITE PHASE DER INDUSTRIELLEN REVOLUTION 24
2.3.3 DRITTE PHASE DER INDUSTRIELLEN REVOLUTION 24
2.4 HISTORISCHER BEGINN UND ENTSTEHUNG DER KATHOLISCHEN SOZIALLEHRE
25
2.4.1 RERUM NOVARUM 29
2.4.1.1 Die Eigentumsfrage 31
2.4.1.2 Der Anteil der Kirche an der Sozialreform. 33
2.4.1.3 Die Aufgaben des Staates 34
2.4.1.4 Die Selbsthilfe der Arbeiterklasse 36
2.4.2 WÜRDIGUNG. 36
2.4.3 QUADRAGESIMO ANNO 38
2.4.4 ZIELSETZUNG. 38
2.4.5 ERÖRTERTE PROBLEME 39
2.4.6 PACEM IN TERRIS 40
2.4.7 CENTESIMUS ANNUS 43
2.4.7.1 Ost/West und Nord/Süd Gefälle 43
2.4.7.2 Industrieländer 43
2.4.7.3 Privateigentum und Familie. 44
2.4.7.4 Allgemeiner öffentlicher Zuspruch und Kritik 44
2.4.8 ZUSAMMENFASSUNG DER PÄPSTLICHEN SOZIALENZYKLIKEN 45
5
3 SCHWERPUNKTE DER KATHOLISCHEN SOZIALLEHRE 47
3.1 BAUPLAN DER KATHOLISCHEN SOZIALLEHRE 47
3.1.1 BAUSTEINE UND PRINZIPIEN DER KATHOLISCHEN SOZIALLEHRE 47
3.1.1.1 Das Prinzip der Personalität (Menschenwürde) 49
3.1.1.2 Prinzip der Solidarität 52
3.1.1.3 Prinzip der Subsidiarität 55
3.1.1.4 Prinzip des Gemeinwohls 57
3.1.1.5 Option für die Armen. 61
4 GERECHTIGKEIT. 63
4.1 WAS BEDEUTET GERECHTIGKEIT? 63
4.2 JUGENDLICHE UND GERECHTIGKEIT 65
4.3 GESELLSCHAFT UND GERECHTIGKEIT. 69
5 UNTERSUCHUNG 73
6 HYPOTHESE 74
6.1 UNTERSUCHUNGSDESIGN UND STICHPROBE. 74
6.2 DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE. 74
6.2.1 FRAGE 1: BEURTEILEN SIE FÜR SICH DIE FOLGENDEN BEREICHE/UMFELDER IN
IHREM LEBEN? 75
6.2.2 FRAGE 2: WIE FÜHLEN SIE SICH IN DEN VERSCHIEDENEN SOZIALEN
BEREICHEN /UMFELDERN? 85
6.2.3 FRAGE 3: WIE EMPFINDEN SIE „GERECHTIGKEIT“ IN DEN ANGEFÜHRTEN
BEREICHEN ? 90
6.2.4 FRAGE 4: WELCHE BEDEUTUNG HABEN FOLGENDE BEGRIFFE IN IHREM
GERECHTIGKEITSEMPFINDEN ? 95
6.2.5 FRAGE 5: WIE EMPFINDEN SIE „GERECHTIGKEIT“ IN DEN ANGEFÜHRTEN
BEREICHEN ? 107
6.2.6 FRAGE 6: FÜHLEN SIE SICH IN DEN ANGEFÜHRTEN BEREICHEN /UMFELDERN
„GERECHT“ BEHANDELT? 112
6
6.2.7 FRAGE 7: WELCHE EINFLÜSSE IN FOLGENDEN BEREICHEN STÖREN SIE AM
MEISTEN ? 118
6.2.8 FRAGE 8: KREUZEN SIE FOLGENDE FRAGEN NACH DEN KRITERIEN VON 1 BIS 4 AN
123
6.2.9 FRAGE 9: WÜRDEN SIE AUFGRUND „U NGERECHTIGKEITEN “ FOLGENDE BEREICHE
AUFGEBEN ? 129
6.2.10 FRAGE 10: WELCHER BEREICH HAT FÜR SIE DIE GRÖßTE BEDEUTUNG, WELCHER
DIE GERINGSTE? 133
6.2.11 FRAGE 11: FRAGEN ZU IHREM ALTER 143
6.2.12 FRAGE 12: WIEVIEL PERSONEN LEBEN IN IHREM HAUSHALT? 143
6.2.13 FRAGE 13: FRAGEN ZU IHRER PERSON 143
6.3 HYPOTHESENPRÜFUNG. 144
6.4 SCHLUSSFOLGERUNGEN UN D AUSBLICK. 146
7 LITERATURVERZEICHNIS. 147
8 INTERNETADRESSEN 150
9 ANHANG. 151
9.1 FRAGEBOGEN 151
10 KURZFASSUNG DER DIPLOMARBEIT. 155
10.1 AUFGABEN DER KATHOLISCHEN SOZIALLEHRE. 155
10.2 GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG DER KATHOLISCHEN SOZIALLEHRE. 155
10.3 SCHWERPUNKTE DER KATHOLISCHEN SOZIALLEHRE 156
10.4 WAS BEDEUTET GERECHTIGKEIT 157
10.5 JUGENDLICHE UND GERECHTIGKEIT 157
10.6 HYPOTHESE UND EMPIRIS CHE ZUSAMMENHÄNGE 158
7
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1 Aufgaben der Katholischen Soziallehre
Abbildung 2 Waage
Abbildung 3 Augenbinde
Abbildung 4 Schwert
Abbildung 5 Beurteilung Arbe it/Beruf
Abbildung 6 Beurteilung Familie
Abbildung 7 Kreuztabelle Beurteilung Familie
Abbildung 8 Beurteilung Freunde/Bekannte
Abbildung 9 Beurteilung Berufsschule
Abbildung 10 Beurteilung Wirtschaft
Abbildung 11 Beurteilung Freizeit
Abbildung 12 Beurteilung Umwelt/Natur
Abbildung 13 Beurteilung Politik
Abbildung 14 Kreuztabelle Politik und Alter.
Abbildung 15 Beurteilung Religion.
Abbildung 16 Arbeit/Beruf - wie fühlen Sie sich.
Abbildung 17 Familie - wie fühlen Sie sich
Abbildung 18 Freunde/Bekannte - wie fühlen Sie sich.
Abbildung 19 Berufsschule - wie fühlen Sie sich
Abbildung 20 Wirtschaft - wie fühlen Sie sich.
Abbildung 21 Freizeit - wie fühlen Sie sich
Abbildung 22 Umwelt/Natur - wie fühlen Sie sich.
Abbildung 23 Politik - wie fühlen Sie sich.
Abbildung 24 Religion - wie fühlen Sie sich
Abbildung 25 Gerechtigkeitsempfinden Arbeit/Beruf
Abbildung 26 Gerechtigkeitsempfinden Familie
Abbildung 27 Gerechtigkeitsempfinden Freunde/Bekannte
Abbildung 28 Gerechtigkeitsempfinden Berufsschule
Abbildung 29 Gerechtigkeitsempfinden Wirtschaft.
