„fallen-away“ Hindus zurückzugewinnen. Die Entstehung der Tablighi jama’at kann als direkte Antwort auf diese Bewegungen verstanden werden. II. Maulana Muhammad Ilyas, der Begründer der Tablighi jama’at, ist Schüler im Deobandi-Seminar gewesen; die Sufi- Lehren von Shaykh Ahmad Sirhind, Shad Wali Allah und Sayyid Ahmad Shaid (Gründer der Mujahedin- Bewegung) beeinflussten ihn und bestimmten seinen geistigen Hintergrund. Vor der Gründung der Tablighi jama’at etablierte Ilyas mehr als 100 Schulen ( madrasah) in der Region Mewat (südwestlich von Delhi), er wollte dadurch die Landbevölkerung in dieser Region zum ‚rechten’ islamischen Glauben erziehen. Er bemerkte jedoch, dass seine Schulen „religious functionaries“ (Masud, 1995) heranzüchteten, die zwar die Glaubensgrundsätze abspulen konnten, aber von denen keiner bereit war selbst zu predigen, von Tür zu Tür zu ziehen und die Menschen an ihre religiösen Pflichten zu erinnern. Um dieses Ziel zu erreichen gründete Ilyas 1926 die T ablighi jama’at (tablighi - dt. Mission, Übermittlung; jama’at - dt. Gruppe). Er wollte eine „Graswurzel“-Organisation schaffen, die tief in sämtlichen Schichten der Bevölkerung verankert sein würde, mit der Intention, die „borderline“-Muslime von ihrem hinduistischen Hintergrund zu reinigen und sie so vor Missionierung durch Shuddi und Sangathan zu schützen. III. Maulana Ilyas’ Vorgehen war dabei recht simpel. Als er mit der Missionsarbeit anfing, bildete er Gruppen von etwa 10 Personen, sogenannte tablighi units. Diese gingen dann auf Missionsreise (chilla); sie zogen von Dorf zu Dorf und luden in den jeweiligen Dörfern die dort ansässigen Muslime in die örtliche Moschee ein. Dort wurde ein gemeinsames Gebet gesprochen, nach diesem erhob sich ein Mann aus der tablighi unit, um ihr Anliegen zu erklären. Dabei wurden die sechs Grundregeln der Tablighi jama’at erläutert und die anwesenden Muslime dazu aufgefordert, ihr religiöses Wissen (so gering es auch sein mochte) anderen mitzuteilen und sich den Tablighi jama’at anzuschließen.
Maulana Ilyas selbst soll kein besonders guter oder charismatischer Redner gewesen sein, aber durch sein engagiertes Vorgehen und die Vorgabe von einfachen, aber festen Glaubensgrundsätzen viele Menschen missioniert haben. IV. Jene Glaubensgrundsätze manifestierten sich in sechs Grundregeln für die Tablighi jama’at:
1. Korrektes Rezitieren des shadaha („Es gibt keinen Gott außer Allah, und Muhammad ist sein Prophet“) und Wissen um dessen Bedeutung (Einzigartigkeit
2
von Gott, keine andere Gottheiten, Wahrheitsanspruch von Muhammads Äußerungen)
2. Korrektes Sprechen des salat (obligatorisches Gebet) und korrekte Ausführung der damit verbundenen Rituale
3. Ein „wahrer Gläubiger“ muss fundamentale Glaubensgrundsätze kennen und die Rituale kennen (für Tablighi jama’at-Anhänger bedeutet das vor allem das Lesen von zwei Kompendien, geschrieben von Muhammad Zakariya al-Kandhiri (Neffe von Ilyas & Leiter der Schwesterschule des Deobandi-Seminars Mazahir `Illum); vgl. Folie ‚Ausbreitung der Tablighi jama’at’), außerdem Ausführen des dhikr (Ritual zur Erinnerung an Gott). Jedes Mitglied wurde darüber hinaus noch ermutigt, den Koran auf Arabisch lesen zu lernen.
4. Respekt und Höflichkeit gegenüber anderen Muslimen. Diese Regel ist wichtig für die Missionsreisen, aber gerade auch für das tägliche Leben der Mitglieder, denn diese Regel schließt folgendes mit ein:
• Recht der Alten, mit Respekt behandelt zu werden
• Recht der Jungen, mit Liebe & Fürsorge behandelt zu werden
• Recht der Armen auf Hilfe
• Recht der Nachbarn auf gegenseitige Rücksichtnahme
• Genereller Respekt gegenüber Jedermann bei Streitfragen
5. Jeder Muslim muss Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit gegenüber anderen zeigen
6. Bildung kleiner Freiwilligengruppen, die von Ort zu Ort ziehen um Gottes Wort zu verbreiten ( chilla). Jedes Mitglied soll mindestens vier Monate seiner Lebenszeit der Missionsarbeit nachgehen. Normalerweise soll jede chilla 40 Tage dauern. Es ist den Anhängern aber auch erlaubt kürzere Zeitabschnitte Missionsarbeit zu leisten, wenn sie z.B. aus finanziellen Gründen, oder aus solchen der Unentbehrlichkeit, nicht 40 Tage am Stück von zu Hause weggehen können.
Arbeit zitieren:
Janina Ueschner, 2002, Offene und geheime religiöse Netzwerke - am Beispiel der Tablighi jama'at, München, GRIN Verlag GmbH
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