3
Diese Arbeit ist meiner Schwester gewidmet
4
INHALT
Einleitung
1. 1
Lernbehinderte Kinder. 4
2.
2.1 Die Schule für Lernhilfe als Teilbereich der Sonderschule 4
2.2 Die Lernbehinderung 5
2.2.1 Der Zusammenhang von Lernbehinderungen und Verhaltensauf-
f älligkeiten 6
2.2.1.1 Die Verhaltensauffälligkeit 7
2.2.2 Allgemeine Ursachen von Lernbehinderungen. 8
2.2.2.1 Endogene Ursachen 8
2.2.2.2 Exogene Ursachen 9
2.2.3 Häufige Erscheinungsbilder und Ursachen von Lernbehinderungen
im Einzelnen und ihre Bedeutung für den schulischen Unterricht 9
2.2.3.1 Das wahrnehmungsgestörte Kind 10
2.2.3.2 Das lese- und rechtschreibschwache Kind 11
2.2.3.3 Das rechenschwache Kind. 11
2.2.3.4 Das sprach- und sprechbeeinträchtigte Kind. 12
2.2.3.5 Das antriebsschwache Kind. 12
2.2.3.6 Das unkonzentrierte Kind 13
2.2.3.7 Das insuffiziente Kind. 14
2.2.3.8 Das ängstliche Kind. 15
2.2.3.9 Das aggressive Kind. 16
Der Begriff des Spiels und seine Bedeutung für das Lernen
3.
17
3.1 Spiel im Wandel der Zeit 18
3.2 Wesensmerkmale der Spieltätigkeit 21
3.2.1 Die Freiheit von äußeren Zwecken 21
3.2.2 Die individuelle Wirklichkeit 21
3.2.3 Die zeitliche Unbegrenztheit 22
3.2.4 Die Spannung 22
3.2.5 Die inneren Grenzen 23
3.2.6 Die Zeitlosigkeit 23
3.3 Klassifikationsversuche des Spiels 23
3.4 Das Verhältnis von Spielen und Lernen 24
3.5 Spiel und kognitive Entwicklung 27
5
Das Lernspiel 28
4.
4.1 Begriffsbestimmung des Lernspiels 28
4.2 Das Lernspiel - didaktisches Arbeitsmittel oder didaktisches Spiel-
mittel ? 29
4.2.1 Abgrenzung zum Spielzeug 31
4.3 Das Lernspiel und seine Berechtigung für den pädagogischen Einsatz 31
4.4 Anforderungen an das Lernspiel im Unterricht 34
4.5 Der Einsatz von Lernspielen an der Schule für Lernhilfe 37
4.6 Förderung lernbehinderter Kinder durch Lernspiele 39
4.6.1 Förderungsmöglichkeiten im Bereich der kognitiven Lernziele 40
4.6.1.1 Vermittlung, Übung und Festigung von grundlegenden Kenntnissen
und Fähigkeiten 40
4.6.1.2 Erprobung von gelerntem Wissen und Ausbildung logischer Denk-
Prozesse 41
4.6.1.3 Einführung neuer Lerninhalte 43
4.6.2 Förderungsmöglichkeiten in speziellen Defizitbereichen 44
4.6.2.1 Schulung der Wahrnehmungsfähigkeit 44
4.6.2.2 Förderung des Sozialverhaltens und der sozialen Integration 45
4.6.2.3 Kreativitätsaufbau. 47
4.6.2.4 Flexibilitätsentwicklung 48
4.6.2.5 Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit. 49
4.6.2.6 Motivationssteigerung und positive Einstellung zum Unterricht. 50
4.6.2.7 Konzentrations- und Aufmerksamkeitstraining 51
4.6.2.8 Selbstbestimmungsförderung 53
4.6.2.9 Abbau von Ängsten und Minderwertigkeitsgefühlen 54
4.6.2.10 Aggressionsabbau 55
4.7 Möglichkeiten der Differenzierung durch Lernspiele 56
Geeignete Lernspielformen für den Unterricht mit lern-
5.
behinderten Kindern. 57
5.1 Regelspiele. 58
5.2 Rollenspiele 60
5.3 Simulationsspiele 62
5.4 Bewegungsspiele. 63
5.5 Sprachspiele 65
6
Anforderungen an den Spielleiter 66
6.
6.1 Organisatorische und spielbegleitende Anforderungen 67
6.2 Die Festsetzung eines geregelten Spielrahmens 71
6.3 Die Wahl des Spielortes 72
6.4 Die Auswahl des Spielmaterials 73
6.5 Das Festlegen der Spielzeit 73
7. Vorstellung eines selbstentwickelten Lernspiels unter
Ber ücksichtigung der erarbeiteten Kriterien
74
7.1 Die Bezugsgruppe 74
7.2 Die Stellung des Lernspiels innerhalb der Unterrichtseinheit 75
7.3 Der Spielaufbau 75
7.3.1 Das Spielbrett 75
7.3.2 Die Spielfiguren 76
7.3.3 Die Aufgabenkärtchen 77
7.3.4 Die Spielzugergebnistafel 77
7.3.5 Die Spielregeln 78
7.4 Überlegungen zur Spielplanung 79
7.5 Die Durchführung. 82
7.5.1 Beobachtungen am ersten Spieltag 83
7.5.2 Beobachtungen am zweiten Spieltag 92
7.6 Beobachtungsauswertung 94
Abschlie ßende Betrachtung 99
8.