Abbildung 30 Gerechtigkeitsempfinden Freizeit
Abbildung 31 Gerechtigkeitsempfinden Umwelt/Natur
Abbildung 32 Gerechtigkeitsempfinden Politik
8
Abbildung 33 Gerechtigkeitsempfinden Religion.
Abbildung 34 Fairness im Bereich der Familie
Abbildung 35 Fairness im Bereich der Berufsschule
Abbildung 36 Fairness im Bereich des Berufes
Abbildung 37 Hausordnung in der Berufsschule
Abbildung 38 Sauberkeit am Arbeitsplatz.
Abbildung 39 Mülltrennung im Privatbereich
Abbildung 40 Mülltrennung in der Berufsschule
Abbildung 41 Mülltrennung am Arbeitsplatz.
Abbildung 42 Verlässlichkeit im Bereich der Familie.
Abbildung 43 Verlässlichkeit im Bereich der Berufsschule
Abbildung 44 Verlässlichkeit im Bereich des Berufes.
Abbildung 45 Meinungsfreiheit
Abbildung 46 Notengebung in der Berufsschule
Abbildung 47 Verständnis für Jugendliche
Abbildung 48 Finanzielle Gleichbehandlung im Beruf
Abbildung 49 Jugendschutzgesetz.
Abbildung 50 Ausgrenzung von Minderheiten.
Abbildung 51 Gerechtigkeit und Arbeit/Beruf
Abbildung 52 Gerechtigkeit und Familie
Abbildung 53 Gerechtigkeit und Freunde/Bekannte
Abbildung 54 Gerechtigkeit und Berufsschule
Abbildung 55 Gerechtigkeit und Wirtschaft.
Abbildung 56 Gerechtigkeit und Freizeit
Abbildung 57 Gerechtigkeit und Umwelt/Natur
Abbildung 58 Gerechtigkeit und Politik
Abbildung 59 Gerechtigkeit und Religion.
Abbildung 60 gerechte Behandlung bezüglich Arbeit/Beruf
Abbildung 61 gerechte Behandlung bezüglich Familie
Abbildung 62 gerechte Behandlung bezüglich Freunde/Bekannte
Abbildung 63 gerechte Behandlung bezüglich Berufsschule
Abbildung 64 gerechte Behandlung bezüglich Wirtschaft
Abbildung 65 gerechte Behandlung bezüglich Freizeit.
Abbildung 66 gerechte Behandlung bezüglich Politik
9
Abbildung 67 gerechte Behandlung bezüglich Religion.
Abbildung 68 störende Einflüsse bezüglich Arbeit/Beruf
Abbildung 69 störende Einflüsse bezüglich Familie
Abbildung 70 störende Einflüsse bezüglich Freunde/Bekannte
Abbildung 71 störende Einflüsse bezüglich Berufsschule.
Abbildung 72 störende Einflüsse bezüglich Wirtschaft
Abbildung 73 störende Einflüsse bezüglich Freizeit.
Abbildung 74 störende Einflüsse bezüglich Umwelt/Natur
Abbildung 75 störende Einflüsse bezüglich Politik
Abbildung 76 störende Einflüsse bezüglich Religion
Abbildung 77 Männer verdienen mehr als Frauen.
Abbildung 78 Gerechter Lohn.
Abbildung 79 Gerechtigkeit im Elternhaus
Abbildung 80 Gerechte Behandlung durch Familienmitglieder.
Abbildung 81 Gerechte Behandlung in der Berufsschule
Abbildung 82 Gerechte Behandlung durch Freunde
Abbildung 83 Gerechte Behandlung durch Mitmenschen.
Abbildung 84 Ausbeutung der Umwelt
Abbildung 85 Ausgrenzung von Schwachen und Minderheiten.
Abbildung 86 Aufgabe von Arbeit/Beruf aufgrund Ungerechtigkeiten.
Abbildung 87 Aufgabe von Familie aufgrund Ungerechtigkeiten.
Abbildung 88 Aufgabe von Freunde/Bekannte aufgrund Ungerechtigkeiten.
Abbildung 89 Aufgabe von Berufsschule aufgrund Ungerechtigkeiten.
Abbildung 90 Aufgabe von Wirtschaft aufgrund Ungerechtigkeiten.
Abbildung 91 Aufgabe von Freizeit aufgrund Ungerechtigkeiten.
Abbildung 92 Aufgabe von Umwelt/Natur aufgrund Ungerechtigkeiten
Abbildung 93 Aufgabe von Religion aufgrund Ungerechtigkeiten.
Abbildung 94 Bedeutung Arbeit/Beruf - von 1 sehr wichtig bis 9 nicht wichtig.
Abbildung 95 Bedeutung Familie - von 1 sehr wichtig bis 9 nicht wichtig.
Abbildung 96 Bedeutung Freunde/Bekannte - von 1 sehr wichtig bis 9 nicht
wichtig
Abbildung 97 Bedeutung Berufsschule - von 1sehr wichtig bis 9 nicht wichtig.
Abbildung 98 Bedeutung Wirtschaft - von 1 sehr wichtig bis 9 nicht wichtig
Abbildung 99 Bedeutung Freizeit - von 1 sehr wichtig bis 9 nicht wichtig.
10
Abbildung 100 Bedeutung Umwelt/Natur - von 1 sehr wichtig bis 9 nicht wichtig
Abbildung 101 Bedeutung Politik - von 1 sehr wichtig bis 9 nicht wichtig
Abbildung 102 Bedeutung Religion - von 1 sehr wichtig bis 9 nicht wichtig
Abbildung 103 Alter der Befragten.
Abbildung 104 Personen im Haushalt
Abbildung 105 Männlich/Weiblich.
11
Vorwort
Die Bearbeitung des Diplomarbeitsthemas, wie es sich mir von der Thematik offenbart, ist für mich und für die Gemeinschaft in der ich lebe, von großer Bedeutung. Viele der spannenden Inhalte und Prinzipien spiegeln sich in meiner beziehungsweise unserer unmittelbaren Umgebung wider. Mein Hauptinteresse an dem Thema bestand in der Aufarbeitung der Sichtweise der Institution Kirche, ihren Inhalten, dem allgemeinen Zusammenleben in der Gemeinschaft und übergeordnet das Zusammenleben in der Gesellschaft.
Als Kerninteresse verfolgte ich in meinen Untersuchungen, bei der Beleuc htung der ethischen Werte und der sich wandelten Sichtweisen der Gesellschaft, besonders den Wert der Gerechtigkeit. Mit diesem Wert steht oder fällt eine harmonische Gemeinschaft. Mit ihm steht oder fällt die Gesellschaft oder der Staat.
