1. Einleitung
Exemplarisch für ganzheitliche, sowie holistischen Ideen und Theorien in der Pflege stelle ich zunächst das Kapitel „Sorge & Pflege“ aus dem Buch „Pflege, Streß und Bewältigung, Bern u.a., Huber Verlag, 1997“ von Patricia Benner und Judith Wrubel dar, um im Anschluß daran kritische Fragen zu entwickeln. Im angegebenen Kapitel wird „Sorge“ zu dem zentralen Begriff in der Pflege, wobei für die Autorinnen in der Vorstellung von der Sorge für andere und anderes die Bindung zum anderen mitschwingt, und damit deutet sich eine Verschmelzung von Gedanken, Gefühlen und Handlungen an, eine Einheit von Wissen und Sein.
2. „Sorge & Pflege“
2.1. Definition von Sorge
Die Autorinnen Benner und Wrubel vermeiden eine Definition von dem Begriff „Sorge“. In Standardnachschlagewerken wie z.B. dem Duden wird dagegen Sorge mit zwei unterschiedlichen Befindlichkeiten definiert: einerseits als bedrückendes Gefühl der Unruhe und Angst und andererseits als Bemühen um jemandes Wohlergehens. Ohne dies irgendwie zu benennen, benutzen die Autorinnen nur die zweite Bedeutung.
2.2. Bedeutung der Sorge
Den Autorinnen zufolge kommt Sorge die zentrale Bedeutung in der Pflege zu, durch Sorge werde dem eigenen Handeln Motivation und Richtung verliehen, wobei davon ausgegangen wird, daß Motivation auf persönlichen Anliegen und Sorge für bestimmte Menschen, Projekte, Dinge und Ereignissen beruhe. Motivation werde laut den Autorinnen nicht durch die Befriedigung von Bedürfnissen und Trieben erreicht. Wenn dies zugrunde gelegt wäre, käme es nach den Autorinnen zu Sinn- und Bedeutungsverlust (ein Zustand der Nicht-Sorge) und dem Verlust jeglichen Zugehörigkeitsgefühls ( Anomie), da alle Dinge gleich erschienen und nichts mehr wichtig wäre. Die einzelne Person wäre frei von allen Bindungen, das Handeln wäre ziellos. Durch den in unserer Gesellschaft angestrebten Individualismus durch
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Distanz und Kontrolle als Streßmanagement käme es unweigerlich zu Frustrationen und Verarmung, da den betroffenen Menschen die Möglichkeit genommen wird, ihren Schmerz und ihrer Angst Ausdruck zu verleihen.
Hier möchte ich ergänzend und erklärend einen Einschub über das moderne Streßmanagement nach Eberhard Ulich (1994, 404) machen, worin durch „gemeinsame Kontrolle über die Arbeitsbedingungen nicht nur die Handlungskompetenz (ge-)fördert (wird), sondern (es wird) gleichzeitig durch erfolgreiche Bewältigungsprozesse die Auswirkungen potentieller Stressoren reduziert und gemeinsame Bemühungen zum Abbau potentieller Stressoren“ ausgelöst. Streß wird demzufolge am besten in einer Gruppe, im Kontakt mit Kollegen abgebaut und erst in der Gruppe können wirksame Kontrollmechanismen entwickelt werden.
Für die Autorinnen Benner und Wrubel wird somit das ganzheitliches Ideal der Sorge zu einem Ausweg aus dem von ihnen kritisierten gesellschaftlichen Individualismus, zu der wesentlichen Voraussetzung einer jeden Streßbewältigung und nur durch die Sorge ist für sie eine Sinnfindung, Erfüllung und Freude durch persönliches Engagement, zwischenmenschlicher Zuwendung und liebevoller Sorge möglich.
2.3. Berufsalltag und Relevanz von Pflegewissenschaft
In dem Berufsalltag sind Pflegende nach Benner und Wrubel mit Gesundheit und Krankheit, Wachstum und Verlust beschäftigt, wobei nach ihnen das Primat der Sorge dabei sowohl Streß als auch seine Bewältigung hervorbringe, was die Pflegepraxis überhaupt erst möglich mache. Zudem wirke sich sorgende Zuwendung auf den Verlauf der Erkrankung positiv aus. Sorge als sinnstiftendes Konzept ist für Benner und Wrubel jedoch nicht nur eine Theorie der Streßbewältigung, sondern auch für die Theorie der Pflegepraxis relevant, Pflegetheorien sollten aus der Praxis für die Praxis kommen, „ganz von der Praxis durchdrungen sein“. Benner und Wrubel lehnen eine theoretisch fundierte Pflegewissenschaft, bzw. die gesamte Tradition der klassischen Wissenschaften ab, da diese zu „mechanisch“ versuche modellhaft, kausal, nachvollziehbar und meßbar Erklärungen zu liefern. Die Pflege solle von denen beschrieben und erklärt werden, die tagtäglich Pflege praktizieren, da es „geistige Eigenschaften“ gäbe, die jede Pflegekraft, welche ihren Beruf richtig
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begreift, intuitiv zur ForscherIn und WissenschaftlerIn machen würden (David Evans, 1980, nach Benner und Wrubel, 1997). Und nur durch das Primat der Sorge sei eine Pflegepraxis überhaupt erst möglich.
2.4. Sorge bewältigt Streß
Die Autorinnen Benner und Wrubel kritisieren das in der Medizin „Geist“ und Körper dual, als getrennt voneinander gesehen wird. Streß wird dadurch zu einer privaten, subjektiven Erfahrung. Eine Person entsteht erst durch die Zusammenhänge und Bedeutungen, welche bestimmen, was es heißt eine Person zu sein - den „Sinn“ ihrer Themen, Fragen und Anliegen. Die gemeinsame Welt wird von den Autorinnen Benner und Wrubel als allgemein, gemeinsam und wechselseitig zugänglich gesehen, in der der Mensch eingebunden ist, erst durch diese Einbindung entsteht Freiheit. In der Überwi ndung des utilitaristischen Eigennutzes, des persönlichen Glückstrebens durch die Sorge wird Streß bewältigt und der „Sinn“ der menschlichen Existenz geschaffen und gefunden.
2.5. Verständnis, nicht Wissen
Für Benner und Wrubel wird die (Pflege-)Theorie immer aus der Praxis abgeleitet, die praktisch-engagierte Handlung geht dem theoretischen Denken immer voraus. Die Pflegepraxis ist ein systemisches Ganzes, welches als moralisch orientierte Kunst der Pflege die Pflegewissenschaft und -technik leitet. Benner und Wrubel wollen Verständnis, nicht Wissen, daher sind theoretische Grundgerüste nicht gewollt, da sie dem „Expertenwissen“ der Pflegenden entgegengestellt sind. Pflegende nutzen Theorien ihrer Meinung nach nur zu Beginn der Praxis als erste Grundlage, emanzipieren sich dann jedoch davon und werden zu wahren Experten, denen der Wille zum Guten innewohnt.
3. Der Begriff der Ganzheitlichkeit 3.1. Ganzheitlichkeit und Lebensumstände
Die Autorinnen Benner und Wrubel setzen eine Dichotomie von „gesellschaftlichen Individualismus“ und einem „ganzheitlichen Ideal“ entgegen. Hier möchte ich mich in
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Arbeit zitieren:
Arnold Rekittke, 2000, Ganzheitlichkeit in der Pflege, München, GRIN Verlag GmbH
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