aus dem Ausland, die entsetzt über den brutalisierten Alltag des spätzaristischen Rußland schreiben. 2 Doch weite Teile der zahlenmäßig kleinen russischen Intelligenz und der Mittelschicht empfanden die selbe Abscheu gegenüber der Gewalt der Straße. „Die Revolution gebiert wahre Barbaren”, schreibt Maxim Gorki im Juli 1905. 3 Diese Revolution, die alles andere als eine geordnete Aktion mit dem Ziel einer Änderung der Staatsform war, erschütterte die russische Oberschicht. Das Volk, die Bauern und Arbeiter, von denen viele in Adel und Intelligenz eine idealisierte Vorstellung hatten, erwiesen sich als rabiat und destruktiv. Was Menschen wie Gorki in den Jahren zuvor den „einfachen Leuten” noch an Mitgefühl, Wohlwollen und Hilfsbereitschaft entgegengebracht hatten, schlug 1905 und in den Jahren danach unter dem Eindruck von Gewalt, von ganz gewöhnlicher Kriminalität, von dem Haß, der alle „deutsch”, also gut Gekleideten traf, oft in Angst und Feindseligkeit um. 4 Daß die Reaktionen von Ausländern und Russen der Oberschicht auf die nun sichtbare Gewalt sich so sehr ähnelten, ist kein Zufall. Diese beiden Gruppen hatten mehr miteinander gemein als die reichen Russen aus den großen Städten im Westen des Landes mit ihren Landsleuten in den Fabriken und Bauernhütten. Europäisch gebildet, am Vorbild des Europa westlich von Njemen oder Weichsel orientiert und bezeichnenderweise in einer Hauptstadt versammelt, die ganz im Westen und am Meer liegt, mag sich mancher russische Adlige besser in Baden-Baden ausgekannt haben als in jedem Dorf östlich von St. Petersburg, ja als in den Arbeiterquartieren der Hauptstadt selbst. 5 Weltgewandt auf Französisch sich unterhaltend, feierten die Reichen Dinnerpartys unter dem Union Jack 6 - ging es aber um das eigene Land, die Bevölkerung des Zaren-Staates, erwiesen sie sich als reichlich weltfremd.
2 Charters Wynn, Workers, Strikes, and Pogroms. The Donbass-Dnepr Bend in Late Imperial Russia 1870-1905, Princeton 1992, 87 f.
3 Zit. nach Orlando Figes, Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924, München 2001 (engl. London 1996), 226.
4 Joan Neuberger, Hooliganism. Crime, Culture, and Power in St. Petersburg, 1900-1914, Berkeley/Los Angeles/London 1993, 277 f.
5 Allerdings lebten gerade in St. Petersburg die Arbeiter auch im Stadtzentrum - in Moskau etwa war die räumliche Trennung viel deutlicher.
6 Siehe das Foto 44 bei Figes, nach S. 432.
2
Eben diese Unkenntnis zeigte sich 1905. Für Gorki „gebar” die Revolution Barbaren - nein, die waren längst geboren! Nur hatte die Hautevolee bislang kaum Notiz von ihnen nehmen können. Gewiß raubten, schlugen und mordeten mehr Menschen zur Zeit der Revolution. Aber so drastisch, wie er Gorki und anderen erschien, war der Anstieg von Gewalttaten nicht - die Gewalttäter erweiterten lediglich ihren Aktionsradius. In Moskau kamen sie aus den Vorstädten ins Zentrum, in St. Petersburg überquerten sie die Litejnyj-Brücke und machten den Newskij-Prospekt unsicher. Für die „deutsch” gekleideten Passanten, die Opfer, war das eine neue und abschreckende Erfahrung. 7 Aber die jungen Täter handelten durchaus traditionell.