Ich danke allen Damen und Herren, die mir bei der Umsetzung meiner Gedanken behilflich waren und mich und meine Ideen schätzen gelernt haben. Mein Dank gilt vor allem meinem Erstbetreuer Herrn Mag. Dietmar Krausneker. Er war stets bereit meine eigenwilligen Handlungsweisen zu akzeptieren und war mir bei der Umsetzung der Arbeit überaus behilflich. Weiters bedanke ich mich bei Herrn Mag. Manfred Sturm, der mir ebenfalls bei der Entwicklung der Arbeit behilflich war. Ich bedanke mich auch bei all den Menschen, die mit mir und meiner eigenwilligen Person und meinen emotionalen Beteiligungen am Thema zurande kamen. Ich danke auch meiner Familie, die mit meiner Abwesenheit in diesem Studienjahr leben musste.
Ich danke für die Bereitschaft und Toleranz meiner Frau, meinen fast erwachsenen Söhne, mit ihrem niemals endenden Humor, bei der Bewältigung aller auftretenden Schwierigkeiten, nicht nur in diesem Studienjahr, sondern ich nutze diese Möglichkeit mich bei all denen zu bedanken, die meinen zweiten Bildungsweg bis hierher mitunterstützt und meine vergangenen zehn Jahre begleitet haben.
12
1 Aufgaben der Katholischen Soziallehre
Die Kirchen nehmen von sich aus eine parteipolitisch neutrale Stellung ein und sind von wirtschaftlichen, politischen und sozialen Systemen, nach eigener Einschätzung, unabhängig. Die Vergangenheit der Katholischen Kirche zeigt, dass sie aufgrund ihrer Eigenständigkeit und Unabhängigkeit die verschiedensten Systeme mit weltlichen Institutionen gelebt und die meisten davon überlebt hat. Die Katholische Kirche versucht die weltlichen Institutionen anzuerkennen, ihre Botschaft nach der Katholischen Soziallehre zu verkünden und zu leben. Die Katholische Kirche versucht weiters als tiefe Kernaufgabe, das diesseitige Heil des Menschen mit dem jenseitigen zu verknüpfen. Nicht als Zwang werden Heilsverkündigungen dem Menschen nähergebracht, sondern nach den weltlichen Bedür fnissen, Lebensweisen und Lebensformen. Entscheidend ist, ob der Mensch nach seinem Gewissen lebt, oder ob er sich über Werte, Normen und Regeln der Kirche und im weiteren auch der der Gesellschaft hinwegsetzt.
Der Mensch als Einzelindividuum in der Familie, der Gesellschaft und im Beruf steht im Mittelpunkt der Katholischen Kirche. Seine gelebte Gerechtigkeit in den genannten sozialen Bereichen ist ein Anliegen der Gemeinschaft der Katholischen Kirche. Werden Abweichungen und Veränderungen sichtbar, so versuc ht die Kirche dort, wo Ungerechtigkeiten passieren, die Stimme zu erheben und den Dialog zu führen. Die Kirche sucht zugleich nach Lösungsansätzen, die einzelnen Menschen bei deren mannigfaltigen Problemen behilflich sind, damit sie bei sittlichen Handlungsweisen moralisch unterstützt werden. Diese Orientierungen gelten als ehrbar und edelmütig, können jedoch in verschieden Bereichen und Institutionen nur sehr schwer eingehalten, beziehungsweise gelebt werden. Zu sehr verleiten politische, wirtschaftliche und auch soziale Sachlagen zu unrechtem Handeln. Die Kirche ist sich dessen bewusst und stellt hier nicht nur den Menschen in ihren Mittelpunkt, sondern übt darüber hinaus Kritik an gesellschaftlichen, politischen, wie sozialen Missständen. Die Katholische Kirche geht auf die wandelnde Gesellschaft zu und bringt fundierte Grundsätze für mensche nwürdige Ordnung. Die Gebiete umfassen global jene von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat. Hier muss angemerkt werden, dass die Katholische Kirche darüber hinaus versucht, in politisches Tagesgeschehen nicht essentiell
13
einzugreifen. Sie versucht durch Gespräch und Diskussion auf gegenständliche Probleme aufmerksam zu m achen, ohne im Grundgedanken eine politische Grundhaltung oder Position einzune hmen. Als neutraler Betrachter verwehrt sie sich nicht Kritik einzubringen und im Sinne der Katholischen Soziallehre Stellung zu beziehen.
Johannes Schasching 1 formuliert eine dreifache Aufgabe der Katholischen Soziallehre:
Vorlegung von Grundsätzen für eine gerechte Wirtschafts- und Sozialordnung.
Erhebung ihrer kritischen Stimme, wo in der Gemeinschaft die Menschenwürde verletzt wird.
Positive Mitwirkung, wo ihre Grundsätze in der Praxis verwirklicht we rden.
1 Vgl. Schasching, Johannes: Christliche Soziallehre, ÖGB Bildung, S. 3.
14
Als wesentliche Inhalte der Katholischen Soziallehre nennt Ernst Leuninger 2 :
Ø Die Sozialverpflichtung des Eigentums.
Ø Chancen und soziale Gerechtigkeit.
Ø Wahrung der Rechte der Frau.
Ø Weltweite Verteilung von Wirtschaftsgütern und Ressourcen.
Ø Mitverantwortung und Mitbestimmung im Unternehmen.
Ø Der Interessenausgleich zwischen Kapital und Arbeit.
Ø Schutz der Familie.
Ø Eigentumsbildung in Arbeitnehmerhand.
Der Versuch der fortwährenden Anpassung auf veränderte gesellschaftliche Strukturen und Systeme ist ein sich evaluierender Prozess der Katholischen Kirche unter der Berücksichtung philosophischer oder empirischer Betrachtungsweisen. Die Ansätze in der Katholischen Soziallehre beruhen auf einer sozialen Botschaft, die die Katholischen Kirchen
„...auf der Grundlage des biblischen Ethos in wachsender Gemeinschaft im gesellschaftlichen Raum geltend machen, ist das Ergebnis der Reflexion über menschliche Erfahrungen in verschiedenen geschichtlichen Situationen, Epochen und Kulturen. Die christliche Soziallehre ist daher kein abstraktes System vom Normen. Sie entspringt vielmehr der immer wieder neuen Reflexion auf die menschlichen Begebenheiten und Ereignisse im Wandel der Geschichte und in der Gegenwart, im Licht des christlichen Menschenbildes. S ie gibt keine technischen Lösungen und konkreten Handlungsanweisungen, sondern vermittelt Perspektiven, Wertorientierungen, Urteils- und Handlungskriterien. Sie hat sowohl prophetische, wie kritische, aber auch ermutigende, versöhnende und heilende Funktionen." 3
2 Vgl. Leuninger, Ernst: Gerechtigkeit schafft Frieden, S. 7f.
3 Ebenda, S7.
15
Es wird durch diese Erläuterung der Katholischen Sozialehre eine moderne und aufgeschlossene Denkweise zu den individuellen Themen des Lebens und der Gesellschaft sichtbar. Der einzelne Mensch, der nach Möglichkeiten der Orientierung Suchende, findet sich in diesen Ansätzen. Der gläubige nach den Naturwerten lebende Mensch schließt den Kreis zu den Geboten Gottes- und der Nächstenliebe. Es ist die Grundnorm, schreibt Ernst Leuninger 4 , in der sich das biblische Ethos als Gemeinschaftsethos auf den Begriff bringen lässt.
