Psychoanalytische Theorie 2
Inhalt:
Teil I: Die psychoanalytische Theorie:
1. Die Triebtheorie 10
2. Das Lust-Unlust-Prinzip 13
2.1 Die Libidotheorie 16
3. Die psychischen Systeme 18
3.1 Das Unbewußte 19
3.2. Der Primär- und Sekundärvorgang 22
3.3. Der deskriptive Aspekt des Ubw 27
3.4. Das Vbw 28
3.5. Das Bewußte 29
3.6. Der quantitative Aspekt 33
3.7. Die Interdependenzen der Systeme 36
4. Die Instanzen der Psyche 40
4.1 Das Es 40
4.2 Das Über-Ich 43
4.3 Das Ich 49
5. Die Triebabwehr 57
5.1 Die Verdrängung 59
5.1.1 Der quantitative Aspekt der Verdrängung 67
5.1.2 Verdrängung und Instanzen 71
5.2 Die Sublimierung 74
5.3 Die Identifizierung 80
5.4 Die Verleugnung 84
5.5 Die Bagatellisierung 87
5.6 Die Intellektualisierung 89
5.7 Die Rationalisierung 90
6. Die Sexualtheorie 92
6.1 Die orale Phase 92
6.2 Die anale Phase 95
6.3 Die ödipale Phase 96
6.4 Die Latenzperiode 98
6.5 Die Pubertät 99
6.6 Der genitale Charakter 100
6.6.1 Es des genitalen Charakters 102
6.6.2 Das Über-Ich des genitalen Charakters 103
Psychoanalytische Theorie 3
6.6.3 Das Ich des genitalen Charakters 103
6.7 Die orgastische Potenz 105
6.7.1 Die Erregungsphasen 105
6.7.2. Die Orgasmusphase 106
6.8 Soziologische Komponenten 108
6.8.1 Die soziologische Instanz der Psyche 108
6.8.2 Das gesellschaftliche Norm- und Wertesystem 108
6.8.3 Die sexuellen Normen 109
6.8.4 Die Ehe als gesellschaftliche Institution 111
6.8.5 Die Familie 114
6.8.6 Der ideologische Einfluß 116
6.8.7 Die Funktion der Pubertät 118
7. Komponenten der Entwicklungstheorie 120
7. 1 Kognitive Komponenten 120
7.1.1 Die sensomotorische Stufe 121
7.1.2. Die prälogische Stufe 124
7.1.3. Die Stufe der konkreten Operationen 124
7.1.4. Die Stufe der formalen Operationen 125
7.2. Komponenten der Ich (Über-Ich) Entwicklung 125
7.2.1. Frühe Entwicklungsstadien 126
7.2.2. Exkurs über die Geburt 127
7.2.3. Der 1. Organisator 128
7.2.4. Der 2. Organisator 129
7.2.5. Der 3. Organisator 131
7.3. Zusammenfassung (Narzißmus) 133
Teil II: Stress und Coping
1. Psychosomatische Medizin 141
1.1 Konzept von Alexander 142
1.2 Konzept von Engel und Schmale 144
1.3 Konzept von Schur 147
1.4 La pensee operatoir 148
1.5 Konzept der Alexithimy 150
1.6 Konzept von Zepf 153
2. Das Stresskonzept 156
2.1 Stress und Krankheit 157
3. Die Life-Event-Forschung 163
Psychoanalytische Theorie 4
4. Konzept der Coping-Forschung 165
4.1 Konzept von Lazarus 166
4.2 Ansatz von Prystav 173
4.3 Ansatz von Heim, Augustinsky und Blaser 175
4.4 Psyche, Anpassung- und Abwehrprozesse 177
4.5 Definitorische Schlußfolgerungen 179
5. Der bio-psychosomatische Kontext 186
5.1 Paradigmen der Medizin 186
5.2 Krankheit als Störung zwischen Körper und Bewußtsein 188
5.3 Instrumentelle Orientierung 193
5.4 Kontext Subjekt und Gesellschaft 198
III. Empirische Aspekte der Analytischen Soziologie
1. Problemstellung 203
2. Die hermeneutische Prüfung durch Habermas 203
3. Experimentelle Versuche der Überprüfung 212
4.1 Der Test von David Holmes 212
4. Das Verfahren der objektiven Hermeneutik 214
4.1 Der Versuch einer Begriffsbestimmung 214
4.2 Der Gegenstand der objektiven Hermeneutik 215
4.3 Das Ziel der objektiven Hermeneutik 215
4.4 Die soziologische Bedeutung der obj. Herm. 216
4.5 Die Realitätsebenen 217
4.5.1 Der theoretische Kontext 220
4.5.2 Die subjektive Ebene 227
4.5.3 Die Einflußfaktoren 230
5. Methodische Aspekte der Analytischen Soziologie 232
5.1 Ausgangsposition 232
5.2 Forschungsintention 236
5.3 Angewandte Sozialforschung in der Anal. Soz. 241
5.4 Narrative Interviews als Instrument der Analyt. Soz. 249
5.5 Ausblick 257
6. Empirische Ansatzpunkte der Analytischen Soziologie 260
Teil IV: Analytische Soziologie und Gesundheitswesen
1. Problemstellung 266
2. Das Versorgungssytem 268
Psychoanalytische Theorie 5
2.1 Einleitung 268
2.2 Definitionsproblem 270
2.3 Daten des Gesundheitswesens 270
2.4 Struktur des Gesundheitswesens 274
2.5 Funktion der Behandlung 276
2.5.1 Ambulante Versorgung 277
2.5.2 Stationäre Versorgung 280
2.6 System der Rehabilitation 282
2.6.1 Einleitung 283
2.6.2 Daten der Rehabilitation 284
2.6.3 Funktion der Reha 285
2.6.4 Ziele der Reha 290
2.6.5 Behinderung und Rehabilitation 292
2.6.5.1 Das WHO-Modell 293
2.6.6 Modell der bio-psycho-sozialen Diagnostik 297
2.6.6.1 Diagnose 298
2.6.6.2 Leistungsbeurteilung 301
2.6.6.3 Schweregradbestimmung 303
2.6.6.4 Prognosen 304
2.6.6.5 Individuelle Besonderheiten 306
2.6.6.6 Psychosoziale Anforderungen/Belastungen 308
2.6.6.7 Behandlungs-, Reha-, Pflegebedürftigkeit 310
2.7 Das System der Pflege 315
2.7.1 Einleitung 315
2.7.2 Daten des Systems der Pflege 316
2.7.3 Die Funktion der Pflege 318
2.7.4 Prozeß der Pflege 320
2.7.4.1 Pflegeanamnese 323
2.7.4.2 Allgemeine Pflegeplanung 325
2.7.4.3 Pflegestandards 326
2.7.4.4 Ergebnis 328
2.7.4.5 Zusammenfassung 329
3. Die professionellen Akteure 330
3.1 Einleitung 330
3.2 Die intersubjektive Ebene 332
3.2.1 Die Übertragung 333
3.2.2 Gegenübertragung 335
Psychoanalytische Theorie 6
3.2.3 Die Rollenbeziehung Arzt/Patient 338
3.2.4 Die formelle Rolle 340
3.2.5 Die informelle Rolle 341
3.2.6 Rollenidentifikation und -distanz 341
3.2.7 Die therapeutische Spaltung 342
3.2.8 Die Rolle des Patienten 347
3.2.9 Verbale Kommunikation 349
3.2.10 Nonverbale Verhaltensweisen 350
3.2.11 Diagnostische Relevanz nonverbaler Verhaltensweisen 352
3.2.12 Zur Spezifikation nonverbalen Verhaltens 353
4. Probleme des Systems der Krankenbehandlung 357
4.1 Strukturelle Probleme 357
4.2 Politik 360
4.3 Gesetzliche Rahmenbedingungen 361
4.4 Die Krankenkassen 368
4.5 Standesorganisationen 372
4.6 Schnittstellen 376
4.7 Standards 377
4.8 Qualitätskontrolle 380
4.9 Managed care/disease management 382
4.10 Dokumentation 388
4.11 Zusammenfassung 391
Teil V: Anwendung der analytischen Soziologie in der Co-
ping -Forschung
1. Das psychosoziale Dilemma der Medizin 396
1.1 Das gesellschaftliche Image einer Krankheit 396
1.2 Krankheitsimage und Krankheitstheorien 397
1.3 Auswirkungen des Krankheitsimage 399
1.4 Der Coping-Prozeß 402
1.5 Schlußfolgerungen 408
1.6 Empirische Ergebnisse 409
1.7 Diagnostische Konsequenzen 415
Literatur
Vorwort
Da bislang kein systematischer Versuch einer Darstellung der relevanten Ansätze der psychoanalytischen Theorie vorliegt, die Bedeutung für die Soziologie haben, lag es nahe, ausgehend von der Triebtheorie und den aus ihr abgeleiteten Prinzipien und Prozessen, einen derartigen Versuch zu unternehmen. Dabei wurde der Rahmen der Theorie nicht durch therapeutische Verweise verlassen, sondern - soweit möglich - die theoriesprachliche Ebene eingehalten, was im Gegensatz zu den vorliegenden Darstellungen der Psychoanalyse steht. Dadurch ist im Teil I eine theoretische Arbeit entstanden, die zwar nicht vollständig sein kann, aber die Hauptbestandteile der psychonalytischen Theorie enthält.
Die psychoanalytische Theorie stellt eine Anzahl von Ansätzen vor, die in einem eng gezogenen Rahmen bereits Theoriegehalt besitzen. Gleichwohl bin ich mir bewußt, dass die Systematisierung noch nicht annähernd vollständig ist und einige Ansätze eher als hypothetisch gelten können, denn als Erklärungen. Trotz oder gerade wegen der immensen Probleme, die mit einer Darstellung verknüpft sind, ist und bleibt die psychoanalytische Theorie eine der umfassendsten Ansätze, die es auf dem Gebiet der Verhaltenswissenschaften gibt, und deshalb ist der Ansatz nicht nur theorierelevant, sondern in vielen Bereichen noch verbesserungsfähig und vor allem forschungsinteressant. Das soziologische Interesse basiert nicht auf primär psychologischen Aspekten, sondern vielmehr auf durch Interaktionen geprägte Verhaltens- und Handlungsmuster. Die psychoanalytische Theorie ist auch keine soziologische Theorie. Ihre Evidenz resultiert aus der Erklärung interdepententer Kontakte von Subjekt und Gesellschaft, wie sich gesellschaftliche Verhältnisse im Subjekt konstituieren und manifestieren, und wie das Subjekt als vergesellschaftetes Subjekt nicht nur seine Subjektivität erhalten kann, sondern gerade als soziales Wesen existenzfähig ist, wie es Gesellschaft internalisiert und welche Chancen der subjektiven Intentionalität realisiert werden können?
Vergesellschaftung des Subjektes impliziert immer auch eine Diskrepanz zwischen subjektiven Bedürfnissen und gesellschaftlichen Anforderungen, Belastungen und Kontrollen. Gesellschaft konfrontiert das Subjekt mit Normen und Konventionen, die teils repessiver und teils restitutiver Natur sind, aber immer sanktionierbar - positiv wie auch negativ -, insofern kann sich das Subjekt einer sozialen Kontrolle nicht entziehen.
Subjektiv unterstellt die Psychoanalyse ein Triebpotential, was soviel heißt, wie unspezifische Verhaltensdispositionen in bezug auf gesellschaftlich erwartetes Verhalten. Verhaltensdispositionen werden nur im Rahmen von genuin phylogenetischen Bedürfnissen (Hunger, Durst, Liebe) angenommen, aus denen andere, spezifische Verhaltensweisen und Handlungsmuster sich im Wechselspiel gesellschaftlicher Interaktionen erst entwickeln.
Aus dieser Grundposition werden die Kontexte zur psychosomatischen Medizin, zur Stressforschung und zur Copingforschung bis hin zur Theorie der Medizin entwickelt (Teil II). Dabei geht es primär um einen Integrationsansatz, der zeigen soll, dass kaum
eines der dargestellten Konzepte ohne Rückgriff auf die psychoanalytische Theorie entwickelt wurde, wiewohl einige Autoren die Explikation ihrer Grundposition verschweigen.
Die experimentellen Versuche (Teil III), die Psychoanalytische Theorie bzw. Subtheorien zu falsifizieren, muß aus Gründen der teilweise eklatanten systematischen Fehler als gescheitert betrachtet werden. Ebenso der hermeneutische Versuch von Habermas, der die Trennung der theoretischen und der pragmatischen Ebene (Therapie Psychoanalyse) vernachlässigt und dadurch zu Fehlinterpretationen gelangt. Aber ganz unabhängig davon, ob die Psychoanalytische Theorie widerlegt zu sein scheint oder nicht, ihre - auch heutige noch wissenschaftliche Relevanz - sollte unzweifelhaft sein, und sie sollte zumindest als Theoriegebäude die gleiche wissenschaftliche Anerkennung finden wie etwa die Lerntheorie oder die kognitive Theorie. Unzweifelhaft dürfte ebenfalls sein, dass sich Medizin nicht auf das naturwissenschaftliche Paradigma im Hinblick auf Krankheitsentstehung, Krankheitsverlauf oder Gesundheit reduzieren läßt; denn sowenig wie ein Subjekt im gesellschaftlichen Interaktionskontext seine genuine Subjektivität realisieren kann, genauso wenig sind Krankheit und Gesundheit ohne gesellschaftlichen Interaktionskontext erklär- oder behandelbar. Ziel des theoretischen und empirischen Teils dieser Arbeit ist, die Interdependenzen und Kontexte der angeblich so unterschiedlichen Ansätze - sie unterscheiden sich nur in Nuancen - zu integrieren.