Literaturverzeichnis , Anhang
7 1. Einleitung
Obwohl das Spiel als alternative Lernform bereits in den Rahmenplan für Sachunterricht an der Schule für Lernhilfe aufgenommen wurde, findet man es in der heutigen Unterrichtspraxis oft nur in geringem Maße integriert. Einerseits besteht eine breite Meinungsvielfalt, was die Didaktisierung des Spiels betrifft. Andererseits mangelt es vielen Lehrern 1 an der Bereitschaft zur mühevollen Planung und Umsetzung der für die jeweilige Schulklasse wichtigen Lerninhalte in die Spielpraxis. Häufig steht die kognitive Wissensvermittlung an erster Stelle und die Ausbildung wichtiger sozialer Verhaltensbereiche gerät dabei in den Hintergrund. Gerade im Bereich der Sonderschule ist es jedoch wichtig, auf die individuellen Fähigkeiten und Leistungen der Schüler 2 einzugehen. Das bedeutet auch für den Bereich „Spiel“ im Unterricht, dass bezüglich der Spieltätigkeit auf die Bedürfnisse und Defizite der einzelnen Kinder Rücksicht genommen werden muss. Obwohl bei dem Einsatz eines Lernspiels diese Rücksichtnahme für Schüler jeder Sonderschulform gelten sollte, bezieht sich die folgende Untersuchung beispielhaft auf den Bereich der lernbehinderten Schüler. Für eine differenzierte Darstellung in Theorie und Praxis erscheint es meiner Ansicht nach sinnvoller, anhand eines eingegrenzten Beispieles einen individuellen Wirkungsbereich von Lernspielen zu untersuchen, als lediglich eine allgemein auf die Sonderschule bezogene Darstellung zu präsentieren, die den vielfältigen Defizitbereichen von Schülern der verschiedenen Sonderschulformen ohnehin nicht gerecht würde. Für die Lernhilfeschulen ist ein Rückgriff auf die unzähligen, im Handel erhältlichen Lernspielangebote zu verschiedensten Themenbereichen oft nicht ausreichend. Vorgefertigte Lernspiele sind in der Regel so allgemein ausgerichtet, dass sie den spezifischen Bedürfnissen einer individuellen Schülergruppe mit ihren jeweiligen Defiziten nicht in genügendem Maße gerecht werden können. Aus diesem
Lehrer steht hier und im Folgenden stellvertretend für Lehrer u. Lehrerinnen. 1
8
Grunde ist es im Rahmen der vorliegenden Arbeit unter anderem meine Intention, Anregungen für Lehrer und Lehrerinnen zu geben, welche die Gestaltung einer auf die jeweiligen Bedürfnisse der Klasse zugeschnittenen spielerischen Umwelt betreffen. Weiterhin möchte ich im Vorfeld wichtige Kriterien herausarbeiten, die in Abgrenzungen zu anderen Ansichten für mich ein Lernspiel definieren sollten. Eine solche Definition bildet die Grundlage dafür, die Förderungsbereiche des Lernspiels besonders herauszustellen, welche bestimmte Defizitbereiche von lernbehinderten Kindern ansprechen. Hierfür ist die Arbeit in einen theoretischen Hauptteil gegliedert, der die ersten fünf Kapitel umfasst. Das darauf folgende, abschließende Kapitel befasst sich dagegen mit einem Versuch der Umsetzung eines Lernspiels in die schulischen Praxis, der auf der Basis der theoretisch erarbeiteten Aspekte anhand eines speziellen Beispiels die Einsatzmöglichkeiten verdeutlicht.
Das erste Kapitel ist der Eingrenzung und Vorstellung des Sonderschulklientels der lernbehinderten Kinder gewidmet, auf das ich mich im weiteren Verlauf ausschließlich beziehen möchte. Im zweiten Kapitel folgt ein Versuch der Deutung des Spielbegriffs unter Berücksichtigung seines Verhältnisses zum Lernen und zur kognitiven Entwicklung des Kindes. Unter den Aspekten der Didaktisierungsproblematik, der Einsatzberechtigung und der Förderungsbereiche wird daraufhin im dritten Kapitel der Begriff des Lernspiels behandelt. Eine Vorstellung geeigneter Lernspielformen für den Unterricht mit lernbehinderten Kindern schließt sich dann im vierten Abschnitt an. Die Schwierigkeiten, die bei der Planung und Umsetzung eines Lernspiels in diesem Bereich entstehen können und welche Faktoren zu berücksichtigen sind, folgt im fünften Kapitel, das sich mit den Anforderungen an den Spielleiter beschäftigt.