Die Aufgabe der Katholischen Soziallehre besteht im Wesentlichen darin, christlich denkende Menschen zu erfassen und ihnen, je nach deren familiären, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen, Perspektiven und Aussichten zur Ent- und Weiterentwicklung zu bieten. Christen und Menschen im christlichem Sinne müssen in hoch entwickelten Wirtschafts- und Sozialsystemen der westlichen Welt ebenso wie in unterentwickelten, oder diktatorisch geführten Ländern, Möglichkeiten der sozialgesellschaftlichen Entwicklung in der Katholischen Soziallehre finden und darüber hinaus im geistigen Inhalt der Soziallehre eine Erweiterung ihrer Persönlichkeit e rfahren.
„...was sich aus der Offenbarung Go ttes und den Erkenntnissen der menschlichen Vernunft über die Ordnung der menschlichen Gesellschaft im Ganzen und in ihren Einzelbereichen an Grundsätzen entnehmen lässt. Praktische Vorschläge zur Lösung gesellschaftlicher Probleme können sich an diesen Grundsätzen sicher orientieren.“ 5
4 Vgl. Leuninger, Ernst: Gerechtigkeit schafft Frieden, S. 8f.
5 Baur, Andreas/Plöger Wilhelm: Botschaft des Glaubens, S. 274.
16
2 Allgemeine geschichtliche Entwicklung zum
besseren Verständnis der Entstehung der Ka-tholischen Soziallehre
2.1 Neuzeit
Durch die Finsternis der realen politischen Wirklichkeit der letzten Jahrhunderte konnte sich eine Katholische Soziallehre nicht wirklich ausbreitend entfalten und dem Menschen in seiner Not und seinem Leid beistehen. Soziale Werke und Ideen waren nur schwer am Menschen praktisch umzusetzen, da sich die Kirche politisch und sozial an den weltlichen Machthabern orientierte. Anhäufung von Gütern, Besitz und Reichtum und die gelenkte Zurückhaltung von Wissen in den unterschiedlichsten wissenschaftspolitischen Bereichen sicherten über viele Jahrhunderte die Machtstruktur der Kirche. Dennoch hat es innerhalb der Katholischen Kirche immer wieder Menschen gegeben, die die christlichen Werte im täglichen Leben umsetzten.
Einer der schillernsten und beispielgebensten Persönlichkeiten dieser Zeit ist Franziskus von Assisi (Francesco d`Assisi, Italiener, geb. 1181 oder 1182, gest. 3.10.1226, mit eigentlichem Namen Giovanni Bernardone). Der vor der Neuzeit (1500) in Assisi (Italien) lebende Heilige stammte aus wohlhabender, wenn nicht reicher italienischer Familie. Nach schwerer Krankheit und Bekehrungserlebnissen pflegte er Aussätzige und führte das Leben eines Bettlers. Ab 1209 schlossen sich ihm einige Gefährten an. Er verpflichtete sie als „Mindere Brüder“ zum Dienst an der Menschheit und der Kirche in Armut und Buße. 1212 gesellte sich durch die Bekehrung der adeligen Klara von Assisi eine Schwesterngemeinschaft hinzu. Über die eigenen Gemeinschaften hinaus zog Franziskus von Assisi Frauen und Männer in seinen Bann, die sich im Dritten Orden zusammenfanden. Franziskus von Assisi bewirkt ein neuartiges Denken in der Kirche. Ein Naturgefühl entsteht (Liebe zur Natur). Die positive Bewe rtung der Gesamtheit des Lebens kommt im „Buch der Natur“ zum Ausdruck und wird der Bibel zur Seite gestellt. Es wird ab diesem Zeitpunkt die Bibel nicht nur theoretisch gelernt,
17
sondern das Werk Gottes und die Natur lieben und verstehen gelernt. Franziskus von Assisi trat zu jener Zeit, als einziger Mann von Bedeutung, öffentlich gegen die Durchführung der Kreuzzüge auf. 6
Franziskus von Assisi ist beispielgebend für den Mut selbsttätig Elemente, die sich auf die Gesellschaft und die Natur beziehen, zu erforschen. In seiner Person verkörpern sich die Individualität und Kreativität selbständig denkender Menschen. Er ist Symbol für Menschen, die im Alleingang den rechten Weg finden und gehen.
Mit Beginn der Neuzeit (1500), im Besonderen durch revolutionäre Entdeckungen, wird ein breiter neuer Horizont mit Perspektiven, die dem Menschen Schritt für Schritt die Aussicht freieren Denkens bescheren, ermöglicht.
Beispiele:
Ø Columbus; Entdeckung Amerikas (1492) - die Erde besitzt nun nachweislich eine Kugelform.
Ø Galileo Galilei; Entdecker von Naturwissenschaften, Anomalie des Wassers.
Ø Kepler, Kopernikus; nicht die Erde ist Mittelpunkt unseres Sonnensystem, sondern die Sonne.
Ø Gutenberg; Erfindung des Buchdruckes - Lesen und Schreiben wird vielen Menschen zugänglich.
Ø Michelangelo; Künstler, Maler - Fresken in der Sixtinischen Kapelle.
Ø Martin Luther; Reformator und Pädagoge; seine Abhandlungen über Rethorik sind bis heute gültig.
Starke Zurückhaltung der Kirche und konservative Denkweisen der Denker und Philosophen dieser mächtigen Institution verhindern ein rasches Vorwärtsschreiten neuer Ideen im Sinne sozialerem Handeln gegenüber menschlichen Bedürfnissen und dem Menschsein im Besonderen.
6 Vgl. http//www.heiligenlexikon.de/FranziskusvonAssisi.htm.
18
Hier darf eine Einseitigkeit der Betrachtungsweisen nicht erfolgen, da die Institution der Kirche immer aufgeschlossen neuen Ideen gegenüber gestanden ist. Die Diskussionen verfolgen zu jener Zeit zwei unterschiedliche Strömungen. Einerseits offen in wissenschaftliche Zielrichtungen, wie der Erforschung der Anatomie des Menschen, oder der Gestirne und Umlaufbahnen und die dazu notwendige mathematische Beweisführung. Andererseits duldet die Kirche keine Querverbindungen zu ideologischen Themen, welche die Autorität der mächtigen Institution in Frage stellt.
Beispiel:
„Kopernikus ... der tatkräftigen Unterstützung einer Reihe von Kardinälen, einschließlich des zukünftigen Papstes Urban VIII. und der führenden Astronomen der Jesuiten. Bis zu dem verhängnisvollem Jahr 1616 (Gerichtsprozess gegen Galilei) war die Erörterung des kopernikanischen Systems (Sonne, nicht die Erde ist Mittelpunkt des Universums) nicht nur erlaubt, sondern wurde von ihnen sogar gefördert - unter der einzigen Bedingung, dass sich die Diskussion auf das rein Wissenschaftliche beschränke und nicht gegen die Theologie verstoße. Ein Brief des Kardinals Dini an Galilei aus dem Jahr 1615 umriss die Sachlage kurz und eindeutig: >Man darf ungehindert alles schreiben, solange man außerhalb der Sakristei bleibt<.“ 7
Hier wird verdeutlicht, dass die Katholische Kirche in allen geschichtlichen Abschnitten eine breite Basis für kreative Auseinandersetzungen offen lässt, solange ihre Machtstruktur nicht gefährdet scheint. Stetige Weiterentwicklung der Gerechtigkeit für die Ideen des einzelnen Menschen und wieder starke Einbrüche, die in Vernichtung und Ausbeutung enden, beschreiben die vergangene Zeit der Kirche und den Versuch, Gerechtigkeit an der Menschheit zu üben.