Die Anwendung der Analytischen Soziologie im Gesundheitswesen (Teil IV) ist selbstevident, gerade vor dem Hintergrund der Interaktionskontexte von Gesundheit und Krankheit, obwohl bis heute kein vergleichbarer Ansatz vorliegt. Während beispielsweise rein soziologische Theorien Systeme durch Strukturen und Funktionen zu erklären suchen und dabei die Rückwirkung der Subjekte auf Funktionen und Strukturen vernachlässigen, ist die analytische Soziologie bemüht die Interdepenzen aufzuzeigen. Funktionen und Strukturen sind nicht statisch, sondern dynamisch angelegt, wobei die Dynamik funktioneller Merkmale durch Subjekte forciert wird, d. h. Subjekte füllen die Funktionen aus und modifizieren dadurch auch Strukturen. Hier setzt die analytische Soziologie an, indem sie den Einfluß der Subjekte bzw. die Handlungspielräume von Subjekten analysiert und deren Aktionspotenzial zu erklären sucht.
Die Anwendung der Analytischen Soziologie im Gesundheitswesen intendiert eine Analyse der Funktionen der Behandlung, der Rehabilitation und der Pflege, die jeweils differenziert werden nach ambulantem, teilstationärem und stationärem Versorgungssystem. Die Funktionsebene wird ergänzt durch die Interaktionsebene der Akteure, wobei insbesondere die Rollentheorie und die intersubjektive Kommunikation im Hinblick auf bewußt-intentionale und latente Sinnstrukturen diskutiert wird. Quintessenz dieser Darstellung manifestiert sich in erheblichen Kommunikationsstörungen zwischen Experten und Laien, Kooperationsproblemen zwischen unterschiedlichen Institutionen und defizitärer Koordination von Maßnahmen. Für die Analytische Soziologie zeigt sich gerade auf der Interaktionsebene die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der handelnden Subjekte im Rahmen systemischer und organisatorischer Funktionen. Explizit reglementierte Funktionen verengen den Handlungsspielraum der professionellen Ak-
teure innerhalb eines Systems, nicht reglementierte Funktionen implizieren intransparente und erweitern subjektive Handlungsspielräume, womit professionelles Handeln weder nachvollziehbar noch kontrollierbar wird, d.h. professionelles Handeln wird auf eine intersubjektive Interaktionsebene (Experten/Laien) verlagert und konterkariert Transparenz im Hinblick auf Effektivität und Effizienz eines Systems.
Diese systemimmanenten Probleme haben dann Auswirkungen auf unrealistische bzw. illusionäre Krankheitsimages (Teil V), aus denen wiederum subjektive Krankheitstheorien resultieren und Kommunikationsstörungen zwischen Professionellen und Laien geradezu provozieren. Um Kommmunikationsstörungen und Abwehr gegen diagnostische und therapeutische Maßnahmen beeinflussen zu können und die aktive Mitwirkung des Kranken bzw. die Compliance zu fördern, wird die Copingforschung als adäquates Instrumentarium diskutiert. Die Coping-Forschung stellt die adäquaten Instrumente zur Verfügung, die antizipierbare Komplikationen eines Behandlungsprozesses verhindern und den Kranken motivieren können, seinen Gesundungsprozeß aktiv zu gestalten. Dabei wird der kognitive Ansatz durch analytische Elemente ergänzt und weiterentwickelt, zumal der intersubjektive Interaktionskontext durch bewußt-intentionale und latente Sinnstrukturen konstituiert wird.
Damit schließt sich dann der Kreis, in dem die Analytische Soziologie adäquate Strategien für die Analyse eines Objektbereiches gewährleisten kann. Sie ist somit als ein theoretischer Ansatz zu betrachten, der spezifische funktionsabhängige Interaktions- kontexte explizit beobachtbar und damit objektivierbar und transparent machen kann.
Stress und Coping 10
Teil I: Die psychoanalytische Theorie
1. Die Triebtheorie
Die Triebtheorie ist die Basiskonstruktion der psychoanalytischen Theorie, um menschliches Handeln und Verhalten zu erklären. Dabei wird die konnatale Situation zum Ausgangspunkt spezifischer Annahmen in bezug auf menschlich immanente Fähigkeitspotentiale. Aufgrund einer generell konstatierbaren Körperlichkeit, deren Merkmale eine vegetative Funktionsfähigkeit und spezifische Reflexe unterstellt, darf man zunächst biologische Subjektivität annehmen und das Subjekt als psychosomatische Einheit auffassen. Mit der Geburt tritt eine radikale Veränderung der pränatalen vollkommenen Bedürfnisbefriedigung (Mutter-Kind-Symbiose) ein, teils wird das psychosomatische Gleichgewicht oder der Ruhezustand durch intrasomatische Reize und teils durch externe Reize gestört, deren Perzeption - im weitesten Sinne - das Subjekt zu Handlungen in Form spezifischer funktionaler Reflexe oder diffuser sensomotorischer Reaktionen zwingt. Allen von der Außenwelt auf das Subjekt wirkenden Reizen korrespondiert eine reflexartige Handlung oder ein Fluchtversuch vor dem Reiz. Anders ausgedrückt: den Außenweltreizen kann sich das Subjekt durch Flucht entziehen. "Der Triebreiz (jedoch) stammt nicht aus der Außenwelt, sondern aus dem Innern des Organismus selbst. Er wirkt darum auch anders auf das Seelische und erfordert zu seiner Beseitigung andere Aktionen. Ferner: Alles für den Reiz wesentliche ist gegeben, wenn wir annehmen, er wirke wie ein einmaliger Stoß; er kann dann auch durch eine einmalige Aktion (Handlung) erledigt werden. Der Trieb hingegen wirkt nie wie eine momentane Stoßkraft, sondern immer wie eine konstante Kraft. Da er nicht von außen, sondern vom Körperinnern her angreift, kann keine Flucht gegen ihn nützen. Wir heißen den Triebreiz besser Bedürfnis; was dieses Bedürfnis aufhebt, ist die Befriedigung. Sie kann nur durch eine zielgerichtete (adäquate) Veränderung der inneren Reizquelle gewonnen werden." 1 Der Triebbegriff ist demnach ein Grenzbegriff zwischen Soma und Psyche. Die Erregung, die durch intrasomatische Vorgänge ausgelöst wird, kann psychisch nur als Empfindung repräsentiert sein. Der Trieb an sich ist deshalb als diffuses Fähigkeitspotential aufzufassen, dessen Spezifizierung und Kanalisierung erst im Entwicklungsverlauf erfolgt.
Gleichwohl kann der Trieb (Bedürfnis) durch vier Merkmale präzisiert werden:
1 Sigmund Freud: Triebe und Triebschiksale, Studienausgabe Bd. III, Frankfurt 1976: 82
1. durch die Quelle,
2. durch den Drang,
3. durch das Objekt,
4. durch das Ziel.
1. ”Unter der Quelle des Triebes versteht man jenen somatischen Vorgang in einem Organ oder Körperteil, dessen Reiz im Seelenleben durch den Trieb repräsentiert ist." 2 Das psychosomatische Gleichgewicht des Subjektes wird aufgrund spezifischer Reize in Erregung versetzt, die psychisch als Empfindung repräsentiert ist, aber erst die adäquate Befriedigung hebt den Erre-gungszustand auf, d.h. die Präferenz einer Handlung orientiert sich am Befriedigungserlebnis.
2. ”Unter dem Drang des Triebes versteht man dessen motorisches Moment, die Summe der Kraft oder das Maß der Arbeitsanforderung, das er repräsentiert." 3 Aufgrund intrasomatischer Erregungsvorgänge, die immer auch ein Bedürfnis anzeigen, das befriedigt werden will, besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem Maß der Erregung und dem Maß der Aktivität, die zur Zielerreichung notwendig ist. (beispielsweise Hunger oder Durst: mit der Dauer des Wartens auf die Befriedigung steigt nicht nur die Erregung, sondern gleichsam das Maß der Aktivität, entweder für die Nahrungssuche oder für die Bedürfnisäußerung)
3. ”Das Objekt des Triebes ist dasjenige, an welchem oder durch welches der Trieb sein Ziel erreicht.” 4 Damit scheint die Variabilität des Triebes gemeint, nicht weil sie dem Trieb ursprünglich immanent ist, sondern weil die Befriedigung größtenteils nur mit Hilfe von Objekten - welcher Art auch immermöglich erscheint. Nicht der Trieb an sich ist variabel, sondern vielmehr die Objekte; denn sie können beliebig oft gewechselt werden, was als Verschiebung bezeichnet wird. Eine enge spezifische Bindung des Triebes an ein Objekt ist als Fixierung definiert und schränkt die Flexibilität des Triebes erheblich ein, sofern unter Flexibilität die Fähigkeit des Triebes verstanden wird, eine Befriedigung mit Hilfe der verschiedensten Objekte zu erreichen.
2 S. Freud: Studienausgabe Bd. III, S. 86 3 Ebenda: S. 85
4 Ebenda: S. 86
4. "Das Ziel des Triebes ist allemal die Befriedigung, die nur durch die Aufhebung des Reizzustandes an der Triebquelle erreicht werden kann." 5 Das primäre Ziel des Triebes (Bedürfnisses) - die Befriedigung - ist im engen Sinne nicht modifizierbar, aber aufgrund kulturspezifischer Restriktionen, scheinen Partial- oder intermediäre Ziele eine mehr oder minder intensive Befriedigung zu ermöglichen.
Darüber hinaus können Ziele miteinander kombiniert oder gegeneinander eingetauscht werden; die so zielgehemmten Triebe modifizieren entweder die direkte Befriedigungsrichtung, oder die Befriedigung wird aufgrund einer Hemmung konterkariert.
Die im Verlaufe der Entwicklung möglichen Handlungsalternativen, die dem Subjekt eine Triebbefriedigung rsp. eine Partialbefriedigung ermöglichen können, bestimmen entweder eine direkte Befriedigungshandlung oder aufgrund der Abweichung rsp. Hemmung wird nur ein indirektes oder intermediäres Ziel erreicht.
In seinen frühen Ansichten unterschied Freud zwischen Sexual- und Ich- oder Selbsterhaltungstrieb, obwohl konnatal sicherlich beide Triebe koinzidieren; denn mit der Befriedigung der existentiellen Bedürfnisse Nahrung, Flüssigkeit und Säuberung ist gleichsam die Befriedigung der Liebesbedürfnisse - im weitesten Sinne - assoziiert. Eine Trennung der beiden für selbständig erklärten Triebe ist sowohl an die biologische als auch an die psychische Entwicklung gebunden, d.h. erst mit der Pubertät beginnt auch die Triebautonomie vollends durchzuschlagen.
Die Partialtriebe werden von den Primärtrieben abgeleitet und sind insofern nicht im eigentlichen Sinne als Triebe aufzufassen, sondern als Entwicklungsprodukte. Während die existentiellen Bedürfnisse - Hunger und Durst - auf Dauer immer befriedigt werden müssen, ist der Sexualtrieb erheblichen Restriktionen unter-worfen, insbesondere aufgrund der Wertorientierung der primären Bezugspersonen. Diese Wertorientierungen bestimmen zugleich die subjektiven Abwehrmaßnahmen gegen oktrojierte Triebrepressalien, wobei die folgenden Abwehrmöglichkeiten relevant erscheinen:
1. die Verkehrung ins Gegenteil
2. die Wendung gegen die eigene Person
3. die Verdrängung
4. die Sublimierung.
5 S. Freud: Studienausgabe Bd. III, S. 66
Die Bedingungen der Triebabwehr sind als wesentliche Ursachen pathogener rsp. normaler Persönlichkeitsstrukturen aufzufassen und besagen, dass z. B. ein unbefriedigtes Liebesbedürfnis durch die Versagung der Bezugspersonen in Haß umschlagen kann oder sich als Masochismus gegen die eigene Person richtet. In beiden Fällen ist die Richtung des Triebzieles modifiziert worden. Im Falle der Verdrängung wird der Trieb rsp. die Befriedigung vollends unterdrückt, was zu Handlungen führen kann, deren Motivation dem Subjekt vollends zu fehlen scheinen, es fehlt das unmittelbare Wissen oder das Motiv der ausgeführten Handlung.
Die Sublimierung beinhaltet auch eine Veränderung der Zielrichtung, die direkte Befriedigung wird zugunsten von intellektuellen oder sozialen Befriedigung abgelenkt, d.h. das Subjekt gibt die direkte Befriedigung zugunsten einer indirekten auf oder verschiebt die Befriedigung zugunsten realer Forderungen auf einen späteren Zeitpunkt. (Ich komme darauf später zurück: Kap.: Triebabwehr) 6
2. Das Lust-Unlust-Prinzip
Die Bedeutung der Triebtheorie besteht darin, ein generelles menschlich immanentes Verhaltens- und Handlungspotential zu bestimmen, was auch als Antriebs-, Bedürfnis- oder Aktivitätspotential bezeichnet werden könnte, welches anfangs eine unspezifische Hinwendung des Subjektes zu seinem Interaktionskontext einschließt, teils ein Erkenntnis- und Fähigkeitspotential impliziert, dem konnatal die Gerichtetheit fehlt, teils eine Subjektivität präsupponiert, die aus der pränatalen, vollständigen Bedürfnisbefriedigung abgeleitet ist. Den postnatalen Modifizierungen des psychosomatischen Gleichgewichts unterliegen aufgrund vegetativer Prozesse und Umwelteinflüsse unbestimmbare Erregungsschwankungen, die zunächst den Reizschutz (biologische Ruheperioden) durchbrechen und das Subjekt zur Bedürfnisäußerung zwingen. Diese Ausdrucksformen werden als präverbale Kommunikationsmittel bezeichnet. Allein der Zwang zur Bedürfnisäußerung impliziert subjektive und soziale Konsequenzen, die Beziehungssystemen generell immanent sind. Die Bedürfnisbefriedigung hängt in entscheidendem Maße von den adäquaten (rsp. inadäquaten) Deutungen der präverbalen Äußerung durch die Bezugspersonen ab. Die Bedürfnisäußerung entspricht dabei der Perzeption der intrasomatischen Erregung - des Triebreizes -, die psychisch als Unlust repräsentiert ist, aber keinesfalls eine zielgerichtete Handlungsintention einschließt, sondern als diffuse Handlung aufzufassen ist. Erst die adäquate
6 vgl. S. Freud: Triebe und Triebschiksale, Studienausgabe Bd, III, Frankfurt 1976: 90 ff.