Schüler steht hier und im Folgenden stellvertretend für Schüler u. Schülerinnen. 2
9
Da es an praxisnaher Literatur zum Einsatz von Lernspielen an der Sonderschule mangelt, behandelt der abschließende Teil der Untersuchung eine praktische Umsetzung der zuvor angestellten theoretischen Überlegungen am Beispiel eines von mir selbst entwickelten Lernspiels und dessen Einsatz in einer ausgewählten Klasse der Schule für Lern- und Erziehungshilfe. Beobachtungen und Erfahrungen während des Ablaufs und daraus zu ziehende Erkenntnisse bilden so in der konkreten Anwendung die Möglichkeit zu einer Überprüfung der im ersten Teil erarbeiteten Ergebnisse.
10 2. Lernbehinderte Kinder
Um den Schülerbereich einzugrenzen, auf den sich meine Arbeit bezieht, möchte ich zunächst kurz auf die Sonderschule im Allgemeinen eingehen und ihre verschiedenen Schulbereiche vorstellen:
2. 1 Die Schule für Lernhilfe als Teilbereich der Sonderschule
„In die Sonderschule werden Kinder und Jugendliche aufgenommen, die infolge einer
Schädigung in ihrer Entwicklung und in ihrem Lernen so beeinträchtigt sind, daß sie in
den allgemeinen Schulen nicht oder nicht ausreichend gefördert werden können“ 3
Die Intention der Sonderschule ist es, mittels qualifizierter Lehrkräfte eine bestmögliche Förderung der jeweiligen Beeinträchtigungen ihrer Schüler zu erreichen. Sie umfasst folgende sieben Schulbereiche, die teilweise in Schulen miteinander verbunden werden: Der Schulbereich für Lernbehinderte, Verhaltensauffällige, geistig Behinderte, Körperbehinderte, Sprachbehinderte, Hörgeschädigte und Sehgeschädigte. 4
Die Lernhilfeschule umfasst den Schulbereich für Lernbehinderte. Ihre Aufgabe ist es, Schüler zu fördern, zu erziehen und zu unterrichten, die als Folge einer schwerwiegenden Lernbeeinträchtigung Bedarf an sonderpädagogischer Förderung haben, und ihnen den Abschluss der Schule für Lernhilfe zu ermöglichen. Die Wirkungsbereiche der Schule für Lernhilfe umschließen in diesem Sinne die Vorbereitung auf die berufliche, gesellschaftliche Lebenswelt sowie die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung, Eigenaktivität, Solidarität, Hilfsbereitschaft und Urteilsbildung ihrer Schüler 5 Zunächst soll eine Begriffsbestimmung der Lernbehinderung das Klientel der Schule für Lernhilfe näher beschreiben: 2. 2 Die Lernbehinderung
Bönsch 1995, S. 57 3 vgl. Bönsch 1995, S. 57 f. 4
11
Eine Lernbehinderung liegt vor, wenn in mehreren Lerngebieten eine schwerwiegende, umfängliche und langandauernde Beeinträchtigung zu erkennen ist. Die schulischen Leistungen des betroffenen Kindes oder Jugendlichen liegen bei einer Lernbehinderung deutlich unterhalb der Norm gleichaltriger Mitschüler, so dass es einer gesonderten Förderung bedarf. 6
Auffällige Merkmale von lernbehinderten Kindern sind unter anderem verzögertes, nicht altersgemäßes Verhalten, Mangel an Aufmerksamkeit, Gedächtnisschwäche und fehlerhafter Sprachgebrauch. 7 Von der Lernbehinderung ist die Lernschwierigkeit, auch als Lernstörung oder Lernbeeinträchtigung definiert, abzugrenzen, die nur vorübergehend auftritt. Es handelt sich hier um nicht so schwerwiegende Störungen, die mittels geeigneter Fördermaßnahmen grundsätzlich zu beheben sind. Durch Nichtbeachtung oder falschen Umgang können sie sich allerdings zur Lernbehinderung ausbilden. 8 Frühe Auffassungen von Lernbehinderung haben fehlende Anstrengungsbereitschaft, mangelnde Intelligenz und Begabung als Ursache angesehen. Die heutige Forschung geht dagegen davon aus, dass es einer genauen Prüfung auf falsch erworbene Lernstrategien der Schüler, unqualifizierte Lehrverfahren, psychische, physische oder außerschulisch soziale Aspekte bedarf, um eine solche Störung zu beurteilen. Lernbehinderungen werden meist an der Schulleistung sichtbar. Häufige Misserfolge der Schüler sind oft gekoppelt mit Auswirkungen auf ihr Verhalten und die Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Solche Auswirkungen können beispielsweise Schulangst, aggressives Verhalten, mangelndes oder fehlendes Selbstvertrauen, abfallende oder fehlende Lernmotivation, Verschlossenheit, bis hin zum Boykottieren des Unterrichts sein. Diese Verhaltensnebenwirkungen ziehen wiederum andere Schwierigkeiten, wie z. B. Hänselei durch die Mit-
vgl.Richtlinien für Unterricht und Erziehung in der Schule für Lernhilfe, S. 4 f. 5
vgl. SCHAUB/ZENKE 1997, S. 227 f. 6 vgl. VEDES 1979, S. 3 7 vgl. ORTNER 1997, S. 4 f. 8
12
schüler, Antipathie des Lehrers oder Unverständnis der Eltern nach sich. 9
