Gewalt im Großen Terror
von: Hans-Joachim Frölich
Essay
Wer zum ersten Mal in die Literatur zum Großen Terror in der Sowjetunion 1937/38 hineinliest, mag sich wundern. Die großen Fragen nämlich, die zu erwarten wären, etwa: „Was habe ich mir unter dem Terror vorzustellen?” und dann: „Wie war der Terror möglich?”1 - diese Fragen geraten häufig aus dem Blickfeld. Stattdessen ist viel vom „Terror von oben” und solchem „von unten” die Rede, davon also, wie groß oder klein der Anteil Stalins am Terror war, ob dieser zentral geplant wurde oder die Menschen spontan übereinander herfielen.2 Diese Fragen tragen sicherlich zum Verständnis des Terrors bei. Aber sie tragen eben nur dazu bei und können allein nicht den Schlüssel zum Verständnis liefern. Ohnehin ist klar, dass es diesen einen Schlüssel, diese eine Ursache des stalinistischen Terrors, nicht gegeben hat. Dennoch vereinfachende Erklärungen präsentieren zu wollen, bleibt eine verständliche Versuchung angesichts der Komplexität des Gegenstandes. So hat der Historiker mit der Sowjetunion den einst größten Staat der Erde als Untersuchungsgebiet vor sich, sieht sich konfrontiert mit Opferzahlen in Millionenhöhe und mit mannigfaltigen Zuständigkeiten, lokalen Eigenmächtigkeiten, mangelnder Infrastruktur, kurz: mit chaotischen Zuständen. Sie (und die noch immer beschränkte Zugängigkeit der Archive) lassen die Beschäftigung mit Stalins Anweisungen und Andeutungen, überhaupt die Beschäftigung mit der Moskauer Zentrale, vergleichsweise attraktiv erscheinen. Hier läßt sich der Terror abstrakter behandeln.3
Die zentrale Frage aber bleibt, wie bereits erwähnt: „Wie war der Terror möglich?” Der Weg zu einer Antwort führt über die zweite Frage, die wir oben schon gestellt haben, nämlich: „Wie sah der Terror im Alltag aus?” Als Gegengewicht zu den abstrakteren Fragen politischer Entscheidungen ist diese Frage unerlässlich, bewahrt sie doch vor der Gefahr, angesichts der gewaltigen Dimensionen die Waffen des Historikers zu strecken - vielleicht gäbe es schon mehr Untersuchungen zum Alltag des Terrors, hätte er in kleinerem Maßstab stattgefunden. Die Beschäftigung mit der Gewalt, die die Menschen im Terror auf lokaler Ebene einander antaten, bewahrt außerdem davor, sich die abstraktere Sicht der Moskauer Führung zu eigen zu machen, die die Opfer wenn nicht ausschließlich, so doch überwiegend in Form von Erschießungslisten und Volksfeinde-Kontingenten der einzelnen Republiken wahrnahm. Die Frage nach der konkreten Gewalt macht dann auch, so hat Stefan Plaggenborg betont, den eingangs erwähnten Streit um Terror „von oben” oder „von unten” müßig.4 Die Forschungen zum anderen großen Gewaltregime des 20. Jahrhunderts, dem Nationalsozialismus, haben gezeigt, dass „oben” und „unten” immer aufeinander angewiesen bleiben. Ohne Anstachelung oder zumindest Legitimierung von oben kann die Gewalt unten nicht solche Ausmaße annehmen. Und ohne die grundsätzliche Bereitschaft unten, Gewalt auszuüben, können die Impulse von oben keine Wirkung zeigen. Stalin radikalisierte die Auseinandersetzung. Aber der Ursprung der Gewalt war er nicht.5
[...]
1 „What made this all possible?” fragen auch J. Arch Getty und Oleg V. Naumov, The Road to Terror. Stalin and the Self-Destruction of the Bolsheviks, 1932-1939, New Haven/London 1999, 571.
2 Vgl. zusammenfassend Dietrich Beyrau, Petrograd, 25. Oktober 1917. Die russische Revolution und der Aufstieg des Kommunismus, München 2001, 167.
3 Wenngleich viele führende Bolschewiki zugleich Praktiker der Gewalt waren, vgl. Beyrau, Petrograd (wie Fn.2), 170.
4 Stefan Plaggenborg, Stalinismus als Gewaltgeschichte, in: Ders. (Hg.), Stalinismus. Neue Forschungen und Konzepte, Berlin 1997, 71-112, 77.
5 Ders., Gewalt im Stalinismus. Skizzen zu einer Tätergeschichte, in: Manfred Hildermeier (Hg.), Stalinismus vor dem Zweiten Weltkrieg. Neue Wege der Forschung, München 1998, 193-208, 206.
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Hans-Joachim Frölich, 2003, Gewalt im Großen Terror, Munich, GRIN Publishing GmbH
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