Deutung durch die Bezugspersonen und die damit assoziierte Befriedigung hebt den Erregungszustand auf und stellt das psychosomatische Gleichgewicht wieder her, was psychisch als Lust repräsentiert ist. Damit sind nicht nur die subjektiven Bedingungen des Lust-Unlust-Prinzips angesprochen, sondern vielmehr noch der entscheidende Einfluß der Bezugspersonen auf die Bedingungen der Lust- und Unlusterlebnisse, d.h. die Bezugspersonen bestimmen größtenteils, wenn nicht gar vollständig, nicht nur Richtung der Erlebnisse - sie setzen bestimmte Handlungspräferanzen in bezug auf subjektive Befriedigung -, sondern auch oder gerade in bezug auf den sozialen und gesellschaftlichen Interaktionskontext. Für den theoretischen Ansatz erfüllt das Lust-Unlust-Prinzip die Funktion einer qualitativ-quantitativen Komponente:
qualitativ, sofern die psychische Repräsentanz gemeint ist und quantitativ, sofern die intrasomatischen Erregungsvorgänge gemeint sind.
”Fast alle Energie, die den Apparat erfüllt, stammt aus den mitgebrachten Triebregungen, aber diese werden nicht alle zu den gleichen Entwicklungsphasen zugelassen. Unterwegs geschieht es immer wieder, dass einzelne Triebe oder Triebanteile sich in ihren Zielen oder Ansprüchen als unverträglich mit den übrigen erweisen, die sich zu der umfassenden Einheit des Ichs zusammenschließen können. Sie werden dann von dieser Einheit durch den Prozeß der Verdrängung (s. Kap. "Verdrängung") abgespalten, auf niedrigeren Stufen der psychischen Entwicklung zurückgehalten und zunächst von der Möglichkeit einer Befriedigung abgeschnitten.” 7
Das Triebpotential kann somit zunächst als ungerichtetes Handlungspotential aufgefaßt werden, dessen Zielorientierung erst durch die Wahrnehmung der Befriedigungen - der Lusterlebnisse - bzw. Frustrationen - Unlusterlebnisse -, determiniert wird.
Präsupponiert man demgemäß ein psychophysisches Gleichgewicht, welches sowohl durch innere als auch durch äußere Reize in Erregung versetzt zu werden vermag, so kann man aus Plausibitätsgründen der Freud‘schen Annahme zustimmen, dass Anhäufung der Erregung als Unlust empfunden wird und das psychische System in Tätigkeit versetzt, um das Befriedigungserlebnis, bei dem eine Verringerung der Erregung als Lust verspürt wird, wieder herbeizuführen.
7 S. Freud: Jenseits des Lustprinzips, Studienausgabe Bd. III: 220
”Eine solche, von der Unlust ausgehende auf die Lust zielende Strömung im Apparat heißen wir einen Wunsch (Bedürfnis, Motivation); wir hatten gesagt, nichts anderes als ein Wunsch sei imstande, den Apparat in Bewegung zu bringen und der Ablauf der Erregung in ihm werde automatisch durch die Wahrnehmung von Lust und Unlust geregelt. Das erste Wünschen dürfte ein halluzinatorisches Besetzen der Befriedigungserinnerung gewesen sein.” 8 Die Relevanz dieser psychischen Regulationsprinzipien zeigt sich darin, dass die Perzeption von Unlust das Subjekt zur Aktivität zwingt, während - und das ist entscheidend - die Empfindung von Lust als Ruhezustand perzipiert und in frühinfantilen Entwicklungsphasen fast ausschließlich durch die Bezugspersonen vermittelt wird.
”Die meiste Unlust die wir verspüren, ist ja Wahrnehmungsunlust, entweder Wahrnehmung des Drängens unbefriedigter Triebe oder äußere Wahrnehmung, sei es, daß diese an sich peinlich ist oder daß sie unlustvolle Erwartungen im seelischen Apparat erregt, von ihm als Gefahr erkannt wird." 9 ”Die Empfindungen mit Lustcharakter haben nichts Drängendes an sich, dagegen im höchsten Grade die Unlustempfindungen. Diese drängen auf Veränderung, auf Abfuhr, und darum deuten wir die Unlust auf eine Erhöhung, die Lust auf eine Erniedrigung der Energiebesetzung. Nennen wir das, was als Lust und Unlust bewußt wird, ein qualitativ/quantitativ Anderes im seelischen Ablauf, ..." 10 Während die Bedingungen der Unlustentwicklung sowohl durch vegetative als auch durch äußere Reize bestimmt werden können, sind die Bedingungen der Lustentwicklung immer an eine intentionale Handlung 11 gebunden. Unlust ist die dem Drang des Triebes korrespondierende Erregung oder - äquivalent - das Maß des Aktivitätspotentials zur Erreichung der adäquaten Befriedigung. Die spezifische Gerichtetheit dieses Potentials wird durch das Befriedigungserlebnis erreicht, anders ausgedrückt: aufgrund spezifischer Befriedigungserlebnisse werden die ersten und alle weiteren Handlungspräferenzen introjiziert - die Psychoanalyse spricht hier von einem Wiederholungszwang der zur Befriedigung führenden Handlungen -. Darüber hinaus führt Freud aus: ”..., die Anlagen aller Menschen sind qualitativ gleichartig und unterscheiden sich nur durch diese quantitativen Verhältnisse." 12 Wenn man diese Annahme im Kontext zur Triebtheorie und zum Lust-Unlust--
8 S.Freud: Zur Psychologie der Traumvorgänge, Studienausgabe Bd. II, , S. 568, vgl. dazu auch Studienausgabe Bd. I, S.348, Studienausgabe Bd. III, S. 181 217-219, 270f
9 S. Freud: a.a.O.: Studienausgabe Bd. III, S.221
10 Derselbe: Das Ich und das Es, Studienausgabe Bd. III, S.291
11 intentionale Handlung soll verstanden werden als entwicklungsstandsspezifische Handlung.
12 S. Freud: Die Wege der Symptombildung, Studienausgabe Bd. I, S. 362
Prinzip betrachtet, so läßt sich die soziologische - zumindest mikrosoziologische - Bedeutung nicht verleugnen: Entwicklung ist nicht allein von psychologischen Faktoren abhängig, sondern gerade auch vom gesellschafts-, schicht- und gruppenspezifischen Interaktionskontext. Erfahrungen, Erlebnisse und Erinnerungen aus frühinfantilen Entwicklungsperioden bestimmen das Maß der Handlungs-und Fähigkeitspräferenzen. Die Autonomie des Individuums ist keine Frage des subjektiven Seins, sondern eine der durch das Beziehungssystem vermittelten Entwicklungsmöglichkeiten, der gehemmten oder geförderten Aktivitäten, der zugelassenen oder unterdrückten Befriedigungserlebnisse, überhaupt des Maßes der erlebten Befriedigungen im weitesten Sinne.
”Das Endziel der seelischen Tätigkeit, das sich qualitativ als Streben nach Lustgewinn und Unlustvermeidung beschreiben läßt, stellt sich für die ökonomische Betrachtung als die Aufgabe dar, die im seelischen Apparat wirkenden Erregungsgrößen (Reizmengen) zu bewältigen und deren Unlust schaffende Stauung hintanzuhalten." 13
(Es sei darauf verwiesen, dass die Intensität der Lustempfindung im Falle der sexuellen Befriedigung weit stärker ist, als die Lustempfindung bei der Befriedigung des Ich- oder Selbsterhaltungstriebes. (vgl. Libidotheorie und Sexualisation)
2.1 Die Libidotheorie
Der Begriff der Libido wird von Freud als "quantitative veränderliche Kraft, welche Vorgänge und Umsetzungen auf dem Gebiet der Sexualerregung messen könnte" 14 definiert. Die sexuelle Erregung wird durch Reize ausgelöst, die von allen Körperorganen oder -zonen ausgehen können, insbesondere von den Genitalien. In der Phase der sexuellen Reife tritt noch ein Faktor hinzu, der durch die Objektbezogenheit der Sexualität ausgelöst wird, und zwar der Erregungsreiz, der durch die Objektvorstellung oder -wahrnehmung zustande kommt. Der sexuelle Erregungsvorgang ist zweifach determiniert, einerseits wird er durch mechanische Reizung der erogenen Zonen und der Genitalien, muß aber bis zur psychischen Erregung anderseits fortschreiten; denn nur die gleichmäßige sexuelle Erregung von Soma und Psyche kann zur Befriedigung führen. Freud betont: ”Der Mechanismus der Angstneurose sei in der Ablenkung der somatischen Sexualerregung vom Psychischen und einer dadurch verursachten abnormen Verwendung
13 Ebenda: S. 365
14 S. Freud: Ansätze zu einer Theorie der Angstneurose, StAsg. Bd. VI, S. 43
dieser Erregung zu suchen." 15 Die Sexualerregung, aufgrund welcher Reize sie auch entstehen mag, wird bewußt als Sexualspannung wahrgenommen, mit dem Drang zur Befriedigung; denn der Trieb tritt immer als konstante Kraft in Erscheinung und kann nur durch die Befriedigung eine adäquate Abfuhr erfahren. Die konstante Kraft des Sexualtriebes kann ebenso als Sexualenergie oder Libido bezeichnet werden. Gleichwohl ist sie getrennt von der generellen psychischen Energie, ”... die den seelischen Prozessen unterzulegen ist.” Die Unterscheidung wird deshalb vorgenommen, weil die Sexualvorgänge qualitativ andere sind als etwa die Ernährungsvorgänge.