2. 2. 1 Der Zusammenhang von Lernbehinderungen und Verhaltensauffälligkeiten
„Beeinträchtigungen des Lernens stehen häufig primär oder sekundär mit Verhaltens-
problemen in Beziehung.“ 10
In der pädagogischen Literatur findet man neben vielfachen Begriffen zur Eingrenzung von lernbehinderten Kindern unter anderem die Bezeichnung der Schulschwäche. Sie steht für eine Reihe von Problembereichen, die Schüler betreffen können: Lernstörungen, Verhaltensstörungen, Teilleistungsschwächen, Sprachprobleme, verschiedene leichte oder schwere Behinderungen stellen nur einige Teilbereiche dar, die unter diesem Oberbegriff summiert sind. 11 Der Begriff der Schulschwäche macht deutlich, dass bei der Begriffsbestimmung der Lernbehinderung neben dem Aspekt der Leistungsbeeinträchtigung auch eine Berücksichtigung der aus ihr resultierenden Verhaltensausprägungen wichtig ist. 12
So wurde beispielsweise in Kapitel 2.2 deutlich, dass sich durch eine Lernbehinderung auch Verhaltensauffälligkeiten manifestieren können und somit ebenfalls zum Erscheinungsbild des lernbehinderten Kindes gehören. Um den Begriff der Verhaltensauffälligkeit zu verdeutlichen und darzulegen, dass im umgekehrten Fall auch Verhaltensauffälligkeiten häufig Lernschwierigkeiten zur Folge haben, soll im Anschluss eine Definition dieses Störungsbildes geliefert werden:
vgl. SCHAUB/ZENKE 1997, S. 231 9
10 Richtlinien für Unterricht und Erziehung in der Schule für Lernhilfe, S. 1
11 REINARTZ/SANDER 1982, S. 13
12 vgl. ORTNER 1997, S. 5
13
2. 2. 1. 1 Die Verhaltensauffälligkeit
„Eine Verhaltensstörung ist die äußerlich sichtbare Reaktion des Körpers oder des Ver-
haltens auf belastende, krankmachende Erziehungseinflüsse, Umweltsituationen oder
auch auf Fehleinstellungen der Umwelt gegenüber versteckten Hirnschädigungen.“ 13
Synonym zum Begriff der Verhaltensstörung findet man bei verschiedenen anderen Autoren auch Termini wie „abweichendes Verhalten“ 14 , „schwererziehbar“ 15 , „entwicklungsgehemmt- und gestört“ 16 , „verwahrlost“ 17 , und Ähnliches. 18
Um Kategorisierungen in „normal“, „krank“ oder „gestört“ zu vermeiden und nur auf das wirklich auffällige Verhalten hinzuweisen, hat sich die Bezeichnung der Verhaltensauffälligkeit etabliert. Dabei gilt ein Verhalten dann als auffällig, wenn es nicht mit der Erwartung des Beobachters übereinstimmt. 19
In einem Großteil der wissenschaftlichen Literatur wird also gestörtes bzw. auffälliges Verhalten als eine Abweichung von einer bestimmten Norm verstanden. Wichtig bei der Beurteilung von Verhaltensauffälligkeit ist das Einbeziehen der jeweiligen Verhaltenssituation und die Prüfung des beobachtenden Pädagogen bezüglich seiner Objektivität hinsichtlich des zu beurteilenden Kindes oder Jugendlichen. 20 „Nicht in jedem Fall weist die verhaltensauffällige Person bestimmte Merkmale auf, son-dern der Beobachter nimmt das Verhalten als auffällig wahr.“ 21
Bei vielen Kindern und Jugendlichen tritt in verschiedenen Stationen ihrer Entwicklung vereinzelt abweichendes Verhalten auf. Dennoch liegt diesen Fällen nicht zwingend eine Verhaltensstörung zu Grunde. Erst wenn das gleiche auffällige Verhalten dauerhaft wiederkehrend,
13 Kloehn zitiert in ORTNER 1997, S. 3
14 zum Beispiel DOMKE 1976
15 zum Beispiel BLEIDICK 1968
16 zum Beispiel BUSEMANN 1959
17 zum Beispiel HANSELMANN 1970
18 vgl. ORTNER 1997, S. 3
19 vgl. SCHAUB/ZENKE 1997, S. 357
20 vgl. ORTNER 1997, S. 4 21 Barkey zitiert in ORTNER 1997, S. 4
14
d.h. über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten hinweg auftritt, kann man von einer Verhaltensauffälligkeit sprechen. 22 Die Verhaltensauffälligkeit drückt sich durch Funktionsstörungen und abnormale Eigenheiten im Körperbereich sowie in der Gefühlswelt aus. Dies hat Auswirkungen auf die Grundstimmung, den Bezug zum eigenen Ich, auf andere Personen des sozialen Umfelds und kann zu einer wesentlichen Beeinträchtigung der Tätigkeits- und Leistungsbereiche führen. 23
Die vorangehenden Ausführungen zeigen, dass Lernbehinderungen und Verhaltensauffälligkeiten nicht konkret voneinander zu trennen sind, sondern sich gegenseitig bedingen. 24 Der enge Zusammenhang zwischen Lernbehinderungen und Verhaltensauffälligkeiten verdeutlicht sich vor allem in der Schulpraxis, in der man die beiden Schulbereiche meist in der Schule für Lern- und Erziehungshilfe zusammengefasst vorfindet. Aus diesem Grunde soll die Lernbehinderung im Folgenden unter anderem auch unter dem Aspekt der Verhaltensabweichungen be-handelt werden.
