Inhaltsverzeichnis
1. Das Phänomen „Nachhilfe“ 3
2. Schüler mit Lernschwierigkeiten 4
2.1 Aufmerksamkeitsstörung (ADS) und Hyperaktivität 4
2.2 Rechenschwäche (Dyskalkulie) 7
2.3 Lese-Rechtschreib-Schwäche (Legasthenie) 11
3. Abgrenzung zur Lerntherapie 14
4. Lerntechniken bei Lernschwierigkeiten - vom Teufelskreis des Misserfolgs
zur Erfolgsspirale 16
5. Abschließende Bemerkungen 19
Literatur 20
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1. Das Phänomen „Nachhilfe“
Circa 20 Prozent aller Schülerinnen und Schüler in den Jahrgangsstufen 7 bis 10 erhaltenunabhängig von der Schulart - Nachhilfeunterricht (Prof. Hurrelmann, Universität Bielefeld, 1995). Davon hat eine nicht unerhebliche Anzahl von Nachhilfeschülern Lernschwierigkeiten bzw. Lernstörungen.
In dem Begriff „Nachhilfe“ findet sich der Stamm - Hilfe -. Schule hilft Schülern zu lernen, Wissen zu erlangen, Kompetenzen zu erwerben, sich zu bilden. Scheinbar reicht diese Hilfe nicht aus, denn es wird zunehmend verstärkt außerschulisch, lernbegleitend „nachgeholfen“. Traditionell beinhaltet Nachhilfeunterricht die private Betreuung und Unterrichtung von Schülern unterrichtsbegleitend zum Schulunterricht. Zu den Hauptaufgaben des Nachhilfeunterrichtes zählen:
• Die Beaufsichtigung und Betreuung von Schülern bei der Anfertigung der Hausaufgaben • Das gezielte Lernen für Klassenarbeiten und Wissensabfrage • Das Wiederholen, Festigen und Nacharbeiten bearbeiteter schulischer Lerninhalte • Das Schließen von Wissenslücken in ausgewählten Schulfächern. Der Ursprung des Nachhilfeunterrichts ist eng verknüpft mit der Problematik der Hausaufgaben seit es öffentliche Schulen und intensionale Erziehung gibt. Die Begründung der Hausaufgaben besteht in der Entwicklung der Selbstständigkeit und der Persönlichkeitserziehung des einzelnen Schülers. Gegner bemängeln vor allem die Undifferenziertheit in der Aufgabenstellung und die physische und psychische Überlastung der SchülerInnen. Der Anspruch, Hausaufgaben stets so zu stellen, dass sie ohne fremde Hilfe zu bearbeiten sind, konnte jedoch nie aufrecht erhalten werden. Hilfe durch Eltern, Geschwister, schulinterne Maßnahmen, insbesondere aber durch NachhilfelehrerInnen ist ein durchgängiges Arbeitsmuster von immer mehr Schulkindern.
Bisherige Untersuchungen haben in einem Zeitraum von fast 40 Jahren immer wieder belegt, dass Nachhilfeunterricht keine Ausnahme der ergänzenden Form des Übens und Wiederholens ist. Sie stellten heraus, dass fast 50 Prozent aller Kinder und Jugendlichen im Laufe ihrer Schulzeit Erfahrungen als Nachhilfeschüler gemacht haben. Nachhilfeinstitute haben in den letzten 10 Jahren eine rasante Expansion gezeigt und verfügen über eine spezifische Unternehmensorganisation meist in Form eines Franchise-Systems. Beispielhaft soll auf die Entwicklung der Marktführer „Studienkreis“ und „Schülerhilfe“ eingegangen werden. Beide sind Vertreter überregionaler Nachhilfeketten mit Niederlassungen in Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien und Frankreich. Die Wachstumsquoten sind aus unternehmerischer Sicht beeindruckend.
Beide Anbieter liefern sich in der Expansion ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Ab den 90 er Jahren lässt sich eine steilere Entwicklungskurve feststellen, die mit der Wiedervereinigung Deutschlands zu erklären ist. Im Jahr 1999 eröffnete der „Studienkreis“ in Braunschweig seine tausendste Filiale und die „Schülerhilfe“ lag kurz dahinter. Für schlechte Noten in der Schule gibt es die verschiedensten Ursachen. Neben schulunterrichtsbezobenen, schülerbezogenen, familiären, körperlichen, lerntechnikbedingten
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und freizeitbedingten Ursachen stellen Lernschwierigkeiten einen wichtigen Grund für schlechte Schulleistungen dar.