Um Mißverständnissen vorzubeugen, wird die Chronologie der Freud‘schen Darlegungen verändert. ”Zu Uranfang ist alle Libido im Es angehäuft, während das Ich noch in der Bildung begriffen oder schwächlich ist. Das Ich sendet einen Teil dieser Libido auf erotische Objektbesetzungen aus, worauf das erstarkte Ich sich dieser Objektlibido zu bemächtigen und sich dem Es als Liebesobjekt aufzudrängen sucht. Der Narzißmus des Ichs ist so ein sekundärer, den Objekten entzogener." 16
Dies scheint deshalb verständlich, weil die erste Befriedigung vom Objekt erfahren wird (Mutter-Kind-Dyade) und den Lernprozeß für die Präferenzen der erogenen Zonen einleitet. Erst aus diesem Prozeß resultiert die autoerotische Befriedigungsphase, die den Narzißmus einschließt, der ja nichts anderes bedeutet, als sich selbst lustvoll zu erleben und eine Identität zu entwickeln. Wir werden bei der Klassifizierung der psychischen Instanzen sehen, dass das Ich dem Es oberflächlich aufsitzt, der nach außen gerichtet Teil des Es. Daraus folgt zunächst ein ursprüngliches Libidoreservoir im Es. Weil das Es aber objektlos nach Lustgewinn strebt, kann die Libidobesetzung eines Objektes nur über das Ich erfolgen. Somit wird auch verständlich, ”.., daß das Ich das eigentliche und ursprüngliche Reservoir der Libido sei, die erst von da aus auf das Objekt erstreckt werde. Das Ich trat unter die Sexualobjekte und wurde gleich als das vornehmste unter ihnen erkannt, Wenn die Libido so im Ich verweilte, wurde sie narzißische Libido genannt. Diese narzißtische Libido war natürlich auch die Kraftäusserung von Sexualtrieben... .” 17 Im Verlaufe der sexuellen Entwicklung, insbesondere in der Reifeperiode, die die Sexualität dem genitalen Primat unterordnet und die Fort-
15 S.Freud: Ansätze zu einer Theorie der Angstneurose, Stasg. Bd. VI, S. 43
16 S. Freud: Das Ich und das Es, Stasg. Bd. III: 312 und 313
17 S. Freud: Jenseits ds Lustprinzips, a.a.O.: 260 und 261, (s. Kap. 7.3 Zusammenfassung (Narzißmus)
pflanzungsfunktion beinhaltet, wird die Erfahrung gemacht, dass eine adäquate Befriedigung nur mit Hilfe eines meist gegengeschlechtlichen Objekts erreicht werden kann, d.h. "wir sehen sie (die Libido) dann auf die Objekte konzentriert, an ihnen fixiert oder die Objekte verlassen, von ihnen auf andere übergehen und von dieser Position aus die Sexualbetätigung des Individuums lenken, die zur Befriedigung, d.h. zum partiellen und zeitweisen Erlöschen der Libido führt." 18
3. Die psychischen Systeme
Die theoretischen Annahmen Freuds beruhten zunächst auf zu differenzierenden Bewußtseinsebenen - Unbewußtes, Vorbewußtes und Bewußtes -, deren Bedeutung im qualitativen Bereich liegen, insofern als die Bewußtseinsebenen nach den unterschiedlichen qualitativen Ausdrucksformen der ihnen zugeordneten psychischen Inhalte differenziert werden. "Die Psychoanalyse kann das Wesen des Psychischen nicht ins Bewußtsein verlagern, sondern muß das Bewußtsein als eine Qualität des Psychischen ansehen, die zu anderen Qualitäten hinzukommen oder wegbleiben muß." 19 Das Bewußtsein ist nur ein Teil der Psyche; die besondere Bedeutung der Psychoanalyse liegt in der Entdeckung des Unbewußten, d.h. psychische Inhalte, die dem Bewußtsein abgeschnitten scheinen. Die Evidenz dieses psychischen Systems läßt sich einerseits aus hypnotischen Experimenten und andererseits aus Traumanalysen ableiten - aus empirischen Bedingungen -, deren Ergebnisse belegen, dass teils spezifische Symbole der präverbalen Kommunikationsphase nicht mit Sinn aufgefüllt werden, teils werden hypnotische Befehle ausgeführt, deren Sinnkontext dem Subjekt nicht bewußt werden. Eine dritte Komponente, die dem Bereich der Methode entnommen wurde besagt, dass erhebliche Erinnerungslücken in bezug auf frühinfantile Erlebnisse konstatiert werden, die aber mit Hilfe einer Analyse bewußtseinsfähig werden können. Freud folgerte daraus, ”..., daß das Unbewußte des Seelenlebens das Infantile ist." 20
18 S. Freud: Die Libidotheorie, Stasg. Bd.V:121; vgl.auch: Zur Einführung in den Narißmus, a.a.O.: 66 ff. Über den pranoischen Mechanismus, a.a.O. S. 196 ff, (s. Sexualtheorie)
19 S. Freud: Das Ich und das Es, Studienausgabe Bd. III, S. 283
20 S. Freud: Archaische Züge und Infantilismus des Traumes, Studienausgabe Bd. I, S. 21-4
3.1 Das Unbewußte
Der Begriff des Unbewußten darf weder mit unterbewußt, Unterbewußtsein oder Unbewußtsein assoziiert werden, sondern vielmehr unterstellt er psychische Repräsentanzen mit spezifischen qualitativen Merkmalen. Nicht ein besonderes Sein ist damit gemeint, sondern vielmehr Erlebnisse, Vorstellungen, Fähigkeiten und Perzeptionen, die dem Bewußtsein des Subjektes entzogen zu sein scheinen, aber gleichsam das Sein das Subjektes erheblich beeinflussen können. Vor dem Hintergrund, dass das Bewußtsein nur als eine Qualität des Psychischen bezeichnet wird, erscheint das Unbewußte geradezu selbstevident, insbesondere in Anbetracht der Amnesie frühinfantiler Interaktionskontexte, der Bedingungen des Traumes und der hypnotischen Experimente, deren Ergebnisse sich insofern gleichen als spezifische psychische Repräsentanzen existieren, über die das Subjekt nur Teil- oder überhaupt keine Erinnerungen hat. Diese real erlebten frühinfantilen Interaktionskontexte sind der unmittelbaren - bewußten - Reproduktion entzogen. "Das Unbewußte ist der größere Kreis, der den kleineren des Bewußten in sich einschließt; alles Bewußte hat eine unbewußte Vorstufe, während das Unbewußte auf dieser Stufe stehen bleiben und doch den vollen Wert einer psychischen Leistung beanspruchen kann. Das Unbewußte ist das eigentlich reale Psychische, uns nach seiner inneren Natur so unbekannt wie das Reale der Außenwelt und uns durch die Daten des Bewußtseins ebenso unvollständig gegeben wie die Außenwelt durch die Angaben unserer Sinnesorgane.” 21 Die Annahme einer psychischen Realität, die der bewußten Reproduktion abgeschnitten scheint, jedoch im engen Kontext zu frühinfantilen Erlebnissen und Vorstellungen steht, läßt vermuten, dass Unbewußtes vorwiegend psychische Inhalte repräsentiert, die dem frühinfantilen präverbalen Interaktionskontext korrespondieren. Die beiden anderen Bewußtseinsebenen sind ausschließlich als Entwicklungsprodukte gekennzeichnet und stehen im engen Kontext zur Sprachentwicklung und damit auch zur reflexiven Sinnauffüllung präverbaler Symbole. Jede psychische Aktivität präsupponiert immer auch eine unbewußte Phase. „... Das Unbewußte ist eine regelmäßige und unvermeidliche Phase in den Vorgängen, die unsere psychische Tätigkeit begründen; jeder psychische Akt kann entweder so bleiben oder sich weiterentwickelnd zum Bewußtsein fortschreiten, je nach dem, ob er auf Widerstand trifft oder nicht. Die Unterscheidung zwischen vorbewußter und un-
21 S. Freud: Das Unbewußte und das Bewußtsein, Stasg. Bd. II, S.580
bewußter Tätigkeit ist keine primäre, sondern wird erst hergestellt, nachdem die Abwehr ins Spiel getreten ist." 22
Die frühinfantile Phase präsupponiert zunächst einen psychosomatischen Gleich-gewichtszustand, der durch befriedigungsfordernde Triebreize unterbrochen wird. Im Falle bereits erfolgter Befriedigungserlebnisse - die erste Befriedigung erfolgt mit Hilfe der primären Bezugspersonen, die auf die Bedürfnisäußerung des Säuglings mit zur Befriedigung führenden Deutungsversuchen reagierenstellt Freud den Zusammenhang folgermaßen dar: ” ... In diesem Fall wurde das Gedachte (Gewünschte) einfach halluzinatorisch gesetzt, wie es heute noch allnächtlich mit unseren Traumgedanken geschieht. Erst das Ausbleiben der erwarteten Befriedigung, die Enttäuschung, hatte zur Folge, daß dieser Versuch der Befriedigung auf halluzinatorischem Wege aufgegeben wurde." 23 Die frühinfantile präverbale Interaktionsebene ist also qualitativ eine andere, wird in erheblichen Maße durch die die Subjektivität ausdrückenden Trieb- und Lust-Unlust-Bedingungen reguliert, deshalb wird der Primärvorgang den unbewußten psychischen Repräsentanzen subsumiert. „Diese Vorgänge streben danach, Lust zu gewinnen; von solchen Vorgängen, die Unlust erregen können, zieht sich die psychische Tätigkeit zurück (Verdrängung)." 24 Die Vorgänge des Lustgewinns (Befriedigung) werden zunächst von den primären Bezugspersonen bestimmt. Eine Trennung der Systeme entsteht dann, wenn die psychischen Repräsentanzen eine qualitativ andere Bearbeitung erfahren. Aufgrund von Versagungen in der präverbalen Phase sind sie der verbalen reflexiven Sinninterpretation entzogen, d.h. diese Repräsentanzen sind unbewußt.
Am Beispiel der Zwangshandlung beschreibt Freud sehr deutlich, was unter einem unbewußten psychischen Vorgang verstanden wird: ”Der Zusammenhang mit der Szene nach der verunglückten Hochzeitsnacht und das zärtliche Motiv der Kranken (vgl. 273f.) ergeben mitsammen das, was wir den Sinn der Zwangshandlung genannt haben. Aber dieser Sinn war ihr nach beiden Richtungen, dem woher wie dem wozu, unbekannt gewesen, während sie die Zwangshandlung ausführte (vgl. S. 283). Es hatten also seelische Vorgänge in ihr gewirkt, die Zwangshandlung war deren Wirkung; sie hatte die Wirkung in normaler seelischer Verfassung wahrgenommen, aber nichts von den seelischen Vorbedingungen dieser Wirkung war zur Kenntnis ihres
22 S. Freud: Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten, Studienausgabe Bd.III, S. 33/34
23 S. Freud: Formulierung über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens, Studasg. Bd. III: 18
24 Ebenda: S. 18
Bewußtseins gekommen. Sie hatte sich ganz ebenso benommen wie ein Hypnotisierter, dem Bernheim den Auftrag erteilte, fünf Minuten nach seinem Erwachen im Krankensaal einen Regenschirm aufzuspannen, der diesen Auftrag im Wachen ausführte, aber kein Motiv für sein Tun anzugeben wußte. Einen solchen Sachverhalt haben wir im Auge, wenn wir von der Existenz unbewußter seelischer Vorgänge reden." 25
Letztendlich soll eine inhaltliche Darstellung des Unbewußten verdeutlicht werden, die sich vollends an Freud‘schen Ausführungen orientiert: "Der Kern des Unbewußten besteht aus Triebrepräsentanzen, die innere Besetzung abführen wollen, also aus Wunschregungen. Diese Triebregungen sind ein-ander koordiniert, bestehen unbeeinflußt nebeneinander, widersprechen einander nicht. Wenn zwei Wunschregungen gleichzeitig aktiviert werden, deren Ziele uns unvereinbar erscheinen müssen, so ziehen sich die beiden Regungen nicht etwa voneinander ab oder heben einander auf, sondern sie treten zur Bildung eines mittleren Zieles, eines Kompromisses, zusammen. Es gibt in diesem System keine Negation, keinen Zweifel, keine Grade von Sicherheit. All dies wird erst durch die Arbeit der Zensur zwischen Ubw und Vbw eingetragen. Die Negation ist ein Ersatz der Verdrängung auf höherer Stufe. (vgl. Stasg. Bd. III:19) Im Unbewußten gibt es nur mehr oder weniger stark besetzte Inhalte. Es herrscht eine weit größere Beweglichkeit der Besetzungsintensitäten. Durch den Prozeß der Verschiebung kann eine Vorstellung den ganzen Betrag ihrer Besetzung an eine andere abgeben, durch den der Verdichtung die ganze Besetzung mehrerer anderer an sich nehmen. Ich habe vorgeschlagen, diese beiden Prozesse als Anzeichen des sogenannten psychischen Primärvorganges anzusehen. Im Vbw herrscht der Sekundärvorgang; ... " (vgl. Stasg. Bd. II: 559ff) Die Vorgänge des Systems Ubw sind zeitlos, d.h. sie sind nicht zeitlich geordnet, werden durch die verlaufende Zeit nicht abgeändert, haben überhaupt keine Beziehung zur Zeit.
Auch die Zeitbeziehung ist an die Arbeit des Bw-Systems geknüpft. Ebensowenig kennen die Ubw-Vorgänge keine Rücksicht auf die Realität. Sie sind dem Lustprinzip unterworfen; ihr Schicksal hängt nur davon ab, wie stark sie sind, und ob sie die Anforderungen der Lust-Unlustregulierung erfüllen. (vgl. oben: Das Lust - Unlust- Prinzip) Unbewußte Vorgänge haben eine intensive Wirkung auf somatischen Vorgänge.
25 S. Freud: Die Fixierung an das Trauma, 18. Vorl., Studienausgabe Bd. I: 276/77
Die unbewußten Vorgänge werden uns nur unter den Bedingungen des Träumens und der Neurose erkennbar, also dann, wenn Vorgänge des höheren Vbw- Systems durch eine Erniedrigung (Regression) auf eine frühere Stufe zurückversetzt werden. An und für sich sind sie unerkennbar, auch existenzunfähig, weil das System Ubw sehr frühzeitig von dem Vbw überlagert wird, welches den Zugang zum Bw und zur Motilität an sich gerissen hat. Die Abfuhr des Systems Ubw geht in die Körperinnervationen zur Affektentwicklung, aber auch dieser Entladungsweg wird ihm, wie wir gehört haben (S. 137), vom Vbw streitig gemacht. Für sich allein könnte das Ubw-System unter normalen Verhältnissen keine zweckmäßige Muskelaktion zustande bringen, mit Ausnahme jener, die als Reflexe bereits organisiert sind." 26
Letzteres verweist nochmals auf die diffuse Bedürfnisäußerung in der frühinfantilen Entwicklungsphase, deren Ziel (die Befriedigung) durch die adäquate Deutungsversuche der primären Bezugspersonen erreicht werden muß.
3.2 Der Primär- und Sekundärvorgang
Die theoretische Bedeutung dieser beiden psychischen Vorgänge liegt in der Tatsache begründet, dass sie mit der Abgrenzung der Systeme Ubw und Vbw koinzidieren. Einige Bedindungen des Primärprozesses wurden bereits in den Kapiteln "Lust-Unlust-Prinzip” und das ”Unbewußte" dargestellt. Im folgenden werden diesbezügliche zunächst nur einige Spezifizierungen vorgenommen, um die Abgrenzung, die nur eine theoretische ist, herauszukristallisieren. Dazu ist es notwendig, an die Ausführungen der Triebtheorie anzuknüpfen: ”Die durch das innere Bedürfnis gesetzte Erregung wird sich einen Abfluß in die Motilität suchen, die man als innere Veränderung oder als Ausdruck der Gemütsbewegungen (Affekte) bezeichnen kann. (Das hungrige Kind wird hilflos schreien oder zappeln) Die Situation bleibt aber unverändert, denn die vom Innern ausgehende Erregung entspricht nicht einer momentan stoßenden Kraft, sondern einer kontinuierlich wirkenden Kraft. Eine Wendung kann erst eintreten, wenn auf irgendeinem Wege, beim Kind durch fremde Hilfeleistung, die Erfahrung des Befriedigungserlebnisses gemacht wird, das den inneren Reiz aufhebt. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Erlebnisses ist das Erscheinen einer Wahrnehmung (Nahrung oder Zuwendung aller Art), deren Erinnerungsbild von jetzt an mit der Gedächnisspur der Bedürfniserregung assoziiert bleibt. Sobald dies Bedürfnis ein nächstes Mal
26 S. Freud: Das Unbewußte, Kap. V, Studienausgabe Bd.III, Frankfurt a/M 1976, 5. 145 f.
auftritt wird sich, dank der hergestellten Verknüpfung, eine psychische Regung ergeben, welche das Erinnerungsbild jener Wahrnehmung wieder besetzen und die Wahrnehmung selbst wieder hervorrufen, also eigentlich die Situation der ersten Befriedigung wiederherstellen will. Eine solche Regung ist das, was wir einen Wunsch heißen; das Wiedererscheinen der Wahrnehmung ist die Wunscherfüllung, und die volle Besetzung der Wahrnehmung von der Bedürfniserregung her der kürzeste Weg der Wunscherfüllung. Es hindert uns nichts, einen primitiven Zustand des psychischen Apparates anzunehmen, in dem dieser Weg wirklich so begangen wird, das Wünschen also in ein Halluzinieren ausläuft. Diese erste psychische Tätigkeit zielt also auf eine Wahrnehmungsidentität, nämlich auf die Wiederholung jener Wahrnehmung, welche mit der Befriedigung des Bedürfnisses verknüpft ist." 27
Der Wahrnehmungsidentität korrespondiert gleichsam eine primitive visuelle Form des Denkens, also der visuellen Herstellung von Kontexten zwischen Bedürfniserregung und -befriedigung, von bildhaften Erlebnissen, Erinnerungen an sensomotorische Lusterlebnisse und bildhaften sowie akustischen Kontexten 28 ; denn neuerliche Erregung koinzidiert ganz offensichtlich mit der psychischen Repräsentanz des Befriedigungserlebnisses - das Subjekt halluziniert im Falle der Erregung die Befriedigung, wobei die diffuse Bedürfnisäußerung nicht immer mit dem gleichen Berfriedigungserlebnis zusammenfällt. Andererseits wird das Subjekt auch mit den ersten Frustationen konfrontiert -. Die diesbezüglich sukzessive Entwicklung unterliegt einer eingeschränkten Perzeptionsschwelle - dem sogenannten Reizschutz -, die aber aufgrund biologischer sowie psychischer Reifungsprozesse immer häufiger durchbrochen wird, woraus gleichwohl eine erweiterte Reizaufnahme und somit auch eine Bedürfnissteigerung resultiert. Die Konsequenzen offenbaren sich teils in verstärkten Aktivitäten, teils in differenzierteren Interaktionsformen und teils in einer Erhöhung der Frustrationstoleranz. Die Modifikation der Frustrationsschwelle kann
a) auf eine inadäquate Deutung der Bedürfnisäußerung von seiten der Bezugspersonen,
b) auf ein Frustrationserlebnis in Form der Nichtbefriedigung,
c) oder auf eine eindeutige Versagung der Befriedigung durch die Bezugspersonen zurückzuführen sein.