2. 2. 2 Allgemeine Ursachen von Lernbehinderungen
Die Ursachen für Lernbehinderungen lassen sich in zwei Bereiche unterteilen:
2. 2. 2. 1 Endogene Ursachen
Hauptsächlich in der individuellen Person des Menschens selbst liegende Ursachen werden als endogen bezeichnet. Diese physischen, psychischen und geistigen Beeinträchtigungen können durch Störun-
22 vgl.SCHAUB/ZENKE 1997, S. 357
23 vgl. SCHAUB/ZENKE 1997, S. 358
24 vgl. ORTNER 1997, S. 5
15
gen der Chromosomenentwicklung oder in der prä-, peri- oder postnatalen Phase entstehen. 25
2. 2. 2. 2 Exogene Ursachen
Im Unterschied zu den endogenen Ursachen werden alle äußerlichen Einflüsse auf das Kind exogen genannt. Es handelt es sich hier um Einflüsse aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld des Kindes, zum Beispiel der Familie, der Erziehung, der Gesellschaft oder der sozialen Verhältnisse. Störungen entstehen in diesem Zusammenhang vor allem durch Lebensverhältnisse, welche die seelischen Grundbedürfnisse eines Kindes nicht zur Genüge befriedigen. 26 Bei der Vorstellung von speziellen Erscheinungsformen der Lernbehinderung im Anschluss sollen auch die Ursachenbereiche noch näher bestimmt werden:
2. 2. 3 Häufige Erscheinungsbilder und Ursachen von Lernbe-
„Schwierigkeitenmit dem Lernen führen oft zu Formen aggressiver oder regressiver Ab-
wehr von Beziehungs- und Unterrichtsangeboten als offene aktive Verweigerung oder
passiver Rückzug. Darüber hinaus sind Einschränkungen der Fähigkeit zu adäquater
Selbst- und Fremdwahrnehmung, zu Realitätsdeutung, zu Steuerung und Kontrolle des
eigenen Verhaltens sowie massive Versagensängste, Konzentrationsstörungen und moto-
rische Unruhe Aspekte auffälligen Verhaltens, die erfolgreiches Lernen behindern kön-nen.“ 27
Lernbehinderungen haben ein vielseitiges Erscheinungsbild und verschiedene Ursachen. Sie können sich durch Störungen im Körperbe- 25 vgl.ORTNER 1997, S. 6
26 vgl. ORTNER 1997, S. 9
27 Richtlinien für Unterricht und Erziehung in der Schule für Lernhilfe, S. 1
16
reich oder in der Gefühlswelt ausdrücken und Schwierigkeiten in vielen Bereichen für die betroffen Kinder nach sich ziehen. 28
2. 2. 3. 1 Das wahrnehmungsgestörte Kind
Wahrnehmung ist die Aufnahme und Verarbeitung von Reizen mit Hilfe der verschiedenen Sinne. Sie unterliegt einem Entwicklungsprozess, innerhalb dessen viele Empfindungen auf das Gehirn einströmen. Diese Reize werden dann vom zentralen Nervensystem integriert und koordiniert. Wahrnehmungsvermögen bedeutet in diesem Sinn die Fähigkeit zur Differenzierung von Sinnesreizen und zur Unterscheidung zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen. 29 Bei wahrnehmungssgestörten Kindern ist diese Reizaufnahme und -verarbeitung beeinträchtigt. Schwierigkeiten treten dadurch vor allem im auditiven, visuellen oder taktilen Bereich auf. So haben wahrnehmungsgestörte Kinder zum Beispiel Probleme mit der Einordnung von Geräuschen, beim differenzierten Erfassen von Bildern oder durch fehlendes Lokalisierungsvermögen von Berührungen. Ursachen für Beeinträchtigungen im Wahrnehmungsbereich können beispielsweise in Hirnfunktionsstörungen oder Autismus begründet liegen. 30 Wahrnehmungsstörungen sind häufig die Ursache für Lernstörungen, da sie sich auf die gesamte Persönlichkeit des Kindes auswirken und somit sein Fühlen, Denken und Handeln beeinflussen. So werden beispielsweise auch Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwächen als Wahrnehmungsschwächen angesehen. 31
28 vgl. ORTNER 1997, S. 45
29 vgl. KRAWIETZ 1995, S. 8
30 vgl. ORTNER 1997, S. 57 u. 156 f.