In dieser Zeit gelangt die Kolonialisierung der eroberten Welt durch weltliche Herrscher und die Aufteilung der Erde durch die Kirche zum Höhepunkt. Die Missionstätigkeiten, die Versklavung der Bevölkerung in den unendlichen Wei- 7 Koestler,Arthur: Die Nachtwandler, S. 363.
19
ten der Erdkugel, dauern viele Jahrhunderte an. Diesem Abschnitt der Geschichte (Neuzeit; 1500) ist der Aufbruch der Kirche und der Gesellschaft zuzu-ordnen. Ein neues Verständnis zum Menschsein wird geboren.
Der Weg zu einer übersichtlicheren und differenzierteren Betrachtungsweise der sozialen und zwischenmenschlichen Grundbedürfnisse ist weit. Durch die Komplexität und Vielschichtigkeit der gesellschaftlichen Strukturen dauert es viele Jahrhunderte, um Veränderungen herbeizuführen.
Nicht die Macht ist der Mittelpunkt allen Seins, sondern der Mensch.
2.2 Französische Revolution
Mit dem Jahre 1776 und der Erringung der Unabhängigkeit Amerikas werden neuartige Ideale und Ideen in die Welt hinausgetragen. Vorausgegangen ist der Freiheit Amerikas ein blutiger Bürgerkrieg, der viele Opfer fordert. Durch die Unterstützung und Mithilfe Frankreichs wird die Absetzung der Kolonialherrschaft Großbrita nniens in Amerika möglich.
Auswirkungen auf die Gesellschaft:
ü Freiheit
ü Gleichheit
ü Brüderlichkeit
Dies sind die neuen Gedanken in den Köpfen der Menschen, die von Amerika nach Europa aus dem Befreiungskrieg von 1776 zurückkehren.
Dem Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen der amerikanischen Siedler gegenüber der Imperialmacht Großbritannien ist es zu verdanken, dass die neuen Ideale in die Welt hinausgetragen werden.
Die Menschen in Europa werden folgend auf ihr eigenes Leid und ihre Not aufmerksam. Die Ausbeutung der Bevölkerung durch machthungrige Imperialisten führen im ausgehenden 18. Jahrhundert zu einem überaus starken Ungleichgewicht zwischen armen und reichen Menschen. Die geringe Anzahl reicher Menschen, wie Angehörige von Königshäusern, Adelige, Großgrundbesitzer,
20
Geschäftsleute, führen ein extravagantes Leben auf Kosten der Gesamtheit der Bevölkerung. Die breite Bevölkerung besteht überwiegend aus Bauern und Tagelöhnern. Steuerbelastungen in übergroßem Ausmaß führen in die Verarmung. Hungersnöte, Krankheiten, Ausbruch von Seuchen sind die Folgeerscheinung.
Das Unverständnis und die Überheblichkeit der Reichen und Herrschenden gegenüber der Bevölkerung von Frankreich kommt im Ausspruch Maria Antoinettes, der Tochter Maria Theresias und Frau Ludwig XVI. von Frankreich, zum Ausdruck: >die Menschen sollen Kuchen essen, wenn sie kein Brot haben<. Die Ignoranz der Mächtigen und das Elend des Volkes führen unweigerlich in die Französische Revolution von 1789. Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit bringen Bürgerkriegszustand und langjähriges Morden. Die Wirren der Französischen Revolution, die Entmachtung der Monarchie, die Suche nach Schuldigen, die gerechte Bestrafung im Sinne des damaligen Umschwunges und der neuen Gedanken, befördern viele Menschen vom Leben zum Tode. Die berühmteste Erfindung jener Zeit, die der Zuführung der „gerechten Strafe“ dient ist die Guillotine, ein mit einem Fallbeil arbeitendes Hi nrichtungsgerät.
Die Französische Revolution ist der Beginn einer weitreichenden gesellschaftlichen Veränderung. Ein Neubeginn und Erneuerung von gesellschaftlichen Strukturen werden möglich. Sozialere Wege für das Menschsein eröffnen sich. .
Darauf folgende Veränderungen führen in gesellschaftspolitischen Bereichen zur Veränderung in demokratische Regierungs- und Staatsformen.
„Die Französische Revolution hatte wesentlichen Einfluss auf das Verhältnis der Kirche zur modernen Welt und damit auch die später ausformulierte Katholische Soziallehre. Sie wirft ein erhellendes Licht auf die untersuchte Thematik. Der systematische Blickwinkel, unter dem ich das Verhältnis der Kirche zur Demokratie analysiere, ist dabei die Diskrepanz von Tat und Wort. Die Option, die ich zur Lösung dieses Problems vorschlage, ist die „Demokratisierung“ der Kirche.“ 8
8 Palaver, Wolfgang: Einleitung, S. 17.
21
Am 11. Juni 1789 wird die Deklaration der Menschenrechte unterschrieben.
Entscheidende Artikel der Deklaration der Menschenrechte vom 26. August 1789 für die demokratische Weiterentwicklung sind:
„Artikel 1
Die Menschen sind frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es. Die gesellschaftlichen Unterschiede dürfen nur im gemeinen Nutzen begründet sein.
Artikel 2
Der Ursprung aller Souveränität liegt wesenhaft in der Nation. Keine Körperschaft und kein einzelner darf eine Gewalt ausüben, die nicht ausdrücklich von ihr ausgeht.
Artikel 3
Das Gesetz ist der Ausdruck des allgemeinen Willens. Alle Bürger sind berechtigt, persönlich oder durch ihre Vertreter an einer Gestaltung mitzuwirken. Es soll für alle das gleich sein, mag es nun beschützen oder bestrafen. Da alle Bürger in seinen Augen gleich sind, können sie nach ihrer Fähigkeit gleichermaßen zu allen öffentlichen Würden, Stellen und Ämtern zugelassen werden, ohne anderen Unterschied als den ihrer Tugenden und ihrer Talente.“ 9
• Zu Artikel 1
Der Mensch ist grundsätzlich von Geburt aus gleich und frei. Es gibt keine Privilegien von Geburt her. Im Dienste der Allgemeinheit werden jedoch Unterschiede von Gesetz wegen erlaubt. Dies wäre z. B. bei der Belegung von öffentlichen Ämtern der Fall.
9 http://www.jura.uni-sb.de/BIJUS/constitution58/decl1789.htm.
22
In diesem Bereich werden sehr wohl Privilegien an Personen vergeben, die sich von denen der Allgemeinheit markant unterscheiden; Diplomaten genießen weitgehend Immunität.