27 S. Freud: Zur Psychologie der Traumvorgänge, Studienausgabe Bd.II, S. 538/39
28 Derselbe: Das Ich und das Es, Studienausgabe Bd. III. vgl. S. 290
Das Subjekt reagiert aufgrund fehlender Konfliktlösungsmuster entweder mit Verdrängung (vgl. Kap. Verdrängung in dieser Arbeit) oder mit dem Versuch der Selbstbefriedigung (Lutschen, Strampeln usw.), d.h. es greift auf sekundäre Formen der Befriedigung zurück, die durch Zuwendung und Versorgung gleichsam vermittelt wurden. Aufgrund der Unlust provozierenden Frustrationserlebnisse muß die primäre in eine sekundäre Denkform überführt werden, d.h. sie muß sich von der primären Befriedigungsvorstellung lösen. ”Um eine zweckmäßige Verwendung der psychischen Kraft zu erreichen, wird es notwendig, die volle Regression (die halluzinierte Wahrnehmungsidentität) aufzuhalten, so daß sie nicht über das Erinnerungsbild hinausgeht und von diesem aus andere Wege suchen kann, die schließlich zur Herstellung der gewünschten Identität von der Außenwelt führen" d.h. es wird eine Realitätsprüfung notwendig. "Diese Hemmung sowie die darauf folgende Ablenkung der Erregung wird zur Aufgabe eines zweiten Systems, welches die willkürliche Motilität beherrscht, d.h. an dessen Leistung sich erst die Verwendung der Motilität zu vorher erinnerten Zwecken anschließt. All die komplizierte Denktätigkeit aber, welche sich vom Erinnerungsbild bis zur Herstellung der Wahrnehmungsidentität durch die Außenwelt fortspinnt, stellt doch nur einen durch die Erfahrung notwendig gewordenen Umweg zur Wunscherfüllung dar. Das Denken ist doch nichts anderes als der Ersatz des halluzi-natorischen Wunsches,..." 29 Dieser Sachverhalt verweist erstens darauf, dass auf-grund zunächst diffuser, aber sukzessiv sich entwickelnder differenzierter Bedürfnisäußerungen die verschiedensten Befriedigungen oder Frustrationen erlebt werden und zweitens, dass der diffusen Bedürfnisäußerung eine Intentionalität nicht abzusprechen ist, aber nur insofern als sie nicht auf ein spezifisches Ziel gerichtet ist. Eine dem Bedürfnis adäquate Befriedigung kann erst durch das zweite System erreicht werden, wenn aufgrund des Erfahrungskontextes von differenzierter Bedürfnisäußerung zur adäquaten Befriedigung, wenn die Intentionalität nicht mehr nur generell auf Befriedigung abzielt, sondern wenn die Intentionalität auf ein spezifisches Ziel gerichtet ist. Dazu bedarf es der Perzeption des spezifischen Befriedigungsobjektes, d.h. der Realitätsbezug der Handlung tritt in den Vordergrund. ”Wir haben alle erfahren, daß die größte Lust die das Sexualaktes, mit dem Erlöschen einer hochgesteigerten Erregung verbunden ist. Die Bindung (an das oder die Objekte) der Triebregung wäre aber eine vorbereitende Funktion, welche die Erregung für ihre endgültige Erledigung in der Abfuhrlust zurichten soll." 30 In bezug auf die sexuelle Befriedigung ist dieser Sachverhalt ein-
29 S.Freud: Zur Psychologie der Traumvorgänge, Studienausgabe Bd.II, S. 539/40
30 S. Freud: Jenseits des Lustprinzips, Studienausgabe BD. III, S. 270
deutig - vgl. Sexualisation -. sei es nun hinsichtlich eines Partners oder sei es hinsichtlich der Masturbation, in beiden Fällen wird die Erregung zur Abfuhrlust zugerichtet, und zwar unter Berücksichtigung der Realität. Das Lustprinzip ist dann objektgebunden und unterliegt einer Realitätsprüfung, was den Sekundär-vorgang auszeichnet, während die Primärvorgänge sich unmittelbar durchsetzenwie etwa bei der Affektentwicklung - und keinesfalls Realitätsbezug präsupponieren: ”Der Primärvorgang strebt nach Abfuhr der Erregung, um mit den gesammelten Erregungsgrößen eine Wahrnehmungsidentität (mit dem Befriedigungserlebnis) herzustellen; der Sekundärvorgang hat diese Absicht verlassen und an ihrer Statt die andere angenommen, eine Denkidentität zu erzielen." 31 Dadurch wird das Lustprinzip insofern modifiziert als es auch - wie die Triebeentwicklungsbedingten Restriktionen unterliegt, die durch eindeutige Kontexte zwischen spezifischen Erregungen und deren adäquaten Befriedigungen gekennzeichnet sind, oder die Erfahrung lehrt, dass spezifische Erregungen auch mit Hilfe verschiedener Objekte entweder partiell oder vollständig befriedigbar sind, Das besagt nichts anderes, als dass Handlungsalternativen vorwiegend durch die Vermittlung der Befriedigung von seiten der Bezugspersonen bestimmt werden. Das Subjekt selbst kann in frühinfantilen Entwicklungsphasen nur auf die Verdrängung oder - soweit möglich - auf Selbstbefriedigung im weitesten Sinne, oder auf erfahrungsabhängige Alternativen rekurrieren, oder indem es in Form von Probehandlungen Befriedigungen sucht. ”Das ganze Denken ist nur ein Umweg von der als Zielvorstellung genommenen Befriedigungserinnerung bis zur identischen Besetzung derselben Erinnerung, die auf dem Wege über die motorische Erfahrung wieder erreicht werden soll. Das ganze Denken muß sich für die Verbindungswege zwischen den Vorstellungen interessieren, ohne sich durch die Intensitäten derselben beirren zu lassen. Es ist klar, daß die Verdichtungen von Vorstellungen, Mittel- und Kompromißbildungen in der Erreichung dieses Identitätszieles hinderlich sind; indem sie die eine für die andere Vorstellung setzen, lenken sie vom Wege ab, der von der ersteren weitergeführt hätte. Solche Vorgänge werden also im sekundären Denken sorgfältig vermieden. Es ist auch nicht schwer zu übersehen, daß das Unlustprinzip dem Denkvorgang, welchem es sonst die wichtigsten Anhaltspunkte bietet, auch Schwierigkeiten in der Verfolgung der Denkidentität in den Weg legt. Die Tendenz des Denkens muß also dahin gehen, sich von der ausschließlichen Regulierung durch das Unlustprinzip immer mehr zu befreien und die Affektentwicklung durch die Denkarbeit auf ein
31 Derselbe: Zur Psychologie der Traumvorgänge, a.a.0.9 571
Mindestes, das noch als Signal verwertbar ist, einzuschränken. Durch eine neuerliche Überbesetzung, die das Bewußtsein vermittelt, soll diese Verfeinerung der Leistung erzielt werden. Wir wissen aber, daß diese selbst im normalen Seelenleben selten vollständig gelingt und daß unser Denken der Fälschung durch die Einmengung des Unlustprinzips immer zugänglich bleibt." 32 Die ersten diesbezüglich konstatierbaren Reifungsprozesse beginnen mit dem Spracherwerb konkrete Gestalt anzunehmen. Verbalisierung und verbales Denken unterliegen der durch die Vermittlung der Bezugspersonen erlernten, regelbestimmten reflexiven Sinnauffüllung psychischer, zunächst präverbaler Repräsentanzen, d.h. einer qualitativ anderen Bearbeitung, wobei die Art und Weise der Vermittlungdie verbalen Fähigkeiten der Bezugspersonen, die Förderung oder Versagung, das Wissen und dessen Vermittlung usw. - von entscheidender Relevanz sind. Nicht mit Sinn aufgefüllte oder vermittelte Kontexte bleiben unbewußt und insofern ist das Unbewußte auch das Infantile.
”Ein psychischer Apparat, der nur den Primärvorgang besäße, existiert zwar unseres Wissens nicht und ist insofern eine theoretische Fiktion; aber soviel ist tatsächlich, daß die Primärvorgänge in ihm von Anfang an gegeben sind, während die sekundären erst allmählich im Laufe des Lebens sich ausbilden, die primären hemmen und überlagern und ihre volle Herrschaft über sie vielleicht erst mit der Lebenshöhe erreichen. Infolge dieses verspäteten Eintreffens der sekundären Vorgänge bleibt der Kern unseres Wesens, aus unbewußten Wunschregungen bestehend, unfaßbar und unhemmbar für das Vorbewußte, dessen Rolle ein für allemal darauf beschränkt wird, den aus dem Unbewußten stammenden Wunschregungen die zweckmäßigsten Wege anzuweisen. Diese unbewußten Wünsche stellen für alle späteren seelischen Bestrebungen einen Zwang dar, dem sie sich zu fügen haben, den etwa abzuleiten und auf höher stehende Ziele zu lenken sie sich bemühen dürfen. Ein großes Gebiet des Erinnerungsmaterials bleibt aber infolge dieser Verspätung der vorbewußten Besetzung unzugänglich.” 33 (vgl. zur weiteren Präzisierung: Das Vbw und das Bw in dieser Arbeit)
3.3 Der deskriptive Aspekt des Unbewußten
Um die Differenzierung zwischen Ubw und Vbw präziser zu fassen, benutzt Freud den deskriptiven Aspekt des Unbewußten: "Eine Vorstellung - oder jedes
32 S. Freud: Zur Psychologie der Traumvorgänge, a.a.O., 5. 572
33 S . Freud: Zur Psychologie der Traumvorgänge , a.a.0. S. 572/73 vgl, dazu: Die Verneinung, Studienausgabe Bd. III, S. 373-377
andere psychische Element - kann jetzt in meinem Bewußtsein gegenwärtig sein und im nächsten Augenblick daraus verschwinden; sie kann nach einer Zwischenzeit ganz unverändert wieder auftauchen, und zwar, wie wir es ausdrücken, aus der Erinnerung, nicht als Folge einer neuen Sinneswahrnehmung." 34 Demzufolge erweisen sich derartige Gedanken oder Vorstellungen, trotz ihrer Latenz, als psychische Realitäten, die teils aufgrund von Aufmerksamkeitsintensitäten oder aufgrund assoziativer Bedingungen rsp. Besetzungen ins Bewußtsein gehoben werden können. Im Falle unbewußter psychischer Vorgänge unterschied Freud zunächst zwei Arten des Unbewußten, einerseits die latenten Inhalte, die, sowie sie der bewußten Repräsentanz entbehren, als unbewußte aufgefaßt werden könnten, andererseits jene, die dem Bewußtsein vollends abgeschnitten scheinen und nur über den methodischen Ansatz (Psychoanalyse) ins Bewußtsein gehoben werden. ”Wir waren gewohnt zu denken, daß jeder latente Gedanke dies infolge seiner Schwäche war und daß er bewußt wurde, sowie er Kraft erhielt. Wir haben nun die Überzeugung gewonnen, daß es gewisse latente Gedanken gibt, die nicht ins Bewußtsein eindringen, wie stark sie auch sein mögen. Wir wollen daher die latenten Gedanken der ersten Gruppe vorbewußt nennen, während wir den Ausdruck unbewußt (im eigentlichen Sinne) für die zweite Gruppe reservieren. Der Ausdruck unbewußt, ..., erhält jetzt eine erweiterte Bedeutung. Er bezeichnet nicht bloß latente Gedanken im allgemeinen, sondern besonders solche mit einem bestimmten dynamischen Charakter, nämlich die jenigen, die sich trotz ihrer lntensität und Wirksamkeit dem Bewußtsein fernehalten.” 35 Die Auffassung des deskriptiven Aspekts setzt demnach nach Vollendung eines Entwicklungsprozesses an, dann, wenn die Bewußtseinsebenen ausgebildet sind, insofern haben die Aussagen auch nur deskriptive Relevanz. Anders, wenn die Theorierelevanz angesprochen wird, dann gewinnt der topisch dynamische Aspekt an Bedeutung und die beiden Arten des Unbewußten werden zugunsten der Begriffe Ubw und Vbw aufgegeben. "Die Unterscheidung zwischen vorbewußter und unbewußter psychischer Tätigkeit ist keine primäre, sondern wird erst hergestellt, nachdem die Abwehr ins Spiel getreten ist. Erst dann gewinnt der Unterschied zwischen vorbewußten Gedanken, die im Bewußtsein erscheinen und jederzeit dahin zurückkehren können, und den unbewußten Gedanken, denen dies versagt bleibt theoretischen wie praktischen Wert.” 36 Während also die Methode
34 S. Freud: Einige Bemerkungen über den Begriff des Ubw, Studienausgabe Bd. III, S. 29
35 Ebenda S. 31/32
36 S .Freud: Einige Bemerkungen über den Begriff des Ubw, Studienausgabe Gd. III, a.a.O.: 34
Psychoanalyse bei bewußten Prozessen ansetzt, werden die theoretischen Aspekte aus der Triebtheorie und dem Entwicklungsprozeß abgeleitet.