31 vgl. THIESEN 1996, S. 34
17
2. 2. 3. 2 Das lese- und rechtschreibschwache Kind
Die Lese- Rechtschreibschwäche bezeichnet die verminderte Fähigkeit des Lesenlernens, welche mit Schwierigkeiten in der Rechtschreibung einhergeht. Für lese- und rechtschreibschwache Kinder bedeutet das Erkennen, Zuordnen und Unterscheiden von Buchstaben und Lauten Problembereiche. Als Folge werden Buchstaben beispielsweise verdreht, innerhalb eines Worte umgestellt, ausgelassen oder hinzugefügt sowie Worte beim Lesen erraten oder Buchstaben in falscher Reihenfolge wiedergegeben. Lese- Rechtschreibschwächen können vor allem in Fächern wie Deutsch und Sachunterricht zu Leistungsversagen führen. Aus den Misserfolgserlebnissen resultieren in vielen Fällen negative Verhaltensänderungen, wie Aggressivität, Angst oder Unsicherheit. Für diese Schwächen des Lesens und der Rechtschreibung sind keine einzelnen Ursachen, sondern immer ein Zusammentreffen verschiedener Faktoren verantwortlich. Hierzu gehören unter anderem Seh-, Hör- und Sprachapparatschädigungen sowie Wahrnehmungs-, Speicher- oder Konzentrationsschwächen. 32
2. 2. 3. 3 Das rechenschwache Kind
Rechenschwäche ist eine Lernschwäche, die sich auf andauernde Schwierigkeiten bei der Erfassung rechnerischer Vorgänge aller Art bezieht, wobei im Besonderen das Umgehen mit Zahlen und das Meistern von Rechentechniken betroffen ist. Kindern mit Rechenschwäche fällt das Zählen und das Erkennen von Mengengleich- und verschiedenheiten, sowie Ordnungsrelationen schwer. Sie haben Probleme mit dem Kopfrechnen und den Grundrechenarten. Weiterhin treten unter anderem bevorzugt Fehler im Umgang mit Textaufgaben, in der Anwendung von Rechenstrategien sowie durch Flüchtigkeit auf. Die Ursachen der Rechenschwäche liegen vor allem in gestörten Wechselwirkungsvorgängen der rechten und linken
18
Hirnhälfte begründet. Auslösende Faktoren sind in diesem Sinne beispielsweise Konzentrationsschwächen, fehlendes Abstraktionsvermögen, Angstblockaden oder ein Mangel in der Ausbildung logischer Denkprozesse. 33
2. 2. 3. 4 Das sprach- und sprechbeeinträchtigte Kind
Kinder mit Sprachschwierigkeiten haben Probleme, ihre Gedanken sprachlich auszudrücken. Im Gegensatz dazu stellen Sprechschwierigkeiten eine Beeinträchtigung des Redeflusses und der Artikulation von sprachlichen Inhalten dar. Da Sprache und Sprechen unmittelbar miteinander verknüpft sind, bedingen sich auch Sprach- und Sprechschwierigkeiten gegenseitig. Von diesem Störungsbild betroffene Kinder fallen durch Fehler in der Aussprache und im grammatikalischen Gebrauch der Wörter auf. In manchen Fällen ist auch die akustische Reizaufnahme und die auditive Wahrnehmung gestört. Stimm-und Hörschwierigkeiten gehören ebenfalls zu den möglichen Symptomen. Die Mängel im Sprachgebrauch können die schulische Leistung in Bezug auf die mündliche Beteiligung und die schriftsprachliche Bewältigung von Aufgaben erheblich beeinträchtigen. Sprach-und Sprechbeeinträchtigungen können unter anderem durch hirnorganische Störungen, erbliche Veranlagung, ein spracharmes Erziehungsmillieu oder körperliche Schäden hervorgerufen werden. 34
2. 2. 3. 5 Das antriebsschwache Kind
Bei antriebsschwachen Kindern besteht eine Beeinträchtigung der emotionalen Vorgänge, die für den Beginn und die Durchführung von erstrebten Handlungen nötig sind. Ursachen für Antriebsschwäche sind beispielsweise Hirnschäden, Psychosen oder von Resignation
32 vgl. ORTNER 1997, S. 268-272
33 vgl. ORTNER 1997, S. 264 ff.
34 vgl. ORTNER 1997, S. 238 f.