2. Schüler mit Lernschwierigkeiten
Unter schulischen Lernschwierigkeiten versteht man Schulleistungsschwierigkeiten. Es geht um Schulleistungen, die unterhalb der erwarteten Leistungsnorm liegen (definiert durch die Durchschnittsleistung einer Schulklasse). Man untergliedert die schulischen Lernschwierigkeiten in: • Lernstörungen (leichteste Form) • Lernbehinderung
(schweres und dauerhaftes Schulversagen; Kriterium: zweimaliges Sitzenbleiben in der Grundschule oder zweijähriger Schulleistungsrückstand) • Geistige Behinderung (Abgrenzungskriterium: IQ kleiner als 60).
Im folgenden werden Lernstörungen behandelt - insbesondere Aufmerksamkeitsstörung (ADS) und Hyperaktivität, Rechenschwäche und Lese-Rechtschreib-Schwäche. Die genannten Lernstörungen werden auch als Teilleistungsstörungen im schulischen Bereich bezeichnet.
2.1 Aufmerksamkeitsstörung (ADS) und Hyperaktivität
Für Schüler mit Aufmerksamkeitsstörung (ADS) und Hyperaktivität wird noch kein Förderkonzept in der Nachhilfe praktiziert. Die betroffenen Schüler nehmen ganz regulär Nachhilfeunterricht in ihrem Problemfach.
Was versteht man unter ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom)? Es zeichnet sich grob durch kurze Aufmerksamkeitsspannen, impulsives unkontrolliertes Verhalten und in vielen Fällen auch durch hyperaktives Verhalten aus. Insgesamt handelt es sich nicht um ein seltenes Phänomen. Circa 5-10 Prozent aller Kinder sind betroffen.
Es soll darauf hingewiesen werden, dass im Bereich der ADS-Diagnostik mit Fehldiagnosen von bis zu 30 Prozent zu rechnen ist. Zunächst müssen bei ADS mit/ohne Hyperaktivität mehrere Vorbedingungen erfüllt sein, um die Störung überhaupt erst diagnostizieren zu können:
• Das Verhalten tritt seit mindestens sechs Monaten auf.
• Die Symptome waren schon vor dem siebten Lebensjahr vorhanden (auch wenn sie noch nicht diagnostiziert wurden).
• Sie treten in verschiedenen Bereichen (z.B. Schule, Familie, Freizeitbereich) auf. • Die soziale und schulische Funktionsfähigkeit ist herabgesetzt.
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• Das Ausmaß der Störung zeigt sich als unvereinbar mit dem jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes.
Bei Aufmerksamkeitsstörungen liegen laut dem amerikanischen Diagnosemanual DSM-IV 1 jeweils neun Symptome vor: Aufmerksamkeitsstörung • Flüchtigkeitsfehler bei Aufgaben • Geringe Ausdauer • Scheinbar schlechtes Zuhören • Bringt Tätigkeiten häufig nicht zu Ende • Organisationsprobleme
• Vermeidung länger dauernder geistiger Anstrengung • Verlust von Materialien • Ablenkbarkeit • Vergesslichkeit.
Folgende sechs Symptome beziehen sich auf Hyperaktivität und die übrigen drei auf Impulsivität: Hyperaktivität • Zappeln, • Auf dem Stuhl herumrutschen • Herumlaufen, aufstehen in unpassenden Situationen • Schwierigkeiten mit ruhigem Spiel • Getriebenheit • Redseligkeit. Impulsivität
• Vorzeitiges Herausplatzen von Antworten • Unterbrechen und stören anderer • Schwierigkeit abzuwarten, bis man an der Reihe ist.
Wenn bei einem Kind, einem Jugendlichen oder einem Erwachsenen jeweils sechs oder mehr Punkte in beiden Auflistungen zutreffen, lautet die Diagnose idealtypisch: ADS mit Hyperaktivität. Diese Kinder zeigen hohe Unaufmerksamkeit verbunden mit starker motorischer Unruhe und sehr ungesteuertem Verhalten. In der Schule fallen sie oft als Klassenclowns auf.