3.4 Das Vorbewußte
"Wir heißen das Latente, daß nur deskriptiv unbewußt ist, nicht im dynamischen Sinne, vorbewußt, den Namen unbewußt beschränken wir auf das dynamisch unbewußt Verdrängte, so daß wir jetzt drei Termini haben, bewußt (bw), vorbewußt (vbw) und unbewußt (ubw), deren Sinn nicht mehr rein deskriptiv ist. Das Vbw, nehmen wir an, steht dem Bw viel näher als das Ubw, und da wir das Ubw psychisch geheißen haben, werden wir es beim latenten Vbw um so unbedenklicher tun." 37 "Wir fanden also ein wirksam Vorbewußtes, das ohne Schwierigkeiten ins Bewußtsein übergeht, (und ein wirksam Unbewußtes, das unbewußt bleibt und vom Bewußtsein abgeschnitten scheint)." 38 Diese begriffliche Trennung der Systeme, mit Bezug auf den topisch dynamischen Aspekt der psychoanalytischen Theorie, ist zunächst nur eine abstrakt theoretische; im entwick-lungshistorischen Kontext erscheinen die Übergänge fließend, da die sukzessive Entwicklung von den halluzinatorischen Besetzungen zu den realen Objektbesetzungen mit den bildhaften Repräsentanzen und den sprachlichen Repräsentanzen, die sich nur dadurch unterscheiden, dass letztere die bildhaften Symbole mit semantischen Symbolen ausfüllen, unter Verwendung spezifischer Regeln, scheinbar koinzidieren, scheinbar deshalb, weil diese beiden Entwicklungen eine zeitlang parallel verlaufen, so dass entwicklungshistorisch keine eindeutige Trennung möglich ist. Die Konstituierung des Vbw beginnt dann, wenn präverbale rsp. nonverbale Erlebnisse, Vorstellungen, Inhalte und Kontexte verbal, unter Berücksichtigung spezifischer Regeln, mit Bedeutungsinhalten rsp. Bedeutungskontexten aufgefüllt werden, die die nonverbalen psychischen Repräsentanzen überbesetzen - eventuell nur gruppenspezifisch konsensfähig - und je nach vermitteltem Bedeutungsgehalt zu differenzierende Alternativen bestimmen. Das System Vbw entsteht, indem diese Sachvorstellung (Objekt-, Erlebnis-, Konfliktvorstellungen) durch die Verknüpfung mit den ihr entsprechenden Wortvorstellungen überbesetzt wird. Solche Überbesetzungen, können wir vermuten, sind es, welche eine höhere psychische Organisation herbeiführen und
37 S. Freud: Das Ich und das Es, Studienausgabe Bd. III, S.285, vgl. auch 31.Vorl., Studienausgabe Bd. I: 509
38 S. Freud: Das Unbewußte, Studienausgabe Bd. 111, S.160; vgl. dazu Bd.I, S. 83 ff. (Versprechen als Fehlleistung, und Bd. III, S. 168 ff.
die Ablösung des Primärvorganges durch den im Vbw herrschenden Sekundär-vorgang ermöglichen. Wir können jetzt auch präzise ausdrücken, was die Verdrängung bei den Übertragungsneurosen der zurückgewiesenen Vorstellung verweigert: Die Überbesetzung in Worte, welche mit dem Objekt verknüpft bleiben soll. Die nicht in Worte gefaßte Vorstellung oder der nicht überbesetzte psychische Akt bleibt dann im Ubw als verdrängt zurück. Das deutet gleichsam darauf hin, dass einige nonverbale Repräsentanzen keiner reflexiven Sinninterpretation unterzogen wurden, d.h. es existieren unbewußte Inhalte, die nicht unbedingt verdrängt wurden, sondern der präverbalen Entwicklungsphase zugeordnet werden müssen, ohne nachträglich einer reflexiven Sinninterpretation unterzogen worden zu sein. Dem System Vbw fallen ferner zu die Herstellung einer Verkehrsfähigkeit unter den Vorstellungsinhalten, so dass sie einander beeinflussen können, die zeitliche Anordnung derselben, die Einführung einer oder mehrerer Zensuren, die Realitätsprüfung und das Realitätsprinzip. Auch das bewußte Gedächnis scheint ganz am Vbw zu hängen. Das Vbw ist dann gleichsam ein Reservoir von Interpretationsmöglichkeiten in wie auch immer gearteten Situationen, von Handlungs- und Verhaltensalternativen, die durch Aufmerksamkeitsintensitäten reproduzierbar sind, aber aller Wahrscheinlichkeit nach familien-, gruppen-, schicht- oder gesellschaftsspezifische Differenzen aufzeigen. ”Der Inhalt des Systems Vbw entstammt zu einem Teile dem Triebleben (durch Vermittlung des Ubw), zum anderen Teile der Wahrnehmung. Es ist zweifelhaft, inwieweit die Vorgänge dieses Systems eine direkte Einwirkung auf das Ubw äußern können; die Erforschung pathologischer Fälle zeigt oft eine kaum glaubliche Selbständigkeit und Unbeeinflußbarkeit des Ubw.” 39
3.5 Das Bewußte 40
Die topische Differenzierung zwischen Ubw und Vbw basiert generell auf reifungs- und entwicklungsbedingten Prozessen, deren psychische Repräsentanzen durch verschiedenartige qualitative Inhalte gekennzeichnet sind, aber aufgrund der Zensur (Zensur heißt, psychische Repräsentanzen - Bilder, Erregungenwerden nicht mit Bedeutungen aufgefüllt) zwischen den Systemen eine theoretische Trennung ermöglichen. Was nun das Bewußtsein betrifft, so muß für die theoretische Relevanz zwangsläufig ein qualitativer Unterschied zum Vbw hinzukommen. "Bewußt sein ist zunächst ein rein deskriptiver Terminus, der sich
39 S. Freud: Das Unbewußte, a.a.O. S. 153
40 Die Freud’sche Arbeit über das Bewußtsein ist leider verloren gegangen
auf die unmittelbarste Wahrnehmung (im weitesten Sinne) beruft. Die Erfahrung zeigt uns dann, daß ein psychisches Element, z.B. eine Vorstellung, gewöhnlich nicht dauernd bewußt ist. Es ist vielmehr charakteristisch, dass der Zustand des Bewußtseins rasch vorübergeht; die jetzt bewußte Vorstellung ist es im nächsten Moment nicht mehr, allein sie kann es unter leicht herstellbaren Bedingungen wieder werden. Inzwischen war sie, wir wissen nicht was, wir können sagen, sie sei latent gewesen und meinen dabei, daß sie jederzeit bewußtseinsfähig war." 41 Bewußtsein scheint zunächst in einem direkten Zusammenhang zum Wissen zu stehen, und zwar zum unmittelbaren Wissen mit kurzzeitigem Charakter - soweit es mentale Repräsentanzen betrifft -. Im Falle einer Perzeption oder Handlung wissen wir, dass sie bewußtseinsfähig sein können, sofern Widerstände dies nicht verhindern, wir können sie unmittelbar verbalisieren oder realisieren. "Dem Bewußtsein tritt die ganze Summe der psychischen Vorgänge als das Reich des Vbw entgegen. Ein großer Anteil des Vbw stammt aus dem Ubw, hat den Charakter desselben und unterliegt einer Zensur, ehe er bewußt werden kann. Ein anderer Anteil des Vbw ist ohne Zensur bewußtseinsfähig. ... Jetzt wird uns eine Zensur zwischen Vbw und Bw nahegelegt. Wir tun gut daran, in dieser Komplikation keine Schwierigkeit zu erblicken, sondern anzunehmen, daß jedem Übergang von einem System zum nächst höheren, also jedem Fortschritt zu einer höheren Stufe psychischer Organisation eine neue Zensur entspreche.” 42 Die ent-wicklungshistorische Reifung der psychischen Organisation hinterläßt im Unbewußten und im Vorbewußten permanente Inhalte, die für das Bw nicht zutreffen. Vor dem Hintergrund der Spezifizierung des Vbw als eine Uberbesetzung von Erlebnisinhalten durch interpretative Sinnauffüllung, liegt die Vermutung einer weiteren Selektion oder Überbesetzung durch Sinninterpretation nahe. Perzeptionen, Reproduktionen oder Handlungen sind nur dann verbalisier- oder realisierbar, wenn sie aufgrund der Selektion unmittelbar ins Bewußtsein gelangen; entweder handelt es sich dabei um eine partielle Perzeption, um eine aus dem vbw Reservoir selektierte Handlung oder um einen Kompromiß mentaler Repräsentanzen usw. Die entscheidende Bedingung für das Bewußte legt Freud folgendermaßen fest: "Was wir bewußte Objektvorstellung heißen durften, zerlegt sich uns nun in die Wortvorstellung und in die Sachvorstellung (bildhafte Vorstellung), die in der Besetzung, wenn nicht der direkten Sacherinnerungsbilder, doch entfernter und von ihnen abgeleiteter Erinnerungsbilder besteht. Mit einem Male glauben wir zu wissen, wodurch sich eine bewußte Vorstellung von einer unbe-
S.Freud: Das Ich und das Es, in Studienausgabe Bd. III, S. S. 263 41
42 S. Freud: Das Unbewußte, a.a.O. S. 150
wußten unterscheidet. Die beiden sind nicht, wie wir geglaubt haben, verschiedene Niederschriften desselben Inhaltes an verschiedenen psychischen Orten, auch nicht verschiedene funktionelle Besetzungszustände an dem selben Ort, sondern die bewußte Vorstellung umfaßt die Sachvorstellung plus der dazugehörenden Wortvorstellung, die unbewußte ist die Sachvorstellung allein." 43 Bewußte psychische Repräsentanzen bezeichnen demnach Kontexte zwischen einer realen, bildhaften Vorstellung und der adäquaten interpretativen Sinnausfüllung, gleichwohl die verbalen Abstraktionen des Gegenständlichen sowie regelhafte Verwendung von sprachlichen Symbolen, wobei zumindest der ursprüngliche Kontext immer auch bewußtseinsfähig ist. Allerdings ist dabei zunächst nur die im Entwicklungsprozeß internalisierte intersubjektive Gültigkeit eingeschlossen, was auf familien-, gruppen-, schicht- und gesellschaftsspezifische Bedeutungsdifferenzen verweist, deren Konsequenzen bei Wechsel oder Berührung mit anderen Interaktionssystemen als intersubjektive Kommunikationsstörung aufgefaßt wird. Bewußt in diesem Sinne präzisiert den Sachverhalt, der intentionalen Repräsentanzen immanent ist: es sind psychische Vorgänge, die auf adäquate Ziele gerichtet oder mit adäquaten Zielen vereinbar sind, während der Terminus Bewußtsein einen Zustand oder ein Phänomen beschreibt. Bewußtsein bedarf also im engen Sinne einer existenziell phänomenologischen Darstellung (etwa Ronald D. Laing). Bewußtes bezeichnet hingegen psychische Inhalte mit bestimmten (oben genannten) qualitativen Merkmalen. Bewußt - meint Freud - sind alle Perzeptionen, sowohl solche, die von innen, Gefühle und Empfindungen als auch solche, die von außen kommen. 44 Da aber jeder psychische Vorgang als unbewußter beginnt, ist die bewußte Perzeption selektiv, nur ein partieller Ausschnitt dessen, was ubw und vbw perzipiert wird, kann verbalisiert werden, wobei die Verbalisierung immer als reflexiver Prozeß aufzufassen ist, wenngleich im Entwicklungsverlaufe Perzeption und Verbalisierung scheinbar koinzidieren (vgl. hierzu Kap.: 3.6 u. 3.7).
Aktualgenetische Experimente (Graumann 1959) weisen jedenfalls eindeutig nach, dass Perzeptionen unterhalb der Bewußtseinsschwelle konstatierbar sind. 45 Die Handlungen sind als Folge von Perzeptionen aufzufassen, eine bewußte Handlung basiert immer auf dem unmittelbaren Wissen von Handlungskontexten, nur dann kann eine Handlung intentional - im oben genannten Sinne - realisiert werden. Gleichwohl lassen sich Handlungen konstatieren, deren Motivation
43 S. Freud: Das Unbewußte, a.a. O. S. 150
44 vgl. S. Freud: Das Ich und das Es, a.a.O., S. 288
45 vgl. C.-F. Graumann: Aktualgenese, in Zeitschrift für exp. angew. Psychologie, 6 (1959), 410/448
dem Subjekt nicht bewußt ist. Unterstellen wir dabei, dass Handlungen immer auch eine Art von Intentionalität anzeigen, dann wird deutlich, dass Handlungen immer bewußt sind, aber aufgrund ubw oder vbw Motivation erheblich beeinflußt werden können, die bewußte Intentionalität von Handlungen wird zum Teil erheblich konterkariert. Bezogen auf die Interaktionsebene lassen sich trotz bewußter Repräsentanzen Kommunikationsstörungen konstatieren, die aber auf-grund fehlender intersubjektiver Gültigkeit der Bedeutungs- rsp. Deutungsmuster im aktuellen Interakt entstehen.