• Zu Artikel 2
Ohne Körperschaften und Einzelpersonen ist kein politisches Handeln in einem Staat möglich.
• Zu Artikel 3
In diesem Artikel wird ein erstes Ziel verdeutlicht. Es wird die Gewaltentrennung formuliert, die die Grundlage einer Demokratie ausmacht. Gesetzgebung, Regierung und Gerichtsbarkeit werden getrennt und als unabhängig erklärt. In diesem Artikel wird der Fortschritt der damaligen Zeit überaus deutlich sichtbar. Der Wert des Menschen wird in Funktionen festgelegt. Dem Individuum kommt zunehmend mehr Bedeutung zu. Der einzelne Mensch wird ab diesem Zeitpunkt immer mehr der Mittelpunkt aller Überlegungen und Handlungen in der Gesellschaft.
2.3 Industrielle Revolution 10
Nach den industriellen Veränderungen in den vergangenen zweihundert Jahren wird deutlich, dass mit den technischen Errungenschaften ein Ausverkauf der Ressourcen unserer Erde stattfindet. Ein Umdenken wird für die Zukunft notwendig.
2.3.1 Erste Phase der Industriellen Revolution
Die Industrielle Revolution beginnt im 19.Jahrhundert aufgrund der ungerechten Verteilung von Energie und Kapital. Eigentümer, Großgrundbesitzer und Adelige besitzen als kleiner Anteil der Bevölkerung das erwirtschaftete Kapital. Gerechte Umverteilung ist nicht gewollt und politisch nicht durchführbar.
10 Vgl. Gaspari/Millendorfer: Die Industriegesellschaft in der prägbaren Phase, S. 41ff.
23
Arbeiter organisieren sich, gründen Gewerkschaften und beginnen eine lang andauernde Revolution, die zu stetigen Verbesserungen der sozialen, sowie gesundheitlichen Verhältnisse führen.
2.3.2 Zweite Phase der Industriellen Revolution
Im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts gelangt die Industrielle Revolution an ihre Höhepunkte. Umverteilung des Kapitals wird möglich. Soziale Errungenschaften erhöhen den Lebensstandard. Die Aufgabe der Industriellen Revolution besteht ab diesem Zeitpunkt in der Überwindung des Engpasses an Information und Bildung. Durch diese Veränderungen wird die Steigerung der Güter und das Angebot an Dienstleistungen im Hinblick auf die Gestaltung eines erfüllten Lebens erhöht.
2.3.3 Dritte Phase der Industriellen Revolution
In der derzeitigen Zusammensetzung unserer Wirtschaft und ihrer ideologischen Ansätze in der westlichen Welt besteht die Gefahr der Verselbständigung der organisatorischen, politischen und technischen Apparate. Freie Marktwirtschaft ist Wettkampf. Durch die Ablehnung der Gemeinnützigkeit der wirtschaftlichen Institutionen kommt es zu ineffizienten und einseitigen Überangeboten, die künstlich über mediale, wie werbewirksame Methoden an den Kunden gebracht we rden.
Die daraus folgende Entwicklung führt nicht in ein erfülltes Leben für die Menschheit, sondern in einen Wettlauf um den Abbau der Ressourcen unserer Erde. Die Energie und das Kapital unseres Planeten wird zeitlich gesehen erschöpft.
Die kommende Industrielle Revolution muss unter Berücksichtigung einer kur zfristigen, einer mittelfristigen und einer langfristigen Sichtweise erfolgen:
ü Behüten und Bewahren; heißt die Verhinderung des Schlechterwerdens der gegenständlichen Situation (Symptombehandlung)
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ü Heilen; heißt die Überwindung und Bewältigung der die Krise verursachenden Faktoren (Ursachenbehandlung).
ü Erneuern; heißt ein neues Verständnis für die Entwicklung und der sich in ihr entfaltenden menschlichen Existenz (Präventivbehandlung).
2.4 Historischer Beginn und Entstehung der Katholi-
schen Soziallehre 11
Die neuzeitliche Entwicklung der Katholischen Soziallehre, oder auch Sozialethik genannt, beginnt mit der industriellen Veränderung in den Jahren des 19. Jahrhunderts. Dieser Zeitabschnitt ist in der Ära der Industriellen Revolution angesiedelt.
Diese geschichtliche Phase bringt unterschiedliche gesellschaftliche Probleme zu Tage, sodass soziale Institutionen dieses Abschnitts aufgerufen sind, sich der Fragen, welche die technischen Veränderungen und Errungenschaften her-vorbringen, anzunehmen. Die stark wachsenden Industriegesellschaften in Mitteleuropa und Nordamerika entzweien die Gesellschaft in höchster Ausdehnung und das Gefälle zwischen Reich und Arm wächst in unüberschaubarem Ausmaß. Die menschlichen Bedingungen und die Nöte des Alltags der arbeitenden Bevölkerung führen zu großen Missständen und unbegreiflichem Leid.
Gründungen von Gewerkschaften, aufgrund von Protesten und Druck der Arbeiter, führen zu stetigen Veränderungen. Netze von Sozialstrukturen werden kontinuierlich geknüpft. Diese Veränderungen verbessern die Bedingungen der Belegschaft von Industrieunternehmen. Hygiene- und Gesundheitsbedingungen finden in der Gründung von Krankenhäusern ihre stetige Verbesserung. Wissenschaftliche Entdeckungen in der Medizin bringen nicht nur punktuelle, sondern bleibende und steigende Fortschritte für die Volksgesundheit. Die Errichtung von Wohnungen für Industriearbeiter sorgt für weitere Steigerungen im Wohlbefinden des einzelnen Menschen, der Familie und der Gesellschaft.
11 Vgl. Geyer/Fink/Luger: Durch die Vergangenheit zur Gegenwart, S.246ff.
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Dieser Abschnitt in der Entwicklungsgeschichte der Gesellschaft bringt neue Gedanken und Strömungen in verschiedene wissenschaftliche Bereiche. Vertiefungen in soziologische Strukturen sorgen für weitere Veränderungen in der gemeinnützigen Zusammenstellung der Gesellschaft. Durch die Auseinandersetzung mit dem Individuum, der Familie und deren Verknüpfungen, kommt es zu neuen Philosophien und Erkenntnissen, die zu radikalen Umgestaltungen führen.