19
geprägte Lebenseinstellung. Dieser Mangel an Antriebsfunktionen erschwert es betroffenen Kindern, die von Schule und Leben gestellten Leistungsanforderungen zu meistern. Ihr Verhalten ist von Entschlusslosigkeit und geringer Eigeninitiative geprägt, Entscheidungssituationen werden gern vermieden. Antriebsarme Kinder sind relativ unspontan, ermüden leicht und resignieren schnell. Oftmals ist ihr Denken verlangsamt und ihre Merkfähigkeit gestört. Der Lehrer empfindet das betroffene Kind oft als stillen, zurückgezogenen, unaufmerksamen und scheinbar faulen Schüler, der die geforderte Leistung von sich aus nur unvollkommen bewältigt. 35
2. 2. 3. 6 Das unkonzentrierte Kind
Konzentration ist die Fähigkeit, die gesamte Aufmerksamkeit auf Reize auszurichten, die das Handeln auf eine bewusste, zielgerichtete Situationsbewältigung hin steuern. 36
Konzentrationsschwierigkeit ist ein Verhaltensmerkmal, das bei vielen lernbehinderten Kindern auftritt. Schüler mit Konzentrationsschwächen können ihre gesamte Aufmerksamkeit im Vergleich zu Gleichaltrigen nicht über einen entsprechenden Zeitraum hinweg auf einen bestimmten Bereich richten. Die Ursachen für diesen Mangel an Konzentrationsfähigkeit liegen in anlagebedingten Faktoren, schlechten Beziehungsbedingungen oder Schädigungen durch die Umwelt begründet. Leichte Ablenkbarkeit, geringe Ausdauer, schnelles Ermüden und körperliche Unruhe hält betroffene Kinder davon ab, sich auf eine schulische Leistungsanforderung zu konzentrieren. Insofern sind sie in der Steuerung ihrer Aufmerksamkeit beeinträchtigt. Dadurch schwankt das Arbeitstempo und die Leistungen. Das konzentrationsschwache Kind ist sprunghaft, zerstreut und verspielt. Im schulischen Unterricht wirkt es unsicher und zeigt eine widerwillige Arbeitshaltung. Konzentrationsschwäche kann sich individuell ver-
35 vgl. ORTNER 1997, S. 105
20
schieden äußern. In Lernsituationen zeigt das eine Kind passives, verträumtes Verhalten bis hin zur Regression, während das andere aggressiv und störend reagiert. Konzentrationsschwache Kinder bedürfen Hilfen von außen, da sie alleine kaum in der Lage sind, ihr Verhalten zu ändern. 37
2. 2. 3. 7 Das insuffiziente Kind
Insuffizienz entwickelt sich durch das Gefühl der physischen, psychischen oder geistigen Unterlegenheit gegenüber anderen Personen. Diese scheinbare Minderwertigkeit wird nur als solche empfunden, ist also nicht tatsächlich gegeben. Insuffizienz entwickelt sich meist durch eine zu hohe Erwartungshaltung der Eltern an das Kind oder durch Vergleich mit Leistungserfolgen anderer Personen. Auch eine physische Besonderheit kann Minderwertigkeitsgefühle durch Stigmatisierung hervorrufen. Die Selbstherabsetzung kann in schweren Fällen über das Hassen der eigenen Person bis hin zum Selbstmord führen und muss somit sehr ernst genommen werden. Die Symptome sind geringes Selbstwertgefühl und Selbstunsicherheit. Kinder mit Minderwertigkeitskomplexen wirken ängstlich und schüchtern im Umgang mit anderen. Erlebte Misserfolge bestätigen das betroffene Kind in seiner negativen Selbsteinschätzung. Auf die Schule bezogen kann diese Herabsetzung der eigenen Person nach erlebten Leistungsmisserfolgen zu Angst vor weiterem Versagen und Resignation führen. Ein Teufelskreis beginnt, der intellektueller, emotionaler, sowie handlungsbezogener Natur ist: Das Kind glaubt nicht mehr an Erfolge. Daraus resultieren Zustände der Angst, Spannung und Unzufriedenheit. Diese Zustände erhöhen die Selbstunsicherheit in so starkem Maße, dass die erforderte Leistung wirklich nicht mehr erbracht werden kann. Durch das Konzentrieren auf die Misserfolge nimmt
36 vgl. SCHAUB/ZENKE 1997, S. 39
37 vgl. ORTNER 1997, S. 191 f.
21
das Kind dann nicht mehr wahr, wenn es geforderte Lernziele erreicht. 38
2. 2. 3. 8 Das ängstliche Kind
Kennzeichnend für Angstzustände sind Indikatoren wie Beklemmung, Beengung, Erregung, Spannung oder Verzweiflung. Angst kann unbewusster Natur sein, sich auf Objekte und Personen richten oder sich als Reaktion auf Gefahr ausdrücken. Ursachen für Angstzustände sind unter anderem Leistungsdruck, unbewältigte Konflikte und Erlebnisse, Liebesentzug, Kontaktarmut, fehlende Geborgenheit, Bedrohung durch Mitmenschen oder Schuldgefühle. Diese Ängste können neben der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes auch seine schulischen Leistungen wesentlich beeinträchtigen. 39 Eine Ausformung, die sich direkt auf den schulischen Rahmen projiziert, ist die Schulangst. Sie äußert sich in einem extremen, furchtbedingten Widerwillen gegen alles, was mit dem Bereich „Schule“ zu tun hat. Anzeichen von Schulangst sind unter anderem das Verweigern, zur Schulzeit aus dem Haus zu gehen oder das Auftreten von Angstreaktionen auf dem Schulweg. Zittern, Übelkeit, Schweratmigkeit, Schweißausbrüche und Kopfschmerzen sind Beispiele für diese durch Angstreaktionen hervorgerufenen physischen Begleiterscheinungen. 40
Die Phobie vor der Schule geht oft mit geringem Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl einher. Dieses negative Selbstbild unterstützt das Entstehen von Ängsten vor Leistungsanforderung, Versagen und Strafen. Auswirkungen auf das Verhalten betroffener Kinder im Unterricht sind unter anderem Schule schwänzen, Angst im Umgang mit
38 vgl. ORTNER 1997, S. 84 f.