Bewußtsein koinzidiert mit der Orientierung des Subjektes zu seinem Interaktionskontext: ”Diese Leistung der Orientierung in der Welt durch die Unterscheidung von innen und außen müssen wir nun nach eingehender Zergliederung des seelischen Apparates dem System Bw (W) allein zuschreiben. Bewußtes muß über eine motorische Innervation verfügen, durch welche festgestellt wird, ob die Wahrnehmung zum Verschwinden zu bringen ist oder sich resistent verhält." 46 (eine Komponente dessen, was Realitätsprüfung genannt wurde) "Solange das System Bw Affektivität und Motilität beherrscht, heißen wir den Zustand des Individuums normal." Es läßt sich somit zeigen, dass Bw, beispielsweise im aktuellen Interakt, vom Interaktionskontext abhängt und andererseits von der Möglichkeit auf die auf Erfahrung beruhenden reproduzierbaren, zumeist vbw Inhalte zu rekurrieren; einerseits also Bewußtsein und andererseits bewußte Reproduktion des Handlungsreservoirs. Bewußtsein ist somit die Fähigkeit des Subjektes, sich mit Hilfe der intentionalen Repräsentanzen in der Welt zu orientieren und einen Kontext zwischen subjektiver Entwicklung und aktuellem Interaktionskontext herzustellen. Damit wird deutlich, dass jeder Interakt von bereits internalisierten Interaktionsrepräsentanzen abhängt, dass bewußte Interaktionen mit der Fähigkeit zur intersubjektiven Gültigkeit von Bedeutungsmustern zu gelangen
assoziiert sind, also mit der Fähigkeit zur konsensfähigen Kommunikation.
3.6 Der quantitative Aspekt
Die Relevanz des quantitativen Aspektes für die psychoanalytische Theorie ist angesichts der Annahme, dass die psychische Organisation in qualitativer und struktureller Hinsicht generell kongruent ist, selbstevident. Konstatierbare Differenzen unterliegen den Bedingungen quantitativer Prozesse, die in den bisherigen
S. Freud: Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre, in Studienausgabe Bd. III, 189 46
Ausführungen partiell berücksichtigt worden sind, aber noch nicht ausreichend präzisiert. Insbesondere soll versucht werden - wenn auch in simplifizierender Weise -, die quantitativen Bedingungen aufzuzeigen, die einen psychischen Vorgang ins Bewußtsein heben.
Grundlegend bleiben dabei die triebtheoretischen Präsuppositionen, ein Energie-und Aktivitätspotential, das durch das Lust-Unlustprinzip reguliert wird. Dabei kann zunächst das psychosomatische Gleichgewicht aufgrund von Trieb- und Umweltreizen gestört werden und Erregungs- und Spannungszustände hervorrufen. "Ich nannte die Art dieser Prozesse im Ubw den psychischen Primärvorgang zum Unterschied von dem für unser normales Wachleben gültigen Sekundärvorgang. Da die Triebregungen alle an den unbewußten Systemen angreifen, ist es kaum eine Neuerung zu sagen, daß sie dem Primärvorgang folgen, und andererseits gehört wenig dazu, um den psychischen Primärvorgang mit den frei beweglichen Besetzungen, den Sekundärvorgang mit den Veränderungen an den ge-bundenen tonischen Besetzungen Breuers zu identifizieren. Es wäre dann die Aufgabe der höheren psychischen Schichten des seelischen Apparates, die im Primärvorgang anlangende Erregung der Triebe zu binden. Das Mißglücken dieser Bindung würde eine der traumatischen Neurose analoge Störung hervorrufen; erst nach erfolgter Bindung könnte sich die Herrschaft des Lustprinzips (und seine Modifikation zum Realitätsprinzip) ungehemmt durchsetzen.” 47 Die intrasomatischen Erregungsabläufe erfahren also im Ubw eine erste psychische Repräsentanz, eine Unlustempfindung inform eines unspezifischen Mangels, der, soweit es den Primärvorgang betrifft, eine ungerichtete Aktivität oder - wie ich es auch genannt habe - eine unspezifische Intentionalität ausdrückt, was Freud freibewegliche Besetzungen nennt, die aufgrund der ersten Befriedigungserlebnisse eine sensomotorische Erinnerungsspur hinterläßt.
Die entwicklungshistorische Differenzierung zwischen Subjekt und Objekt oder innen und außen korrespondiert der Modifikation vom reinen Lustprinzip zum Realitätsprinzip, wobei das Lustprinzip nicht außer Kraft gesetzt wird, sondern an das Realitätsprinzip gebunden ist. Dadurch konstituiert sich das Vbw. Spezifische Erregungen oder Bedürfnisse werden mit Hilfe spezifischer Objekte befriedigt, was Freud die Bindung der Besetzung nennt, also die Herstellung des Zusammenhanges zwischen Bedürfnissen und deren adäquaten (oder inadäquaten) Befriedigungen, die als permanente vbw Repräsentanzen erhalten bleiben (was im Falle von Nichtbefriedigung oder inadäquater Befriedigung abläuft, wird in,
Jenseits des Lustprinzips, Studienausgabe Bd. III, S. 244/45 47
Kap. Die Verdrängung präzisiert), wiewohl im Entwicklungsverlauf auch Partialkontexte oder Überbesetzungen repräsentiert sein können, also Alternativen rsp. Restriktionen.
Wenn ein Triebreiz im Ubw repräsentiert ist und assoziativ vbw Inhalte besetzt, so könnte man meinen, dass die Summe der vbw Inhalte besetzt wird, was offensichtlich nicht zutrifft: "Die vielfach tastende, Besetzung aussendende und wieder einziehende Tätigkeit des zweiten Systems (Vbw) bedarf einerseits der freien Verfügung über alles Erinnerungsmaterial (was mit dem Erregungsreiz assoziiert ist), andererseits wäre es überflüssiger Aufwand, wenn sie große Besetzungsquantitäten auf die einzelnen Denkwege schickte, sie dann unzweckmäßig abströmen und für die Veränderung der Außenwelt notwendige Quantität verringern würde." 48 Die vbw Selektion bezieht also nur die Inhalte ein, die mit dem Erregungsreiz assoziiert sind. Das Vbw ansich ist zwar zu autonomen Denkleistungen befähigt - wie etwa Träume zeigen 49 -, aber es wird nur dann eine Vorstellung besetzt, wenn das Erinnerungsmaterial den Befriedigungskontext quasi antizipiert, die vom Erinnerungsmaterial ausgehende Unlustentwicklung zu hemmen vermag. 50 "Das Bewußtwerden hängt mit der Zuwendung einer bestimmten psychischen Funktion, der Aufmerksamkeit, zusammen, die, wie es scheint, nur in bestimmter Quantität aufgewendet wird, ...” 51 Die Besetzung vbw Inhalte scheint nicht mit gleichmäßiger Intensität zu erfolgen, sondern wahrscheinlich wird der Inhalt mit der größten Besetzung bewußt, das ist der, welcher den ursprünglichen Kontext zwischen Triebreiz und dessen verbaler Sinnauffüllung, also die größtmögliche Befriedigung antizipiert, einschließt. (Es ist selbstverständlich simplifizierend dargestellt, mit jeder weiteren theoretischen Komponente wird die Problematik schwieriger) Freud beschreibt diesen Zusammenhang folgendermaßen: ”Wir glauben, daß von einer Zielvorstellung aus eine gewisse Erregungsgröße, die wir Besetzungsenergie heißen, längs der durch diese Ziel-vorstellung ausgewählten Assoziationswege verschoben wird. Ein vernachlässigter Gedankengang hat eine solche Besetzung nicht erhalten; von einem unterdrückten oder verworfenen ist sie wieder zurückgezogen worden; beide sind ihren eigenen Erregungen überlassen. Der zielbesetzte Gedankengang wird unter
48 S. Freud: Der Primär- und Sekundärvorgang, Studienausgabe Bd. III, S. 569
49 vgl. Ebenda: S. 564
50 Ebenda: S. 571
51 Ebenda: S. 573
gewissen Bedingungen fähig, die Aufmerksamkeit des Bw auf sich zu ziehen, und erhält dann durch dessen Vermittlung eine Überbesetzung.” 52 "Der Wert der Überbesetzung, welche durch den regulierenden Einfluß des Bw -Sinnesorganes auf die mobilen Quantitäten hergestellt wird, ist im teleologischen Zusammenhang durch nichts besser dargetan als durch die Schöpfung einer neuen Qualitätenreihe und somit einer neuen Regulierung, welche das Vorrecht des Menschen vor den Tieren ausmacht. Die Denkvorgänge sind nämlich an sich qualitätslos bis auf die sie begleitenden Lust- und Unlustregungen, die ja als mögliche Störung des Denkens in Schranken gehalten werden sollen. Um ihnen eine Qualität zu verleihen, werden sie beim Menschen mit den Worterinnerungen assoziiert, deren Qualitätsreste genügen, um die Aufmerksamkeit des Bw auf sich zu ziehen und von ihm aus dem Denken eine neue mobile Besetzung zuzuwenden." 53
Präzisierend darf also konstatiert werden, dass der Triebreiz, sobald er unbewußt repräsentiert ist, die vbw Kontexte besetzt. Aufgrund der zu differenzierenden vbw Zielvorstellungen zieht der Gedankengang, welcher die größtmögliche Befriedigung antizipiert, die ganze Besetzung auf sich - Überbesetzung -, wodurch er bewußt wird (dabei ist von pathologischen Vorgängen abzusehen). Wenn psychische Inhalte auf die beschriebene Weise bewußt werden, besagt das noch nichts über ihre Umsetzung in Handlung, sondern die bewußt gewordene Ziel-vorstellung kann aufgrund realer Widerstände nicht sofort in Handlung umgesetzt werden. An diesem Punkt setzt das ein, was Freud als bewußte Aufmerksamkeit bezeichnet, die intellektuelle Fähigkeit, d.h. rekurrieren auf vbw Alternativen oder die Fähigkeit Einfluß auf die Realität zu nehmen, sie zu verändern. ”Um die Außenwelt zweckmäßig durch die Motilität verändern zu können, bedarf es der Anhäufung einer großen Summe von Erfahrungen in den Erinnerungssystemen und einer mannigfachen Fixierung der Beziehungen, die durch verschiedene Zielvorstellungen in diesem Erinnerungsmaterial hervorgerufen werden." Diese Zusammenhänge deuten darauf hin, dass eine intentionale Repräsentanz nicht unbedingt realisiert werden kann, sondern dass gleichsam von dieser bewußten Repräsentanz ein Rückgriff auf die vbw Inhalte möglich erscheint, die in einem engen assoziativen Kontext zur bewußten Repräsentanz stehen. Dadurch ist der Zusammenhang zu den Partial- oder intermediären Befriedigungen präzisiert, die durch die realen Anforderungen eine direkte Befriedigung unmöglich machen. Anders ausgedrückt: die realen Befriedigungsmöglichkeiten
52 S. Freud: Der Primär- und Sekundärvorgang, Studienausgabe Bd. III, S. 564
53 S. Freud: Primär und Sekundärvorgang, StAsg. Bd. II, S. 569
sind nicht nur von intentionalen Repräsentanzen abhängig, sondern auch von den Bedingungen der aktuellen Situation; denn es ist keinesfalls prognostizierbar, ob die Alternativrepräsentanzen überhaupt noch eine Beziehung zum Triebreiz erkennen lassen. Auch wenn alle Handlungen bewußt sind, so müssen es die Handlungskontexte noch lange nicht sein, sondern die können durch vbw oder ubw Repräsentanzen motiviert werden.
3.7 Die Interdependenzen der Systeme
Der theoretische Standpunkt impliziert eine topische Trennung der Systeme, wenngleich aus empirischer Sicht kaum ein psychischer Vorgang denkbar erscheint, der allein in einem System stattfindet, sondern vielmehr nimmt jede psychische Aktivität ihren Ausgang im Ubw und kann, soweit nicht Widerstände zwischen den Systemen dies verhindern, bewußt werden. Inhaltlich war das Ubw generell als das Infantile gekennzeichnet, speziell wurden zwei Komponenten hervorgehoben, erstens jene Inhalte, die einer reflexiven Sinninterpretation nicht unterliegen und zweitens jene, die das dynamisch Verdrängte betreffen. Das Ubw ist deshalb aber keineswegs nur rudimentär oder Residuum der Entwicklung, sondern es ist entwicklungsfähig, beeinflußbar sowohl hinsichtlich der Beseitigung der Verdrängung als auch hinsichtlich des Verdrängungsprozesses selbst. Die Systeme beeinflussen sich gegenseitig, denn jede bewußt intentionale psychische Aktivität kann durch unbewußte Repräsentanzen erheblich beeinflußt werden. Ein intendierter Gedankengang oder eine intendierte Handlung wird plötzlich abgebrochen oder unterliegt Richtungsmodifikationen, ohne dass der Vorgang dem Subjekt bewußt ist. 54
”Unter den Abkömmlingen der ubw Triebregungen ... gibt es welche, die entgegengesetzte Bestimmungen in sich vereinigen. Sie sind einerseits hochorganisiert, widerspruchsfrei, haben allen Erwerb des Systems Bw verwertet und würden sich für unser Urteil von den Bildungen dieses Systems kaum unterscheiden. Andererseits sind sie ubw und unfähig, bewußt zu werden. Sie gehören also qualitativ zum System Vbw, faktisch aber zum Ubw." 55 ”Sie kommen nahe ans Bw heran, bleiben ungestört, solange sie keine intensive Besetzung haben, werden aber zurückgeworfen, sobald sie eine gewisse Höhe der Besetzung überschreiten.