Diese Tradition von Gewalt, die Normalität von Gewalt in den Unterschichten Russlands und besonders auf den Dörfern, hat bis vor einem guten Jahrzehnt eine nur geringe Rolle in den Darstellungen des spätzaristischen Russland gespielt. Dafür gibt es vor allem zwei Ursachen, und beide haben mit den historischen Quellen zu tun. Zum einen mag das Urteil westlicher Historiker häufig von der erläutert weltfremden Perspektive der russischen Oberschicht beeinflußt worden sein - und aus deren Blickwinkel zeigte sich nur eine plötzliche Eruption nie dagewesener Gewalt. Zum anderen hatten diejenigen, die im Wortsinn an (und auf) den Quellen saßen, also die Historiker der Sowjetunion, kein Interesse daran, die Wurzeln einer Gewalt zu untersuchen, die nach offizieller marxistischer Sicht in jener Revolution klassenbewußter Arbeiter allenfalls ein unangenehmes Randphänomen gewesen sein durfte. 8 Doch Gewalt und Terror kamen weder 1905 noch 1917 noch danach aus dem Nichts. Wer sich, wo Unkenntnis der zaristischen Oberschicht den Blick verstellte und Ideologie die sowjetischen Historiker blind machte, auf die Suche nach den Wurzeln der Gewalt begibt, wird sie besser verstehen.
Für die Industriestädte zwischen Don und Dnjepr, die im letzten Viertel des
19. Jahrhunderts rasant wachsen, lassen sich diese Wurzeln der Gewalt
deutlich zurückverfolgen. Charters Wynn hat in seiner Untersuchung zu dieser Region zeigen können, wie sehr die „Bauernarbeiter”, die die Mehrheit der Arbeiter in den Kohleminen und Stahlwerken stellten, ihren dörflichen
7 Neuberger, Hooliganism, 87 f.
8 Zur Kritik an sowjetischen Historikern vgl. Laura Engelstein, Moscow, 1905. Working Class Organization
and Political Conflict, Stanford 1982, 3.
3
Traditionen verhaftet blieben. Ja, sie blieben Bauern, die lediglich im Winter, wenn weder Saat noch Ernte zu besorgen waren, in die Städte zogen, um Geld zu verdienen. Zu den Traditionen, die die Saisonarbeiter vom Land mitbrachten, gehörten Massenschlägereien an kirchlichen Feiertagen, die nun, in Anpassung an die neue Realität als Arbeiter, auch am Zahltag stattfinden konnten. Die Teilnehmer solcher vereinbarter „Kriege” betranken sich obendrein heftig mit Wodka und Bier. Hatten auf dem Land noch Gruppen eines Dorfes oder benachbarte Dörfer gegeneinander gekämpft, 9 so schlugen sich nun analog Gruppen von Bauernarbeitern aus unterschiedlichen Regionen oder unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit. 10 Auch in St. Petersburg und Moskau kamen viele der Arbeiter vom Land. Dennoch waren die Sozialstrukturen dieser Städte komplexer als im Donbas, wo junge, männliche Bauernarbeiter dominierten. Anders als hier läßt sich weder in Moskau noch in St. Petersburg eine so deutlich bäuerliche Tradition der Gewalt herauspräparieren. Selbst wenn dem so wäre - das Aufzeigen von Traditionslinien klärt ja nicht die Frage nach Ursachen, sondern verlagert sie nur zeitlich weiter in die Vergangenheit: Warum denn waren die Bauern so brutal? Auch Orlando Figes weiß keine Antwort. Stattdessen fährt er fort, all die grausamen Strafen der (legitimen) bäuerlichen Selbstjustiz und die prügelnden Ehemänner zu schildern. 11 Folgt man dem Soziologen Trutz von Trotha, dann tut Figes mit diesen Beschreibungen das einzig richtige, denn: „Der Schlüssel zur Gewalt ist in den Formen der Gewalt selbst zu finden.” Von Trotha fordert für die Gewaltforschung die Abkehr von der „Warum?”-Frage im Sinne einer Frage nach den sozialen Ursachen von Gewalt. Stattdessen plädiert er unter Rückgriff auf den Kollegen Wolfgang Sofsky für eine „dichte Beschreibung” der Gewalt selbst. Eine solche Beschreibung könne letzten Endes das „Warum?” weitaus präziser beantworten. 12 Hier wird ein Ansatz beschrieben, der auch in der neueren Literatur zur russischen Geschichte bereits Beachtung findet. Während beispielsweise Laura 9 Figes, Tragödie, 111.
10 Wynn, Workers, 92 f.
11 Figes, Tragödie, 110.
12 Trutz von Trotha, Zur Soziologie der Gewalt, in: Ders. (Hg.), Soziologie der Gewalt, Opladen 1997, 9-58, 20 ff.
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Hans-Joachim Frölich, 2003, Über Unterschichtengewalt im spätzaristischen Russland, Munich, GRIN Publishing GmbH
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