Ist ein Kind in sechs oder mehr Punkten im Bereich der Aufmerksamkeitsstörung auffällig und ist es bei den Merkmalen zur Hyperaktivität und Impulsivität wenig auffällig, liegt idealtypisch ADS ohne Hyperaktivität vor. Diese Kinder stören im allgemeinen den Unterricht nicht. Sie sind meistens durchschnittlich und höher begabt. Die Mehrzahl der Kinder verfügt aber über ein sehr geringes Selbstbewusstsein. Sie werden häufig als „verträumt“ beschrieben, ziehen sich leicht zurück und wirken ruhig und sehr angepasst.
1 aus: Krowatschek, D.: Alles über ADS. Düsseldorf 2001. S. 22 ff.
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Zu erwähnen ist noch, dass viele ADS-Kinder zusätzlich zu ihrem ADS-Syndrom Probleme beim Erlernen von Lesen/Schreiben/Rechnen oder bei der Sprachentwicklung haben. Legasthenie oder Dyskalkulie als zusätzliche Problematik sind keine Seltenheit und müssen behandelt werden.
Kontrovers diskutiert wird eine Medikation von ADS-Kindern, auch gerade weil die Zahl der verordneten Mittel drastisch angestiegen ist. Die Medikamente, häufig Ritalin, Medikinet oder ein Amphetaminsaft, bewirken ein Abnehmen des impulsiven Verhaltens und der Hyperaktivität, Aggressivität und unangemessenes Sozialverhalten werden verringert. Infolgedessen steigen die Konzentrationsfähigkeit und das schulische Leistungspotential an. Es werden aber auch Nebenwirkungen beobachtet. Die Medikamente wirken auch nicht bei allen Kindern.
Was sind Ursachen von ADS? Die Hirnforschung hat gezeigt, dass das Gehirn betroffener Kinder die aus der Umwelt eintreffenden Reize nicht ausreichend filtern kann. Alle eintreffenden Reize werden gleichwertig behandelt. Die Kinder haben dadurch große Schwierigkeiten, sich selbst zu kontrollieren und ihre Handlungen zu steuern. Wie die Forschung inzwischen herausgefunden hat, scheint das ADS-Syndrom eine neurobiologische Störung zu sein, die häufig nicht nur bei Kindern sondern auch bei deren Eltern zu finden ist. Diese Störung ist vermutlich genetisch bedingt und begleitet die Betroffenen mehr oder weniger stark das ganze Leben hindurch.
Welche Hilfen gibt es für Eltern? Bewährt hat sich eine Verhaltenstherapie, in die sowohl das Kind als auch die Eltern eingebunden sind. Auch kann die Kontaktaufnahme zu einer Selbsthilfegruppe ebenfalls mehr Sicherheit im Umgang mit dem Kind geben. Mit einem individuellen Regel- und Belohnungssystem für zuhause können kleine Verhaltensänderungen bei dem Kind Schritt für Schritt erwirkt werden. Schriftliche Vereinbarungen schaffen klare Strukturen und ein besonderer Ruhe-Ort schafft dem Kind einen Platz, wohin es sich in schwierigen Situationen zurückziehen kann. Welche Tipps gibt es für Nachhilfelehrer von betroffenen Kindern? • Genaues Hinsehen
Der schlechte Ruf eilt hyperaktiven Kindern voraus. Deshalb ist es nötig, ihnen möglichst unvoreingenommen zu begegnen, sie dennoch von Anfang an genau zu beobachten und ihr Verhalten detailliert zu beschreiben. Informieren Sie sich: Welche Erfahrungen haben andere Lehrer bereits gemacht? In welchen Situationen ist der Schüler besonders aufgefallen? Welche Maßnahmen wurden mit Erfolg ausprobiert? Was wurde bisher mit den Eltern vereinbart? • Eindeutige Strukturen
Hyperaktive Kinder sind auf äußere Strukturen angewiesen. Rituelle Begrüßungen und Verabschiedungen sowie Tagespläne, die vor dem Unterricht an die Tafel geschrieben werden, sind ihnen eine wichtige Orientierungshilfe. • Weniger ist mehr
Beschränken Sie sich auf einige wenige, aber wichtige Regeln. Diese sollten konsequent eingehalten werden.
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Arbeit zitieren:
Dipl.-Handelslehrer Stefan Dassler, 2004, Nachhilfeunterricht bei Lernschwierigkeiten, München, GRIN Verlag GmbH
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