54 S. Freud: Das Ubw, Stasg. Bd. III, S. 149
55 Ebenda: S. 149
Ebensolche höher organisierten Abkömmlinge des Ubw sind die Ersatzbildungen, denen aber der Durchbruch zum BW dank einer günstigen Relation gelingt, wie z.B. durch das Zusammentreffen mit einer Gegenbesetzung des Vbw." 56
Diese Aspekte verweisen auf familien-, gruppen- und schichtspezifische Sinninterpretationen: in einer bestimmten Entwicklungsphase waren es bewußtseinsfähige Kontexte, später jedoch entsprachen sie nicht mehr den Anforderungen der Realität, zumal je nach Entwicklungsstufe alte Aspekte ergänzt oder neue internalisiert worden sind. Die Alternativinterpretationen wurden stärker besetzt, aber die alten Kontexte sind erhalten geblieben. In der aktuellen Situation ist dann aufgrund quantitativer Bedingungen der frühere Kontext so stark besetzt worden, dass er erst an der Bewußtseinsschwelle - wegen seiner Dissonanz zur Realitätsanforderung - die Besetzung ändert und dadurch nicht bewußt werden kann. Die von ihm ausgehende Unlustentwicklung kann im Vbw nicht gehemmt werden, so dass die Lust antizipierenden Alternativkontexte die Besetzung auf sich ziehen. Insbesondere verweisen diese Aspekte auf die durch den Interaktionprozeß vermittelten vielfältigen Sinninterpretationen, die bereits von Person zu Person variieren. (Es ist jedoch zu bedenken, dass dabei von wahrheitsgemäß oder exakt nicht gesprochen werden kann.) Gleichwohl erscheint es denkbar, dass in frühinfantilen Entwicklungsphasen die infantile Fantasie oder bereits internalisierte Sinninterpretationen ein Erlebnis oder andere Kontexte mit Sinn auffüllen, weil die Bezugspersonen Fragen des Kindes ignoriert und die Beantwortung verweigert haben. Dadurch entstehen Sinnzusammenhänge, die mit der Realität divergieren und dann unter dem Druck der Außenwelt fallengelassen werden, erhalten bleiben und wahrscheinlich erst an der Bewußtseinsschwelle eine Ablenkung erfahren. (Das soll genügen, obwohl sicher eine Reihe derartiger Zusammenhänge konstruierbar wäre. Zum Problem der Gegenbesetzung siehe ”Die Verdrängung”) Der Sachverhalt, der die interpretativen Sinnkontexte der Objektwelt betrifft, ist im Zusammenhang von Vbw, Bw und Sprache von erheblicher Bedeutung, denn bewußt werden die unmittelbaren Sinnkontexte, die aber von den quantitativen Besetzungen im Vbw abhängen (vgl. Anhang 1). In diesem Zusammenhang muß ein zweiter Aspekt, der die Bedingungen von Trieb und Empfindung zu den Systemen betrifft, angesprochen werden: ”Ich meine wirklich, der Gegensatz von bewußt und unbewußt hat auf den Trieb keine Anwendung. Ein Trieb kann nie Objekt des Bw werden, nur die Vorstellung, die
56 Ebenda: S. 150
ihn repräsentiert. Er kann aber auch im Ubw nicht anders als durch die Vorstellung repräsentiert sein. Würde der Trieb sich nicht an eine Vorstellung heften oder nicht als Affektzustand zum Vorschein kommen, so könnten wir nichts von ihm wissen. Wenn wir aber doch von einer ubw oder einer verdrängten Triebregung reden, so ist dies eine harmlose Nachlässigkeit des Ausdrucks. Wir können nichts anderes meinen als eine Triebregung, deren Vorstellungsrepräsentanz unbewußt ist, denn etwas anderes kommt nicht in Betracht.” 57 ... "Es bleibt also richtig, daß auch Empfindungen und Gefühle nur durch Anlagen an das System W (Wahrnehmung) bewußt werden; ist die Fortleitung gesperrt, so kommen sie nicht als Empfindung zustande, obwohl das ihnen entsprechende Andere im Erregungsablauf dasselbe ist. Abgekürzter, nicht ganz korrekterweise sprechen wir dann von ubw Empfindungen, halten die Analogie mit unbewußten Vorstellungen fest, die nicht ganz gerechtfertigt ist. Der Unterschied ist nämlich, daß für die ubw Vorstellung erst Verbindungsglieder geschaffen werden müssen, um sie zum Bw zu bringen, während dies für die Empfindungen, die sich direkt fortleiten, entfällt. Mit anderen Worten: Die Unterscheidung von Bw und Vbw hat für die Empfindungen keinen Sinn, das Vbw fällt hier aus, Empfindungen sind entweder bewußt oder unbewußt. Auch wenn sie an Wortvorstellungen gebunden werden, danken sie nicht diesen ihr Bewußtwerden, sondern sie werden es direkt." 58 Der Trieb oder eine Triebregung kann in bezug auf die Systeme nur durch eine Vorstellung repräsentiert sein, sowohl im Ubw, Vbw als auch im Bw, oder sich als Empfindung, Gefühl oder Affekt bewußt äußern. Im ersten Fall ist die Triebregung an ein Befriedigungserlebnis gebunden, an einen assoziativen Vorgang, der zu einer adäquaten Handlung führen kann. Die Empfindungen, Gefühle oder Affekte sind neben der psychischen Repräsentanz immer auch durch eine motorische Komponente gekennzeichnet. Aufgrund dieser Motilitätsbeteiligung werden sie zur bw Repräsentanz, d.h. die mit diesen Faktoren korrespondierende Erregung wird unmittelbar bewußt. Die vbw Besetzung entfällt, wobei generell gleichgültig ist, ob die adäquaten Sinnkontexte intentional repräsentiert sind oder nicht, immer erreicht eine Empfindung, ein Gefühl oder Affekt Bewußtseinsrpräsentanz, teils mit einer präziser Interpretation, teils aber auch nur als diffuser Erregungszustand, der vom Subjekt nicht interpretiert werden kann, weil er in der Vergangenheit oder Gegenwart nicht mit Sinn ausgefüllt wurde.
57 S. Freud: Das Ubw, Studienausgabe Bd. III, S. 136
58 Derselbe: Das Ich und das Es, Studienausgabe Bd. III, S. 291
Die intrapsychischen Bedingungen der Perzeption eines inneren Reizes zu den Systemen wurde bereits dargestellt. Für den äußeren Reiz gilt nach Freud folgender Zusammenhang: ”Das Ubw wird aber auch von den aus der äußeren Wahrnehmung stammenden Erlebnissen getroffen. Alle Wege von der Wahrnehmung zum Ubw bleiben von der Norm frei; erst die vom Ubw weiterführenden Wege unterliegen der Sperrung durch die Verdrängung." 59 Die Perzeption ist zunächst eine Unbewußte, die bewußt werden kann, sofern nicht die Abwehr oder Zensur zwischen den Systemen dies verhindert. Die ubw Perzeption ist eine vollständige, während der Übergang zum Vbw bereits eine Selektion beinhaltet, die durch vbw Bindungen bzw. assoziative Besetzungen zu-stande kommt - die vbw Perzeption beinhaltet den Vergleich mit bereits internalisierten Perzeptionen, bei neuartigen wird eine erste Erinnerungsspur repräsentiert -. Wenn Vbw reproduzierbar ist, dann kann der Umfang der vbw Perzeption durch Aufmerksamkeitsverschiebung auch verbalisiert werden. Zunächst wird aber nur der Teil der Perzeption bewußt, der habitualisiert worden ist, der unmittelbar verbalisiert werden kann (Wiederholungszwang, rekurrieren auf bereits Bekanntes). Die bewußte Perzeption ist also nur noch eine Teilperzeption, die aber vermittels bewußter Aufmerksamkeitsintensitäten latente Kontexte aktivieren kann, wodurch weitere Aspekte des Perzeptionskontextes reproduziert werden können. Gleichwohl beinhaltet die Reproduktion von Perzeptionen bereits subjektivierte Modifikationen (etwa die unterschiedlichen Schilderungen von Verkehrsunfällen). Dabei darf nur nicht unerwähnt bleiben, dass die Verbalisierung von Perzeptionen an eine vermittelte oder aktuelle intersubjektive Gültigkeit gebunden ist und nicht an subjektive Interpretationen. Die Konsequenzen bestehen darin, dass jede Interaktion sowohl durch ubw als auch durch latente Sinnstrukturen beeinflußt werden kann, d.h. ubw rsp. vbw Perzeptionen können gleichsam Handlungen hervorrufen, die durch ubw rsp. vbw Repräsentanzen motiviert sind.
59 S. Freud: Das Ubw, Studienausgabe Bd. III, S. 153
4. Die Instanzen der Psyche
In diesem Kapitel soll der Versuch unternommen werden, den strukturellen Aspekt der psychoanalytischen Theorie darzustellen - Es, Über-Ich und Ich -, der im Gegensatz zu den bislang dargestellten psychischen Prozessen und Bewußtseinsebenen die Persönlichkeitsproblematik in den Mittelpunkt stellt. Dabei werden den Instanzen bestimmte Funktionen zugeordnet, die gleichsam den dynamischen Charakter psychischen Geschehens berücksichtigen; es geht zunächst weniger um die mit der Reifung zusammenhängenden Entwicklungsbedingungen als vielmehr um die Bedeutung der durch die Instanzen ausgedrückten personalen Einheit. Auch wenn auf entwicklungsspezifische Bedingungen rekurriert wird, so bleiben diesbezügliche Darstellungen so weit möglich den Aspekten Sexualisation, Sozialisation, Ich- und kognitiver Entwicklung vorbehalten. Die Darstellung der Instanzen ist jedoch durch eine entscheidende Schwierigkeit gekennzeichnet; die berücksichtigte Literatur weist keine konsequente Stringenz auf, sondern die Autoren behandeln immer nur partielle Aspekte der Gesamttheorie und divergieren in ihren Ansichten, insbesondere zur Problematik des Ichs und Über-Ichs. Da es im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen würde, die Auffassungen zu diskutieren, werden die Autoren berücksichtigt, die im Rahmen der Freudschen Theorie bleiben. Die intendierte Darstellung präferiert die Integration der Auffassungen, nicht eine unfruchtbare Diskussion, die wissenschaftliche Orginalität beansprucht.
4.1 Das ES
In der psychoanalytischen Theorie bedarf der Begriff des Es keiner präzisen Definition, sondern wenn überhaupt, so benötigt die psychische Instanz "Es” sowohl eine inhalts-, umfangs- und funktionlogische Sinninterpretationen. Der Begriff bezeichnet nur die Ichfremdheit der einzelnen Es-Komponenten. Zur Bestimmung dieser Instanz rekurriere ich zunächst - wie auch im Bereich der Bewußtseinsebenen - auf entwicklungshistorische Bedingungen: "Also wir nehmen an, daß die Kräfte, welche den seelischen Apparat zur Tätigkeit treiben, in den Organen des Körpers erzeugt werden als Ausdruck der großen (existentiellen) Körperbedürfnisse (Hunger und Liebe). ... Wir heißen diese Körperbedürfnisse, insofern sie Anreize für seelische Tätigkeit darstellen, Triebe. Diese Triebe erfüllen nun das Es-, alle Energie im Es stammt von ihnen. Die Kräfte im Ich haben auch keine andere Herkunft, sie sind von denen im Es abgeleitet. Was wollen nun die
Arbeit zitieren:
Rudolf Kutz, Dr., 2004, Theorie und Anwendungsbereiche der Analytischen Soziologie, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zweite Moderne oder Postmoderne?
Ein Architektur–Diskurs
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Fachbuch, 77 Seiten
Karl August Lingner - Leben und Werk eines sächsischen Großindustriell...
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Forschungsarbeit, 125 Seiten
Entwicklungspolitik als Katalysator der europäisch-afrikanischen Bezie...
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Wissenschaftlicher Aufsatz, 12 Seiten
Communist Retaliation and Persecution on Yugoslav Territory during and...
Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege
Wissenschaftlicher Aufsatz, 27 Seiten
Kalkulation und Rechnungsgrundlagen in der Lebensversicherung
Mathematik - Angewandte Mathematik
Fachbuch, 67 Seiten
Auguste Caroline Lammer (1885 - 1937) - Die bisher einzige Bankgründer...
Ihre turbulente Geschichte in ...
BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Fachbuch, 140 Seiten
Nicolai Hartmann als Literaturtheoretiker
Wissenschaftlicher Aufsatz, 13 Seiten
Informationen zur Rechtewahrnehmung im Urheberrecht
Der Schutz von Digital Rights ...
Jura - Medienrecht, Multimediarecht, Urheberrecht
Doktorarbeit / Dissertation, 249 Seiten
Legal aspects of internet banking related to international business tr...
Jura - Andere Rechtssysteme, Rechtsvergleichung
Doktorarbeit / Dissertation, 62 Seiten
Vannocio Biringucio und die Pirotechnia
525. Geburtstag des ersten Aut...
Ingenieurwissenschaften - Metallbautechnik / Metallverarbeitung
Wissenschaftlicher Aufsatz, 16 Seiten
Rudolf Kutz's Text Theorie und Anwendungsbereiche der Analytischen Soziologie ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Rudolf Kutz hat den Text Theorie und Anwendungsbereiche der Analytischen Soziologie veröffentlicht
Rudolf Kutz hat einen neuen Text hochgeladen
Neuer intuitiver Zugang zum strukturalistischen Theorienkonzept. Theor...
Neuer intuitiver Zugang zum st...
Springer
Theorie der analytischen Funktionen einer komplexen Veränderlichen
Heinrich Behnke, Friedrich Sommer
0 Kommentare