39 vgl. ORTNER 1997, S. 91 f.
40 vgl. BLACKHAM 1971, S. 225 f.
22
Lehrern und Mitschülern, Unsicherheit sowie Aufgeregtheit im Umgang mit schulischen Leistungsanforderungen. 41 Auch Schulangst kann verschiedene Ursachen haben. Der körperlichseelische Gesamtzustand des Kindes ist hier ebenso in Betracht zu ziehen wie eine extrem fordernde elterliche Erziehungssituation. 42
2. 2. 3. 9 Das aggressive Kind
Unter Aggression versteht man das mehr oder weniger stark ausgeprägte feindselige Verhalten, das sich gegen Andere, die eigene Person oder Gegenstände richten kann. 43
Die Ursachen für Aggressionen sind einerseits in der gesamten Umwelt des betroffenen Kindes zu suchen. Nicht nur der Erziehungsstil, sondern auch die Medienwelt können zu aggressivem Verhalten beitragen. Fehlende Zuwendung und Anerkennung, Angst, Wut, Eifersucht, Demütigung oder geringes Selbstwertgefühl sind nur einige Faktoren, die Aggressivität beim Kind schüren. Andererseits können die Ursachen auch im schulischen Bereich liegen. In diesem Fall sind Versagenserlebnisse, Konkurrenz- und Leistungsdruck, Bewegungseinschränkung durch Stillsitzen sowie fehlendes Geborgenheitsgefühl mögliche Indikatoren für Aggression. Bei lernbehinderten Kindern entsteht aggressives Verhalten oftmals durch Frustration in Bezug auf Leistungsüberforderung. 44
Das aggressive Kind steht unter dem Drang, mit verletzender, zerstörerischer und schädigender Absicht auf seine Außenwelt oder sich selbst einzuwirken. Die Angriffe können verbaler oder körperlicher Natur sein und ihre Folgen auf andere Personen dementsprechend psychische oder physische Folgen haben. 45
41 vgl. ORTNER 1997, S. 96
42 vgl. ORTNER 1997, S. 97
43 vgl. SCHAUB/ZENKE 1997, S. 14
44 vgl. ORTNER 1997, S. 112 ff.
45 vgl. ORTNER 1997, S. 110
23
Ist die Aggression körperlich gegen Personen gerichtet, so äußert sie sich meist durch Schlagen, Stoßen, Boxen, Treten oder Spucken. Verbale Aggressionsattacken beinhalten oft Beschimpfungen, Beschuldigungen, ironische und abwertende Bemerkungen sowie Widerworte in Verbindung mit entsprechender Mimik und Gestik. Unbefriedigte Aggressionen gegen Personen können auf ein wehrloses Objekt oder Tier übertragen werden. Beispiele für eine solche Art der Aggression sind Sachbeschädigung oder Tierquälerei. Bei Hemmung oder Verdrängung der Aggression besteht die Möglichkeit, sie gegen die eigene Person zu richten. Die Erscheinungsbilder prägen sich dann vom Haareausreißen oder Nägelbeißen bis hin zum Masochismus aus. Neben diesen offenen Aggressionen gibt es auch eine verdeckte Variante. Um vorhandene aggressive Stimmungen zu verdecken, sind betroffene Kinder meist besonders liebenswert und höflich im Umgang mit anderen. 46
Auf die Schule bezogen drücken sich Aggressionen oft in der mutwilligen Zerstörung von Einrichtungsgegenständen oder dem Diebstahl von Lehrmitteln sowie Lehrer- und Mitschülereigentum aus. Der Lehrer ist vor allem von Trotz, vorsätzlichem Stören des Unterrichts, körperlichen und verbalen Auseinandersetzungen mit den Mitschülern, betonter Lustlosigkeit oder Beeinflussung der gesamten Klasse durch einzelne aggressive Schüler betroffen. 47
3. Der Begriff des Spiels und seine Bedeutung für
das Lernen
„Das Spiel ist die kindliche Art und Weise, den eigenen, persönlichen und damit indivi-
duellen Wirklichkeitsbezug aktiv zu schaffen, zu gestalten und für die Dauer des Spiels
aufrechtzuerhalten.“ 48
46 vgl. ORTNER 1997, S. 110 f.
47 vgl. ORTNER 1997, S. 111 48 MOGEL 1991, S. 177
Arbeit zitieren:
Sabine Arnold, 1999, Zum Einsatz von Lernspielen an einer Schule für Lernhilfe, München, GRIN Verlag GmbH
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