ü Die Umverteilung der erarbeitenden wirtschaftlichen Güter,
ü die Gleichwertigkeit und Aufwertung der einzelnen Persönlichkeit,
ü die Würdigung der erbrachten Leistungen im Bereich der Arbeit,
ü die ersten gedanklichen Schritte zur Gleichbehandlung und Gleichste llung der Frau,
ü die Ideen von Chancengleichheit in der Ausbildung und im Fortschreiten des Menschen,
bringen eine Neugestaltung der politischen Ebenen und Strukturen. Demokratisierungen in den jeweiligen Ländern schreiten weiter. Revolutionen führen über sozial hochgestellte Ideale in kommunistische Diktaturen:
„Karl Heinrich Marx, geboren am 5. 5.1818, in Trier, gestorben in London, am 14. 3.1883, war deutscher Philosoph und Nationalökonom. Einer jüdischen, 1824 zum Protestantismus übergetretenen Familie entstammend, arbeitete Marx nach dem Studium der Rechtswissenschaften, Philosophie und Geschichte 1842/43 (bis zu ihrem Verbot) als Mitarbeiter und Redakteur bei der Rheinischen Zeitung. In seinen letzten Lebensjahren fand Marx seine Anerkennung als führender Vertreter des wissenschaftlichen Sozialismus (Marxismus).“ 12
12 Marx, Karl, in: LexiROM, Version 2.0.
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Karl Marx erstellt Zukunftsentwürfe und versteht den Kommunismus;
„...als positive Aufhebung des Privateigentums, als menschliche Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen, die die wahrhafte Auflösung des Widerstreits zwischen dem Menschen und der Natur und mit dem Menschen sei. Damit will Marx damals kein Ziel der menschlichen Entwicklung beschreiben, sondern die wirkliche Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt.“ 13
Karl Marx gilt mit seinen Lehren und wissenschaftlichen Erkenntnissen, aber im Wesentlichen mit seinen Idealen, als Begründer des Kommunismus. Er sah in seinem Weltbild durch Beobachtungen und Studien, seinem politischen Engagement und durch die immer wieder aufkeimenden Revolten seiner Zeit, wie dem Bürgerkrieg in Frankreich (1871), dass nur eine gesamtheitliche Veränderung der politischen, wie gesellschaftlichen Struktur, eine Verbesserung der Verhältnisse in der Gesellschaft herbeiführen kann.
„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsphase des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt. Auf einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, in-
13 Ableitinger,Alfred: Kommunismus, kommunistische Parteien, in: Katholischen Soziallexikon, Sp. 1446.
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nerhalb sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um.“ 14
Für Wolfgang Mantl 15 verdeutlicht Karl Marx nicht nur die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft durch unternehmerisches Wirken, sondern weist gleichzeitig auf materielle Vereinnahmung des Einzelnen hin, die seiner Meinung nach Widersprüche im gesamtgesellschaftlichen Dasein bewirkt und die Gesellschaft in seiner sozialen Zusammensetzung verändert.
Der Name Karl Marx, die Sozialisierung und der Kommunismus stehen im direkten Zusammenhang großer Veränderungen und Revolutionen im ausgehe ndem 19. Jahrhundert und Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Übernahme der Ideale, aber auch die gesteckten Ziele zur Gründung einer besseren Gesellschaft in einem neuen Staat mobilisieren die Menschen.
In dieser Situation findet sich die Kirche im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts wieder. Arbeiter wenden sich verstärkt von der Kirche als Institution und Machtgebilde ab. Ab dieser Phase sieht sich die Kirche gefordert und aufgerufen, die Probleme und Anliegen der arbeitenden Bevölkerung anzunehmen, wissenschaftlich aufzuarbeiten und zu beleuchten, um mit entsprechenden Ideen und Leitbildern an der Gemeinschaft der Gesellschaft, im Sinne der Inhalte der Kirche, zu bauen.
Marx provoziert mit seinen Idealen, vor allem mit seinen revolutionären Gedanken, die politisch und wirtschaftlich regierende Klasse und fo rdert die großen weltlichen und kirchlichen Institutionen heraus.
Hier ist auch anzumerken, dass ohne Gegensätzlichkeiten, Widersprüche n und Provokationen in politischen, wirtschaftlichen, wie gesellschaftlichen Bereichen generell keine Veränderungen möglich werden. So muss auch jene Kritik Ge l- 14 Krenn,Kurt: Mensch, in: Katholisches Soziallexikon, Sp. 1798f.
15 Vgl. Mantl, Wolfgang: Marx, in: Katholisches Soziallexikon, Sp. 1720ff.
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tung haben, dass ohne Karl Marx, dem Sozialismus und dem Kommunismus, eine Weiter- und Neuentwicklung der christlichen Soziallehre der Kirche nicht möglich geworden wäre.
2.4.1 Rerum Novarum
Papst Leo XIII. 16 behielt es sich in seinem Pontifikat (1878 - 1903) vor, zu den neuen sozialgesellschaftlichen Strömungen Stellung zu beziehen. Annäherung der Kirche an staatliche Demokratien waren die ersten Schritte. Grundsatzideen wie Gleichheit und Freiheit, die der Französischen Revolution entsprangen, wurden abgelehnt, da sie dem grundsätzlichen und hierarchischen Denken und Wirken der Kirche nicht entsprachen. Mit der Herausgabe der ersten großen Sozialenzyklika „Rerum Novarum“, das zur Lösung der sozialen Frage beitragen soll, beginnt eine neue Ära für die Katholische Soziallehre. Mit „Rerum Novarum“ veröffentlicht Papst Leo XIII. am 15.5.1891 das entscheidende Schreiben, worin die Kirche in offizieller Mission auf die Anliegen der Arbeiter eingeht und versucht, die sozialen Nöte der einkommensschwachen Menschen jener Zeit aufzuzeigen, um unterstützend wie karitativ entgegenzutreten. Der Papst beschreibt in dieser Enzyklika die primären Fragen und will Wege zur Lösung der neuen gesamtgesellschaftlichen Inhalte aufzeigen.
Ein entscheidender Faktor für das Entfernen des Menschen von der Kirche der damaligen Zeit ist, dass der Sozialismus konkrete Lösungsvorschläge für den einzelnen Menschen in der Gemeinschaft und der Gesellschaft schafft:
• Gewerkschaften binden den Menschen an sich (Sicherheit, Anerkennung, Selbstverwirklichung).
• Unternehmungen verwirklichen Ideen wie:
16 Vgl. Liebmann, Maximilian: Leo XIII., in: Katholisches Soziallexikon, Sp. 1647ff.
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Die schrittweisen Veränderungen bewirken Besserungen der Lebensbedingungen arbeitender Menschen.
„Rerum Novarum verbindet eine durchaus scharfe Kritik der damals herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse mit einer ebenso scharfen antisozialistischen Position.“ 17
„Der Geist der Neuerung der seit langem durch die Völker geht, musste, nachdem er auf dem politischen Gebiete seine verderblichen Wirkungen entfaltet hatte, folgerichtig auch das volkswirtschaftliche Gebiet ergreifen.“ 18
„In der Umwälzung des vorigen Jahrhunderts wurden die alten Genossenschaften der arbeitenden Klassen zerstört, keine neuen Einrichtungen traten zum Ersatz ein, das öffentliche und staatliche Leben entkleidete sich zudem mehr und mehr der christlichen Sitte und Anschauung, und so geschah es, dass die Arbeiter allmählich der Herzlosigkeit reicher Besitzer und der ungezügelten Habgier der Konkurrenz isoliert und schutzlos über-antwortet wurden. Ein gieriger Wucher kam hinzu, um das Übel zu vergrößern, und wenn auch die Kirche zum öfteren dem Wunder das Urteil gesprochen, fährt dennoch Habgier und Gewinnsucht fort, denselben unter einer Maske auszuüben.“ 19
Die Grundhaltung Papst Leo XIII. in jenem Schreiben fand nicht nur Anhänger, sondern führte auch zu Protesten, vor allem unter den besitzenden Zeitgenossen. In der Auslegung der Enzyklika kommt es zu Missverständnissen, sowie Fehlschlüssen, die unter dem Thema der Eigentumsfrage in der Enzyklika „Rerum Novarum“ zu suchen sind. 20
17 Steger, Gerhard: Die Katholische Soziallehre und die Arbeiterbewegung, in: 100 Jahre Katholische Soziallehre, S. 108.
18 Papst Leo XIII.: Rerum Novarum Nr. 1.
19 Ebenda, Nr. 2.
20 Vgl. Zsifkovits, Valentin: Rerum Novarum, Sp. 2456ff.
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Die Enzyklika „Rerum Novarum“ umfasst folgende Inhalte:
ü Die Eigentumsfrage
ü Der Anteil der Kirche an der Sozialreform
ü Die Aufgaben des Staates
ü Die Selbsthilfe des Arbeiterstaates
2.4.1.1 Die Eigentumsfrage 21
Eigentum, kurz definiert, stellt ein umfassendes und weitreichendes Herrschaftsrecht dar, das einer Person über eine Sache eingeräumt wird. Möglich werden diese Regelungen durch die Festlegungen der Menschenrechte nach der Französischen Revolution.
Gegensätzlich zum bürgerlichen Begriff des Sachrechts we rden in unserer Zeit weitere Eigentumsbegriffe notwendig. Dazu zählen Vermögensrechte, Mitgliedschaftsrechte, Güte rrechte oder Autorenrechte. Im sozialrechtlichen Sinn wird das Pensionsrecht und das Recht auf Rente mit in die Diskussion des Begriffs des Eigentums genommen.
Eigentum bildet sich in jener Art und Weise, indem nicht gebrauchtes oder verbrauchtes Einkommen als Rücklagen angesammelt werden. Dies gilt ebenso für Produktionsfakto ren oder Sachgüter.
Eigentum kann weiters durch Übernahme oder in Form von Geschenken den Eigentümer wechseln.
Am Beginn der Enzyklika tritt Papst Leo XIII. scharf gegen die von den Sozialisten verbreitete Behauptung auf,
„...der private Besitz müsse aufhören, um einer Gemeinschaft der Güter Platz zu machen“. 22
21 Vgl. Müller, Heinz: Eigentum, Sp. 502ff.
22 Zsifkovits, Valentin: Rerum Novarum, Sp. 2458f.
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Papst Leo XIII. ist gezwungen die Institution des Eigentums grundsätzlich zu verteidigen, da Karl Marx das Eigentum zum Hauptgegenstand seines Begriffes, seines Denkens, gemacht hatte. Die von Marx geforderte Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln (z. B. Grund und Boden, Kapital) sollte zugleich die Aufhebung der Klassengegensätze sein. Marx hatte den Kampfplatz bestimmt, er hatte die Waffen gewählt. Papst Leo XIII. ließ sich auf diese Auseinandersetzung ein. Bedauerlich in dieser Auseinandersetzung war, dass sich seit jener Zeit die Eigentumsfrage in den Dokumenten der Katholischen Kirche im Vordergrund befand, so dass der Eindruck entsteht, die Kirche stehe rein auf der Seite der Reichen. Arbeiter hingegen müssen sich mit schönen Worten begnügen. Der Papst sieht aber im persönlichen Eigentum die Basis für
„...friedliches und ruhiges Zusammenleben“ 23
und unterstreicht das Recht des Arbeiters auf gerechten Lohn, Eigentum zu erwerben und zu besitzen. Dies, so der Papst, ist ein Naturrecht und stehe dem Menschen zu. Dem Arbeiter soll ermöglicht werden, für sich selbst und für seine Familie zu sorgen und vorzusorgen, indem er einen Teil seines Lohnes für den Erwerb von Eigentum, etwa eines Grundstückes verwendet, das er selbst bearbeitet und nutzt. Das bedeutet für den Arbeiter, dass er seinen Lohn nicht nur als Konsument verwenden kann, sondern auch Investitionstätigkeiten durchführt. Ebenso kann er Mitbesitzer von Produktionsmitteln werden.
Die Sorgen des Papstes gehen in die Richtung, dass durch Übernahme von Verantwortung durch den Staat Eigenschaften wie Strebsamkeit und Fleiß verloren gehen und die Quellen des Wohlstandes versiegen. Papst Leo XIII. sieht im Besitz von Privateigentum einen unentbehrlichen Ordnungsfaktor des Gesellschaftslebens. Die Gleichheit aber würde zu einer Entwürdigung aller führen. 24
23 Zsifkovits, Valentin: Rerum Novarum, Sp. 2458.
24 Vgl. Zsifkovits, Valentin: Rerum Novarum, Sp. 2458f.
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2.4.1.2 Der Anteil der Kirche an der Sozialreform 25
Die Kirche selbst wird vom Papst zur Deckung der neuen Grundbedürfnisse eingesetzt. Die Kirche besinnt sich seiner aus dem Naturrecht gewonnenen Wahrheiten und differenziert diese in alle menschlichen Lebensordnungen in der sie Gültigkeit besitzen. Der soziale Bereich der arbeitenden Menschen ist ab dieser Zeit ein dringender Themenschwerpunkt in der Katholischen Soziallehre. Die Enzyklika „Rerum Novarum“ bestreitet einen neuen Weg. Die Arbeiterfrage unter den Bedingungen der kapitalistischen Wirtschaft schafft neue Ebenen bei der Bearbeitung sozialtheologischer Überlegungen. Die Kirche setzt ne ue Maßstäbe im Hinblick auf soziale Bereiche, die zwischenmenschliche Umgangsformen betreffen.
Die Kirche sieht, anders als der Sozialismus, keine unversöhnlichen Gegensätze zwischen den beiden Klassen der Gesellschaft, den Besitzenden und den Besitzlosen, da beide aufeinander angewiesen sind.
„Sowenig das Kapital ohne die Arbeit, sowenig kann die Arbeit ohne das Kapital bestehen“. 26
Arbeitgeber und Arbeitne hmer sind einander verpflichtet. Die Verpflichtung der Arbeiter besteht in williger und treuer Pflichterfüllung, der Arbeitgeber wiederum hat jene Arbeitsbedingungen zu schaffen, die die Würde des Arbeiters nicht untergraben und verletzen. Er hat vor allem für einen weitgehend gerechten Lohn zu sorgen, der die Arbeitsleistung des Arbeiters abdeckt.
Die Kirche lehrt den gerechten Umgang mit:
§ Reichtum
§ Sinn der Arbeit
§ Wert der Arbeit
§ Mühe und Leid im Zusammenhang mit Arbeit
25 Vgl. Zsifkovits, Valentin: Rerum Novarum, Sp. 2460f.
26 Ebenda, Sp. 2460.
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Dipl. Päd. Ing. Martin Tafner, 2003, Schwerpunkte und Aufgaben der katholischen Soziallehre, München, GRIN Verlag GmbH
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